Mary Seton Watts

britische Kunsthandwerkerin, Designerin und Sozialreformerin. From Wikipedia, the free encyclopedia

Mary Seton Watts, geborene Mary Seton Fraser Tytler, (* 25. November 1849 in Bombay, Indien; † 6. September 1938 in Compton, Surrey, Vereinigtes Königreich) war eine britische Malerin, Kunsthandwerkerin und Sozialreformerin. Sie gilt als Pionierin des „British Art Nouveau style“, eine Strömung des Jugendstils, die keltische Motive verwendete.

Mary Fraser Tytler. Gemälde von ihrem Ehemann George Frederic Watts (1887)
Fraser Tytler (2.v.l.) und ihre Schwestern Nelly, Christina und Ethel. Fotografie von Julia Margaret Cameron (1868)
Limnerslease (2022)
Grab von Mary Seton Watts und George Watts

Leben

Familie und Ausbildung

Mary Fraser Tytler war eine Tochter von Charles Edward Fraser Tytler of Balmain and Aldourie (1817–1881), der für die Ostindien-Kompanie tätig war. Ihre Mutter Etheldred St Barbe (1817–1851) starb zwei Jahre nach ihrer Geburt in Schottland, nachdem die Familie dorthin zurückgekehrt war. Mary war die Jüngste von drei Schwestern, aus einer zweiten Ehe ihres Vaters (1852) stammten drei jüngere Halbbrüder und eine jüngere Halbschwester. Fraser Tytler verbrachte einen Großteil ihrer Jugend in Schottland bei ihren Großeltern auf dem Familiensitz Aldourie Castle in Inverness-shire.[1][2]

1870 studierte Fraser Tytler zunächst in Dresden, bevor sie sich im selben Jahr an der South Kensington School of Art in London einschrieb. 1872 und 1873 studierte sie als eine der ersten Frauen Bildhauerei an der Slade School of Fine Art bei dem französischen Künstler Aimé-Jules Dalou, der sich wegen seiner Beteiligung an der Pariser Kommune in England im Exil befand.[1][3] Sein künstlerischer Einsatz von Terrakotta beeinflusste maßgeblich das Werk von Fraser Tytler.[4] Sie machte sich einen Namen als Porträtmalerin und Töpferin.

Ehe mit George Watts

In der Künstlergemeinschaft von Freshwater um die Fotografin Julia Margaret Cameron auf der Isle of Wight lernte die 36-jährige Fraser Tytler den Maler George Frederic Watts kennen, der 32 Jahre älter war als sie. Das Paar heiratete am 20. November 1886 in Epsom nach mehreren Jahren enger Freundschaft.[1][5] Fraser Tytler nannte sich fortan Seton Watts und pflegte von ihrem Mann als „Signor“ zu sprechen.[6] „Ihre Ehe ermöglichte Mary ein erfülltes und unternehmungslustiges Künstlerleben, obwohl George der Mittelpunkt ihrer gemeinsamen Zeit war. [...] Die Ehe brachte ihr Befreiung statt Einschränkung.“[7]

Die sechsmonatige Hochzeitsreise führte das Paar unter anderem nach Ägypten, Griechenland, in die Türkei, nach Sizilien und Frankreich, und Mary Seton Watts brachte viele Skizzen mit nach England zurück.[8][9]

1890 ließen die Watts’ sich von dem Architekten Ernest George ihr Haus „Limnerslease“ (abgeleitet von „limner“ (Künstler) und „lease“ (lesen)) in Compton bauen,[4][10] für das Mary Seton Watts zwischen 1891 und 1896 kunstvolle Gipsdecken entwarf. Sie konzentrierte sich auf ihre Töpferkunst und errichtete mit der Hilfe von Einheimischen die „Watts Chapel“; ihr Mann widmete sich der Malerei. Seton Watts unterstützte auch Isabella Somerset beim Aufbau eines therapeutischen Töpferateliers für alkoholkranke Frauen in der Duxhurst Industrial Farm Colony in Reigate. Während dieser Zeit führte sie ein Tagebuch, in dem sie ihre fortschrittlichen Ansichten über Frauen und ihre Rolle in der Gesellschaft dokumentierte.[1] Auch schrieb sie die dreibändige Biographie ihres 1903 verstorbenen Ehemannes, George Frederic Watts: the annals of an artist’s life.[3] 1904 wurde die Kunstgalerie „Watts Galerie“ in Compton eröffnet, die dem Werk von Watts gewidmet ist.

1889 bat der Künstler und Präsident der Royal Academy of Arts Frederic Leighton Seton Watts um Unterstützung für den Appell seiner Schwester Augusta in der Zeitschrift The Nineteenth Century gegen die Ausweitung des Frauenwahlrechts, was sie ablehnte. Etwa zur gleichen Zeit wurde sie Vizepräsidentin der „Healthy and Artistic Dress Union“, die eine gesunde und gleichzeitig künstlerisch gestaltete Kleidung förderte.[11] Im Frühjahr 1894 verfasste George Watts einen Artikel mit dem Titel „Women’s Dress“ für ihre Zeitschrift Aglaia . Das Paar „beeinflusste sich gegenseitig in seinem Interesse am Frauenwahlrecht und seiner Unterstützung dafür“.[1] Gemeinsam initiierten die Eheleute das Memorial to Heroic Self-Sacrifice, mit dem Lebensretter, die selbst ihr Leben bei dem Versuch zu helfen, verloren hatten, gewürdigt werden.[12]

