M-Pesa
kenianisches Zahlungsverkehrsystem per Mobiltelefon
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M-Pesa ist ein von der kenianischen Mobilfunkgesellschaft Safaricom in Zusammenarbeit mit Vodafone entwickelter mobiler Bezahl- und Geldtransferdienst, der Anfang 2007 in Kenia eingeführt wurde. Über ein einfaches SMS- und USSD-System können Nutzer mit Mobiltelefonen – auch ohne Smartphone oder klassisches Bankkonto – Geld einzahlen, versenden, empfangen und bargeldlos bezahlen. Hierfür wird ein elektronisches Guthaben geführt, das über autorisierte M-Pesa-Agenten oder angebundene Zahlungsdienste aufgeladen und auch wieder in Bargeld umgewandelt werden kann. Später wurde der Dienst um Smartphone-Apps ergänzt, die den Funktionsumfang erweiterten.[1][2]
Bezeichnung
Die Bezeichnung „M-Pesa“ setzt sich aus dem Kürzel „M“ für mobile und dem Swahili-Wort „pesa“ für Geld zusammen.
Funktionsweise

M-Pesa basiert auf einem elektronischen Guthaben, das mit einer Mobiltelefonnummer verknüpft ist. In der Anfangszeit erfolgte die Ein- und Auszahlung von Bargeld nahezu ausschließlich über ein flächendeckendes Netz autorisierter M-Pesa-Agenten, darunter Kioske, Supermärkte, Tankstellen, Mobilfunkshops und andere Einzelhändler. Sie wandelten Bargeld in elektronisches Guthaben und umgekehrt um und ermöglichten damit den Zugang zu M-Pesa auch für Menschen ohne Bankkonto oder Bankfiliale. Das Agentennetz war ein wesentlicher Erfolgsfaktor für die schnelle Verbreitung des Dienstes.
Heute können Nutzer ihr M-Pesa-Konto zusätzlich über Banküberweisungen, angebundene Zahlungsdienste sowie internationale Geldtransferdienste aufladen. Die Bedeutung der Agenten für die Bargeldein- und -auszahlung ist dadurch zurückgegangen, sie bilden jedoch weiterhin einen wichtigen Bestandteil des M-Pesa-Ökosystems.[3]
Das elektronische Guthaben kann genutzt werden, um Geld an andere Nutzer zu senden, Rechnungen zu bezahlen, Einkäufe zu begleichen, Mobilfunkguthaben aufzuladen sowie zahlreiche weitere Finanzdienstleistungen zu nutzen. Ursprünglich erfolgte die Bedienung über ein einfaches SMS-, USSD- und SIM-Toolkit-System und war damit auch auf einfachen Mobiltelefonen ohne Internetzugang möglich. Heute stehen zusätzlich Smartphone-Apps zur Verfügung, die den Funktionsumfang erweitern und unter anderem Transaktionsübersichten, biometrische Anmeldung sowie den Zugriff auf weitere Finanz- und Partnerdienste bieten. Die klassischen Zugangswege über SMS, USSD und SIM-Toolkit bleiben weiterhin verfügbar.[4]
M-Pesa dient damit als mobile Geldbörse und ermöglicht insbesondere Menschen ohne Bankkonto oder Kreditkarte die Teilnahme am elektronischen Zahlungsverkehr. Seit 2012 wurde das Angebot durch zusätzliche Finanzdienstleistungen wie Spar-, Kredit- und Anlageprodukte unter der Bezeichnung M-Shwari erweitert.[5]
M-Pesa finanziert sich überwiegend über transaktionsabhängige Gebühren. Deren Höhe richtet sich nach Art und Umfang des jeweiligen Vorgangs und wird regelmäßig angepasst. Während Einzahlungen auf das M-Pesa-Konto in der Regel kostenlos sind, fallen insbesondere für Geldtransfers und Bargeldabhebungen Gebühren an. Die aktuellen Tarife veröffentlicht der Betreiber Safaricom.[6]
Verbreitung
