Marie-Janine Calic
deutsche Historikerin
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Marie-Janine Calic (* 10. August 1962 in West-Berlin[1]) ist eine deutsche Historikerin und Professorin für die Geschichte Ost- und Südosteuropas an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) und Politikberaterin.

Leben
Marie-Janine Calic ist die Tochter des aus Jugoslawien emigrierten Historikers und Publizisten Edouard Calic, der ab 1959 in West-Berlin lebte. Ihr Studium der Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) schloss sie 1987 mit dem Magisterexamen ab. Anschließend war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der LMU, wo sie 1992 in Südosteuropäischer Geschichte promoviert wurde. Thema ihrer Dissertation war die Sozialgeschichte Serbiens in der Zeit der Industrialisierung (1815–1941).
Im Anschluss wechselte Calic als wissenschaftliche Referentin zur Stiftung Wissenschaft und Politik nach Ebenhausen bzw. Berlin, wo sie bis 2002 tätig war. 1995 fungierte sie als Beraterin des UN-Sondergesandten für das ehemalige Jugoslawien in Zagreb, von 1999 bis 2002 als politische Beraterin des Sonderkoordinators des Stabilitätspakts für Südosteuropa in Brüssel. 2004 folgte Calic einem Ruf der LMU in München als Professorin für Ost- und Südosteuropäische Geschichte. Sie hatte verschiedene Gastprofessuren inne, unter anderem am College of Europe in Natolin und an der Beijing Foreign Studies University.
Calic bearbeitet die neuere und neueste Geschichte Südosteuropas, insbesondere im 20. Jahrhundert. Zahlreiche Publikationen befassen sich mit Jugoslawien und seinen Nachfolgestaaten. Zu den thematischen Schwerpunkten gehören unter anderem deutsche und europäische Balkanpolitik, Konfliktbearbeitung und internationale Friedenssicherung, Erinnerungs- und Vergangenheitspolitik sowie die Geschichte des Kalten Krieges in Südosteuropa.

Mit dem 2025 erschienenen Buch Balkan-Odyssee, 1933–1941. Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa rekonstruiert Calic die Flucht- und Exilwege deutschsprachiger Menschen im damaligen Jugoslawien zwischen 1933 und 1941 anhand bislang wenig ausgewerteter Tagebücher, Briefe und amtlicher Akten.[2] Im Mittelpunkt stehen biografische Fallgeschichten, die in kurzen Episoden erzählt und durch Kontextpassagen zur politischen und gesellschaftlichen Entwicklung Südosteuropas ergänzt werden.[2] Das Buch beschreibt Jugoslawien der 1930er-Jahre als wichtigen Zufluchts- und Transitort für Intellektuelle, Künstler und insbesondere jüdische Flüchtlinge aus dem deutschsprachigen Raum.[2] Calic zeichnet dabei auch die Handlungsräume von Helfern und Grenzakteuren nach, die Fluchten ermöglichten oder behinderten.[2] Zu den im Buch behandelten Exilbiografien zählen die Schauspielerin Tilla Durieux und der Schriftsteller Manès Sperber, daneben weniger bekannte Personen aus Wissenschaft, Handel und Kultur.[2] Das Werk enthält überdies zeitgenössisches Bildmaterial und endet mit der Eskalation von Verfolgung und Gewalt in Südosteuropa infolge der Besetzungen und Kollaborationsregime ab 1941.[2]
Calic ist Mitglied des Herausgebergremiums der Zeitschriften Comparative Southeast European Studies und Südost-Forschungen. Sie ist stellvertretende Vorsitzende der Gesellschaft für Außenpolitik, Vorsitzende der Michael-Zikic-Stiftung sowie Mitglied des Stiftungsrates der Stiftung zur Erforschung von Ost- und Südosteuropa des Leibniz-Instituts für Ost- und Südosteuropaforschung. Ferner gehört sie dem Wissenschaftlichen Beirat des European Network Remembrance and Solidarity an.
Für ihr Buch Balkan-Odyssee, 1933–1941. Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa wurde Calic mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2026 in der Kategorie Sachbuch/Essayistik ausgezeichnet.[3]
Schriften (Auswahl)
- Sozialgeschichte Serbiens 1815–1941. Der aufhaltsame Fortschritt während der Industrialisierung (= Südosteuropäische Arbeiten. Bd. 92). München: Oldenbourg 1994, ISBN 3-486-56090-5 (zugl. Dissertation, Universität München, 1992).
- Der Krieg in Bosnien-Hercegovina. Ursachen – Konfliktstrukturen – internationale Lösungsversuche. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1995, ISBN 3-518-11943-5.
- Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert. München: C. H. Beck 2014, ISBN 978-3-406-60646-5 (2010) (= Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung. Bd. 1093), Bonn 2010.[4][5]
- Südosteuropa. Weltgeschichte einer Region, 2. durchges. Aufl., München: C. H. Beck 2018 (1. Aufl. 2016), ISBN 978-3-406-69830-9.
- The Great Cauldron. A History of Southeastern Europe. Translated by Elizabeth Janik. Cambridge/London: Harvard University Press 2019, ISBN 978-0-674-98392-2.[6]
- Zgodovina jugovzhodne Evrope. Ljubljana: Mladinska knjiga 2019, ISBN 978-961-282-411-2.
- Jugoistočna Evropa. Globalna Historija. Sarajevo: Udruženje za modernu historiju / Udruga za modernu povijest 2020, ISBN 978-9926-477-03-5.
- Tito. Der ewige Partisan. München: C. H. Beck 2020, ISBN 978-3-406-75548-4.[7]
- Geschichte des Balkans. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. München: C. H. Beck 2023, ISBN 978-3-406-80674-2.[8]
- Balkan-Odyssee, 1933–1941. Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa. C.H. Beck, München 2025, ISBN 978-3-406-83634-3.
Weblinks
- Literatur von und über Marie-Janine Calic im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Kurzbiographie und Publikationsliste Calics am Lehrstuhl für Ost- und Südosteuropäische Geschichte der Universität München
- Autorenprofil Marie-Janine Calic auf Zeit.de.
- Kurzbiografie und Rezensionen zu Werken von Marie-Janine Calic bei Perlentaucher