Nach dem Tod von George Watts widmete sich Seton Watts noch intensiver dem Kampf für das Frauenwahlrecht. 1909 gründete sie eine Gruppe der National Union of Women’s Suffrage Societies (NUWSS) in Godalming und wurde deren Präsidentin.[5] 1913 nahm sie an der Great Pilgrimage nach London teil, einem Sternmarsch von rund 50.000 Suffragetten.[5]

Tod

Mary Seton Watts starb im Alter von 88 Jahren am 6. September 1938 in ihrem Haus „Limnerslease“ in Compton. Sie wurde eingeäschert und in der „Watts Cemetery Chapel“ beigesetzt.[4][13] 2016 wurde ihr Atelier in „Limnerslease“ nach einer umfassenden Restaurierung als Teil der „Watts Gallery“ der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.[4] Seit 1967 sind Teile des Gebäudes in der britischen Heritage-Kategorie mit Grad II gelistet (Nummer 1029544).[14]

In seiner Biografie über George Watts aus dem Jahr 1975 warf der langjährige Kurator der Watts Gallery, Wilfrid Blunt, Mary Seton Watts vor, ihren Mann blind verehrt und Details aus seinem Leben absichtlich verfälscht zu haben. Sie habe Watts’ Briefe zensiert und möglicherweise einige seiner Gemälde vernichtet. Neuere Kritiker beurteilen sie differenzierter und sehen sie nicht nur als wichtigste Bewahrerin von Watts’ Erbe, sondern auch als versierte Mitarbeiterin und wegweisende Designerin und Unternehmerin.[4]

Künstlerisches Wirken in Compton

Nach ihrer Heirat widmete sich Mary Seton Watts hauptsächlich der Kunst im keltischen und modernen Stil („British Art Nouveau style“), insbesondere der Gestaltung von Basreliefs, Keramik, Metallarbeiten und Textilien.

Als der Gemeinderat von Compton 1895 einen neuen Friedhof anlegen ließ, bot Seton Watts an, unter der Schirmherrschaft der „Home Arts and Industries Association“ (HAIA) eine Trauerkapelle, die „Watts Cemetery Chapel“, zu entwerfen und bauen zu lassen;[4] Ziel der HAIA war, vom Aussterben bedrohte Handwerkskünste in ländlichen Gemeinden zu fördern. Eine Gruppe lokaler Amateure und Kunstbegeisterter errichtete die Kapelle von 1896 bis 1898; praktisch waren alle Dorfbewohner beteiligt. Es entstand ein Interieur, das Jugendstil und keltische Einflüsse mit Marys eigenem Stil verbindet. George Watts finanzierte das Projekt und malte noch drei Monate vor seinem Tod eine Version von „The All-Pervading“ für den Altar. 1905 verfasste Seton Watts „The Word in the Pattern“ eine detaillierte Beschreibung der Symbolik in der Watts-Trauerkapelle.[5] Sie stattete auch die Militärkapelle „Aldershot Mortuary Chapel“ auf dem Gelände der Garnison Aldershot mit bemalten Paneelen aus. Als diese abgerissen wurde, wurden die Paneele in die „Watts Gallery“ gebracht.[15]

Seton Watts war eine Pionierin des keltischen Stils des Kaufhauses Liberty’s of London: Viele der Motive für Teppiche, Bucheinbände, Metallarbeiten und Textilien der keltischen Renaissance für Liberty’s basierten auf ihren Entwürfen für die „Watts Cemetery Chapel“.[4][16]

Mary Seton Watts war davon überzeugt, dass jeder Mensch, dem man die Möglichkeit dazu gibt, Schönes schaffen kann und dass jeder ein Handwerk ausüben sollte, in dem er sich kreativ ausdrücken kann.[17] Sie gab Kurse, in denen sie lehrte, die mit Symbolen verzierten Terrakottafliesen herzustellen, die sie für die Außenfassade der Kapelle vorgesehen hatte. Diese Kurse führten 1899 zur Gründung der „Compton Potters’ Arts Guild“, eines Sozialunternehmens, das bis in die 1950er-Jahre florierte, seine Werke bei Liberty & Co. verkaufte und Aufträge von Architekten und Designern wie Edwin Lutyens, Clough Williams-Ellis und Gertrude Jekyll erhielt. Mary Seton Watts leitete die Töpferei bis 1934 und schuf bis ins hohe Alter von über 80 Jahren Entwürfe für sie.[4]

Galerie

Literatur

  • Veronica Franklin Gould/Richard Ormond/Mary Seton Watts: Mary Seton Watts (1849–1938): Unsung Heroine of the Art Nouveau. Lund Humphries Publishers, 1998, ISBN 978-0-9515811-2-4 (englisch).
  • Mary McMahon: The Making of Mary Seton Watts. Watts Gallery, Guildford 2013, ISBN 978-0-9561022-6-3 (englisch).
  • Desna Greenhow: The Diary of Mary Watts 1887-1904: Victorian Progressive and Artistic Visionary. Lund Humphries Publishers, 2016, ISBN 978-1-84822-201-4 (englisch).
  • Hilary Calvert/Louise Boreham: Mary Seton Watts and the Compton Pottery. Philip Wilson Publishers, 2019, ISBN 978-0-9561022-6-3 (englisch).
  • Veronica Franklin Gould: Valiant Seton: Mary Fraser Tytler of Aldourie. Grosvenor House Publishing, 2024, ISBN 978-1-80381-982-2 (englisch).
Commons: Mary Seton Watts – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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