Manche freilich

Gedicht von Hugo von Hofmannsthal From Wikipedia, the free encyclopedia

Manche freilich ... ist ein Gedicht von Hugo von Hofmannsthal. Entstanden um 1895/96, wurde es 1896 in der Zeitschrift Blätter für die Kunst gedruckt. Das Gedicht wurde von Rudolf Borchardt in seine Anthologie „Ewiger Vorrat deutscher Poesie“ (1926) unter der Überschrift „Schicksalslied“ aufgenommen.

Als Hugo von Hofmannsthal dieses Gedicht schrieb, war er um die zwanzig Jahre alt. Er hatte die Schulzeit beendet, Wehrdienst bei einem Dragoner-Regiment abgeleistet, und er veröffentlichte seine Texte ab dieser Zeit nicht mehr unter Pseudonym, sondern unter seinem Namen. Wien, seine Heimatstadt, war damals das so genannte „Zentrum des europäischen Wert-Vakuums“, wie es Hermann Broch formuliert hat.[1]

Inhalt

Das Gedicht beginnt mit den folgenden Versen:

Manche freilich müssen drunten sterben,
Wo die schweren Ruder der Schiffe streifen,
Andre wohnen bei dem Steuer droben,
Kennen Vogelflug und die Länder der Sterne.

Form

Das Gedicht hat fünf Strophen. Auf eine vierzeilige Strophe folgt eine sechszeilige, der wiederum drei Vierzeiler folgen.

Der Bau der einzelnen Zeilen ist unregelmäßig, die metrischen Akzente variieren zwischen vier oder fünf Hebungen pro Zeile, die Kola sind ungewöhnlich groß.[2] Das Gedicht ist nicht gereimt, andererseits ist es, wie Wolfgang Kayser schreibt „… voller Musik, voller bestrickender Klänge“.[2] Mittel der Klangwirkung sind Alliterationen, Binnenreime, das Dominieren eines bestimmten Vokals in einer Verszeile oder assonierende Zeilenschlüsse.

Interpretationen

Mit dem Begriff „Schiff“ wollte Hugo von Hofmannsthal vermutlich die Galeeren der Vergangenheit in Erinnerung rufen, um eine Welt darzustellen, in der das „drunten“ und „droben“ streng voneinander abgegrenzt ist. Oben saßen die Offiziere, unten ruderten die Sklaven. Gleichzeitig stehen die Schiffe als Metapher für das Staatsschiff.

Kommentare

Der Lyriker und Essayist Albert von Schirnding schreibt in seinem Kommentar zu diesem Gedicht: „Das Gedicht kommt daher wie ein prächtiges venezianisches Schiff. Langsam zieht es, mit erlesenen Worten und kostbaren Bildern geschmückt, durch das sanft bewegte Element der Sprache“.[3]

Hilde Spiel betrachtet Hofmannsthal in ihrem kleinen Essay „Uralte Müdigkeiten“ als Kind einer Zeit – der „letzten Dekade des neunzehnten Jahrhunderts“ –, die überladen war mit Ornamenten und „sinnlosem Bric-à-brac wie ein plüschener Makart-Salon“. Es sei wohl undenkbar, „daß dergleichen in Hofmannsthals Lyrik nicht Eingang gefunden hätte.“ Aber es gibt da Gedichte, in denen nahezu „alle selbstgefälligen Ästhetizismen ausgemerzt sind“, in denen die Empfindung und die komplizierte Seelenhaltung gespiegelt sind, denen der Autor wohl ausgeliefert war. „Manche freilich  ist ein solches Gedicht. Es erfaßt jenen Widerspruch zwischen dem Schwerblütigen und dem Leichtlebigen, den Hofmannsthal immer in sich trug und dem er zu der Zeit, als er es schuf, in seiner Umgebung allenthalben begegnen mußte“.[4]

Konrad Heumann, einer der Herausgeber der Hofmannsthal-Gesamtausgabe, sieht einen späten Reflex auf das Gedicht in der zeitgenössischen Popmusik. In einem Interview mit der Frankfurter Rundschau sagt er in Bezug auf die Aktualität von Lyrik: „Nehmen Sie zum Beispiel Rammstein, da gibt es in einem Lied den Vers ‚Manche führen, manche folgen‘ […], Das klingt irgendwie totalitär, zugleich erinnert es an Hofmannsthals Gedicht „Manche freilich müssen drunten sterben“ von 1895 und damit an ein dialektisches Programm von ästhetischer Führerschaft, das des Publikums bedarf. Rammstein scheinen Hofmannsthal gut zu kennen“.[5]

Literatur

  • Reinhold Grimm: Bange Botschaft. Zum Verständnis von Hofmannsthals ‚Manche freilich …‘. In: Harald Hartung (Hrsg.): Gedichte und Interpretationen. Band 5: Vom Naturalismus bis zur Jahrhundertmitte. Reclam, Stuttgart 1983, ISBN 3-15-007894-6, S. 34–42 (Reclams Universal-Bibliothek).
  • Wolfgang Kayser: Das sprachliche Kunstwerk. Eine Einführung in die Literaturwissenschaft. 20. Auflage. Francke, Tübingen 1992, ISBN 3-7720-1425-9. Darin: Hofmannsthal: Manche freilich , S. 311–318.
  • Rudolf Riedler (Hrsg.): Wem Zeit ist wie Ewigkeit. Dichter, Interpreten, Interpretationen. Piper, München / Zürich 1987, ISBN 3-492-10701-X.
  • Gert Sautermeister: Irrationalismus um die Jahrhundertwende. Hofmannsthals ‚Manche freilich müssen drunten sterben‘ und der ‚Brief des Lord Chandos‘. In: Text und Kontext, 1979, 7, S. 69–87.
  • Klaus Wieland: Formen und Funktionen personaler Identitätskonflikte in der Lyrik Hugo von Hofmannsthals. In: Persée, 2001, S. 85–111.
  • Friederike Felicitas Günther: „Mehr als schales Leiern?“ Hofmannsthals Lesung des Gedichts ‚Manche freilich …‘. In: George-Jahrbuch. Band 14. 2022/2023, S. 71–92.

Tonaufnahmen

1981 wurde das Gedicht, rezitiert von Hofmannsthal, auf eine Schallplatte (PHA EP 3) aufgespielt, 1997 auf Audio-CD (ÖAW PHA CD 4) veröffentlicht und als Audio-CD dem Hofmannsthal-Jahrbuch 2002 beigelegt. Die Tonaufnahme selbst fand am 22. April 1907 im Aufnahmestudio des Phonogrammarchivs in Wien statt.[6]

Einzelnachweise

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