Martin Reisgys

memelländischer Politiker From Wikipedia, the free encyclopedia

Martin (Martynas) Reisgys (* 11. Dezember 1886 in Wensken, Kreis Memel; † 2. April 1942 im Konzentrationslager Mauthausen) war ein Politiker im Memelland. Er war mehrmals Präsident des Memelländischen Direktoriums, setzte sich für ein autonomes Memelgebiet innerhalb der neugegründeten Republik Litauen ein und widersetzte sich der nationalsozialistischen Herrschaft.[2][3][1][4]

Martin Reisgys, um 1930[1]

Frühe Jahre

Martin Reisgys wurde 1886 als ältestes von fünf Kindern einer Bauernfamilie im Dorf Wensken (lit. Venckai) geboren und wuchs in Birßeninken (lit. Biržininkai) bei Memel auf. Er besuchte die Volksschule in Venckai, galt als talentierter Schüler, und erhielt die Empfehlung, Lehrer zu werden, entschied sich jedoch für das Bauhandwerk.[3] Von 1906 bis 1908 leistete er Wehrdienst in der Deutschen Armee. Während des Ersten Weltkriegs wurde er erneut in die deutsche Armee eingezogen, konnte aber durch seine Sprachkenntnisse als Übersetzer für Litauisch und Lettisch dienen und musste nicht kämpfen.[1]

Martin Reisgys (vorne rechts) mit Ehefrau Anike (vorne links) und ihren sechs Kindern zu Hause zusammen mit dem Hauspersonal im Jahr 1934 in Jurgiai[5]

Nach dem Militärdienst engagierte er sich in der litauischen Nationalbewegung. 1912 gründete er im Dorf Lankuppen (lit. Lankupiai) mit Gleichgesinnten einen litauischen Jugendverein, der die einheimische litauische Sprache und Kultur pflegte und sich später dem „Santara“-Netzwerk anschloss. Für sein Engagement erhielt er 1913 eine Auszeichnung litauischer Emigranten aus den USA.[1]

Im Jahr 1913 heiratete er Anikė Dietzkies aus Jurgen (lit. Jurgiai). Durch die Heirat gelangte er in den Besitz eines 54 Hektar großen Bauernhofs, den er systematisch modernisierte. Er errichtete neue Gebäude, führte moderne Landwirtschaftsmethoden ein, diskutierte mit Fachleuten über Saatgut und veranstaltete im Winter Vorträge für Landwirte.[3] Aus der Ehe gingen sechs Kinder hervor.

Politisches Wirken

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Reisgys eine zentrale Figur der litauischen Bewegung im Memelgebiet, das mittlerweile unter französischer Hoheit stand. Als Mitglied des Nationalrates reiste er im Herbst 1922 mit einer Delegation zur Botschafterkonferenz nach Paris, um sich für den Anschluss der Region an die junge Republik Litauen einzusetzen.[3][1] Am Vorabend des Memel-Aufstands 1923 schloss er sich dem Rebellendirektorium unter Erdmonas Simonaitis an, das sich für eine litauische Übernahme der Region einsetzte.[3][1] Martin Reisgys gehörte in den Jahren 1925 bis 1934 mehrfach dem offiziellen Direktorium des Memellandes an und war zweimal dessen Präsident (1930–1931 und 1934)[4][1]. Während seiner Amtszeiten setzte er sich gegen den wachsenden nationalsozialistischen Einfluss ein, er forderte die gleichberechtigte Verwendung der litauischen Sprache gemäß Artikel 27 des Autonomiestatuts und führte neben Deutsch wieder Litauisch an den Schulen ein.[1]

