Marienkirche (Wardenburg)
Kirchengebäude in Wardenburg
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Die Marienkirche in Wardenburg ist die Pfarrkirche der Evangelischen Kirchengemeinde Wardenburg, die dem Kirchenkreis Delmenhorst/Oldenburg Land der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Oldenburg angehört.

Lage und Umgebung
Die Marienkirche befindet sich im historischen Glockenturmviertel von Wardenburg. Der Friedhof der Marienkirche geht im Kern auf das Mittelalter zurück.[1] Die parkartig gestaltete Anlage ist durch Bäume, Wege und Grabstätten geprägt und wird von einer historischen Backsteinmauer mit eisernen Toren umschlossen. Der Hauptzugang zum Kirchengelände erfolgt durch das Rundbogentor des Wardenburger Glockenturms. Darüber hinaus befinden sich weitere Zugänge in der Friedhofsmauer. Der Friedhof wird im Südwesten von der Friedrichsstraße, im Nordwesten von der Straße Am Friedhof, im Nordosten vom Patenbergsweg und im Osten von der Straße Am Glockenturm begrenzt.
Östlich der Kirche steht ein Backsteingebäude (Am Glockenturm 6), das früher als „Arnkens Gasthaus“ bekannt war.[2] Es diente unter anderem der Bewirtung der Gläubigen nach dem Gottesdienst.[3] Bis 1857 bestand vom Kirchhof aus ein direkter Zugang zum Gasthaus durch eine Seitentür, so dass der Weg durch den Torbogen des Glockenturms nicht erforderlich war.[3] Das Gebäude beherbergt heute ein Blumengeschäft (Stand: 2026).
Geschichte
Die erste Kirche wurde im Zuge der Christianisierung des Lerigaues im 9. Jahrhundert im benachbarten Westerburg errichtet, jedoch schon vor 890 zerstört. Im 13. Jahrhundert befand sich dort eine neuere Kirche mit dem Patrozinium des Petrus, die bis ins 16. Jahrhundert bestand.[4]

Von Westerburg aus wurde 1268 eine Wallfahrtskapelle in Wardenburg gegründet, die Unserer Lieben Frau (Maria) geweiht war und auf die das heutige Kirchengebäude im Kern zurückzuführen ist.[5] Die Kapelle soll größer und prächtiger als die heutige Kirche und mit fünf Altären ausgestattet gewesen sein. Im Spätmittelalter war sie Ziel einer Wallfahrt. Dort wurde ein wundertätiges Marienbildnis mit dem Motiv der Anbetung der Könige verehrt, das sich im Hochaltar befand und dessen Verbleib nach der Erneuerung des Altars im Jahr 1793 unklar ist.[5][6] Unter der Herrschaft des Grafen Anton I. von Oldenburg wurde ein Großteil der kirchlichen Besitzungen zugunsten der Landesherrschaft eingezogen. In der Folge gehörte die Pfarrstelle in Wardenburg zu den einkommensschwächsten der gesamten Grafschaft.[7]
Nach der Reformation wurde die Kirche 1538 in einer Fehde zwischen der Grafschaft Oldenburg und dem Hochstift Münster von den Münsterschen Truppen niedergebrannt.[5][7] Dadurch verlor sie die Funktion als Wallfahrtskirche. Zunächst standen keine Mittel für einen Neubau zur Verfügung. Erst 1578 wurde unter Graf Johann VII. von Oldenburg unter Verwendung des erhaltenen Westteils eine neue Kirche errichtet und die Marienkirche wurde zur Pfarrkirche erhoben.[5][7]
Im 18. Jahrhundert befand sich an der Außenseite der Kirchentür ein Halseisen. Es diente dazu, Personen zur Bestrafung von Regelverstößen öffentlich zur Schau zu stellen.[8]

