Manuel Rivas
spanisch-galizischer Autor, Poet und Journalist
From Wikipedia, the free encyclopedia
Manuel Rivas Barrós (* 24. Oktober 1957 in A Coruña, Spanien) ist ein galicischer Autor von Erzählungen und Romanen, Poet und Journalist. Er schreibt hauptsächlich auf Galicisch, aber auch auf Spanisch. Im deutschsprachigen Raum ist er unter anderem für den Roman Der Bleistift des Zimmermanns[1] und die Kurzgeschichte Die Zunge der Schmetterlinge bekannt.

Leben
Rivas wuchs zunächst in Monte Alto auf, einem in Sichtweise des Herkulesturms gelegenen Stadtviertel von A Coruña; der im 2. Jahrhundert von den Römern errichtete Leuchtturm ist das Wahrzeichen der Stadt und wird in verschiedenen Roman des Autors erwähnt. Rivas stammt aus einer Familie von Kleinbauern, Handwerkern und Arbeitern, sein Vater war Maurer, seine Mutter Milchfrau, einer der Großväter Zimmermann. 1957 emigrierte der Vater für einige Zeit nach Venezuela, um mit dem dort verdienten Geld ein Haus für die Familie in Castro de Elviña in der Umgebung von A Coruña bauen zu können.[2][3] Mit As voces baixas (galicisch) / Las voces bajas (spanisch) hat der Autor in einer Art literarischen Autobiografie vom Aufwachsen in A Coruña und auf dem Land beim bäuerlichen Teil seiner Familie erzählt (nicht ins Deutsche übersetzt). Er schildert darin im Rückblick das Leben zwischen Repression und verknöcherten Moralvorstellungen unter dem Franquismus und dem Einbruch der Moderne im Spanien der 1960er und 1970er Jahre.[4]
Schon als 15-Jähriger veröffentlichte Rivas erste Beiträge in der Lokalzeitung El Ideal Gallego. Während des Studiums der Kommunikationswissenschaften in Madrid begann er als Journalist zu arbeiten, u. a. bei Teima, der ersten komplett auf Galicisch erscheinenden Wochenzeitung seit den Zeiten der spanischen Republik in den 1930er Jahren. In dieser Zeit gründete er außerdem mit Loia eine Kulturzeitschrift in galicischer Sprache.[5] Zurück in Galicien, zählten zu seinen weiteren journalistischen Stationen die Tätigkeit als stellvertretender Herausgeber der Tageszeitung Diario de Galicia und der galicischen Ausgabe von Diario 16.[6][7][8]
Seine schriftstellerische Laufbahn begann Rivas als Lyriker, seine ersten Veröffentlichungen stammen aus der Mitte der 1980er Jahre (die Gedichte wurden noch nicht ins Deutsche übersetzt); in Spanien sind bis Mitte der 2020er Jahre immer wieder Gedichtbände von ihm aufgelegt worden.[9] Seit dem Ende der 1980er Jahre erschienen auf Galicisch und Spanisch mehrere Bände mit seinen Erzählungen, darunter Un millón de vacas (galicisch, 1989), Que me queres amor? (gal., 1995) bzw. ¿Qué me quieres, amor? (span. 1996) oder Ela, maldita alma (gal.) bzw. Ella, maldita alma (span.) (2000). Der internationale Durchbruch gelang Rivas 1998 mit seinem Roman O lapis do carpinteiro (gal.) / El lápiz del carpintero (span.), der außer ins Deutsche u. a. ins Englische, Französische, Italienische oder Isländische übersetzt wurde. Er erzählt vom Schicksal einer Gruppe Gefangener, die als Anhänger der Republik von 1936 an in Galicien in den Gefängnissen des faschistischen Regimes gelandet sind. Sein zweites Hauptwerk bildet Os libros arden mal (gal.) / Los libros arden mal (span.) aus dem Jahr 2006, u. a. liegen Übersetzungen ins Deutsche, Englische und Französische vor. Zentrales Thema ist hier die Geschichte einiger Bewohner A Coruñas nach dem Putsch der rechtsgerichteten Militärs gegen die spanische Republik; die Ereignisse beginnen mit einer Bücherverbrennung auf einem zentralen Platz der Stadt. Wie diese beiden Romane beschäftigen sich auch seine in der Folge erschienenen Bücher mit Aspekten der Geschichte und Gesellschaft Galiciens, so Todo é silencio, (gal.) / Todo es silencio (span.) mit dem modernen (Drogen-)Schmugglerunwesen an der Atlantikküste oder O último día de Terranova (gal.) / El último día de Terranova (span.) mit dem Kampf gegen die Immobilienspekulation in der Region.
