Marseilleviridae
Familie im Reich Viren (Virus)
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Die Marseilleviridae sind eine Familie von Viren, die 2012 erstmals beschrieben wurde.[4] Das Genom dieser Viren ist eine doppelsträngige DNA. Die Wirte sind oft Amöben, aber es gibt Hinweise darauf, dass sie auch beim Menschen gefunden werden.[5][6][7][8] Die Typusart wurde ursprünglich zum Mimivirus gruppiert (Familie Mimiviridae), spätere Studien zeigten jedoch, dass nur eine entfernte Verwandtschaft besteht. Mit Stand 2016 erkannte das Internationale Komitee für Taxonomie von Viren (International Committee on Taxonomy of Viruses, ICTV) vier Spezies in dieser Familie an, die auf zwei Gattungen aufgeteilt sind.[9][10] Die Marseilleviridae gehören zum im März 2020 vom ICTV neu geschaffenen Phylum der Nucleocytoviricota (frühere inoffizielle Bezeichnung Nucleocytoplasmic large DNA viruses, NCLDV; andere frühere Vorschläge hatten auf „Nucleocytoplasmaviricota“ bzw. – im Rang einer Ordnung – „Megavirales“ gelautet).[2] Aufgrund der entfernten Verwandtschaft hat das ICTV in diesem Zug die Familien der Mimiviridae (mit ihrer Ordnung Imitervirales) und der Marseilleviridae (mit ihrer Ordnung Pimascovirales) in eine gemeinsame neu geschaffene Klasse Megaviricetes gestellt[11] (auch für diese Gruppe war früher gelegentlich der Rang einer Ordnung „Megavirales“ – in einem engeren Sinn als oben – vorgeschlagen worden).

Rechts: Vergrößerte Darstellung der Struktur in der Nähe des Vertex. Schwarze Pfeile kennzeichnen Large Dense Bodies. Weiße Pfeile zeigen die Lipid-Doppelschicht an.[12][Anm. 1]

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TEM-Aufnahme von Marseillevirus | ||||||||||||||
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Systematik

