Marhaši
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Marhaši, deutsch Marhaschi, englisch transkribiert Marhashi, (sumerisch: Mar-ḫa-šiKi, 𒈥𒄩𒅆𒆠, Parhaši, Barhaši) war eine territoriale und politische Einheit, die wahrscheinlich im Südosten des heutigen Iran lag. Sie ist von der zweiten Hälfte des 3. Jahrtausends v. Chr. bis ins frühe 2. Jahrtausend v. Chr. von mesopotamischen Quellen überliefert und war bekannt für ihre exotischen Handelsgüter wie Lapislazuli, Karneol, seltene Tiere und Pflanzen.

Geschichte

Marhaši ist von der zweiten Hälfte des 3. Jahrtausends v. Chr. bis ins frühe 2. Jahrtausend v. Chr. von mesopotamischen Quellen überliefert. In den Quellen wird es öfters zusammen mit Magan und Meluhha aufgeführt. Für die Länder am Euphrat und Tigris war es ein weit entferntes, exotisches Land mit einem mystischen Anflug.[1.1]

Marhaši war eine bedeutende politische Kraft und kontrollierte die östliche Region des Iranischen Plateaus. Es hatte die Funktion einer Zwischenstation zwischen Mesopotamien und Elam im Westen und Meluhha im Osten. Die älteste Erwähnung stammt von Inschriften vom ersten akkadischen König Sargon. Während der Kampagne gegen die Susiana, besiegte der akkadische König die Armeen von Elam und Marhaši.[3.1][4] Unter den besiegten Feinden befanden sich auch vier hohe Würdenträger von Marhaši: der Bruder des Königs, zwei Generäle und ein Richter. Der Feldzug fand vermutlich auf dem Gebiet von Elam statt, da die in den Inschriften gelisteten Städte, die erobert wurden, in dieser Region anzusiedeln sind.[1.2]
Unter dem Sohn von Sargon, Rimuš, wurden die Kriege weitergeführt. Er besiegte Abalgamaš, den König von Marhaši, und seinen General Sidgau in einer ersten Schlacht, der eine weitere Auseinandersetzung mit kombinierten Kräften von Marhaši und seinen Bündnispartnern folgte, die Rimuš ebenfalls zu seinen Gunsten entscheiden konnte.[3.2] Mit diesem zweiten Sieg wurde Rimuš alleiniger Herrscher von Elam und der Einfluss von Marhaši auf Elam fand ein Ende. Wie in den Inschriften von Sargon gibt es auch in diesen Inschriften gibt es keinerlei Hinweise, dass Rimuš das Land von Marhaši je betreten hätte. Es ist deshalb davon auszugehen, dass sich die Macht Akkads bis zu den Grenzen von Marhaši erstreckte, jedoch nicht darüber hinaus.[1.3]
Eine neue Phase trat mit der politischen Allianz in der Form der Hochzeit zwischen einer Tochter von Šulgi, dem zweiten König der 3. Dynastie von Ur, und dem König von Marhaši ein. Zwei Könige von Marhaši reisten in der Folge nach Mesopotamien und hielten sich längere Zeit dort auf. Während der 3. Dynastie von Ur dienten Soldaten aus Marhaši als Elitetruppen in Mesopotamien. Die Kontakte zwischen Mesopotamien und Marhaši waren diplomatischer Natur, charakterisiert durch eine Beziehung von zwei gleichberechtigten Mächten.[4]
Nach der 3. Dynastie von Ur existieren nur noch zwei altbabylonische Überlieferungen, in denen Marhaši erwähnt wird. In späteren historischen Quellen wird es nicht mehr ausgeführt. Entweder hatte Marhaši aufgehört zu existieren oder es gab keine Kontakte mehr.[4]
Handelsgüter
Marhaši war bekannt für seine Mineralien, Tiere und Pflanzen (Knoblauch oder Zwiebeln).[1.4]
Das wichtigste Mineral, das mit Marhaši verbunden war, war duḫšia,[5] 1982 wurde der Begriff mit dem Mineral Achat in Beziehung gebracht. Nach den Ergebnissen der Ausgrabungen in der Jiroft-Ebene wird vermutet, dass es sich um Chlorit, beziehungsweise Chloritgefäße, handelt.[6.1] Es scheint, als ob Marhaši der Hauptlieferant für duḫšia in Mesopotamien war. Darauf deuten nicht nur Inschriften, die Marhaši als Lieferanten angeben, sondern auch die üblicherweise Verwendung von Marhaši als Attribut zu duḫšia.[1.5][6.2]
Ein weiterer Stein, der mit dem akkadischen Begriff marḫušu / marḫašu (*marḫašiju > sumerisch marhušu > altbabylonisch marḫušu) überliefert ist,[7] und in Beziehung zu Marhaši steht (übersetzt „derjenige von Marhaši“), wird ebenfalls mit Chlorit/Steatit übersetzt wird. Da duḫšia wahrscheinlich ursprünglich kein sumerisches Wort ist, könnte es eine fremde und ältere Bezeichnung dieses Minerals sein.[6.2] Andere importierte Steine aus Marhaši waren eine grüne Variante von Lapislazuli und Karneol, für die Marhaši als Umschlagplatz diente, da die Herkunft dieser Steine weiter östlich anzusiedeln ist.[6.3]
