Malina (Roman)
Roman von Ingeborg Bachmann
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Malina ist ein 1971 veröffentlichter Roman der österreichischen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann. Malina ist der am häufigsten interpretierte Prosatext der Autorin und führte wochenlang die Bestsellerliste an. Es ist der einzige Roman Bachmanns, der zu ihren Lebzeiten erschien.

Aufbau und Inhalt
Der Roman beginnt mit einem Personenverzeichnis, in dem jedoch nur ein Teil der Figuren aufgeführt sind. Es folgen ein Vorkapitel und drei Kapitel. Die Legende der Prinzessin von Kagran ist grafisch hervorgehoben und bildet einen weiteren, integrierten Abschnitt.
Im Vorkapitel wird die Wahl von Zeit und Ort begründet. Die Ich-Erzählerin, Malina und Ivan werden als fiktive handelnde Figuren eingeführt und der Beginn der Bekanntschaft der Ich-Figur mit Malina erzählt. Die Dreiecksbeziehung zwischen den drei Hauptfiguren, zeichnet sich ab. Schon hier gibt es mit der Beschreibung des Ortes einen Hinweis auf eine fiktive Textebene: Die Gasse, in der die drei Protagonisten leben, das „Ungargassenland“, ist ein zugleich realer und fiktiver Ort, „weil sie nur in mir ihren Bogen macht“.[1.1]
Im ersten Kapitel Glücklich mit Ivan erzählt die Ich-Figur von ihrer Beziehung zu Ivan, einem gebürtigen Ungarn, der in der Finanzbranche tätig ist. In seiner Nähe will sich die Erzählerin glücklich und geborgen fühlen. Zweimal hilft Ivan der Ich-Figur, zu einer Ganzheit zurückzufinden, die auf nicht geklärte Weise verloren gegangen ist; einmal geht es dabei um den Weg aus einer körperlichen Schwäche, das andere Mal um die Bewältigung einer Sprachkrise. So versucht der Haupttext des Kapitels, die heilende Kraft der Liebe zu zeigen. Parallel wird aber immer eine andere Textebene immer deutlicher, auf der die Liebe scheitert. Diese negative Entwicklung hat ihre Ursachen in „klaren geschlechtlichen Hierarchien sowie der Selbstaufgabe und ‚selbstgewählten Unmündigkeit‘ der Ich-Figur“:[2.1] „Ich lebe in Ivan. / Ich überlebe nicht Ivan.“[1.2] Ivan zieht sich zunehmend zurück, Malina wird immer wichtiger.
Im kursiv gedruckten Märchen von der Prinzessin von Kagran, das in das erste Kapitel eingebettet ist, rettet ein Fremder im langen schwarzen Mantel zweimal eine Prinzessin. Am Schluss aber denkt er sich die erste Todesart aus und tötet die weibliche Figur mit einem Dorn ins Herz.
Im zweiten Kapitel Der dritte Mann erzählt die Ich-Figur Malina 35 Traumsequenzen, in denen die Ich-Figur von einer Vaterfigur getötet, gequält oder auf andere Weise zum Verstummen gezwungen wird. In den Dialogszenen zwischen den Träumen versucht Malina, die Träume (psycho-)analytisch zu bearbeiten, indem Deckerinnerungen aufgelöst werden und das Ich erkennt, was sich in den Träumen verbirgt. Dabei beharrt Malina darauf, dass die richtige Deutung nur von ihm kommen könne, nicht von der Ich-Figur („Nein, nein, du weißt es eben nicht […], du verwechselst sogar deine Leben.”)[1.3]
Das dritte Kapitel Von letzten Dingen besteht aus zahlreichen Dialogen zwischen der Ich-Figur und Malina. Dabei wird Malina immer dominanter, die Ich-Figur wird ihrer selbst immer unsicherer: Sie verfügt nur über fremde Erinnerungen und Geschichten.[1.4] Malina bewegt das Ich sogar dazu, den Anspruch auf ein Ich aufzugeben. Die Ich-Figur übergibt Malina die Geschichten, bewegt sich in einen Riss in der Wand und verwandelt sich in ein stummes Es: „es kann nicht mehr schreien, aber es schreit doch: Ivan!“[1.5] Am Ende vernichtet Malina die persönlichen Gegenstände der Ich-Figur und teilt dem anrufenden Ivan mit, dass es in dieser Wohnung keine Frau (mehr) gebe. Die Erzählinstanz beendet ihren Text mit „Es war Mord.”[1.6]
Figurencharakteristik und Figurenkonstellation
Im Mittelpunkt der Handlung steht die Beziehung der namenlosen erzählenden Ich-Figur zu Malina und Ivan. Die Ich-Erzählerin bewohnt mit Malina eine Wohnung in der Ungargasse 6 in Wien. In der Ungargasse 9 lebt Ivan, der heimliche Liebhaber der Ich-Figur. Malina arbeitet als Militärhistoriker, ist ruhig und ordentlich und für die Protagonistin immer verfügbar.