(a) 10 min nach Infektion: die Virionen wurden aufgenommen und befinden sich jetzt in Vakuolen.
(b) 20 min n. I.: die Virionen dort zeigen Löcher (schwarze Pfeile) und erscheinen kugeliger.
(c) 30 min n. I.: die Virionen haben ihre äußere Hülle vollständig verloren und erscheinen als kugelförmige, elektronendichte Nukleoide. Maßstab: 100 nm.
(d) 1 h n. I.: Im Zytoplasma erscheinen elektronendichte röhrenförmige Strukturen (schwarze Pfeilspitzen).
(e) 4 h n. I.: Virusfabriken (VF) siedeln sich im Zytoplasma neben dem Zellkern an, die Zellorganellen werden an die Peripherie geschoben (Maßstab: 2 μm). Die neuen Virionen werden assembliert. Reife (weiße Pfeile) und unreife (weiße Pfeilspitzen) Virionen sind in der gleichen VF verstreut. Inset: unreife und reife Virionen innerhalb der VF zusammen mit röhrenförmigen Strukturen (schwarze Pfeilspitzen). Maßstab: 200 nm.
(f) 7 h n. I.: die neugebildeten Virionen werden in Vakuolen innerhalb des Zytoplasmas gesammelt, bevor sie nach außen freigesetzt werden. Maßstab: 500 nm.
Das erste bekannte Mitglied dieser Familie wurde als Acanthamoeba polyphaga marseillevirus bezeichnet und wurde vom International Committee on Taxonomy of Viruses (ICTV) offiziell als Spezies Marseillevirus marseillevirus (heute Marseillevirus massiliense) der Gattung Marseillevirus bestätigt. Ein zweites Mitglied ist Acanthamoeba castellanii lausannevirus (ICTV: Spezies Lausannevirus, Gattung nicht zugewiesen). In der Gattung Marseillevirus hat das ICTV als zweite Spezies das Senegalvirus marseillevirus (heute Marseillevirus senegalense) aufgenommen. Ein anderes Mitglied dieser Familie wurde bei Blutspendern isoliert: „Giant Blood Marseillevirus“ („GBM-Virus“, wäre aufgrund phylogenetischer Analysen ebenfalls in die Gattung Marseillevirus zu stellen).[7] Auch über ein Isolat von Insekten – das „Insectomime Virus“ – wurde berichtet.[15][16][14] Als weiteres Mitglied der Familie wurde „Kurlavirus“ (KUV) BKC-1[17][18][19] vorgeschlagen.
Die Systematik der vom ICTV mit Stand 30. April 2024 anerkannten Taxa ist folgende:[20][21]
Familie Marseilleviridae
- Gattung Losannavirus
- Gattung Marseillevirus
Insgesamt wird die Familie Marseilleviridae heute per Vorschlag in die Kladen (bzw. Linien) A bis E unterteilt.[30] Hier und beim CNRS (2018)[31] sowie bei Andreani et al. (2018),[29] / (2019)[32] finden sich Vorschläge für eine innere Systematik dieser Familie, zusammengefasst etwa:
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Die Neuzugänge nach Aoki et al. (2019) gegenüber CNRS (2018) sind dabei die mit „Kyotovirus“ (Fundort Uji (Kyōto), Japan), „Hokutovirus“ (Fundort Hokuto, Japan) und „Kashiwazakivirus“ (Fundort Kashiwazaki, Japan) bezeichneten Kandidaten, sowie „Marseillevirus Shanghai“. Das obige Kladogramm wird auch durch die Arbeit von Rolland et al. (2019) unterstützt.[27]
Aus Metagenomanalysen vom Schwarzen Raucher Lokis Schloss stammen zwei weitere Kladen, nämlich LCMAC101, LCMAC102, LCMAC103 einerseits und LCMAC202, LCMAC202 andrerseits. Die zweite dieser Kladen scheint aber basaler zu stehen als die erste, die genaue Stellung im Kladogramm im Verhältnis zur obigen Klade E ist jedoch nicht geklärt.[40]
Üner halophile Vertreter der Marseilleviridae berichteten zur Jahreswende 2012/2013 Mondher Boughalmi, Didier Raoult, Bernard La Scola und Kollegen. Die Viren mit den Bezeichnungen Seb1sol, Seb2 (alias Seb2sol) und Seb6 (alias Seb6sol) aus dem Boden und Seb1eau aus dem Wasser der Sebkha Séjoumi (Tunesien) konnten im Labor mit dem Wirt Acanthamoeba polyphaga kultiviert werden, und sind damit rare Beispiele für eujaryotische Haloviren.[41][25]
„Tunisvirus Fountaine2“ ist ein weiterer vorgeschlagener Vertreter der Marseilleviridae, über den in dieser Arbeit berichtet wurde. Sein Habitat ist jedoch keine hypersaline, sondern eine Süßwasser-Umgebung. Fountaine2 wurde aus einem Zierbrunnen (englisch decorative fountain) in Tunis (möglicherweise an der Cité des Sciences/Science City, arabisch مدينة العلوم بتونس).[41][25][26]
Genom
Eine Promotorsequenz – AAATATTT – wurde in Verbindung mit 55 % der in Marseillevirus identifizierten Gene gefunden.
Die meisten dieser Sequenzen kommen in mehreren Kopien vor.[42]
- Das Genom von Marseillevirus marseillevirus Strain T19 hat eine Länge von 368.454 bp und kodiert vorhergesagt 428 Proteine bei einem GC-Gehalt von 45 %.[43]
- Das Genom von Tunisvirus fontaine2 hat eine Länge von 380.011 bp und kodiert vorhergesagt 484 Proteine bei einem GC-Gehalt von 43 %.[43]
- Das Genom von Melbournevirus hat eine Länge von 369.360 bp und kodiert vorhergesagt 403 Proteine bei einem GC-Gehalt von 45 %.[43]
- Das Genom von Lausannevirus hat eine Länge von 346.754 bp und kodiert vorhergesagt 444 Proteine bei einem GC-Gehalt von 43 %.[43]
Anmerkungen
- Das Material wurde von dieser Quelle kopiert, die unter einer Creative Commons Attribution 4.0 International License verfügbar ist.
Weblinks
- Grégoire Macqueron: Marseillevirus: un nouveau virus géant, auf: Futura Santé (futura-sciences.com), 14. Dezember 2009 (mit bildlichen Darstellungen von Didier Raoult, französisch)
- Jean-Luc Goudet: Nouméavirus, un étonnant virus géant qui agit à distance. Futura Santé (futura-sciences.com), 1. Mai 2017 (französisch).