Rivas wirkt als Herausgeber der galicischen Kulturzeitschrift Luzes (zuvor Luzes de Galiza); neben seiner Tätigkeit für das galicische Fernsehen liefert er regelmäßig Beiträge für Medien wie La Voz de Galicia und El País.[9][7] Seit 1983 bis Mitte der 2020er Jahre ist eine vierstellige Zahl von Artikeln für die Tageszeitung El País und ihre Wochenendbeilage El País Semanal zusammengekommen.[10]
Er hat längere journalistisch-literarische Beiträge in deutschsprachigen Zeitschriften veröffentlicht. Land des Abschieds heißt ein Beitrag aus dem Jahr 1997 über seine galicische Heimatregion für die schweizerische Kulturzeitschrift Du.[11] Unter dem Titel Wo Legenden wahr werden erschien in den Heften vom März/April und Mai/Juni der deutsch-spanisch-lateinamerikanischen Zeitschrift El Rincón del Lector 1998 eine Reportage über Galicien von Manuel Rivas auf Spanisch und in deutscher Übersetzung.[12] Das spanische Original des Textes stammt aus El País Semanal vom Jahr zuvor.[13]
Der Autor ist Mitglied der Königlichen Galicischen Akademie.[9] Er zählt außerdem zu den Mitgründern des spanischen Zweigs von Greenpeace. Sein Engagement für den Schutz der Umwelt und der Natur Galiciens intensivierte er nach der Havarie der Prestige im Jahr 2002, durch den Untergang des Öltankers waren die Küsten der nordwestspanischen Region in vorher nicht gekanntem Maß verschmutzt worden.[14]
Rivas lebt in Urroa, einem Dorf an dem als Costa da Morte bekannten Landstrich an der galicischen Atlantikküste.[15]
Verfilmungen/Wirken im TV
Als Grundlage für den 1999 entstandenen Film La lengua de las mariposas (dt. Die Zunge der Schmetterlinge) unter der Regie von José Luis Cuerda dienten mehrere Erzählungen Rivas’, darunter auch die titelgebende Geschichte. Aus der Sicht eines galicischen Jungen im ersten Schuljahr werden darin Ereignisse in der Zeit vor dem faschistischen Putsch gegen die spanische Republik im Jahr 1936 geschildert; der Lehrer des Jungen (gespielt von Fernando Fernán Gómez) wird am Ende als Anhänger der Republikaner von Truppen der aufständischen Putschisten abgeführt und von dem durch seine Eltern beeinflussten Jungen beschimpft.[15][16][17] Für das Drehbuch der bei Netflix 2020 erschienenen TV-Serie Vivir sin permiso (dt. Ein unerlaubtes Leben) von Aitor Gabilondo, die die Geschichte eines an Alzheimer erkrankten galicischen Geschäftsmanns und Drogenhändlers und seiner Familie erzählt, diente die gleichnamige Erzählung Rivas’ als Basis.[7][18] Aus dem Jahr 2003 stammt der sich eng an die literarische Vorlage anlehnende Film El lápiz del carpintero nach dem gleichnamigen Roman des Autors, Regie führte Antón Reixa, zu den Mitwirkenden zählten u.a. Tristán Ulloa, Luis Tosar und María Adánez.[19] Im Juni 2026 hatte Ella, maldita alma, eine im spanischen Sender Telecinco ausgestrahlte TV-Serie, Premiere. Sie beruht auf einer Kurzgeschichte Rivas’ und spielt in einer andalusischen Kleinstadt, in der traditionelle Bräuche und moderne Lebensgewohnheiten aufeinandertreffen. In der Serie tritt u.a. auch der Schauspieler Martiño Rivas (* 1985) auf, der Sohn des Autors.[20]
Im Jahr 1999 wirkte Rivas an einer Folge der vom 2. Programm des spanischen Fernsehens produzierten Serie Ésta es mi tierra mit. Bei dieser Sendereihe führte jeweils eine spanische Autorin oder ein spanischer Autor durch eine Region des Landes. Rivas stellte an diesem Tag Galicien vor.[21]
Auszeichnungen
Der Autor erhielt zahlreiche Preise, darunter 1990 (für Un millón de vacas) und 2006 (für Os libros arden mal) den Galicischen sowie 1998 (für El lápiz del carpintero, dt. Der Bleistift des Zimmermanns) und 2006 (für Los libros arden mal, dt. Bücher brennen schlecht) den Spanischen Kritikerpreis; Los libros arden mal wurde im selben Jahr außerdem als Buch des Jahres der Madrider Buchhändlervereinigung ausgezeichnet. 1996 wurde ihm neben dem Torrente-Ballester-Preis der Spanische Nationalpreis für erzählerische Literatur für ¿Qué me quieres, amor? (dt. Die Nacht, in der ich auf Brautschau ging) verliehen. 1998 hatte Rivas für El lápiz del carpintero zusätzlich den Premio Arzobispo Juan de San Clemente erhalten. Im Jahr 2001 zeichnete ihn Amnesty International mit dem von der Organisation gestifteten Literaturpreis aus.[15][22]. Die Universität von A Coruña verlieh ihm 2012 die Ehrendoktorwürde für sein Engagement für die galicische Kultur.[5] 2019 folgten der italienische Premio Ostana und 2024 der Spanische Nationalpreis für Literatur für sein literarisches Gesamtwerk.[23][24]