Nach einer ab Oktober 2005 laufenden Testphase mit acht Agents und 500 Kunden, die mit kostenlosen Telefonen ausgestattet wurden, besteht das System in Kenia seit März 2007 als regulärer Dienst. Bereits einen Monat nach Einführung hatten sich 20.000 Kunden registriert. Rund ein Jahr nach dem Start hatte M-Pesa in Kenia bereits rund 1,6 Millionen Nutzer, was damals etwa einem Drittel aller Safaricom-Kunden und fast fünf Prozent der kenianischen Bevölkerung entsprach. In den Folgejahren stieg die Zahl der Kunden weiter, im ersten Halbjahresbericht 2011 gab Safaricom die Zahl der M-Pesa-Nutzer mit 14,9 Millionen an. Damit nutzten rund 80 Prozent der Mobilfunkkunden den Service.[7] Im Geschäftsjahr 2025/26 stieg die Zahl der monatlich aktiven M-Pesa-Nutzer auf 40,99 Millionen. Das System verarbeitete 46,41 Milliarden Transaktionen mit einem Gesamtvolumen von 41,68 Billionen Kenia-Schilling (rund 320 Milliarden US-Dollar). Die Umsätze aus M-Pesa erhöhten sich auf 182,7 Milliarden Kenia-Schilling (rund 1,4 Milliarden US-Dollar) und machten 45,6 Prozent der Serviceumsätze von Safaricom in Kenia aus.[8]
Nach dem Start in Kenia wurde M-Pesa schrittweise auch in weiteren Ländern eingeführt, zunächst in Tansania (2008), anschließend unter anderem in Südafrika, Fidschi (jeweils als M-Paisa), der Demokratischen Republik Kongo, Indien, Mosambik, Lesotho, Ägypten und Albanien. Während einige dieser Angebote – darunter Südafrika, Rumänien, Albanien und Indien – später wieder eingestellt wurden, ist die von Safaricom entwickelte und gemeinsam mit Vodafone aufgebaute Mobile-Payment-Plattform heute offiziell in Kenia, Tansania, Mosambik, Lesotho, Ghana, der Demokratischen Republik Kongo und Äthiopien verfügbar. In Äthiopien wurde M-Pesa 2023 eingeführt und erreichte bis Ende des Geschäftsjahres 2025/26 bereits 5,2 Millionen Kunden. Allein in Kenia wickelte M-Pesa im Geschäftsjahr 2025/26 46,4 Milliarden Transaktionen mit einem Gesamtwert von 41,7 Billionen Kenia-Schilling (rund 320 Milliarden US-Dollar) ab.[9][10]
Finanzielle Inklusion und Armutsbekämpfung
M-Pesa gilt als ein Musterbeispiel dafür, wie man mit innovativer Finanztechnologie die Menschen in das formelle Finanzsystem integrieren, dabei Gewinne erzielen und gleichzeitig die Armut bekämpfen kann.[11] Tavneet Suri vom Massachusetts Institute of Technology und William Jack von der Georgetown University haben in einer Serie von wissenschaftlichen Studien seit 2011 die positiven Wirkungen von M-Pesa für die Armutsbekämpfung dargelegt. Insbesondere ihr 2016 in „Science“ veröffentlichter Aufsatz, demzufolge durch die Verbreitung von M-Pesa 194.000 Haushalte oder 2 % der kenianischen Bevölkerung aus Armut befreit wurden, war in der Entwicklungshilfe-Community sehr einflussreich. Entwicklungsinstitutionen führen dieses Ergebnis zu M-Pesa regelmäßig als Beleg an, wenn sie über das Potential von innovativer Finanztechnologie für Armutsbekämpfung und Entwicklung publizieren. So heißt es in einem UN-Bericht zu „Finanzierung für Entwicklung“, die Digitalisierung von Finanzdienstleistungen eröffne neue Möglichkeiten für finanzielle Inklusion im Einklang mit der 2030-Agenda für nachhaltige Entwicklung und der Umsetzung der Ziele für soziale Entwicklung. In Kenia habe die Verbreitung von mobilem Geld zwei Prozent der Haushalte über die Armutsgrenze gehoben.[12] M-Pesa war eine wichtige Voraussetzung für die aufblühende Start-up und Tech-Szene, genannt Silicon Savannah.
