Lü Yiwén

chinesischer Diplomat From Wikipedia, the free encyclopedia

Lü Yiwen (chinesisch 呂毅文 Lü Yi-Wen; geboren 1897 in der Provinz Fengtian, Jinzhou; gestorben Oktober 1950 in Simao in Yunnan), auch bekannt als Yíwén sowie Lu I-Wen[1], war Politiker und erster Gesandter im Deutschen Reich für das 1932 gegründete Mandschukuo.[2] Zusammen mit seinem Sekretär Wang Tifu rettete er in Deutschland während des Holocausts zahlreiche Juden. Er und Wang Tifu werden deshalb auch als „Schindler der Mandschurei“ bezeichnet.[3] Seine Amtszeit in Deutschland währte vom 16. August 1938 bis 11. Juni 1945. In den Jahren nach 1945 setzte sich Lü aktiv gegen die kommunistische Entwicklung im neuen China ein.

Lü Yiwén (links), Kōichi Kawahara (rechts), auf einem Gruppenfoto vor 1945

Biografie

Ausbildung und erste Arbeitsstellen

Porträt, vor 1934

Lü Yiwen schrieb sich an der Nanjing-Akademie in Jinzhou und an der Technischen Schule in Dalian ein und studierte in Japan an der Fachhochschule der Meiji-Universität Politische Ökonomie. Nach Abschluss des Studiums kehrte er nach China zurück und begann in der Asia Flour Milling Company eine Tätigkeit. Bald wechselte Lü in die Yamashiro Town Electric Light Company in der Provinz Jilin, wo er als Buchhalter arbeitete. Später war er an der Gründung der Monatszeitung Shunli Bao (auch Shunryū Hō transkribiert) mit Sitz in Lüshun beteiligt und übernahm den Chefredakteur-Posten. Ende der 1920er Jahre zog er nach Dalian, wurde dort Redakteur der Zeitung Taidong Daily News (Taidō Daily) und veröffentlichte seine politischen Artikel unter dem Pseudonym „Kyūzan“. Aufgrund seiner nationalistisch geprägten Artikel verfolgten ihn japanische Behörden, so dass Lü Yiwén in die Provinz Fengtian floh.[4]

Nach der Gründung des Staates Mandschukuo übernahm Lü Yiwen verschiedene Ämter: als Außenbeauftragter und Leiter der Dokumentationsabteilung im Außenministerium von Mandschukuo. Er beherrschte die japanische Sprache und verfügte über solide Kenntnisse des klassischen Chinesisch. Wegen seiner besonderen sprachlichen Fähigkeiten gewann Lü die Gunst der japanischen und mandschurischen Behörden. Im Jahr 1935 wurde er deshalb zum Sekretär des Premierministers von Mandschukuo befördert. Im Juli 1937 wurde er zum Gouverneur der Provinz Tonghua im Staat Mandschukuo ernannt.[2]

Diplomatische Tätigkeit 1938 bis 1945

Lü Yiwén bei einem Empfang der Reichsregierung unter Adolf Hitler, 1944

Nach der Anerkennung Mandschukuos durch Deutschland im Jahr 1938 wurde Lü Yiwen zum Gesandten Mandschukuos in Deutschland, Ungarn und Finnland ernannt. Er reiste mit seinem Sekretär Wang Tifu und anderen nach Deutschland, um sein Amt am 12. November 1938 anzutreten. Während seiner Amtszeit wies er Wang Tìfu im Mai 1939 – auf Wunsch des deutschen Außenministeriums – an, Visa an jüdische Personen auszustellen. Im September 1939 erhielt er vom deutschen Auswärtigen Amt die Anweisung, die Ausstellung von Visa einzustellen. Dennoch erlaubte er Wang Tifei stillschweigend, die Ausstellung fortzusetzen, bis der Passdienst im Mai 1940 eingestellt wurde. Zusammen hatten sie 12.000 Visa für Juden ausgefertigt und ihnen damit das Leben gerettet.[5][6]

Antikommunistische Tätigkeit 1946 bis zu seinem Tod 1950

Nach dem Zusammenbruch des Staates Mandschukuo im Jahr 1945 wurde Lü Yiwén wegen seiner Arbeit in Nazi-Deutschland am 11. Mai 1946 vom Obersten Gerichtshof der Provinz Yunnan in Kunming zum Tode verurteilt.[7] Er wurde jedoch nicht hingerichtet, sondern begnadigt. Kurz nach seiner Freilassung reiste er nach Annam, um sich den antikommunistischen Streitkräften anzuschließen und bat die Militärische Nachrichtenabteilung um Unterstützung. Ende 1949 traf sich Lü Yiwen mit Mao Renfeng und entwarf einen Vorschlag mit dem Titel „Plan zur Mobilisierung lokaler Streitkräfte in Yunnan und zur Stärkung der antikommunistischen Kräfte in der Region“. Mao Renfeng war sehr zufrieden und ernannte Lü Yiwén zum Leiter der Spezialeinheit Xinping. Lü wurde mit der Organisation der „Antikommunistischen Freiwilligenarmee des Volkes von Yunnan“ (Antikommunistische Selbstverteidigungs-Freiwilligenarmee von Yunnan) beauftragt und fungierte als deren stellvertretender Oberbefehlshaber. Als Sonderbeauftragter des Militärgeheimdienstes reiste Lü Yiwen nach Zentral-Yunnan, um Milizen der Großgrundbesitzer gegen die Kommunisten zu mobilisieren. Nachdem seine Bemühungen gescheitert waren, tauchte er in ländlichen Haushalten unter.[4]

Im Oktober 1950, als die 13. Armee der kommunistischen Streitkräfte Simao in Yunnan angriff, leistete Lü Yiwén mit einer Schusswaffe Widerstand gegen seine Verhaftung und wurde erschossen.[4]

Familiäres

Während seiner Zeit in der deutschen Botschaft verliebte sich Lü Yiwen in Anna, eine österreichische Haushälterin im Konsulat. Sie bekamen zwei 1941 und 1943 geborene Söhne. Um dem Krieg zu entkommen, verließ Anna im Jahr 1943 mit den Kindern Deutschland und kehrte in ihre Heimatstadt Linz in Österreich zurück. Von da an verlor sie jeglichen Kontakt zu dem Diplomaten Lü Yiwen. Anna starb 1985 in Österreich. 1993 reiste ihr zweiter Sohn, der inzwischen bekannte österreichische Sänger Bernhard Bruckboeg, mit seiner Frau nach Peking, um die Spuren seines Vaters Lü Yiwen zu suchen. Nach langwierigen Bemühungen fanden sie schließlich Lü Yiwens Familie in Dalian. In Dalian hatte Lü Yiwen drei weitere Kinder. Seine fünf Nachkommen bilden zwei Zweige: einen in Dalian, China, und einen in Deutschland bzw. in Österreich.[4]

Literatur

Simon Preker: Illegitimate Representatives: Manchukuo–German Relations and Diplomatic Struggles in Nazi Germany. In: Joanne Miyang Cho (Hrsg.): Sino-German Encounters and Entanglements: Transnational Politics and Culture, 1890–1950. Palgrave Macmillan, Cham 2021, ISBN 978-3-03073390-2, Seiten 289–313.

Commons: Lü Yiwén – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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