Schon in den Hinweisen des Verlages zur Erstausgabe ist festgehalten, dass die Ich-Figur und Malina nicht etwa – wie im Personenverzeichnis angegeben – zwei Protagonisten darstellen, sondern zwei Seiten einer Figur. Die beiden Aspekte entsprechen den klassischen Zuschreibungen an Frauen und Männer: die subjektiv-emotionale Seite ist in der Ich-Figur angesiedelt, die objektiv-rationale in der männlichen Figur Malina.[2.2] Auch der als männlich gelesene Ivan wurde von Teilen der Literaturwissenschaft als personalisierter Anteil der Hauptfigur interpretiert. Unter dieser Voraussetzung geht es in dem Roman auf einer offensichtlichen Ebene zwar um eine klassische Dreiecksgeschichte, auf einer anderen aber um das Geschehen in der Psyche einer einzigen Figur.[2.2]
Ivan ist gebürtiger Ungar, „geht einer geregelten Arbeit nach“[3.1] und ist in der Finanzbranche tätig. Béla und András sind seine Kinder. Ivan sagt: „Ich liebe niemand. Die Kinder selbstverständlich ja, aber sonst niemand.“[3.2] Dies beschreibt parallel seine Haltung zur Ich-Erzählerin: Er duldet ihre Anwesenheit, ist jedoch gelangweilt, „Ivan hält sich die Hand vor den Mund, damit ich nicht merken soll, daß er gähnt“[3.3]. Mit ihrer großen Sensibilität und ihren Emotionen kann er nicht umgehen.
Die Protagonistin besitzt einen „österreichische[n] Paß, ausgestellt vom Innenministerium. Be-glaubigter Staatsbürgerschaftsnachweis. Augen br., Haare bl., geboren in Klagenfurt“[3.4]. Anders als Ivan erfährt sie die gemeinsame Beziehung nicht als Fluch, sondern als Segen. Er ist der Grund ihres Überlebens. „Als Ivan mich zu heilen anfängt, kann es nicht mehr ganz schlimm sein auf Erden.“[3.5] Doch Ivan „heilt“ nicht, er zerstört die Existenz der Ich-Erzählerin. Von Beginn an ist die Protagonistin dem dominanten Mann unterworfen und entwickelt eine Abhängigkeit gegenüber dessen Wertschätzung, Zeit und Aufmerksamkeit. Mit jeder Demütigung und Ablehnung verliert sie ein Stück ihrer Identität, bis psychische Probleme unausweichlich sind. Dennoch beschreibt das Ich Ivan und sich als „die konvergierende Welt.“[3.6]
Die Beziehung zwischen Malina und der Ich-Erzählerin wird als dissonant geschildert. Auch hier liegt eine deutlich definierte Vorstellung von Machtverhältnissen und Geschlechterrollen innerhalb der Partnerschaft vor. Aussagen wie „Ich war allerdings von Anfang an unter ihn gestellt“[3.7] oder „Ich war auch Malinas Geschöpf“[3.8] unterstreichen die untergeordnete Stellung die Ich-Erzählerin. Sie ist der Meinung, Malina und sie seien, „weil wir eins sind: die divergierende Welt“.[4]
Weitere Figuren sind einige Mitglieder der Wiener Gesellschaft und Familienmitglieder der Ich-Erzählerin. Ihr Vater nimmt eine hervorgehobene Stellung ein.[3.9] Diese anderen Figuren könnten, so ein Teil der Literatur, ebenfalls als Aspekte der Ich-Figur gelesen werden; bei der Haushälterin Lina weist schon der Name auf einen Teilaspekt von Ma–lina hin. Es wurde daher in der Literatur bereits die Hypothese zur Diskussion gestellt, der Roman könne insgesamt als Auflösung einer Figur in ihre Facetten verstanden werden.[2.2]
