Marjane Satrapi
iranisch-französische Comic-Autorin, Filmemacherin und Kinderbuchautorin (1969–2026)
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Marjane Satrapi (persisch مرجان ساتراپی Mardschān-e Sātrāpi [], französisch []; * 22. November 1969 in Rascht, Iran; † 4. Juni 2026 in Paris[1][2]) war eine iranisch-französische Comiczeichnerin, Illustratorin von Kinderbüchern, Filmemacherin und Malerin.[3]

Werdegang
Satrapi wuchs in einer linken Mittelstandsfamilie in Teheran auf. Ihr Vater war Ingenieur, ihre Mutter entwarf Kleider, und beide Eltern gehörten einem kosmopolitisch-linken Milieu an.[4] Ein Onkel Satrapis wurde nach der Revolution als angeblicher sowjetischer Spion inhaftiert und hingerichtet.[4] 1984 schickten ihre Eltern sie auf das französische Gymnasium nach Wien, damit sie den Auswirkungen der Islamischen Revolution und dem 1. Golfkrieg entfliehen konnte. In Wien besuchte sie das Lycée Français de Vienne.[5] Vier Jahre später kehrte sie nach Teheran zurück und studierte an der Islamischen Azad-Universität visuelle Kommunikation, die sie mit einem Masterabschluss beendete.[5] In dieser Zeit heiratete sie; die Ehe wurde später geschieden.[5] 1994 emigrierte sie nach Frankreich, wo sie zunächst in Straßburg lebte und an der Haute École des Arts du Rhin weiterstudierte.[5]
Weltweit wurde sie durch ihre Graphic-Novel-Autobiographie Persepolis bekannt. Die vier Bände erschienen in Frankreich zwischen 2000 und 2003; die englischen Übersetzungen folgten 2003 und 2004.[4] Darin zeichnet und beschreibt sie in einfachen, schwarz-weißen Einzelbildern ihre Kindheit in Iran und ihre Jugendjahre in Wien und Teheran. Sie verbindet ihre Lebensgeschichte eng mit der iranischen Geschichte und beschreibt die Auswirkungen der Politik der Revolutionswächter und der Regierung auf den Alltag der iranischen Jugend. Die Hauptfigur Marji erlebt darin den Sturz des Schahs, die Durchsetzung der Islamischen Republik, den Iran-Irak-Krieg und schließlich das Exil in Europa.[4] Das Werk wurde millionenfach verkauft, etablierte Satrapi als eine der international meistgelesenen iranischen Autorinnen und trug dazu bei, westliche Stereotype über die iranische Gesellschaft und Kultur aufzubrechen.[6] Ein Anliegen von Persepolis war es, einer westlichen Leserschaft die Menschlichkeit iranischer Menschen jenseits politischer Feindbilder erkennen zu lassen.[6] Satrapi verfilmte Persepolis 2007 gemeinsam mit Vincent Paronnaud als Animationsfilm. In der Originalfassung sprachen Chiara Mastroianni die junge Marjane und Catherine Deneuve deren Mutter.[5] In der deutschsprachigen Synchronisation wurde die Hauptfigur von der deutsch-iranischen Schauspielerin Jasmin Tabatabai gesprochen. Der Film Persepolis war 2007 im Wettbewerb der 60. Filmfestspiele von Cannes vertreten und erhielt gemeinsam mit Carlos Reygadas’ Stellet Licht den Preis der Jury. Wenige Monate später wurde Persepolis als offizieller französischer Beitrag für die Nominierung zum besten fremdsprachigen Film bei der Oscar-Verleihung 2008 ausgewählt[7] und für den Europäischen Filmpreis nominiert. Zudem wurde der Film bei der Oscarverleihung 2008 als bester animierter Spielfilm nominiert.[5]
