Marienkirche (Wolfenbüttel)

Kirchengebäude in Wolfenbüttel, Landkreis Wolfenbüttel, Niedersachsen From Wikipedia, the free encyclopedia

Die Hauptkirche Beatae Mariae Virginis (kurz: Hauptkirche BMV, BMV oder Hauptkirche) zu Wolfenbüttel ist eine protestantische Kirche. Sie wird manchmal unter Bezug auf die Vorgängerkirche auch als Marienkirche bezeichnet; [Ecclesia] Beatae Mariae Virginis bedeutet „[Kirche] der seligen Jungfrau Maria“. Der Bau wurde von Herzog Heinrich Julius in Auftrag gegeben und 1608–1624 ausgeführt. Die Marienkirche ist bis heute eine der großen Kirchen des Braunschweiger Landes.

Hauptkirche BMV zu Wolfenbüttel

Baugeschichte

Bau

Die Kirche hat sowohl Stilelemente der Gotik (Fenster), der Renaissance als auch des Barocks (Giebel). Diese stilistische Vielfalt ist charakteristisch für die Nachgotik, bei der die Elemente der Gotik bewusst als Bedeutungsträger für „Altehrwürdigkeit“ eingesetzt wurden.

Die Geschichte der Hauptkirche BMV steht in engem Zusammenhang mit der Entwicklung Wolfenbüttels zur herzoglichen Residenzstadt. Östlich des Schlosses stand zuvor eine kleine Marienkapelle, die 1301 erstmals urkundlich erwähnt ist. Von Herzog Heinrich dem Jüngeren 1533 zur herzoglichen Grablege ausgebaut, entstand an dieser Steile etwa ein halbes Jahrhundert später unter Beibehaltung des Namens die erste große protestantische Kirche. Auslösend war ein Gesuch der „Prediger und Kirchenväter“, mit dem sie im Januar 1604 an den regierenden Herzog Heinrich Julius herantraten. Dieser war zudem bestrebt, gleichzeitig eine neue Grablege für die fürstliche Familie zu errichten.

Mit dem Bau wurde 1608 unter der Leitung des herzoglichen Baumeisters Paul Francke begonnen. Im Jahr 1613 waren die Arbeiten so weit fortgeschritten, dass der überraschend in Prag verstorbene Herzog Heinrich Julius in der neuen Fürstengruft beigesetzt werden konnte. Trotz des Dreißigjährigen Krieges wurden die Bauarbeiten bis zum Jahre 1624 weitgehend abgeschlossen. Das Notdach auf dem Turm wurde erst 1751 durch den heute vorhandenen barocken Turmhelm ersetzt. Dem Bildhauer Jacob Meyerheine werden die Portale an der Nord- und Südseite zugeschrieben.[1]

Die Marienkirche sollte eine Predigt- und Abendmahlskirche zur Verkündigung des reformatorischen Glaubens für die Gemeinde werden, zugleich aber auch den Wunsch nach fürstlicher Repräsentation erfüllen. Paul Francke griff auf die gotische Konzeption der niederdeutschen Hallenkirchen zurück. Gleichzeitig zeigen sich an der Marienkirche auch Ideen „humanistischer Architektur“ aus Italien und der Niederländischen Renaissance. Das nach eigener „Manier“ kombinierte Gesamtkunstwerk ist somit ein Beispiel des deutschen Manierismus. Allerdings wurde das Westportal, 1645 fertiggestellt, eindeutig im barocken Stil geschaffen.[2]

Nach dem Zweiten Weltkrieg

Im Zuge der 68er-Bewegung schloss sich der Theologiestudent Michael Düllmann am Abend vor Totensonntag 1968 in die Marienkirche ein. Bis gegen 23 Uhr zerstörte er mit einer Axt vier Ehrentafeln für Wehrmachtssoldaten.[3] Als Begründung gab er an „Das ist das Christentum, das Auschwitz ermöglicht hat“ und zitierte Matthäus 3,10 LUT „Schon ist die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt.“[4] Hinzu kamen Störaktionen Düllmanns und seiner befreundeten Kommilitonen während des Gottesdienstes der St.-Trinitatis-Gemeinde. Dort verzichteten Kirchenvorstand und Propst auf eine Strafanzeige, während der Kirchenvorstand der Marienkirche laut einer Darstellung von Dietrich Kuessner Strafanzeige gegen Düllmann stellte und damit seine Verurteilung erwirkte.[5]

Eine umfassende Sicherung und Restaurierung der Marienkirche geschah von 1969 bis 1985. Es gelang aufgrund von intensiven Farbuntersuchungen, die historisch gesicherte Farbgebung des 17. Jhs. wiederherzustellen.