Werkcharakteristik: Romane und Erzählungen
Mit geringen Ausnahmen ist der Schauplatz der erzählerischen Werke Rivas’ Galicien. Seinen Erzählungen und Romanen wird eine starke Verbundenheit mit seiner Heimatregion bescheinigt[15], die geprägt ist von einer Mischung aus Tradition und Moderne. Häufig verarbeitet er in seinen Werken Motive aus der Alltagskultur Galiciens, die noch in seiner Kindheit und Jugend zum Bild der Städte und Dörfer der Umgebung gehörten: etwa die mit ihren Maschinen über die Dörfer ziehenden ambulanten Näherinnen oder die mit riesigen Bündeln auf dem Kopf von den Flüssen zurückkehrenden Wäscherinnen[4]. Wo er nicht aus der eigenen Anschauung schöpft, bilden die mündlichen Erzähltraditionen seiner Heimat eine Quelle. Die Verfasser von Autorenporträts über Rivas sprechen von seiner Gabe zur genauen Beobachtung und einer großen Sprachgewandtheit, mit seinem Stil kombiniere er Zärtlichkeit und scharfe Anklage von sozialen Missständen, Humor und die plastische Schilderung tragischer Ereignisse .Zu den wichtigsten, immer wiederkehrenden Themen seiner Erzählungen und Romane zählen das historische Gedächtnis (im Besonderen an den Spanischen Bürgerkrieg und die franquistische Diktatur), die Verteidigung der kulturellen und sprachlichen Besonderheiten Galiciens, der Kampf gegen die Naturzerstörung, die Denunziation der Mitleidlosigkeit und Gefühlskälte der oberen sozialen Schichten, die von Sympathie getragenen Schilderungen der bäuerischen und proletarischen Bevölkerungsgruppen und der Zwang zur Emigration vieler Galicier angesichts von Armut und Perspektivlosigkeit in der Heimat. Die Kritik bezeichnet ihn als äußerst vielseitigen Autor, der perfekt in der Lage sei, verschiedenste Genres wie journalistische Reportage, romanhaftes Erzählen und Poesie zu mischen.[6] Immer wieder betont wird auch die Mischung aus Realität und Fiktion bzw. fantastischen Elementen, die in seinen Werken zu finden sei – auffällig zum Beispiel in In wilder Gesellschaft, wo etwa sprechende Raben, Mäuse und Maulwürfe ihren Auftritt haben[25][26]; der Autor sei zum Beispiel durch den galicischen Schriftsteller Álvaro Cunqueiro und seinen Stil des magischen Realismus beeinflusst.[8] Rivas selbst schätzt allerdings die Charakterisierung „magischer Realismus“ wenig, er bezeichnet sie als „literarisches Etikett, das von denkfaulen Kritikern missbraucht wird“ („esa etiqueta literaria de la que abusan los críticos perezosos“).[27]
Carl Schmitt und der Katechon in Bücher brennen schlecht
In die Rahmenhandlung seines Romans Bücher brennen schlecht hat Manuel Rivas ein historisch verbürgtes Ereignis aus der Geschichte des franquistischen Regimes eingeflochten: die Ernennung Carl Schmitts zum Ehrenmitglied des Madrider Instituts für politische Studien im Jahr 1962.[28] Der deutsche Staatsrechtler und Philosoph, Vordenker und Apologet des NS-Regimes hatte auch nach dem Ende des Nationalsozialismus enge Beziehungen zu Vertretern des Franquismus aufrechterhalten[29]; sein Denken wurde schon früh von dem spanischen Staatsphilosophen José Donoso Cortés beeinflusst, der wiederum Vorstellungen der spanischen Faschisten prägte. In Rivas’ Roman wird Schmitt zu einer Art theoretischer Leitfigur für diejenigen Vertreter des Franquismus in Galicien, die nach intellektuellen Rechtfertigungen für das Regime suchen. Dabei gewinnt für sie ein Begriff aus dem Denken Carl Schmitts große Bedeutung: der des Katechon. Schon früh fällt in einer ihrer Diskussionen der Begriff[30], später wird er näher erklärt: ein „Konzept, gewonnen aus der christlichen Apokalypse, konkret aus einem der rätselhaftesten Texte des Neuen Testaments. Dem zweiten Brief an die Thessalonicher. Dort ist die Rede von einer Macht oder Person (ho katechon), die die Ankuft des Frevlers (ho anomos) aufhält, die ihn in Schach hält. Wer sich die Rolle des Katechon anmaßt, und das ist bei Schmitt der Fall, würde eine providentielle, eine heilige Mission erfüllen.“[31]
Mit diesen Stellen hat Rivas aber nicht nur einen Aspekt der politisch-theoretischen Geschichte der (spanischen) extremen Rechten erzählerisch verwertet. Wie sich Mitte der 2020er Jahre gezeigt hat, wird der Begriff des Katechon inzwischen von zahlreichen Protagonisten der globalen Rechten als Teil ihres Denkens verfochten – von Maximilian Krah über Peter Thiel bis hin zu Alexander Dugin.[32] Damit hat Rivas schon in den Nullerjahren (die galicische und spanische Ausgabe erschienen 2006) eine 20 Jahre später virulent werdende politische Diskussion literarisch vorweggenommen.
