Martha Graham
US-amerikanische Tänzerin, Choreografin und Pädagogin
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Martha Austin Graham (* 11. Mai 1894 in Allegheny City, heute zu Pittsburgh, Pennsylvania; † 1. April 1991 in New York) war eine US-amerikanische Tänzerin, Choreografin und Tanzpädagogin. Sie gilt als zentrale Innovatorin des Modern Dance und als eine der bedeutendsten amerikanischen Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts.[1] Die von ihr gegründete Martha Graham Dance Company ist die älteste Tanzkompanie der Vereinigten Staaten und feierte 2026 ihr hundertjähriges Bestehen.[2]

Leben und Werk

Foto: Carl Van Vechten, 1961
Martha Graham war die älteste Tochter neben zwei weiteren Schwestern von George Graham, einem Arzt für Psychiatrie, und von Jane Beers. Ihre Jugend verbrachte sie in Santa Barbara, Kalifornien, wo sie auch erstmals eine Tanzaufführung von Ruth St. Denis sah.[1] Nach dem Tode ihres Vaters begann sie 1916 mit einer Tanzausbildung in Los Angeles bei der Denishawn School und schloss sich danach auch der Denishawn Company an. Diese Tanz-Kompanie wurde von Ruth St. Denis und Ted Shawn geleitet, wo unter anderem auch klassisches Ballett unterrichtet wurde. In der Denishawn Company tanzte Graham zusammen mit Doris Humphrey und Charles Weidman, die später ebenfalls zu wichtigen Vertretern des Modern Dance wurden.[1] Nach ihrem Weggang von Denishawn trat sie in den Greenwich Village Follies auf und unterrichtete zunächst weiterhin Denishawn-Technik.[1] Als Ted Shawn für die weitere Nutzung von Übungen und Material aus Denishawn eine Gebühr verlangte, arbeitete Graham ihre eigene Technik noch entschiedener aus.[1] Auf Einladung von Rouben Mamoulian lehrte sie dann ab 1925 an der Eastman School of Music in Rochester bei New York und ab 1930 am Cornish College of the Arts.[3] Bis dahin war ihr Stil noch eklektizistisch und romantisch, was sich aber bald mit ihrem eigenen Studio in New York ändern sollte.
1926 trat Graham mit einem eigenen Soloabend hervor und gründete in Manhattan ihr eigenes Ensemble, aus dem später die Martha Graham Dance Company hervorging.[1] Die Company arbeitete in den ersten zwölf Jahren ausschließlich mit Frauen und entwickelte den Modern Dance dadurch auch als weiblich geprägte Kunstform weiter.[4] 1937 war Graham die erste Tänzerin, von der ein Auftritt im Weißen Haus überliefert ist.[1] Ihre Company gilt zudem als die erste bedeutende amerikanische Tanzkompanie mit ethnisch integrierter Besetzung.[1]
Tanzstil: Körpersprache als Ausdruck „innerer Musik“
In ihrem New Yorker Studio revolutionierte Graham das klassische Ballett, indem sie die Formen des Tanzes nicht mehr einem standardisierten Bewegungsablauf unterordnete, sondern dem Gefühl und der Emotion den bedingungslosen Vorrang vor der Bewegung gab. Von der zeitgenössischen Kritik wird ihre Methode häufig als Gegenentwurf zum klassischen Ballett beschrieben: Während Ballett nach Symmetrie, Ausrichtung, Balance und Leichtigkeit strebt, verankerte Graham den Körper stärker im Boden, im Schwerpunkt und in der Beweglichkeit der Wirbelsäule.[4] In immer neuen Versuchen der Selbsterforschung baute sie schließlich ihr Spektrum der Tanztechniken auf den elementaren Bestandteilen von Anspannung und Entspannung sowie der Atmung auf. Im Zentrum stand die von Atmung getragene Wechselbewegung von contraction and release, bei der Spannung und Entspannung aus Becken und Rumpf heraus den Körper zu Kraft, Schmerz, Verletzlichkeit oder Befreiung treiben.[1] Ihre mittlerweile selbst standardisierte Martha-Graham-Technik zeichnete sich durch kraftvolle, dynamische, schroffe und spannungsgeladene Motorik und Bewegungen aus. Sie verstand den Körper dabei nicht als dekorative Oberfläche, sondern als psychologisch aufgeladene Form, in der innere Zustände als sichtbare Körperarchitektur erscheinen konnten.[1] Eine für ihr Denken wichtige Maxime war der von ihrem Vater überlieferte Satz „Movement never lies“.[1]
