Marat Balagula

russisch-US-amerikanischer Krimineller From Wikipedia, the free encyclopedia

Marat Jakowlewitsch Balagula (russisch Марат Яковлевич Балагула; * 8. September 1943 in Tschkalow, Sowjetunion; † 19. Dezember 2019 in New York City, Vereinigte Staaten[1]) war ein russisch-US-amerikanischer Krimineller. Als Boss der russischen Mafia in New York City war er ein enger Vertrauter der Lucchese-Familie und der Colombo-Familie.

Marat Balagula (2019)

Biografie

Frühes Leben

Marat Balagula wurde 1943 auf dem Höhepunkt des Zweiten Weltkriegs als Sohn sowjetisch-jüdischer Eltern in der russischen Stadt Orenburg geboren („Balagula“ ist Jiddisch für „Wagenfahrer“.) Seine Mutter Sinaida war nach dem deutschen Einmarsch in die UdSSR mit den Kindern aus ihrer Heimatstadt Odessa in der Ukraine in den Osten geflohen. Zum Zeitpunkt seiner Geburt war Marats Vater, Jakow Balagula, als Leutnant in der Roten Armee tätig.[2]

Als junger Erwachsener erwarb Balagula zwei Hochschulabschlüsse: einen in Mathematik und einen weiteren in Wirtschaftswissenschaften.[3] Mehrere Jahre lang arbeitete Balagula auch als Besatzungsmitglied auf dem sowjetischen Kreuzfahrtschiff MS Ivan Franko, was er nutzte, um während seiner Auslandsreisen knappe westliche Konsumgüter zu kaufen und diese nach seiner Rückkehr in die UdSSR auf dem Schwarzmarkt weiterzuverkaufen.[1]

Einwanderung in die USA und Aufstieg in der russischen Mafia

Nachdem er jahrelang angeblich in Absprache mit korrupten Parteifunktionären in Odessa einen Schwarzmarkt für Lebensmittel betrieben hatte, beschloss Balagula 1977, mit seiner Familie in die Vereinigten Staaten auszuwandern. Zunächst arbeitete er als Textilschneider in Washington Heights für 3,50 Dollar pro Stunde. Seine Frau Alexandra erinnerte sich später: „Es war schwer für uns, ohne Sprachkenntnisse und ohne Geld.“[2]

Balagula zog mit seiner Familie nach Brighton Beach, wo er ein Restaurant eröffnete, das er später verkaufte, um eine Kette von vierzehn Tankstellen zu erwerben.[1] 1980 erwarb Balagula das Restaurant Odesa, welches auch als Nachtklub und Kabarett fungierte, an der Brighton Beach Avenue. Das Odesa wurde als Treffpunkt in der Nachbarschaft so beliebt, dass der Filmregisseur Paul Mazursky dort eine Szene mit Robin Williams für den Film Moscow on the Hudson drehen wollte. Balagula lehnte das Angebot ab, da er befürchtete, unerwünschte Aufmerksamkeit auf den Club zu lenken.

Mit Hilfe des in Leningrad geborenen Mafiabosses Jewsei Agron baute Balagula sein Geschäft aus und gründete dabei eine Reihe von Scheinfirmen, um die Steuerbehörde zu täuschen und sowohl staatliche als auch bundesstaatliche Benzinsteuern zu hinterziehen. Mit der Zeit verkauften Agron und Balagula jeden Monat Kraftstoff im Wert von 150 Millionen Dollar und strichen zusätzlich 30 bis 40 Millionen Dollar an nicht gezahlten Einkommenssteuern ein.[3]

Nach dem Mord an Agron am 4. Mai 1985 wurde Balagula zum mächtigsten russischen Gangster in Brooklyn.[2] Balagulas wichtigster Handlanger war Boris Nayfeld, ein belarussisch-jüdischer Gangster, der 1978 nach Amerika gekommen war und vom NYPD verdächtigt wurde, an Agrons Ermordung beteiligt gewesen zu sein.[4] Auch Balagula selbst war möglicherweise an der Ermordung Agrons beteiligt. In Brighton Beach war Balagula eine wichtige Persönlichkeit und gefürchtet.