Ausstattung

Kanzelkorb
Taufbecken und Gitter
  • Vierungsaltar von 1830
  • Kanzel, Holz mit geschnitzten Reliefs von Georg Steyger, Quedlinburg, Auftrag 1619, aufgestellt 1623,
  • Taufbecken, Messing gegossen, 1571 von Cord Mente, Braunschweig. Reliefs der Taufe Christi und Szenen aus der Apostelgeschichte.

Hauptaltar

Das ursprünglich für die evangelische Trinitatiskirche in Prag 1612 von Bernhard Ditterich gefertigte barocke Retabel wurde 1623 nach Wolfenbüttel gebracht, erweitert und aufgestellt. Dreigeschossiger Aufbau, in der Predella Relief des Abendmahls, im Hauptfeld Skulpturengruppe der Kreuzigung, flankiert von einer Ölberggruppe und einem Ecce Homo, darüber Kreuzabnahme und Grablegung, in der Bekrönung der auferstandene Christus. Eine Restaurierung von 1985 hat die farbige Fassung wieder freigelegt.[6]

Orgel

Orgel

Die Orgel wurde im Jahre 1959 von der Orgelbaufirma Karl Schuke (Berlin) erbaut. Das Instrument befindet sich in dem sehenswerten historischen Prospekt der Vorgängerorgel, die in den Jahren 1620–1624 von dem Orgelbauer Gottfried Fritzsche (Dresden) nach Anweisung des damaligen Hofkapellmeisters Michael Praetorius geschaffen wurde. Von diesem Instrument sind heute noch sechs Register erhalten. Im Jahr 1693 begann der Braunschweiger Orgelbauer Johann Friedrich Besser eine Reparatur, die jedoch aufgrund seines Todes am 25. Juni 1693 nicht vollendet werden konnte. Johann Josua Mosengel vollendete diese Reparatur im Jahr 1695 zusammen mit seinem Bruder Johann Elias. Dabei nahm er auch eine Dispositionsänderung vor.[7]

Die heutige Orgel hat insgesamt 53 Register (4501 Pfeifen) mit vier Manualen und Pedal. Sie hat Schleifladen, die Spieltrakturen sind mechanisch, die Registertrakturen elektrisch.[8]

I Rückpositiv C–
Quintadena16′F
Principal8′
Gedackt8′F
Oktave4′F
Spitzgedackt4′F
Feldpfeife2′
Quinte113
Sesquialtera II223
Oberton II
Scharff V-VII
Dulcian16′
Schalmei8′
Tremulant
II Hauptwerk C–
Principal16′
Oktave8′
Spitzflöte8′F
Oktave4′
Koppelflöte4′
Nassat223
Oktave2′
Cornett III-V
Mixtur VI-VIII
Scharff IV
Trompete16′
Trompete8′
III Brustwerk C–
Gedackt8′
Rohrflöte4′
Principal2′
Oktave1′
Terzian II
Scharff IV
Vox humana8′
Holzregal4′
Tremulant
IV Kronwerk C–
Quintadena8′
Nachthorn4′
Blockflöte2′
Nassat113
Rauschwerk IV
Cymbel III
Bärpfeife16′
Trichterregal8′
Tremulant
Pedal C–
Principal16′
Untersatz16′
Oktave8′
Gedacktbaß8′F
Oktave4′
Pommer4′
Bauernflöte2′
Baßaliquot IV
Mixtur VI-VIII
Posaune16′
Trompete8′
Trompete4′
Sing. Cornett2′

Glocken

Im Kirchturm hängen drei historische Glocken. Die älteste stammt noch aus der Vorgängerkirche.

Weitere Informationen Gewicht ...
GlockeGussjahrGießerGewicht DurchmesserSchlagton
11659Heiso Meyer, Wolfenbüttelca. 3200 kg1755 mm
21683ca. 1200 kg1295 mmdis′
31571Cordt Menten (d. Ä.)ca. 0650 kg1003 mmgis′
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In der Turmlaterne hängen außerdem noch zwei Uhrschlagglocken.[9]

Gräber

Der Hofkapellmeister und Komponist Michael Praetorius (1571–1621) wurde in der Kirche bestattet. Der genaue Standort des Grabes ist heute nicht mehr bekannt. Auch der Baumeister Paul Francke wurde in der Marienkirche beigesetzt. In der ersten, heute unzugänglichen Fürstengruft wurden zwischen 1553 und 1606 12 Mitglieder des Herzogshauses bestattet, in der zweiten, heute zugänglichen Gruft zwischen 1613 und 1767 29 Mitglieder. Nahe dieser zweiten Gruft wurde 1624 auf Anordnung des Herzogs der Theologe Basilius Sattler beigesetzt, ein Epitaph erinnert noch heute an ihn.