Berühmt ist ihre Tanzschöpfung Lamentation von 1930. In diesem Werk wird der Körper durch einen langen violetten Jerseystoff eingeschlossen, sodass Dehnung, Einengung und Trauer zugleich sichtbar werden.[1] Zu ihren frühen Arbeiten gehörten außerdem Werke mit programmatischen Titeln wie Revolt (1927), Immigrant (1928) und Heretic (1929), in denen sie traditionelle Vorstellungen von Schönheit und Bühnengestus zunehmend hinter sich ließ.[1] Primitive Mysteries (1931) verdichtete religiös konnotierte Frauenrituale zu einer plotlosen, strengen Gruppenform.[1] Chronicle (1936) entstand als Antikriegstanz in Reaktion auf den aufkommenden europäischen Faschismus; im selben Jahr lehnte Graham eine Einladung ab, bei den Olympischen Spielen in Berlin aufzutreten.[2] Appalachian Spring (1944) mit Musik von Aaron Copland und einem Bühnenbild von Isamu Noguchi gilt als Klassiker ihres Repertoires und verdichtet eine amerikanische Grenzlandgemeinschaft auf wenige abstrakte Figuren wie Braut, Farmer, Prediger und Pionierfrau.[4] Night Journey (1947) erzählte die Ödipus-Geschichte aus der Perspektive Iokastes und verschob damit den Akzent von Ödipus’ Dilemma auf Iokastes Begehren, Abwehr und tragische Erkenntnis.[4] Die Tanzkunst von Martha Graham war überdies auch von einer breiten Vielfalt kultureller Einflüsse wie der modernen Malerei, der amerikanischen Pionierzeit, den religiösen Zeremonien der indianischen Ureinwohner und von der griechischen Mythologie inspiriert.
Mitarbeiter und Schüler
Sie arbeitete mit Künstlern anderer Provenienz zusammen wie etwa mit den Komponisten Aaron Copland, Samuel Barber und ihrem Mentor Louis Horst. Auch Bildhauer wie Isamu Noguchi und Modedesigner wie Halston, Donna Karan und Calvin Klein arbeiteten bei ihren Projekten mit. Noguchis sparsame Bühnenbilder passten besonders zu Grahams direkter und unornamentierter Choreografie.[1] Erick Hawkins wurde als erster männlicher Tänzer Mitglied ihrer Company und war später kurzzeitig mit Graham verheiratet.[1] Stars des klassischen Balletts wie Margot Fonteyn, Rudolf Nurejew und Mikhail Baryshnikov (1987 bis 1989) tanzten in ihren Stücken. Daneben unterrichtete sie auch bekannte Schauspieler wie Bette Davis, Joanne Woodward, Kirk Douglas, Madonna, Liza Minnelli, Gregory Peck und Tony Randall. Graham unterrichtete am Neighborhood Playhouse in Manhattan auch Schauspielerinnen und Schauspieler, für die ihre körperliche Präzision und theatrale Konzentration eine besondere Anziehungskraft hatten.[1] Ihre berühmtesten Schüler waren die Choreografen Merce Cunningham, Bessie Schönberg, Paul Taylor und Twyla Tharp. Ihr Einfluss reichte über direkte Schüler hinaus und ist auch in der späteren Entwicklung des amerikanischen Modern Dance bei Künstlern wie Alvin Ailey, Cunningham und Taylor erkennbar.[1] 1934 bis 1938 leitete sie, neben Doris Humphrey, Charles Weidman und Hanya Holm, die Bennington School of Dance im Umfeld des Bennington College in Vermont. Während der sommerlichen Bennington Festivals zeigten sie ihre neuesten Tanzprogramme. Merce Cunningham und Erick Hawkins kamen 1939 bis 1942 nach Bennington und wurden Solotänzer in ihrer Company.[5]
In ihrer über 60 Jahre währenden Bühnenarbeit schuf Graham 181 Werke. Für 135 dieser Tänze entwarf sie auch die Kostüme selbst, die trotz langer Säume die Form des Körpers sichtbar machten.[1] Im Alter von 76 Jahren gab sie ihre letzte eigene Tanzvorstellung. Noch mit 96 Jahren choreografierte sie Tanzstücke. Nach ihrem Tod 1991 musste die Company eine Flut, Finanzkrisen, wiederholte Schließungen und einen jahrelangen Rechtsstreit um die Rechte an ihren Tänzen überstehen, der 2005 zugunsten der Company entschieden wurde.[4] Zum hundertjährigen Bestehen 2026 wurden neben Aufführungen in New York auch eine Dokumentation, eine Tournee und eine umfassendere Video-Dokumentation der Graham-Technik hervorgehoben.[4]
Zitat
„Dance is the hidden language of the soul.“
(Übersetzung: Tanz ist die verborgene Sprache der Seele.)