Diese Haltung führte zu diplomatischen Beschwerden des nationalsozialistischen Deutschlands beim Völkerbund und zu massiver Propaganda gegen Reisgys als Präsident des Direktoriums. Im Memelland wuchs die Spannung zwischen der deutschsprachigen und litauischsprachigen Bevölkerung. Ende 1934 trat Reisgys zurück und ging seiner Landwirtschaft in Jurgiai nach.[3][1] Auch nach seinem Rücktritt setzte er sich weiterhin gegen nationalsozialistische Einflüsse ein. So trat er 1935 als Zeuge im Prozess gegen die Memeler Nationalsozialisten Ernst Neumann und Theodor von Saß vor Gericht in Kaunas auf.[6] Er war zudem Begründer des Bauernverbandes von Jurgiai, Leiter des örtlichen Schützenbundes, Gemeindevorsteher, Mitglied in Schulräten und Anteilseigner eines litauischen Verlags. Für seine Verdienste wurde er mit dem Orden des litauischen Großfürsten Gediminas, dem Schützenstern und weiteren Auszeichnungen geehrt.[1]

Verfolgung und Tod

Letzter Brief von Martin Reisgys aus dem Konzentrationslager Mauthausen vom 11. Februar 1942[7]

Nachdem das nationalsozialistische Deutschland 1939 das Memelgebiet besetzte, suchte Reisgys Sicherheit in Kuršėnai in Litauen. Als die Sowjets 1940 in Litauen einmarschierten, wurde er von der sowjetischen Miliz in Šiauliai verhört, konnte jedoch fliehen und kehrte auf seinen Hof in Jurgiai zurück.[1] Ihm wurde von deutscher Seite zugesichert, dass es keine Vergeltungsmaßnahmen für seine litauischen Aktivitäten in Memelland geben würde.[3] Im September 1941 wurde er von den Nationalsozialisten verhaftet, diesmal von der Gestapo in Memel unter dem Vorwand der Schutzhaft. Nach einigen Wochen Haft im Memeler Gefängnis wurde er ins Konzentrationslager Sachsenhausen bei Berlin deportiert und schließlich ins Konzentrationslager Mauthausen in Österreich verbracht, wo er am 2. April 1942 verstarb.[7]

Nachleben

Traditionelles Litauisches Gedenkkreuz für Martin Reisgys in Jurgiai

Nach seinem Tod wurde seine Familie weiterhin verfolgt: 1948 deportierten die sowjetischen Besatzer Litauens seine Witwe Anikė sowie die drei jüngeren Kinder Martin, Eva und Jonas nach Sibirien.[8] Anikė starb dort 1958. Erst 1960 durften ihre Kinder nach Westdeutschland ausreisen. Die beiden ältesten Söhne Jurgis und Anskis wanderten nach dem Zweiten Weltkrieg nach Australien aus, während die älteste Tochter Anna in Litauen verblieb.

In Jurgiai, an dem Ort seines ehemaligen Bauernhofs, errichtete der Bildhauer Vytautas Majoras in den 1960er Jahren ein traditionelles litauisches Gedenkkreuz zu Ehren von Martin Reisgys. Dies war unter damaliger sowjetischer Herrschaft eine mutige Handlung. Die Inschrift lautet:

"Hier lebte ein bedeutender Volksvertreter Kleinlitauens, Martyns Reisgys 1886–1942."[3]

Würdigung

Banga Skulptur Welle auf dem Campus der Universität Klaipeda, Litauen

Reisgys gilt heute als Symbol für Gerechtigkeit, nationale Identität und Widerstand gegen Diktatur und Unterdrückung in einer Zeit politischer Repression.[8] Die litauische Gedenkschrift Genozid in Kleinlitauen (2013) vermerkt:

„Im Jahr 1940 verhafteten die Nazis die ehemaligen Vorsitzenden des Klaipėda-Direktorates Martynas Reisgys und Erdmonas Simonaitis. Die Alliierten retteten Simonaitis – Martynas Reisgys aber starb in Mauthausen.“[9]

In Erinnerung an Martin Reisgys und seine Familie wurde am 2. April 2009 auf dem Campus der Universität Klaipėda die Skulptur „Banga“ (dt. "Welle") enthüllt.[10] Die von dem Künstler Vytautas Karčiauskas und dem Architekten Gintas Reisgys geschaffene Skulptur in Form einer Welle soll laut der Enkelin Jūratė Reisgys an die Deportation von Litauern erinnern, denen die Rückkehr in ihre Heimat verwehrt blieb.[11]

Einzelnachweise

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