Mario Schifano

italienischer Maler From Wikipedia, the free encyclopedia

Mario Schifano (* 20. September 1934 in Al-Chums, Italienisch-Libyen; † 26. Januar 1998 in Rom) war ein italienischer Künstler. Er machte sich vor allem mit seinen Gemälden und Collagen im Stil der Pop Art einen Namen. Schifano wirkte auch als Filmemacher und Musiker und war beidseits des Atlantiks in die internationale Kulturszene der 1960er Jahre integriert. Die Rolling Stones widmeten ihm einen ihrer Songs. Über lange Zeit war sein Leben von seiner Drogenabhängigkeit geprägt.[1]

Leben

Jugend und frühe Karriere

Mario Schifano wurde im italienischen Libyen als Sohn von Giuseppe Schifano und Rosa Paganini geboren. Sein Vater, sizilianischer Herkunft, war Angestellter des Ministeriums für Volksbildung.[2] Nach Kriegsende kehrte er nach Rom zurück, wo er aufgrund seiner rastlosen Persönlichkeit die Schule frühzeitig verließ, dann zunächst Gelegenheitsarbeiter war, seinen Militärdienst leistete und dann als Assistent seines Vaters, der am Etruskischen Museum der Villa Giulia als Archäologe und Restaurator tätig war. Dank dieser Erfahrung näherte er sich der Kunst und schuf zunächst Werke, die von der informellen Kunst beeinflusst waren. Seine erste Einzelausstellung fand 1959 in der Galleria Appia Antica in Rom statt.[3]

Das Caffè Rosati an der Piazza del Popolo

Ende der 1950er Jahre beteiligte Schifano sich mit Künstlern wie Francesco Lo Savio, Mimmo Rotella, Giuseppe Uncini, Giosetta Fioroni, Tano Festa und Franco Angeli an der künstlerischen Bewegung Scuola di Piazza del Popolo. Die Gruppe traf sich im Caffè Rosati, einer römischen Bar, die unter anderem von Pier Paolo Pasolini, Alberto Moravia und Federico Fellini frequentiert wurde und sich auf der Piazza del Popolo befand, von der sie ihren Namen ableiteten. Im Jahr 1960 wurden die Werke der Gruppe in einer Gemeinschaftsausstellung in der Galleria La Salita gezeigt.[4]

1961–1970

1961 gewann Schifano den Premio Lissone in der Kategorie „Junge internationale Malerei“ und eine Einzelausstellung in der Galleria La Tartaruga des Galeristen Plinio De Martiis in Rom. In der Zwischenzeit hatte er im Caffè Rosati unter anderem seine künftige Geliebte Anita Pallenberg kennengelernt, mit der er 1962 seine erste Reise nach New York unternahm, wo er mit Andy Warhol und Gerard Malanga in Kontakt kam und regelmäßig Warhols The Factory und die Abende der New American Cinema Group besuchte. Während dieser Zeit nahm er an der Gruppenausstellung „New Realists“ in der Sidney Janis Gallery teil, die viele der jungen Künstler der Pop Art und des Nouveau Réalisme umfasste, darunter Andy Warhol und Roy Lichtenstein.[5] Anschließend bot sich ihm die Gelegenheit, am New Yorker Gesellschaftsleben teilzunehmen, was ihn zu seinen ersten Experimenten mit LSD führte.[6]

Nach seiner Rückkehr aus New York beteiligte er sich an Ausstellungen in Rom, Paris und Mailand und schließlich 1964 an der XXXII. Internationalen Kunstausstellung von Venedig.[7] Während dieser Zeit erschienen seine Gemälde, die als „paesaggi Anemici“ (dt.: „anämische Landschaften“) bezeichnet werden und die zu seinen späteren, berühmten futuristischen Bildwerken hinführten.[8] Seine ersten 16-mm-Filme, Round Trip und Reflex, stammen ebenfalls aus diesem Jahr. Diese Filme positionierten ihn als Figur des italienischen Experimentalkinos am Rande der Cooperativa Cinema Indipendente, der er sich jedoch nie offiziell anschloss.[9] In Rom lernte er Marco Ferreri und Giuseppe Ungaretti kennen, mit denen er häufig verkehrte. In jenen Jahren freundete er sich dank seiner häufigen Reisen nach London mit den Rolling Stones an, denen er Anita Pallenberg vorstellte, die 1965 eine Beziehung mit Brian Jones begann und Jahre später die Partnerin von Keith Richards wurde.[10] 1965 nahm er an der Biennale von San Marino und der Biennale von São Paulo in Brasilien teil und schuf seine Werkreihe mit dem Titel Io sono infantile (dt.: Ich bin kindisch), die unter anderem das Interesse von einflussreichen Personen wie den Kunstkritikern Maurizio Calvesi, Maurizio Fagiolo dell'Arco und dem Journalisten Goffredo Parise weckte.[11]

In den Jahren 1966–67 gründete er die Band Le Stelle di Mario Schifano (dt.: Die Sterne von Mario Schifano) mit den Musikern Giandomenico Crescentini (ehemals Bassist der Band New Dada), dem Gitarristen Urbano Orlandi, dem Keyboarder Nello Marini und dem Schlagzeuger Sergio Cerra, wobei Schifano die musikalische Leitung übernahm und die Stelle für eine Zeitlang zu einer der bekanntesten italienischen Psychedelic-Rock-Bands machte.[12] Nach der Veranstaltung Grande angolo, sogni e stelle (dt.: Großer Engel, Träume und Sterne) in Rom, die am 28. Dezember im damaligen Underground-Szenelokal Piper Club stattfand[13], überließ Schifano die Gruppe sich selbst und widmete sich verstärkt seiner filmischen und künstlerischen Tätigkeit; er ließ sich zudem in eine kurzzeitige Beziehung mit Marianne Faithfull ein, über die in der englischen Boulevardpresse viel berichtet wurde.[14][15]