In dieser Form blieb die Kirche bis ins 20. Jahrhundert erhalten, bis ein Ausbau und dringende Renovierungsarbeiten erforderlich wurden. Im Jahr 1933 stifteten nach Amerika ausgewanderte Gemeindemitglieder die künstlerisch gestalteten Verglasungen der Fenster beiderseits des Kanzelaltars.[9]
Friedrich Thorade (1880–1970) war von 1924 bis 1950 Pfarrer der Marienkirche und gehörte der Bekennenden Kirche (BK) an. Der von Stahlhelm-Anhängern dominierte Kirchenrat in Wardenburg bekannte sich gemeinsam mit Thorade zur BK und grenzte sich damit von den Deutschen Christen ab. Dies führte zu mehreren, kleinen Auseinandersetzungen mit der Leitung der Wardenburger NSDAP.[10][11]
In den Jahren 1959 und 1960 wurden der Chor nach Osten sowie ein neuer Kirchturm auf dem Fundament des alten Turms angebaut. Während der Innenrenovierung wurde beim Ausbau der alten Emporenbalken eine ungewöhnliche Entdeckung gemacht. In einem Hohlraum des Mauerwerks der Nordwand fanden Bauarbeiter eine mumifizierte menschliche Hand. Wann und aus welchem Grund das gut erhaltene Körperteil dort eingemauert worden war, konnte nicht geklärt werden. In Abstimmung mit der Denkmalpflege wurde der Fund anschließend an seiner ursprünglichen Stelle im Mauerwerk belassen.[12][13] Im Anschluss der Renovierungsarbeiten wurden die Glocken des Geläut der Kirchengemeinde in den neuen Turm eingebaut.[5][14][15] Bis dahin beherbergte der benachbarte Wardenburger Glockenturm das Geläut.
Ab Sommer 2011 erhielt die Kirche einen neuen Außenanstrich. Anstelle des zuvor weißgrauen Farbtons wurde das Gebäude auf Beschluss des Gemeindekirchenrates ocker gestrichen.[16] Die neue Farbgebung veränderte das äußere Erscheinungsbild der Kirche deutlich.
Gedenkstein für polnische Zwangsarbeit

Nachdem sich Schüler der Letheschule in Oberlethe im Jahr 2003 im Rahmen eines Projekts mit ihrem Lehrer Ralf Jordan mit der Geschichte von Zwangsarbeit in Wardenburg beschäftigt hatten, ermittelten sie die Namen und Lebensdaten mehrerer in Wardenburg ums Leben gekommener polnischer Zwangsarbeitenden. Im Jahr 2004 wurde daraufhin an einem bis dahin namenlosen Grab bei der Marienkirche eine Gedenktafel für die Opfer errichtet.[17][18][19]
Bei den dort genannten Personen handelt es sich um
- Leokadia Stefanczyk (* 9. Dezember 1920 in Guschin, † 22. Dezember 1944, untergebracht auf dem Hof Stöver in Wardenburg)[20][21][22]
- Maria Grzelak (* 2. Januar 1911 in Utczak, † 23. Mai 1945, untergebracht in Huntlosen)[20][23][24]
- Aleksandra Mielczarek (* 17. Dezember 1920 in Swinica, † 28. April 1945, untergebracht in Littel)[20][21][22]
- Julian Grajewski (* 1. November 1914 in Neusass, † 18. September 1943, untergebracht auf dem Hof Knetemann in Achternholt)[20][21][22]
- Wladyslaw Seliga (* 7. Juli 1919 in Zysuno, † 28. September 1943, untergebracht auf dem Hof Knetemann in Achternholt)[20][21][22]
- Pawel Dera (* 31. Dezember 1910 in Niedeck, † 2. Mai 1945, untergebracht auf dem Hof Hempen in Charlottendorf Ost)[20][22][23]
- Irena Popel (* 30. Dezember 1944 in Oldenburg, † 21. Januar 1945, untergebracht auf dem Hof Fangmann in Wardenburg)[20][21][22]
Die polnischen Zwangsarbeitenden waren zwischen 24 und 34 Jahre alt, Irena Popel war hingegen ein Neugeborenes, das erst drei Wochen alt war. Die genannten Personen kamen zwischen September 1943 und Mai 1945 in der Gemeinde Wardenburg ums Leben. Als Todesursachen sind Suizide, die auf die schlechten Lebens- und Arbeitsbedingungen auf den Höfen zurückzuführen sind sowie Gewalteinwirkungen, Krankheiten und unmittelbare Kriegseinwirkungen belegt.[25]
Der Gedenkort ist beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge erfasst und wird regelmäßig vom polnischen Generalkonsulat besucht.[17][18][19][26] Auf einer Tafel neben dem Gedenkstein steht in deutscher als auch in polnischer Sprache folgender Text:
„Zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus, die unter Missachtung der Menschenrechte und durch Beraubung ihrer Menschenwürde aus ihrer Heimat verschleppt, in der deutschen Kriegswirtschaft Zwangsarbeit leisten mussten.“
Architektur
Die flachgedeckte Saalkirche aus geschlämmtem Backstein besitzt einen quadratischen, unverputzten Westturm und einen polygonalem Chorschluss in 5/8 Form.[15] An den westlichen Ecken des Langhauses befinden sich schräg gestellte Strebepfeiler. Im älteren westlichen Teil sind die Mauern dicker, wodurch sich eine geringere Breite des Innenraums ergibt. Das Langhaus und der Chorschluss werden durch Spitzbogenfenster gegliedert. Im westlichen Teil des Langhauses sind noch Hinweise auf ein früher vorhandenes Gewölbe zu erkennen, das durch eine flache Holzbalkendecke ersetzt wurde.[27][28]
Ausstattung