Titel
Der Name Malina wurde auf unterschiedliche Weise gedeutet. Vorgeschlagen wurde die anagrammatische Ableitung aus anima und/oder animal. sowie die deutsche Übersetzung von Himbeere aus einer slawischen Sprache. In der russisch-jiddischen Variante der Gaunersprache wird Malina für Versteck benutzt. Außerdem steht es für geheime Aufenthaltsorte in Ghettos. Damit rückt der Name in den Kontext der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus.[2.3] Das Verhältnis zwischen der Ich-Figur und Malina lässt sich vor diesem Hintergrund nicht mehr nur als eindeutige Opfer-Täter-Beziehung deuten: Malina könnte auch das Versteck des Ich sein, „sein Schutzraum und seine Undercover–Identität”.[2.4] Der Buchtitel steht, so Herrmann, als Verschlüsselung der Aufforderung, „das Verdeckte hinter dem Offensichtlichen zu suchen“.[2.4]
Gattung
Die Gattung von Malina lässt sich schwer mit formalen Kriterien bestimmen. Bachmann bevorzugte die Bezeichnung Buch gegenüber Roman. Im Titel wird Malina zwar als Roman bezeichnet, doch die Auflistung der Figuren am Anfang ist typisch für das Drama. Auf diese Gattung verweisen auch die Einheit des Ortes („Wien“) und Zeit („heute“). Bestimmte Textteile werden als Legenden bezeichnet und grafisch hervorgehoben, sie lassen sich jedoch eher als Märchen lesen. Am Ende des Romans lassen musikalische Vorgaben für Tempo, Lautstärke, Ausdruck und Gefühle die Dialoge zum Teil zu Duetten werden. Auf diese Weise sind jedoch nur die Texte der Ich-Figur markiert.[2.5]
Erzähltheoretische Faktoren
Erzählsituation
Von Anfang an sind erzählendes und erzähltes Ich nicht scharf getrennt.[2.1]
Gerade das Ende des Romans hat eine Vielfalt von Interpretationen und unterschiedlichste Ansichten darüber hervorgerufen, wer in Malina erzählt. Bereits in den Frankfurter Vorlesungen hatte Bachmann sich mit den unterschiedlichen Ich-Konzeptionen im modernen Erzählen auseinandergesetzt. Die Frage „Wer spricht?“ wurde in der Literatur über den Roman verschieden beantwortet. So wurde zum einen argumentiert, das weibliche Ich spreche „über den Tod hinaus oder gegen ihn an“.[2][2.4] Dagegen wurde die Position vertreten, Malina sei vor allem nach dem Verschwinden der Ich-Figur in der Wand der Sprecher. Doch auch der Text selbst wurde als mögliche erzählende Instanz angesehen: Die weibliche Figur schweige und verschwinde mit all ihren Personal- und Possessivpronomina, doch ein „männlich-paternaler Text“ schreibe sich fort.[2.6] Möglich erschien es der Sekundärliteratur auch, dass sich die übergeordnete Erzählposition vollständig aufgelöst habe und ein multiperspektivisches Erzählen zurückgeblieben sei; die Feststellung, aus welcher Perspektive gerade erzählt werde, sei unmöglich geworden.[2.6] Der Roman wurde auch als Ausdruck einer Erzähl- und Lebenskrise gelesen und autobiografisch gedeutet. Nach dieser Lesart wird der letzte Teil von Malina keiner Instanz innerhalb des Textes, sondern der Autorin zugeschrieben.