Auszeichnungen und Ehrungen (Auszug)
- 1967 wurde Graham in die American Academy of Arts and Sciences gewählt.[7]
- Presidential Medal of Freedom (1976)
- Samuel H. Scripps-American Dance Festival Award (1981)
- Ehrenmitglied der American Academy of Arts and Letters (1983)[8]
- National Medal of Arts (1985)
- Ingenio et arti, ausgezeichnet am 12. September 1986 von Königin Margrethe II. von Dänemark mit der dänischen Verdienstmedaille[9]
- Aufnahme in die Time-Liste „100 Women of the Year“ als Repräsentantin des Jahres 1930 (2020)[10]
Filme
- 1993: Strawinskys »Frühlingsopfer«. Choreographien und Choreographen. Regie: Jacques Malaterre. Mit Vaslav Nijinsky, Maurice Béjart, Pina Bausch, Martha Graham, Mats Ek, Mary Wigman. Musik: Igor Strawinsky; Produktion: Josette Affergan, La Sept, ARTE, Telmondis. 1 Videocassette (VHS, 61 Min.) farb., Mono.
- 1994: Martha Graham. Ein Portrait. Regie: Catherine Tatge. Mit Martha Graham Dance Company. Produktion: Tatge/Lasseur Prod.; 1 Videokassette (VHS, 56 Min.), Mono.
Werke
- Martha Graham: Der Tanz, mein Leben. Eine Autobiographie. Heyne, München 1992, ISBN 3-453-05600-0.
Literatur
- Shelley C. Berg: Le sacre du printemps. 7 productions from Nijinsky to Martha Graham. UMI Research Press, Ann Arbor 1988, ISBN 0-8357-1842-5.
- Ioanna-Paraskevi Kazantzaki: Martha Graham. Die Bedeutung unterschiedlicher Einflüsse für ihr künstlerisches Schaffen im Tanz. Deutsche Sporthochschule Köln, 1991. (Diplom-Arbeit)
- Marian Horosko (Hrsg.): Martha Graham. The evolution of her dance theory and training 1926–1991. cappella books, Pennington NJ 1991, ISBN 1-55652-142-1.
- Robert Tracy: Goddess. Martha Graham's dancers remember. Limelight Editions, New York 1996, ISBN 0-87910-086-9.
- Dorothy Bird, Joyce Greenberg: Bird's eye view. Dancing with Martha Graham and on Broadway. University of Pittsburgh Press, Pittsburgh Pa 1997, ISBN 0-8229-3980-0.
- Deborah Jowitt: Errand into the Maze: The Life and Works of Martha Graham. Farrar, Straus & Giroux, New York 2023, ISBN 978-0-374-28062-8.
Weblinks
- Literatur von und über Martha Graham im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Artikel- und Bildersammlung (Seite nicht mehr abrufbar, festgestellt im März 2024. Suche im Internet Archive ) zu Martha Graham von der New York Times
- Martha Graham Center of Contemporary Dance, New York
- The TIME 100: Martha Graham, Time Magazine, 8. Juni 1998
- Fanseite ( vom 10. August 2007 im Internet Archive) von der Universität Marseille mit vielen Stückbeschreibungen und einer längeren Biographie (englisch)
- Kurz-Bio, PBS