Marhaši war für seine exotischen Tiere bekannt. Es gab das Schaf und den Hund aus Marhaši wie auch Affen, Elephanten und Zebus. Vom letzten König der 3. Dynastie von Ur, Ibbi-Sin, ist überliefert, dass er eine Statue mit dem Abbild des „gefleckten Hunds aus Meluhha“ in Auftrag gegeben habe. Der „gefleckte Hund“ war wahrscheinlich ein Leopard und wurde dem König als Geschenk von Marhaši übergeben.[1.6]
Forschungsgeschichte
Die meisten altorientalischen Wissenschaftler waren bis weit ins 20. Jahrhundert n. Chr. der Meinung, dass Marhaši östlich vom Fluss Diyala und damit im Norden oder Nordwesten von Elam läge. Die Vermutung wurde erstmals von William Foxwell Albright 1925 geäußert,[8] die in den folgenden Jahren von den meisten Wissenschaftlern gestützt wurde. Meistens wurde auf eine Inschrift eines unbekannten Herrschers von Der, einer östlichen Stadt Mesopotamiens, mit dem Namen Ilum-muttabbil während der frühen altbabylonischen Zeit verwiesen. Dieser König habe die Armeen von Anschan, Elam und Schimaschki besiegt und habe als Unterstützer von Marhaši gehandelt. Man nahm deshalb an, dass Marhaši in der Nähe von Der liegen müsse. Arno Poebel äußerte 1914 seine Zweifel und argumentierte, dass Marhaši weiter entfernt von Mesopotamien liegen müsse als Elam.[9] und Claus Wilcke setzte 1969 Marhaši mit der Provinz Fars gleich.[10] Piotr Steinkeller veröffentlichte 1982 einen Artikel mit einer Übersicht über die Quellenlage und setzte Marhaši in den Südosten Irans.[1.7] Ein wichtiges Argument für den Südosten Irans spielen neben Hinweisen aus geografischen Anordnungen von Länderlisten seltene Mineralien, exotische Tiere und Pflanzen, die nach Mesopotamien importiert wurden und mit Marhaši assoziiert sind.[1.8]
In wissenschaftlichen Kreisen wurde bis 1999 einhellig angenommen, dass die in den Quellen überlieferte Ortsangabe Parahšum mit Marhaši gleichgesetzt werden könne. Dafür sprachen eine phonologische Herleitung, die nicht gleichzeitige Erwähnung der beiden Begriffe und Übersetzungen aus dem 1. Jahrtausend v. Chr., die mar-ha-ši mit parašum ersetzten. Entsprechend der Gleichsetzung wurden die überlieferten Inschriften aus Mesopotamien, die Parahšum und Marhaši erwähnten, von den Wissenschaftlern zu einem einheitlichen Geschichtsbild ausgewertet.[1.7][11] 1999 wurde die Gleichsetzung aufgrund von Unterschieden in der Geographie, die in den Überlieferungen zum Ausdruck kommen, und den voneinander abweichenden Beziehungen der beiden Regionen zu Mesopotamien in Frage gestellt. Parahšum wird darin in der heutigen Provinz Fars verortet und Marhaši östlich davon in der Ebene von Jiroft in der heutigen Provinz Kerman.[11]
Literatur
- Piotr Steinkeller: Marḫaši. In: Dietz Otto Edzard (Hrsg.): Reallexikon der Assyriologie und Vorderasiatischen Archäologie. Band 7, Walter de Gruyter, Berlin/New York 1987–1990, ISBN 3-11-010437-7, S. 381–382. (publikationen.badw.de)
- Piotr Steinkeller: The Question of Marhaši: A Contribution to the Historical Geography of Iran in the Third Millennium B.C. In: Zeitschrift für Assyriologie und Vorderasiatische Archäologie. Band 72 (2), 1982, S. 237–265.
- François Vallat: Eléments de géographie élamite (résumé). In: Paléorient. Band 11/2, 1985, S. 49–54, hier S. 51. (jstor.org)
- Aage Westenholz: The Old Akkadian period: History and culture. History and Culture In: Pascal Attinger, Markus Wäfler (Hrsg.): Mesopotamien: Akkade-Zeit und Ur III-Zeit. Orbis Biblicus et Orientalis 160/3. Vandenhoeck & Ruprecht, Freiburg 1999, ISBN 3-525-53325-X, S. 91–92. (archive.org)
- Daniel T. Potts: Total prestation in Marhashi-Ur relations. In: Iranica Antiqua. Band 37, 2002, S. 343–357.
- Henri-Paul Francfort, X. Tremblay: Marhaši et la civilization de l’Oxus. In: Iranica Antiqua. Band 45, 2010, S. 51–224.
- Piotr Steinkeller: New Light on Marhaši and its Contacts with Makkan and Babylonia. In: Jessica Giraud, Guillaume Gerne: Aux marges de l’archéologie: Hommage à Serge Cleuziou. Paris 2012, S. 261–74.
- Piotr Steinkeller: Marhaši and Beyond: The Jiroft Civilization in a Historical Perspective". In: Barbara Cerasetti, C. C. Lamberg-Karlovsky, Bruno Genito (Hrsg.): My Life is Like a Summer Rose. Marizio Tosi e l’archaeologia come modo di vivere. Papers in Honour of Maurizio Tosi for His 70th Birthday. BAR International Series 2690. Oxford 2014, ISBN 978-1-4073-1326-9, S. 691–707.
- Ran Zadok: Issues in the Historical Geography and the Ethno-Linguistic Character of the Zagros and Adjacent Regions. In: Dikla Rivlin Katz, Noah Hacham, Geoffrey Herman, Lilach Sagiv (Hrsg.): A Question of Identity: Social, Political, and Historical Aspects of Identity Dynamics in Jewish and Other Contexts. De Gruyter Oldenbourg, Berlin, Boston 2019, S. 71–110.