Das Erzählen der Ich-Figur wird auf mehrfache Weise behindert. Zum einen ist ihre Erinnerungsfähigkeit und damit auch ihre Erzählkompetenz gestört. Malina führt dies auf die traumatischen Gewalterfahrungen mit dem Vater zurück, die in Träumen wiederkehren.[2.6] Zum anderen wird die weibliche Ich-Figur durch Redeverbote behindert: Sie schreibt an einem Todesarten-Projekt, doch Malina und Ivan greifen massiv ein. Die Ich-Instanz macht dafür ausschließlich männliche Figuren verantwortlich, nämlich Malina und Ivan sowie in den Traumpassagen den Vater.[2.6]
Die schreibende Ich-Figur bestreitet zwar jede Möglichkeit zu erzählen, nähert sich jedoch im Lauf des Textes scheinbar ihrer eigenen „dunklen Geschichte“.[1.7] Offengelegt wird diese jedoch auch am Ende nicht. Vielmehr händigt die Ich-Figur alle ihre „Wortscherben“[1.8] an Malina aus: „Übernimm du die Geschichten, aus denen die große Geschichte gemacht ist. Nimm sie alle von mir.“[1.9] Malina zerreißt das Erbe der Ich-Figur und wirft es weg. Die feministische Rezeption sah darin eine Kritik an der Verdrängung von Autorinnen und ihren Leistungen durch Männer. Doch nach Bachmanns Äußerungen hatte sich die Ich-Figur als „subjekt und unbrauchbar“ erwiesen. Von daher zeige Malinas Vernichtung, so Britta Herrmann, „die radikale Überwindung einer verworfenen Erzählposition“.[2.2]
Zeitstruktur
Die Einbettung des kursiv gedruckten Märchens Die Geheimnisse der Prinzessin von Kagran in das Kapitel Glücklich mit Ivan fällt aus der linearen Zeitstruktur heraus:[2.3] Die Ich-Figur erzählt es, als sie Ivan bereits über ein Jahr kennt.[1.10] Die erzählte Zeit liegt 2000 Jahre vor der Haupthandlung.[1.11] Auf einer Parallelebene zur Haupthandlung wiederholt sich hier die Liebesgeschichte zwischen der Ich-Figur und Ivan in den Figuren der Prinzessin und des „Fremden im langen schwarzen Mantel“.[1.12] Einmal rettet der Fremde die Prinzessin davor, auf die Burg „des Hunnenkönigs oder gar des Awarenkönigs“ verschleppt und dort dem alten Herrscher zur Frau gegeben zu werden.[1.13] Ein zweites Mal kommt er ihr zu Hilfe, als sie an der Grenze zum Totenreich von Schattenwesen bedrängt wird.[1.14] Die Prinzessin sieht ihrer beider Wiedersehen in einer fernen Zukunft voraus.[1.15] Doch dann entwirft der Fremde „schweigsam seinen und ihren ersten Tod“ und treibt ihr den ersten Dorn ins Herz.[1.16]
In der Haupthandlung möchte die Ich-Figur die Wiederholung des Geschehens aus dem Märchen verhindern, indem sie sich gegen „ein Morgen, das ich nicht will“[1.17] wehrt und am „Heute“ festhält.[1.18] Es gelingt ihr, eine paradiesische Zukunft zu erträumen, in der Harmonie mit der Natur und ideale Beziehungen zwischen den Menschen herrschen. Es wird „Erlösung“ angekündigt, die eine Befreiung vom Denken und Leiden verspricht.[1.19]
Entstehung
Malina zeichnet sich durch eine lange Entstehungsgeschichte aus: Ältere Textentwürfe wurden weiterentwickelt, verdichtet und neu gruppiert.[2.5] Schon in den frühen 1950er Jahren konzipierte Bachmann Vorformen von einzelnen Figuren und Handlungselementen, Textpassagen entwarf sie dann 1966.[2.5] In der zweiten Hälfte des Jahres 1967 arbeitete sie in Rom vor allem am Todesarten-Projekt, besonders an Malina.[5.1] Nach einem Brief an Siegfried Unseld kam ihr vermutlich um Weihnachten 1967 bei einem Spaziergang in Kärnten die Idee für das sogenannte Traumkapitel als Mittelteil des Romans, für den sie nach einer Gestaltungsmöglichkeit gesucht hatte.[6]
