Marga Jess

erste Goldschmiedin in Deutschland, Künstlerin Geboren: 1885 - Gestorben: 1953 From Wikipedia, the free encyclopedia

Marga Jess (* 10. März 1885 in Rendsburg; † 16. April 1953 in Lüneburg) war eine deutsche Goldschmiedin. Sie war 1912 die erste Frau in Deutschland, die ihre Meisterprüfung als Goldschmiedin ablegte.

Silberschale (ca. 1920)
Brosche (ca. 1920)

Biographie

Marga Jess wurde als zweite Tochter von Konrad Heinrich Jess, Königlich Preußischer Geheim-Oberjustizrat und späterer Landgerichtspräsident in Lüneburg, und seiner Frau Ida Wilhelmine in Rendsburg geboren. 1904 siedelte die Familie nach Lüneburg über. Im Alter von 20 Jahren erhielt sie Unterricht bei dem Bardowicker Maler und Grafiker Hugo Friedrich Hartmann. Von 1906 bis 1909 besuchte sie die private Debschitz-Kunstschule in München, ein Lehr- und Versuchsatelier für freie und angewandte Kunst. In den Jahren 1909 bis 1911 absolvierte sie eine Lehre bei den Hofjuwelieren Gebrüder Friedländer in Berlin unter der Leitung von Max Weichmann. Sie bestand ihre Gesellenprüfung vor der Berliner Innung mit einer sehr guten Note.[1]

Das Haus An den Brodbänken 11 (2020)

1911 zog Marga Jess zurück nach Lüneburg, wo sie eine eigene Werkstatt einrichtete. Am 1. Juli 1912 legte sie als erste Frau in Deutschland ihre Meisterprüfung vor der Handwerkskammer in Harburg ab.[2] Ihr Meisterstück war eine goldene Brosche mit drei Opalen. 1913 zeigte sie ihre Arbeiten reichsweit in verschiedenen Ausstellungen und nahm an einem Wettbewerb der Stadt Lüneburg für eine goldene Amtskette teil. Ihr Entwurf „Taumotiv“ wurde in zwei Fachzeitschriften publiziert, aber nicht realisiert. Vor Kriegsausbruch beteiligte sie sich 1914 an der Deutschen Werkbund-Ausstellung in Köln, wo ein „Haus der Frau“ eingerichtet worden war. In einer Rezension der Werkbund-Ausstellung wurde von dem „Kuriosum“ berichtet, „dass sich unter den Ausstellern auch eine geprüfte Goldschmiedemeisterin befindet“. In den folgenden Jahren besuchte sie Lehrgänge in Galvanotechnik sowie Chemie- und Elektrotechnik an der Kunstgewerbe- und Handwerksschule in Köln und belegte einen fast einjährigen Fortbildungskurs in Silberschmieden und Emaillieren an der „Königlichen Fachschule für Edelmetallindustrie Schwäbisch Gmünd“.[1]

Nach dem Ersten Weltkrieg entwickelte sich der Betrieb von Marga Jess zur größten Goldschmiedewerkstätte Lüneburgs und war zunächst an der Neuen Sülze 21a ansässig. 1935 richtete sie ihre Arbeits-, Verkaufs- und Wohnstätte in dem vor 1827 errichteten „Goldschmiedehaus“, An den Brodbänken 11, ein. (Das Haus steht unter Denkmalschutz.) In diesem wirkte sie als sechster Goldschmied in Folge. 1931 wurde sie erstmals als Mitglied der Meisterprüfungskommission für Goldschmiede in der Handwerkskammer Harburg-Wilhelmsburg, Bezirk Lüneburg-Stade, genannt. 1947 trat sie in die „Deutsche Gesellschaft für Goldschmiedekunst“ ein.[1] Während der NS-Zeit stellte sie auf verschiedenen Ausstellungen in Deutschland ihre Werke aus. 1938 erhielt sie auf der Deutschen Goldschmiede-Ausstellung in Wetzlar 1938 den zweiten Preis für den Königspokal der Schützengilde Bevensen. Sie wurde vermehrt mit öffentlichen Auftragsarbeiten betraut: Vermittelt durch den Gauleiter Otto Telschow stellte sie Nachbildungen von Teilen des Lüneburger Ratssilbers als Ehrengeschenke her. Als 1943 nicht-kriegswichtige Werkstätten geschlossen wurde, entging die Werkstatt von Marga Jess einer solchen Schließung, da sie über eine galvanische Anlage verfügte, die benötigt wurde.[1]

Marga Jess starb am 16. April 1953 in ihrem Haus „An den Brodbänken 11“ im Alter von 68 Jahren. Ihre Beisetzung erfolgte auf dem Zentralfriedhof.[1]

Ehrungen und Erinnerungen

Zum 100. Geburtstag von Marga Jess wurde ihr Grab vom Kulturausschuss der Stadt Lüneburg als erhaltenswertes Denkmal eingestuft. Den Grabstein hatte sie in den 1930er Jahren gemeinsam mit ihren Gesellen angefertigt und die Grabplatte selbst geschmiedet.[1][3]

Als 2017 im Lüneburger Neubaugebiet Hanseviertel-Ost eine Straße nach Marga Jess benannt werden sollte, wurde dies von der VVN kritisiert: Marga Jess habe ihr Handwerk in den Dienst der Nationalsozialisten gestellt, Bürgermeisterketten mit Hakenkreuz und Nazi-Runen, diverse Ringe und Schalen zur Erbauung der NS-Führungskräfte angefertigt. Ihre Korrespondenz soll sie mit „Heil Hitler!“ unterzeichnet haben. „Sie unterstützte durch ihre Anbiederung und die öffentliche Verwendung ihrer kunsthandwerklichen Erzeugnisse das Legitimitätsinteresse der Nationalsozialisten“, hieß es in der Stellungnahme der VVN. „Für die Benennung einer Straße mit ihrem Namen ist Frau Marga Jess daher nicht geeignet.“ Trotz dieses Einwands erfolgte die Benennung der Straße nach Jess.[4]

Commons: Marga Jess – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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