In der nicht zugänglichen, älteren Fürstengruft sind u. a. bestattet:

Heinrich II. (1489–1568), regierender Herzog 1514–1568; dessen Gemahlin in zweiter Ehe, Herzogin Sophia (1522–1575); sowie dessen Söhne aus erster Ehe, Karl Viktor (1525–1553) und Philipp Magnus (1527–1553).

In der heute zugänglichen Fürstengruft, dem sog. „jüngeren Gewölbe“, sind folgende, überwiegend Angehörige des welfischen Herrscherhauses von Braunschweig-Wolfenbüttel, bestattet:[10]

  1. Sophie Elisabeth (1613–1676), dritte Gemahlin von Herzog August dem Jüngeren
  2. Christine Margarete (1615–1666), Schwester der vorigen
  3. August II. (1579–1666), regierender Herzog 1635–1666
  4. Amalia Antonia (1668–1668), Tochter von Herzog Anton Ulrich
  5. Eleonore Sophie (1655–1656), Tochter von Herzog Rudolf August
  6. Sibylle Rosalia (1672–1673), Tochter von Herzog Anton Ulrich
  7. Leopold August (1661–1662), Erbprinz, Sohn von Herzog Anton Ulrich
  8. und 9, Doppelsarg: Anton Ulrich, (1633–1714), regierender Herzog 1685–1714; dessen Gemahlin Herzogin Elisabeth Juliane (1634–1704)
  9. Anna Sophie (1659–1742), Tochter von Herzog Anton Ulrich, Gemahlin des Markgrafen von Baden-Durlach, Karl Gustav
  10. August Friedrich (1657–1676)
  11. Dorothea Augusta (1577–1625), Schwester von Herzog Heinrich Julius, Äbtissin von Gandersheim
  12. August Wilhelm (1662–1731), Sohn von Herzog Anton Ulrich, regierender Herzog 1714–1731
  13. Elisabeth Sophie Marie (1683–1767), dritte Gemahlin von Herzog August Wilhelm
  14. Christian Franz (1639–1639), Sohn von August II. (dem Jüngeren)
  15. Heinrich Julius (1564–1613), regierender Herzog 1589–1613
  16. Sophie Amalie von Schleswig-Holstein-Gottorf (1670–1710), zweite Gemahlin von Herzog August Wilhelm
  17. August Franz (1665–1666), Sohn von Herzog Anton Ulrich
  18. Elisabeth (1573–1626), zweite Gemahlin von Herzog Heinrich Julius
  19. Friedrich Ulrich (1591–1634), regierender Herzog 1613–1634
  20. Heinrich Karl (1609–1615), Sohn von Herzog Heinrich Julius
  21. Julius August (1578–1617), Bruder von Herzog Heinrich Julius, Abt des Klosters Michaelstein
  22. Christian (1599–1626), Sohn von Heinrich Julius, Bischof von Halberstadt, genannt „der tolle Christian“
  23. Charlotte Auguste (1692–1692), Tochter von Herzog Ludwig Rudolf
  24. August Karl (1664–1664), Sohn von Herzog Anton Ulrich
  25. Ernst Leopold (1685–1722), Schwager von Herzog August Wilhelm
  26. Friedrich, Pfalzgraf bei Rhein (1594–1626)
  27. August Heinrich (1663–1664), Sohn von Herzog Anton Ullrich
  28. Christine Sophie von Braunschweig-Wolfenbüttel (1654–1695), Tochter von Herzog Rudolf August, erste Gemahlin von Herzog August Wilhelm

Veranstaltungen

Neben Gottesdiensten finden in der Kirche auch Veranstaltungen, wie beispielsweise Konzerte, statt. Überregionale Aufmerksamkeit erhielt das Gotteshaus mit der vom NDR live im Ersten übertragenen Christvesper am Heiligen Abend 2011; es predigte Landesbischof Friedrich Weber.[11][12]

Bildergalerie

Literatur

  • Christoph Helm (Hrsg.): Pietas et Maiestas. Die herzogliche Grablege in der Hauptkirche in Wolfenbüttel. Roco Druck 2015, ISBN 978-3-9815710-2-8.
  • Hans-Herbert Müller (Hrsg.): Die Hauptkirche Beatae Mariae Virginis in Wolfenbüttel. Reihe: Forschungen der Denkmalpflege in Niedersachsen Band 4. 1. Auflage, Verlag CW Niemeyer, Hameln 1987

Einzelnachweise

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