Werke (Auswahl)
- Un millón de vacas, Edicións Xerais 1989 (galicisch).
- En salvaxe compaña, Edicións Xerais 1993 (galicisch); En salvaje compañia, Editorial Alfaguara 1994 (spanisch)
- Deutsche Ausgabe: In wilder Gesellschaft. Aus dem Spanischen von Elke Wehr, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1998, ISBN 978-3-518-41005-9.
- Que me queres, amor?, Editorial Galaxia 1995 (galicisch); ¿Qué me quieres, amor?, Editorial Alfaguara 1996; Reclam Verlag 2012, ISBN 978-3-15-019828-5 (spanisch)
- Deutsche Ausgabe: Die Nacht, in der ich auf Brautschau ging. Aus dem Galicischen von Elke Wehr, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2002, ISBN 978-3-518-39937-8.
- O pobo da noite, Edicións Xerais 1996 (galicisch); El pueblo de la noche, Editorial Alfaguara 1997 (spanisch).
- O lapis do carpinteiro, Edicións Xerais 1998 (galicisch); El lápiz del carpintero, Editorial Alfaguara 1998 (spanisch)
- Deutsche Ausgabe: Der Bleistift des Zimmermanns. Aus dem Galicischen von Elke Wehr, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2000, ISBN 978-3-518-41137-7.
- A man dos paíños, Edicións Xerais 2000 (galicisch); La mano del emigrante, Editorial Alfaguara 2001 (spanisch).
- Ela, maldita alma, Editorial Galaxia 2000 (galicisch); Ella, maldita alma, Editorial Alfaguara 1999 (spanisch).
- Os libros arden mal, Edicións Xerais 2006 (galicisch); Los libros arden mal, Editorial Alfaguara 2006 (spanisch)
- Deutsche Ausgabe: Bücher brennen schlecht (2 Bände). Übersetzt von Petra Strien-Bourmer, Verlag Ludwig, Kiel 2018, ISBN 978-3-86935-257-2.
- La lengua de las mariposas und andere Erzählungen, Hueber Verlag 2007 (spanisch), ISBN 978-3-19-019529-9.
- A desaparición da neve. La desaparición de la nieve, Editorial Alfaguara 2009 (galicisch, spanisch, katalanisch, baskisch)
- Todo é silencio, Edicións Xerais 2010 (galicisch); Todo es silencio, Editorial Alfaguara 2010 (spanisch).
- As voces baixas, Edicións Xerais 2012 (galicisch); Las voces bajas, Editorial Alfaguara 2012 (spanisch).
- O último día de Terranova, Edicions Xerais 2015 (galicisch); El último día de Terranova, Editorial Alfaguara 2015 (spanisch).
- Tras do Ceo, Edicions Xerais 2024 (galicisch), Detrás del cielo, Editorial Alfaguara 2024 (spanisch).
Weblinks
- Literatur von und über Manuel Rivas im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Blog des Autors (zwischen 2016 und 2021)
- O máis estraño, Blog
- Bibliografie der Werke Rivas’ (spanisch)
- Judith Adam, Anna Lammers, Friedrike von Glahn, Benjamin Wilcks, Donde el mar parió la ciudad. Stadtgedächtnis in Manuel Rivas’ Os libros arden mal (deutsch)
- Frauke Bode, Lo fantástico y la memoria histórico en Rivas (spanisch)
- Über die Bürgerplattform Nunca máis, die sich nach der Havarie der Prestige in Galicien gründete (englisch)
- Über die Havarie der Prestige (deutsch)