Die Nachricht von Celans Freitod Ende April 1970 fiel zeitlich mit einer späten Arbeitsphase am Roman zusammen. In die Reinschriftfassung fügte Bachmann mit der Legende Die Geheimnisse der Prinzessin von Kagran und dem sogenannten Traumkapitel eine Hommage an Celan ein.[5][5.2] Die Figur des Fremden im schwarzen Mantel steht mit ihm in Verbindung.[7.1]
Im Frühsommer und Herbst 1970 arbeitete Bachmann, unterbrochen von einer Sommerreise, auf eine Fertigstellung des Romans hin. Von September bis Dezember 1970 bereitete sie, behindert durch eine Schlüsselbeinverletzung, die Drucklegung vor.[5.2] Beraten ließ sie sich von Uwe Johnson, der einen Manuskriptdurchschlag erhielt, und von Martin Walser, der Bachmann dafür im November 1970 in Rom besuchte. Schon Mitte Oktober hatte Siegfried Unseld mit Bachmann in Rom das Manuskript durchgesehen. Die endgültige Fassung wurde in Frankfurt bei einem Verlagstreffen vom 2. bis 7. Januar 1971 festgelegt. So wurde etwa Besichtigung einer alten Stadt aus dem Roman genommen und im Juni 1971 in der Zeitschrift Text + Kritik gedruckt.[5.2] Am 17. März 1971 erschien Malina als erster Band der Todesarten.[5.2] Das Typoskript befindet sich im Literaturmuseum der Moderne in Marbach.[8]
Das Erscheinen von Malina am 17. März 1971 markierte das Ende einer Publikationspause von mehreren Jahren. Nach der Veröffentlichung unternahm Bachmann 1971 zwei Lesereisen, die in den Feuilletons kommentiert wurden, und gab Interviews zum Roman. Dieses Zusammenspiel erweckte den Eindruck einer glanzvollen Rückkehr der zuvor hauptsächlich als Lyrikerin gefeierten Autorin. Wochenlang führte Malina in einem Kopf-an-Kopf-Rennen mit Hildegard Knefs Der geschenkte Gaul und Erich Segals Love Story die Bestsellerliste an. Dies war angesichts der komplexen Struktur des Romans erstaunlich. Malina passte nicht in die zeitgenössischen Anforderungen an eine Literatur, die die Politisierung der 1968er und sexuelle Freizügigkeit aufnehmen und bevorzugt dokumentarisch sein sollte.[2.5]
Biografisch-literarische Bezüge
Die biografisch-literarischen Bezüge wurden in der Rezeption stark herausgestellt. Bachmann selbst bezeichnete ihren Roman „ausdrücklich [als] eine Autobiographie, aber nicht im herkömmlichen Sinn. Eine geistige, imaginäre Autobiographie. Diese monologische oder Nachtexistenz hat nichts mit der gewöhnlichen Autobiographie zu tun, in der ein Lebenslauf und Geschichten von irgendwelchen Leuten erzählt werden.“[9] Ganz ähnlich versteht auch Marcel Reich-Ranicki den Roman; er liest ihn als „poetischen Krankheitsbericht, als das Psychogramm eines schweren Leidens“.[10]
Es finden sich Details aus Bachmanns Leben im Roman. So wohnte das Ich früher in der Beatrixgasse 26 im 3. Wiener Bezirk, Bachmanns Adresse als Studentin von Winter 1946/1947 bis – mit Unterbrechungen – Juni 1949.[7.2] Der Roman wurde vielfach als Aufarbeitung der Beziehung Ingeborg Bachmanns mit Max Frisch verstanden und als Antwort auf dessen Roman Mein Name sei Gantenbein gewertet. Er wurde in dieser Hinsicht auch als Schlüsselroman gelesen. Konstanze Fliedl widersprach dieser Lesart in der Hinsicht, dass Bachmann wie Frisch als postmoderne Schriftsteller literarische Identitäten und Lebensgeschichten stets dekonstruiert hätten, dass jedes Ich in ihren Werken stets ein Ergebnis erzählter Geschichten sei.[11]