Der Film Persepolis wurde im Iran zunächst nicht gezeigt. Satrapi wurde zudem lange als Staatsfeindin, „Hure des Westens“ und Mitarbeiterin von CIA und Mossad beschimpft. Nach der Oscar-Nominierung konnte es sich die Regierung nicht mehr erlauben, einen iranischen Film komplett zu verbieten, dem so viel internationale Anerkennung zuteilwurde – es wäre der erste iranische Film gewesen, der einen Oscar bekommen hätte. Das Teheraner Regime erlaubte daher sieben Vorführungen mit jeweils 75 Zuschauern, wobei 25 Minuten aus dem Film herausgeschnitten wurden, weil sie angeblich sexuelle Szenen enthielten.[8]
2008 wurde Satrapi in die Wettbewerbsjury der 61. Filmfestspiele von Cannes berufen. Drei Jahre später verfilmte sie mit Poulet aux prunes erneut einen ihrer Comics gemeinsam mit Vincent Paronnaud. Der Film erhielt 2011 eine Einladung in den Wettbewerb der 68. Internationalen Filmfestspiele von Venedig. Unter dem Titel Huhn mit Pflaumen kam er Anfang 2012 in die deutschen Kinos. Später führte sie bei der Horrorkomödie The Voices mit Ryan Reynolds und bei Radioactive mit Rosamund Pike als Marie Curie Regie.[5]
Während Persepolis ein sehr politischer Film ist, sagte Satrapi über Huhn mit Pflaumen in einem Interview: „Man kann sagen, dieser Film ist nicht politisch. Aber was könnte die Vorurteile über ein Land besser widerlegen als eine Geschichte, die erzählt: ‚Am 22. November 1958 stirbt ein Mann aus Liebe zu einer Frau.‘ […] Es ist gut, dass es Demos gibt. Ich mache das nicht mehr. Dafür habe ich zu oft erlebt, wie uneins Menschen sein können, die sich in den Dienst einer Sache stellen. Ich bin Künstlerin und mache das, von dem ich etwas verstehe.“[8]
Neben Comics und Film arbeitete Satrapi auch als Malerin; 2020 zeigte sie eine Serie von Arbeiten, an denen sie nach eigener Darstellung über mehrere Jahre zwischen anderen Projekten gearbeitet hatte.[3] Ihr Verhältnis zum Begriff Graphic Novel blieb distanziert, da sie ihn als eine beschönigende Bezeichnung für Comics verstand, die ein bürgerliches Publikum weniger abschrecken solle.[4]
Satrapi blieb zeitlebens eine deutliche Gegnerin der klerikalen Führung Irans.[6] Nach dem Tod von Jina Mahsa Amini im Jahr 2022 unterstützte sie die Proteste der Bewegung Frau, Leben, Freiheit und nahm in Paris an Solidaritätskundgebungen für iranische Frauen teil.[3] 2023 führte sie in Paris eine Protestaktion vor der iranischen Botschaft an, nachdem fünf Teheraner Jugendliche wegen eines auf TikTok veröffentlichten Tanzvideos festgenommen worden waren.[5] Mit dem Band Femme vie liberté kehrte sie nach Jahren stärkerer Hinwendung zu Film und Malerei auch zum Comic zurück, wobei sie ein kollaboratives Projekt mit iranischen und internationalen Comiczeichnern, Wissenschaftlern und Forschern koordinierte.[6] Das Buch behandelte die Protestbewegung nach Aminis Tod und sollte iranischen Protestierenden zeigen, dass sie international wahrgenommen wurden.[6]
Im Januar 2025 teilte Satrapi mit, dass sie den ihr im Juli 2024 von der Kulturministerin Rachida Dati verliehenen Verdienstorden der Ehrenlegion wegen der „heuchlerischen“ französischen Haltung zur Islamischen Republik Iran ablehne. In einem Brief an Rachida Dati begründete sie die Ablehnung mit ihrer Verbundenheit zum Iran und verwies darauf, dass junge Iraner, die nach Freiheit strebten, Dissidenten und Künstler keine Visa erhielten, ebenso wenig Touristen, während die Kinder iranischer Oligarchen sich ohne Probleme in Paris und Saint-Tropez aufhalten könnten.[9][10] Sie betonte zugleich, dass sie Frankreich liebe und ihre Ablehnung nicht gegen die Auszeichnung selbst gerichtet sei.[3]
