MIVILUDES

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Die Interministerielle Mission zur Überwachung und Bekämpfung von sektenartigen Entgleisungen (französisch Mission interministérielle de vigilance et de lutte contre les dérives sectaires, MIVILUDES) ist eine französische Regierungsbehörde.[1] Sie wurde am 28. November 2002 per Dekret des Präsidenten Jacques Chirac ins Leben gerufen.[2]

Aufgaben und Funktionen

Die Behörde untersteht direkt dem Innenministerium und hat folgende Kernaufgaben:

  • Analyse: Die Beobachtung und Untersuchung des Phänomens sogenannter sektenartiger Entgleisungen (dérives sectaires).[2]
  • Koordination: Die Abstimmung staatlicher Maßnahmen zwischen den verschiedenen Ministerien.[3]
  • Aufklärung: Die Information der Öffentlichkeit über potenzielle Risiken, die von solchen Gruppierungen ausgehen können.[4]
  • Opferschutz: Die Unterstützung und Koordination von Hilfsmaßnahmen für Betroffene.[4]

Hintergrund zur Terminologie

Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern verwendet Frankreich in diesem Kontext häufig den Begriff der „sektiererischen Entgleisung“ (dérive sectaire). Damit wird der Fokus weniger auf die Glaubensinhalte einer Gruppe als vielmehr auf ein Verhalten gelegt, das die Grundfreiheiten oder das soziale Gleichgewicht gefährdet.[3]

Geschichte und Auftrag

MIVILUDES entstand als Nachfolgeorganisation der MILS (Mission interministérielle de lutte contre les sectes), die am 7. Oktober 1998 die Nachfolge des 1996 gegründeten Observatoire interministériel sur les sectes angetreten hatte. Mit der Neuausrichtung reagierte die französische Regierung auf internationale Kritik an der MILS, der vorgeworfen worden war, mit bestimmten Aktivitäten die Religionsfreiheit zu beeinträchtigen.[3]

Ausrichtung und Definitionen

Unter der Leitung von Langlais verschob sich der Fokus der Behörde. In einem Interview im März 2003 betonte er, dass sich der staatliche Auftrag nicht gegen „Sekten“ an sich richte, sondern gegen „sektiererische Entgleisungen“ (dérives sectaires). Da das französische Recht keine gesetzliche Definition für den Begriff „Sekte“ vorsieht, könne das Gesetz laut Langlais auch die Entgleisungen nicht abschließend definieren. Er sah die Aufgabe der MIVILUDES jedoch darin, zur Entwicklung einer „administrativen Rechtsprechung“ in diesem Bereich beizutragen.[5]

Internationale Rezeption

Die Umstrukturierung wurde international teilweise positiv aufgenommen. So stellte die US-Kommission für internationale Religionsfreiheit (USCIRF) in einem Bericht von 2004 fest, dass die Ersetzung der MILS durch die MIVILUDES zu einer Verbesserung der Religionsfreiheit in Frankreich beigetragen habe.[6]

Leitung der Behörde

Seit ihrer Gründung wurde die MIVILUDES von verschiedenen Vertretern des öffentlichen Lebens geleitet:

  • Jean-Louis Langlais (2002–2005)[7]
  • Jean-Michel Roulet (Präfekt, ab Oktober 2005)[8]
  • Georges Fenech (Richter, 19. Oktober 2008 – Juli 2012)[8]
  • Serge Blisko (Arzt, 1. August 2012 – Oktober 2018)[3]
  • Frédéric Rose (Ehemaliger Präfekt und Beamter, 21. Oktober 2019 – 3. August 2020)[8]
  • Christian Gravel (8. Oktober 2020 – 6. Juni 2023) Während seiner Amtszeit leitete er gleichzeitig als Generalsekretär das Interministerielle Komitee für Kriminalprävention und Radikalisierungsprävention (SG-CIPDR). Zuvor war er als Präfekt sowie in leitenden Funktionen im französischen Innenministerium tätig.[8]
  • Étienne Apaire (25. August 2023 – …) Der derzeitige Präsident bekleidet zeitgleich das Amt des Generalsekretärs des interministeriellen Komitees zur Prävention von Kriminalität und Radikalisierung (SG-CIPDR). Zuvor war er 30 Jahre lang im Justizdienst als Magistrat tätig.[8]