Die Rolle des Vaters wurde von der Rezeption herausgestellt. Bachmann, so ihre Biografin Andrea Stoll, habe in Malina „dem Drama der Töchter im 20. Jahrhundert zu einer unverwechselbaren Stimme verholfen und in ihrer Radikalität die literarisch tradierten Vater-Sohn-Konflikte weit hinter sich gelassen“.[7.3]
Der Beginn des Romans wurde als literarische Anspielung auf Hans Weigels Roman Unvollendete Symphonie gelesen, in dem er in literarisierter Form über seine Beziehung zu Ingeborg Bachmann schreibt. Während Hans Weigel seinen Roman mit „Der Ort ist Wien. Und die Zeit ist heute.“ beginnen lässt, verkürzt Bachmann auf die Zeitangabe „Heute“ und die Ortsangabe „Wien“.[7.4]
Rezeption
Malina ist der am häufigsten interpretierte Prosatext von Ingeborg Bachmann. Hans Werner Henze brachte nach dem Erscheinen des Romans in einem Telegramm an Bachmann zum Ausdruck, der Roman sei „DIE ELFTE (Sinfonie) VON MAHLER“.[12]
Monika Albrecht und Dirk Göttsche beurteilten mit einem Abstand von fünfzig Jahren die Reaktion der Kritiker als „zwiespältig“. Die gesellschaftliche Bedeutung, die in der „subtile[n] Zeit-, Bewusstseins- und Diskurskritik“ begründet liege, sei nur teilweise erkannt worden. Eine adäquate Würdigung sei erst infolge der feministischen Rezeption der 1980er Jahre möglich geworden.[5.3]
Bearbeitungen
Der Text diente als Vorlage für Bearbeitungen in den Bereichen Film, Theater und Oper.
Der Roman wurde 1991 von Werner Schroeter (Regie) und Elfriede Jelinek (Drehbuch) mit Isabelle Huppert, Mathieu Carrière und Can Togay in den Hauptrollen unter dem Titel Malina verfilmt. Werner Schroeters Verfilmung beeinflusste die Bachmann-Forschung und -Rezeption wie keine andere Adaption eines Werks von Bachmann.[13][13.1] Der Film war stark umstritten.
Im Juni 2022 hatte einer Bearbeitung von Ute Liepold (Theater Wolkenflug) mit Grischka Voss, Birgit Fuchs und Magda Kropiunig im Burghof Klagenfurt Premiere.[14] Im September 2023 wurde am Volkstheater Wien die Bühnenfassung von Claudia Bauer (auch Regie) und Matthias Seier (Dramaturgie) aufgeführt, mit u. a. Evi Kehrstephan, Bettina Lieder, Nick Romeo Reimann und Samouil Stoyanov.[15]

Fritzi Wartenberg brachte 2024 am Berliner Ensemble eine Fassung auf die Bühne, in der Constanze Becker, Josefin Platt und Maeve Metelka sowohl Textstellen der Ich-Erzählerin als auch von Ivan und Malina übernahmen.[16]
Die Oper Malina von Peter Gilbert und Karola Obermüller (Musik) und Tina Hartmann (Libretto) wurde bei den Schwetzinger SWR Festspielen am 25. April 2026 im Schlosstheater Schwetzingen uraufgeführt.[17]
Ausgabe
- Ingeborg Bachmann: Malina. Roman (= Bibliothek Suhrkamp. Band 534). Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1971, ISBN 3-518-01534-6.
Literatur
- Ellen Summerfield: Ingeborg Bachmann, Die Auflösung der Figuren in ihrem Roman »Malina« (= Studien zur Germanistik, Anglistik und Komparatistik. Band 40). Bouvier, Bonn 1976, ISBN 3-416-01206-2.
- Annette Klaubert: Symbolische Strukturen bei Ingeborg Bachmann, Malina im Kontext der Kurzgeschichten. Lang, Bern / Frankfurt am Main / New York, NY 1983, ISBN 3-261-03265-0.
- Dirk Göttsche, Hubert Ohl: Ingeborg Bachmann, Neue Beiträge zu ihrem Werk: internationales Symposion Münster 1991. Königshausen & Neumann, Würzburg 1993, ISBN 3-88479-518-X.
- Gudrun Kohn-Waechter: Das Verschwinden in der Wand, Destruktive Moderne im Widerspruch eines weiblichen Ich in Ingeborg Bachmanns „Malina“ (= Ergebnisse der Frauenforschung. Band 28). J.B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung und Ernst Poeschel Verlag, Stuttgart 1992.