1967 schuf er die Titelsequenzen für den Vorspann und den Abspann von Marco Ferreris Film L'harem (engl. Fassung: Her Harem). Dank Ferreris Interesse an seiner Arbeit konnte er im folgenden Jahr seine Trilogia per un massacro (dt.: Trilogie eines Massakers) produzieren, bestehend aus den drei Spielfilmen Satellite (1968), Umano non-umano (dt.: Menschlich, unmenschlich, 1969), worin neben anderen Adriano Aprà, Carmelo Bene, Mick Jagger, Alberto Moravia, Sandro Penna, Rada Rassimov und Keith Richards mitwirkten, sowie Trapianto, consunzione, morte di Franco Brocani (dt.: Transplantation, Verbrauch, Tod von Franco Brocani, 1969).[16]

1968 entwarf er das Cover des Studioalbums Stereoequipe der damals populärsten[17] italienischen Beatband Equipe 84. Im Jahr 1969 nutzte Ferreri Schifanos damalige Wohnung an der römischen Piazza in Piscinula als Kulisse für den Film Dillinger è morto (dt.: Dillinger ist tot); darin sind an den Zimmerwänden einige Gemälde Schifanos zu sehen.[18] 1969 widmeten die Rolling Stones Mario Schifano den Song Monkey Man, der auf ihrem Album Let It Bleed erschien.[19]

1970er und 1980er Jahre

Im Jahr 1971 berücksichtigte Achille Bonito Oliva einige Gemälde Schifanos in der Ausstellung Vitalità nel negativo nell'arte italiana 1960/70 (dt.: Vitalität im Negativen in der italienischen Kunst 1960/70). Darüber hinaus brachte ihn seine Freundschaft mit dem Präsidenten der Kunstmesse Biennale delle arti decorative in Monza, Oscar Cugola, in engen Kontakt mit Fernsehkreisen. Viele seiner Werke, die sogenannten „Monochrome“, bestehen nur aus ein oder zwei Farben, die auf auf Leinwand geklebtes Geschenkpapier aufgetragen werden. Der Einfluss von Jasper Johns zeigte sich in der Verwendung von Zahlen oder einzelnen Buchstaben des Alphabets; in Schifanos Malstil lassen sich jedoch auch Analogien zum Werk von Robert Rauschenberg finden.

Der Einfluss der Pop Art ist in Mario Schifanos künstlerischem Schaffen deutlich erkennbar; er war fasziniert von neuen Technologien, Werbung, Musik, Fotografie und Experimenten. Insbesondere die Werke des Künstlers aus den 1980er Jahren sind der Pop Art sehr nah verwandt. Zu den wichtigsten Werken dieser Periode zählt die Serie Propagande (dt.: Werbung) von Bildern, die etwa der Werbung für Marken wie Coca-Cola und Esso gewidmet sind oder auch ein klares Beispiel für die Verwendung gebräuchlicher und leicht erkennbarer Sujets liefern, die auf vielfältige Weise oder in Details auf Fahrräder, Blumen und die Natur im Allgemeinen Bezug nehmen. Zu seinen bekanntesten und wichtigsten Werken zählen seine emulgierten Leinwände. Auf diesen Medien reproduzierte er einen kontinuierlichen Strom alltäglicher Fernsehbilder, die er mit leichten malerischen Eingriffen versah. Sein Werk umfasst auch Leinwände, auf denen er einige seiner wichtigsten Motive im Siebdruckverfahren reproduzierte. In jenen Jahren hatte Schifano die Malerei als Technik fast aufgegeben; er selbst behauptete, sie sei tot und im Vergleich zur Verwendung anderer Techniken (zum Beispiel Fotoemulsionen oder Siebdrucke) überholt. Aufgrund seiner Affinität zu den oben genannten kulturellen Strömungen kam er in den 1980er Jahren mit der Gruppe von Kreativen (Illustratoren, Schriftstellern, Karikaturisten, Reportern) der italienischen Kulturzeitschrift Frigidaire in Kontakt, darunter Stefano Tamburini, Vincenzo Sparagna, Andrea Pazienza, Tanino Liberatore, Massimo Mattioli, Filippo Scozzari.

Im Jahr 1984 schuf er den Ciclo della natura (dt.: Naturzyklus), der aus zehn großen Leinwänden besteht, die er dem Museum für zeitgenössische Kunst in Gibellina auf Sizilien schenkte.

1990er Jahre

Die letzte Produktionsperiode ist besonders durch Medien und Multimedia geprägt, unterbrochen von einigen rein bildnerischen Zyklen.[20] Am 27. März 1997 wurde Schifano, der in den 1980er Jahren wegen Drogenbesitzes verurteilt worden war, vom römischen Strafberufungsgericht vollständig rehabilitiert, da „die Drogen nur für den persönlichen Gebrauch bestimmt waren“.[21] Er starb im Januar 1998 im Alter von 63 Jahren auf der Intensivstation des Krankenhauses Santo Spirito in Rom an einem Herzinfarkt.[22]

Kunstmarkt

Bei einer Sotheby’s-Auktion im Jahr 2022 erzielte das Werk Tempo Moderno (Emaille auf Leinwand) einen Preis von 2,3 Millionen Euro.[23]

Einzelnachweise

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