Kooperation mit der amerikanischen Mafia

Nachdem der Caporegime der Colombo-Mafiafamilie, Michael Franzese, seinen Untergebenen Frankie „the Bug“ Sciortino beauftragt hatte, von Balagulas Untergebenen im Benzingeschäft Schutzgeld zu erpressen, indem er ihnen mit einem Kugelhammer drohte,[5] bat Balagula um ein Treffen mit dem Consigliere der Lucchese-Mafiafamilie, Christopher Furnari, im 19th Hole Social Club in Bensonhurst. Dabei kamen er und die italoamerikanische Mafia zu einer Übereinkunft. In der Folge verhängten die Fünf Familien von New York eine „Familiensteuer“ in Höhe von zwei Cent pro Gallone auf Balagulas Schwarzbrennerei, die nach dem Drogenhandel zu ihrer größten Einnahmequelle wurde.[5] Balagula ging auch eine Partnerschaft mit dem italoamerikanischen Gangster Anthony Casso bei einer Diamantenmine in Sierra Leone ein. Sie eröffneten dafür eine Geschäftsstelle in Freetown.[6]

Der Benzinsteuerbetrug und andere Geschäfte waren für Balagula so erfolgreich, dass er unter anderem eine mit rosa Marmor ausgestattete Villa in New York und eine private Insel vor der afrikanischen Küste erwerben konnte.[7] Zur gleichen Zeit wurde Balagulas Stellvertreter, Boris Nayfeld, von einem Mitglied der Gambino-Familie gefragt, ob er Heroin beschaffen könne. Daraufhin richteten Balagula und Nayfeld eine internationale Schmuggeloperation ein. Heroin wurde in Thailand gekauft, in Fernsehgeräten verstaut und dann nach Polen geschmuggelt. Die Drogen wurden anschließend per Kurier nach New York City transportiert und an die Fünf Familien verkauft. Da Polen keine erwartete Quelle für den Drogenhandel in die Vereinigten Staaten war, dauerte es sehr lange, bis die DEA und der US-Zoll von dieser Route Kenntnis erhielten.[8] Balagula leitete zudem einen Waffenhandelsring, der automatische Waffen in Florida erwarb, diese nach New York City transportierte und anschließend zur Veräußerung auf dem Schwarzmarkt in die UdSSR verschiffte.[5]

Balagulas Abkommen mit den Fünf Familien wurde von seinem Rivalen, einem ebenfalls sowjetisch-jüdischen Gangster namens Wladimir Resnikow, als Zeichen der Schwäche gewertet.[1] Um ein Zeichen zu setzen, fuhr Resnikow zu Balagulas Büros in Midwood (Brooklyn). Von seinem Auto aus eröffnete Resnikow mit einem AK-47-Sturmgewehr das Feuer auf das Bürogebäude. Einer von Balagulas engsten Mitarbeitern wurde getötet, mehrere Sekretärinnen wurden verletzt.[9] Am 12. Juni 1986 betrat Resnikow das „Odesa“ in Brighton Beach. Er drückte Balagula eine 9-mm-Beretta an den Kopf und forderte 600.000 Dollar als Preis dafür, nicht abzudrücken. Außerdem verlangte er einen Anteil an allen Geschäften, an denen Balagula beteiligt war.[7] Obwohl Balagula sofort zustimmte, soll Resnikow gedroht haben, Balagula und dessen ganze Familie zu töten, falls dieser sich ihm jemals in den Weg stellen sollte. Als Balagula seinem Geschäftspartner Anthony Casso von dem Vorfall erzählte, versprach dieser, sich um das Problem zu kümmern.[6] Bereits am folgenden Tag wurde Resnikow im Nachtklub Rasputin von Joseph Testa, einem Mafia-Auftragskiller, erschossen. Casso zufolge „hatte Marat danach keine Probleme mehr mit anderen Russen“.[5]

In späteren Interviews mit dem Journalisten Wladimir Koslowski gab Balagula zu, dass seine „Komplizen“ Resnikow als Reaktion auf dessen Beschwerden getötet hätten. Balagula bestritt, damals gewusst zu haben, dass diese „Komplizen“ Verbindungen zur amerikanischen Mafia hatten.[1]