Kritik

Von 1998 bis 2002 leitete Alain Vivien die MILS. Vor seiner Ernennung war er unter anderem als Präsident des Centre Roger Ikor (1997–1998) in der französischen Anti-Sekten-Bewegung aktiv.[9]

Unter Viviens Leitung sah sich die Behörde internationaler Kritik ausgesetzt:

  • Menschenrechtsorganisationen: Die Internationale Helsinki-Föderation für Menschenrechte kritisierte die Arbeitsweise der MILS als unvereinbar mit religiöser Neutralität.[10][11]
  • Internationale Reaktionen: Auch die United States Commission on International Religious Freedom (USCIRF) äußerte in ihren Berichten Vorbehalte gegen die französische Politik der staatlichen Sektenüberwachung.[12][13]

Nach Drohungen und einem Einbruch in sein Wohnhaus erhielt Vivien ab Januar 1999 Polizeischutz. Im Juni 2002 trat er im Zuge anhaltender öffentlicher und politischer Kritik von seinem Amt zurück.[14]

Im Mai 2025 wurde die MIVILUDES In zwei Gerichtsverfahren dazu verpflichtet, die Prozesskosten der Organisation CAP-LC (Koordinierung von Vereinigungen und Einzelpersonen für Gewissensfreiheit) zu tragen. Im Vorfeld der Urteile hatte die Regierungsstelle die Herausgabe von Dokumenten verweigert, die Aufschluss über die finanzielle Unterstützung der Opferhilfsorganisation UNADFI und deren Mittelverwendung gegeben hätten. Kritiker sahen in dieser Verweigerungshaltung einen mangelnden Willen zur behördlichen Transparenz.[15]

Im Juli 2025 wies das Gericht seiner Begründung die vom Ministerium vorgelegten Beweismittel zurück, da diese ausschließlich auf Aussagen ehemaliger Mitglieder basierten. Das Urteil betont die Notwendigkeit, Zeugnisse von Aussteigern nicht isoliert zu betrachten, sondern sie den Angaben aktiver Mitglieder sowie den offiziellen Dokumenten der Religionsgemeinschaft gegenüberzustellen. Nach Ansicht des Gerichts könne diese vergleichende Methodik dazu beitragen, Missverständnisse in der Bewertung religiöser Organisationen zu klären und staatliche Fehlentscheidungen zu vermeiden.[16]

Veröffentlichungen

MIVILUDES veröffentlichte jedes Jahr einen Bericht über seine Aktivitäten und eine thematische Studie. Einige davon wurden ins Englische übersetzt:

  • Tätigkeitsbericht 2003[17]
  • Tätigkeitsbericht 2004[18]
  • Tätigkeitsbericht 2007[19]
  • Tätigkeitsbericht 2008[20]
  • Tätigkeitsbericht 2022–2024[21]

Siehe auch

Literatur

  • Donald A. Westbrook: The War is Not Over: Scientology, Resilience and the Resurgence of State-Sponsored Anti.Cultism in France, International Journal of New Religions. Band 12, Ausgabe 1, S. 115–143, 29 S., 2021 doi:10.1558/ijsnr.25965
  • Danny Schäfer: Freedom of Religion Or Belief. Lit, 2012, ISBN 978-3-643-99864-4
  • Christiane Königstedt: Frankreich und seine Sekten, Konfliktdynamiken zwischen Katholizismus, Laizismus und Religionsfreiheit. Transcript Verlag, 2016, S. 282, ISBN 978-3-8394-3427-7
  • Eileen Barker, Sarah Harvey: Health and Healing in Minority Religions. Taylor & Francis, 2025, ISBN 978-1-04-044415-3

Einzelnachweise

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