Der Altar stammt aus dem Jahr 1793.[27] Auch die Kanzel, die Emporen und der Taufstein aus Sandstein in Balusterform wurden in der Zeit um 1800 hergestellt. Zudem befinden sich zum Teil barocke Totenschilde aus den Jahren 1655, 1663 und 1719 in der Kirche.[28][15]
Die barocke Orgel mit 13 Registern wurde im August und September 1737 von Johann Dietrich Busch aus Itzehoe nach Plänen Christian Vaters erbaut. Auch der Prospekt ist aus dieser Zeit erhalten. Im Jahr 1821 wurde sie repariert, 1844 und 1845 vergrößert und 1930, 1960 sowie 1974 restauriert.[29][30]
Denkmalschutz
Die Marienkirche ist von Bedeutung für die Ortsgeschichte sowie für die Bau- und Kunstgeschichte. Ihre besondere kulturhistorische Bedeutung ergibt sich aus der vielschichtigen Baugeschichte mit erhaltenen Bauteilen aus dem Mittelalter sowie aus ihrer historischen Ausstattung. Darüber hinaus stellt sie ein charakteristisches Beispiel einer dörflichen, flachgedeckten Saalkirche dar. Als ortsbildprägendes Bauwerk nimmt sie eine zentrale städtebauliche Funktion innerhalb des Ortes ein. Aufgrund dieser geschichtlichen, künstlerischen und städtebaulichen Bedeutung steht die Kirche unter Denkmalschutz.[15]
Literatur
- Die Bau- und Kunstdenkmäler des Herzogtums Oldenburg. IV. Heft: Die Ämter Oldenburg, Delmenhorst, Elsfleth und Westerstede, Neudruck der Ausgabe 1907, Osnabrück 1976, S. 75 ff.
- Georg Dehio (Hrsg.): Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler. Bd. 2: Bremen/Niedersachsen, Neubearb., München 1992, ISBN 3-422-03022-0, S. 1333.
- Knöfel, Achim; Büsselmann, Hans-Hermann; Gießing, Imke: Marienkirche und Glockenturm in Wardenburg – Reihe: Kirchen im Oldenburger Land; Hrsg. von der Oldenburgischen Landschaft; Isensee Verlag Oldenburg, 2023; ISBN 978-3-7308-2013-1