- Andrea Stoll (Hrsg.): Ingeborg Bachmanns „Malina“. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1992, ISBN 3-518-38615-8 (grundlegend, mit Quellen, umfangreicher Bibliografie, Forschungsperspektiven sowie den Rezensionen von Karl Krolow, Joachim Kaiser, Gabriele Wohmann, Helmut Heißenbüttel, Hans Mayer, Dieter Lattmann, Rudolf Hartung, Hilde Spiel)
- Sabine Grimkowski: Das zerstörte Ich, Erzählstruktur und Identität in Ingeborg Bachmanns „Der Fall Franza“ und „Malina“ (= Reihe Literaturwissenschaft. Band 76). Königshausen & Neumann, Würzburg 1992, ISBN 3-88479-657-7.
- Bärbel Lücke: Ingeborg Bachmann, Malina. Interpretation. Oldenbourg, München 1993, ISBN 3-486-88659-2.
- Heidi Borau: „Malina“, Eine Provokation? (= Reihe Literaturwissenschaft. Band 109). Königshausen & Neumann, Würzburg 1994, ISBN 3-88479-791-3.
- Monika Albrecht: Ingeborg Bachmann als Kritikerin Max Frischs in ihrem Todesarten-Projekt. In: Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.): Ingeborg Bachmann. 5. Auflage. Neufassung. edition text + kritik, München 1995, ISBN 3-88377-505-3, S. 136–153.
- Christine Kanz: Angst und Geschlechterdifferenzen. Ingeborg Bachmanns „Todesarten“-Projekt in Kontexten der Gegenwartsliteratur. Metzler, Stuttgart 1999, ISBN 3-476-01674-9.
- Doris Hildesheim: Ingeborg Bachmann: Todesbilder, Todessehnsucht und Sprachverlust in „Malina“ und „Antigone“. Weißensee, Berlin 2000, ISBN 3-934479-34-0.
- Sigrid Weigel: Malina. In: M. Mayer (Hrsg.): Interpretationen. Werke von Ingeborg Bachmann. Reclam, Stuttgart 2002, ISBN 3-15-017517-8.
- Monika Albrecht (Hrsg.): Malina (= Suhrkamp-BasisBibliothek. Band 56). Suhrkamp, Frankfurt am Main 2004, ISBN 3-518-18856-9.
- Christine Lubkoll: Fragmente einer Sprache der Liebe. Sprachutopie und Diskurskritik in Ingeborg Bachmanns Roman „Malina“. Universitätsreden (Emmy-Noether-Vorlesung). Erlangen 2007, ISBN 978-3-518-38086-4.
- Jean Firges: Ingeborg Bachmann, „Malina“. Die Zerstörung des weiblichen Ich. Sonnenberg, Annweiler 2008, ISBN 978-3-933264-53-4 (Rezension bei literaturkritik.de).
- Michèle Pommé: Ingeborg Bachmann, Elfriede Jelinek. Intertextuelle Schreibstrategien in „Malina“, „Das Buch Franza“, „Die Klavierspielerin“ und „Der Tod und das Mädchen V (Die Wand)“. Röhrig, St. Ingbert 2009, ISBN 978-3-86110-462-9.
- Michael Fisch: „Sie sind in die Wüste gegangen. Das Licht erbrach sich über ihnen.“ Ingeborg Bachmanns Reise nach Ägypten und in den Sudan im Mai 1964 und ihr „Todesarten“-Projekt. In: Stephan Schütz (Hrsg.): Das Wort. Germanistisches Jahrbuch Russland 2011. DAAD, Bonn/Moskau 2012, ISBN 978-3-87192-889-5, S. 87–99 und in ders., „Ich gehe dazu über, ausführlich über Ägypten zu berichten.“ Ägypten in der deutschen Reiseliteratur (1899–1999). Weidler, Berlin 2019, ISBN 978-3-89693-735-3, S. 83–100.
Weblinks
- Gabriele Wohmann: Nachtwald voller Fragen. In: Der Spiegel. Nr. 14, 1971 (online – Rezension).
- „Malina“ (Ingeborg Bachmann) im Lexikon Traumkultur.