Fall und Inhaftierung

Im Jahr 1986 plante Balagula gerade einen 750.000-Dollar-Betrug mit Kreditkarten, als ein Geschäftspartner, Robert Fasano, begann, für den United States Secret Service seine Gespräche mit Balagula per Mikrofon aufzuzeichnen. Nachdem er wegen Verstößen gegen Bundesgesetze verurteilt worden war und der empörte Alan Dershowitz Balagulas Forderung abgelehnt hatte, den Berufungsrichter zu bestechen, floh Balagula mit seiner langjährigen Geliebten Natalja Schewtschenko nach Antwerpen.[10] Balagula zog daraufhin mit dem mit der Mafia verflochtenen israelischen Geschäftsmann und KGB-Spion Schabtai Kalmanowitsch nach Sierra Leone. In Freetown betrieben Balagula und Kalmanowitsch ein äußerst profitables Geschäft mit dem Import von Benzin; ein Deal, der vom flüchtigen Geschäftsmann Marc Rich vermittelt und von der Lucchese-Familie finanziert wurde. Balagula und Kalmanowitsch zogen anschließend nach Apartheid-Südafrika, wo sie weitere Geschäfte abwickelten. In späteren Jahren gaben Balagulas kriminelle Komplizen jedoch an, dass sie bei jedem Geschäft, das sie mit Kalmanowitsch machten, Geld verloren hätten.[7]

Im Februar 1987 verfolgte der FBI-Agent Harold Bibb die Kreditkartenbelege von Balagulas Geliebter, Natalja Schewtschenko, bis zu einer Wohnung in Johannesburg zurück. Bibb erfuhr außerdem, dass Schewtschenko Tochter sich an einer örtlichen Universität eingeschrieben hatte und dass Balagulas Untergebene in New York City jeden Monat Balagulas Fahrer, einen ehemaligen Offizier der sowjetischen Marine, nach Südafrika schickten, um Balagula 50.000 Dollar in einer abgenutzten schwarzen Ledertasche persönlich zu übergeben.[10]

Obwohl Agent Bibb nach Südafrika reisen wollte, um die Festnahme selbst durchzuführen, weigerte sich der Secret Service, die Kosten für ein Flugticket zu übernehmen. Stattdessen kontaktierte Agent Bibb den Sicherheitsbeauftragten der US-Botschaft in Pretoria, der die Polizei in Johannesburg alarmierte und ihr Fotos sowohl von Balagula als auch von dessen Fahrer zur Verfügung stellte. Balagula und Schewtschenko entgingen jedoch der Festnahme und flohen nach Sierra Leone. In einem Interview mit dem Journalisten Robert Friedman äußerte Agent Bibb die Vermutung, dass südafrikanische Strafverfolgungsbeamte Bestechungsgelder angenommen hätten, um Balagula entkommen zu lassen.[10]

Nach drei Jahren auf der Flucht wurde Balagula am 27. Februar 1989 aufgrund einer Interpol Red Notice von einem Beamten des Bundesgrenzschutzes erkannt und am Flughafen in Frankfurt am Main festgenommen. Nach seiner Festnahme sagte Balagula: „Es ist sehr schwer, ein Flüchtling zu sein. Ich kann meine Familie nicht sehen. Im letzten Jahr habe ich angefangen, offen zu arbeiten. Ich wollte gefasst werden.“[10]

Im Dezember 1989 wurde Balagula an die Vereinigten Staaten ausgeliefert und wegen Kreditkartenbetrugs zu acht Jahren Haft verurteilt.[10] Weitere 10 Jahre Haft erhielt er im November 1992 für seinen Kraftstoffbetrug und Steuerhinterziehung.[10]

Obwohl das FBI Druck auf ihn ausübte, als Kronzeuge auszusagen, weigerte sich Balagula und gab auch während seiner Haft in einem Bundesgefängnis weiterhin Anweisungen an seine Organisation.[10] Balagula verbüßte seine Strafe und wurde 2004 aus der Haft entlassen. Er starb 2019 in New York City an Krebs.[1]

Persönliches

Balagula lernte seine zukünftige Frau Alexandra 1965 auf einer Hochzeitsfeier kennen und heiratete sie im folgenden Jahr. Da Alexandra die langen Abwesenheiten ihres Mannes nicht mochte, gab Balagula seine Stelle an Bord der Iwan Franko auf und begann stattdessen, in Absprache mit korrupten Apparatschiks einen Schwarzmarkt für Lebensmittel zu betreiben; einer von ihnen war laut Balagula der spätere sowjetische Ministerpräsident Michail Gorbatschow.[2]

Nach seinem Erfolg als Benzinbetrüger zog Balagula mit seiner Frau und seinen Kindern von Brighton Beach in ein 1,2 Millionen Dollar teures Vorstadthaus auf Long Island.[5]

Einzelnachweise

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