Kritik
Kritisiert wurde in der Vergangenheit besonders die marktbeherrschende Stellung von M-Pesa in Kenia. Wettbewerber und Wettbewerbsexperten warfen Safaricom vor, den Wettbewerb unter anderem durch exklusive Agentennetze sowie eine zunächst fehlende Interoperabilität mit konkurrierenden Mobile-Money-Diensten zu erschweren. Die Wettbewerbskommission Kenias verpflichtete Safaricom 2014, Exklusivitätsklauseln für M-Pesa-Agenten aufzuheben, um den Marktzugang konkurrierender Anbieter zu erleichtern. In der wirtschaftswissenschaftlichen Literatur wird die starke Marktstellung von Safaricom zudem als ein wesentlicher Grund dafür angesehen, dass die Transaktionsgebühren im internationalen Vergleich lange Zeit vergleichsweise hoch blieben.[13][14]
Der Entwicklungsökonom Alan Gibson kam in einer Studie, welche der an der Entwicklung und Verbreitung von M-Pesa beteiligte Financial Sector Development Trust Kenya aus Anlass seines 10-jährigen Jubiläums in Auftrag gegeben hatte, zu dem Resümee, dass sich die Kreditvergabe an Unternehmen durch M-Pesa nicht verbessert, jedoch die Kreditverfügbarkeit für den in der Region wichtigen Agrarsektor sich sogar verschlechtert habe. Zusätzlich gelangte er zu dem Schluss, dass der Finanzsektor stark von M-Pesa profitiert habe, wohingegen sich die Lebensbedingungen der Bevölkerung nicht verbessert hätten.[15]
Milford Bateman u. a. kommen in einer kritischen Besprechung des einflussreichen Beitrags von Suri und Jack in „Science“ sogar zu dem Schluss, dass die Verbreitung von M-Pesa zulasten kostenloser Bargeld-Transaktionen die wirtschaftliche Entwicklung Kenias behindert habe. Sie diagnostizieren schwere methodische Mängel der Studie von Suri und Jack, die positive Effekte von M-Pesa bei der Bekämpfung der Armut festgestellt hatte. Als Gegenstück zu den durch M-Pesa begünstigten Gründungen von Mikro-Unternehmen und kleinen Handelsaktivitäten durch M-Pesa-Kundinnen hätten aus ihrer Sicht unbedingt die Verdrängung schon bestehender Kleinstunternehmen in der Region und nach kurzer Zeit gescheiterte Gründungen berücksichtigte werden müssen. Bateman u. a. bezeichnen M-Pesa als ein extrahierendes Geschäftsmodell. Es generiere durch Bepreisung unzähliger kleiner Transaktionen hohe Gewinne, die zu einem großen Teil an Anteilseigner von Safaricom im Ausland transferiert würden. Das bedeute einen Entzug von regionaler Kaufkraft, der es den regionalen Unternehmen erschwere, genug Nachfrage zu finden.[16]
In Sachen Datenschutz wird kritisiert, dass es in Kenia bisher kein Datenschutzgesetz gibt, was dazu führt, dass Safaricom sensible Daten seiner Nutzer recht freizügig nutzen und weitergeben kann. Zu einem größeren Datenskandal kam es zuletzt im Mai 2019, als Daten von 11,5 Millionen M-Pesa-Nutzern, die das System für Glückspiel genutzt hatten, auf dem Schwarzmarkt angeboten wurden.[17]
Literatur
- Gregor Honsel: Geld gegen SMS. In: MIT Technology Review. 1, 2008, S. 42/43.
- Nick Hughes, Susie Lonie: M-PESA: Mobile Money for the „Unbanked“. Turning Cellphones into 24-Hour Tellers in Kenya. In: innovations. 2, 1–2, 2007, S. 63–81.
- William Jack, Tavneet Suri: Mobile Money. The Economics of M-PESA. The National Bureau of Economic Research, Cambridge MA 2011 (NBER Working Paper Series 16721).
- Christian Wölbert: Job-Maschinen: Wie Technik Probleme in Entwicklungsländern löst. In: c’t. 2, 2015, S. 56–58.
- Nils Wischmeyer: Wofür denn Banken? Süddeutsche Zeitung, 22. Dezember 2017, S. 16 (Die Mobilfunkanbieter nehmen eine Provision zwischen einem und zwei Prozent)
Weblinks
- Vodafone M-Pesa – Vodafone zu M-Pesa (englisch)
- Safaricom M-Pesa – M-Pesa auf der Website von Safaricom (englisch)
- Roshan M-Paisa – M-Paisa auf der Website von Roshan (englisch)
- Vodacom M-PESA – M-Pesa auf der Website von Vodacom (englisch)