Marjane Satrapi lebte zuletzt in Paris. Seit 2006 besaß sie neben der iranischen auch die französische Staatsangehörigkeit.[11] Sie war verheiratet mit dem schwedischen Produzenten, Schauspieler und Drehbuchautor Mattias Ripa, der am 8. April 2025 starb.[6] Nach seinem Tod gründete Satrapi die Mattias and Marjane Ripa-Satrapi Cinema Foundation, die ausländische Studenten unterstützen sollte, welche in Paris Film studieren wollten.[3]
Sie starb Anfang Juni 2026 im Alter von 56 Jahren. Nach einer Erklärung ihres Umfelds starb sie „an Traurigkeit, ungefähr ein Jahr nach dem Tod von Mattias Ripa, ihrem Ehemann und der Liebe ihres Lebens“.[12] Der Élysée-Palast würdigte sie nach ihrem Tod als bedeutende Figur der französischen Kultur und als freiheitsliebende Künstlerin, deren Werk eine universelle Botschaft getragen habe.[5]
Literarisches Werk
- 2000, 2001: Persepolis, Tome 1 et 2, frz. (dt., Persepolis: Band 1 – Eine Kindheit im Iran, 2003, ISBN 3-907055-74-8)
- 2001: Les monstres n'aiment pas la lune, frz. (dt., Marie und die Nachtmonster, 2006, ISBN 978-3-8270-5181-3)
- 2002, 2003: Persepolis, Tome 3 et 4, frz. (dt., Persepolis: Band 2 – Jugendjahre, 2004, ISBN 3-907055-82-9)
- 2003: Broderies (dt. Sticheleien, 2005, ISBN 3-907055-97-7)
- 2004: Poulet aux prunes (dt., Huhn mit Pflaumen, 2006, ISBN 978-3-03731-006-9)
- 2004: Le Soupir (dt., Der Seufzer, 2013, ISBN 978-3-86201-657-0)
- 2023: als Herausgeberin: Femme vie liberté (dt., Frau, Leben, Freiheit, 2023, ISBN 978-3-498-00557-3; engl. Woman, Life, Freedom, 2024), mit Beiträgen u. a. von Joann Sfar, Lewis Trondheim, Paco Roca, Mana Neyestani, Bahareh Akrami.[6]
Filmografie
- 2007: Persepolis (Persépolis)
- 2011: Huhn mit Pflaumen (Poulet aux Prunes)
- 2012: La bande des Jotas
- 2014: The Voices
- 2019: Marie Curie – Elemente des Lebens (Radioactive)
- 2024: Paris Paradies (Paradis Paris)
Auszeichnungen, Ehrungen
- 2004: Max-und-Moritz-Preis für die Beste deutschsprachige Comic-Publikation Import, Comic-Salon Erlangen, für Persepolis
- 2004: Comic des Jahres, Frankfurter Buchmesse, für Persepolis[13]
- 2005: Prix du meilleur album, Festival d’Angoulême, für Poulet aux prunes
- 2005: Chevalier des französischen Ordre des Arts et des Lettres.
- 2008: Oscar-Nominierung als Bester Animationsfilm für Persepolis
- 2016: Benennung eines Asteroiden nach ihr: (308197) Satrapi
- 2024: Wahl in die Académie des Beaux-Arts[4]
- 2024: Prinzessin-von-Asturien-Preis für Kommunikation und Humanwissenschaften
Weblinks
- Regisseurin Marjane Satrapi: „Iran ist meine DNS“ – Interview bei Spiegel Online, 11. Januar 2012
- A Lecture by Marjane Satrapi at Literal (Persepolis: A State of Mind)
- Porträt Marjane Satrapi: Sehnsucht nach der verlorenen Heimat ( vom 16. September 2016 im Internet Archive). In: Qantara.de, 19. Oktober 2011
- Literatur von und über Marjane Satrapi im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Marjane Satrapi bei IMDb