Masripithecus
ausgestorbene Gattung der Primaten aus der Gruppe der Menschenartigen
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Masripithecus ist eine ausgestorbene Gattung der Primaten aus der Gruppe der Menschenartigen (Hominoidea). Bisher nachgewiesen wurde sie durch einzelne Unterkieferfragmente und isolierte Zähne. Das Fossilmaterial stammt aus der Qattara-Senke in Ägypten und datiert in das Untere Miozän mit Altersangaben zwischen 18 und 17 Millionen Jahren. Die Größe der Zähne verweist auf Tiere von knapp 26 kg Körpergewicht. Sie lebten in einer küstennahen Fluss- und Sumpflandschaft unter tropisch-subtropischen Klimabedingungen und ernährten sich von einer variablen Kost basierend auf Früchten und Nüssen. Die Struktur der Zähne weist für Masripithecus enge Beziehungen zu eurasischen Primaten auf, die der Stammgruppe der Menschenaffen (Hominidae) zugesprochen werden. Dies könnte darauf hinweisen, dass die Entwicklung der gesamten Gruppe der Menschenaffen ihren Ursprung im nördlichen Afrika hatte. Wissenschaftlich benannt wurde die Gattung im Jahr 2026. Es ist eine Art anerkannt.
| Masripithecus | ||||||||||||
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| Zeitliches Auftreten | ||||||||||||
| Unteres Miozän | ||||||||||||
| 18 bis 17 Mio. Jahre | ||||||||||||
| Fundorte | ||||||||||||
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| Systematik | ||||||||||||
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| Wissenschaftlicher Name | ||||||||||||
| Masripithecus | ||||||||||||
| Al-Ashqar, Seiffert, El-Sayed, Salem, Gohar, El-Saka, Aymin, Sallam, 2026 | ||||||||||||
Merkmale
Masripithecus ist ein Vertreter der Menschenartigen. Belegt ist er über ein Symphysenfragment des Unterkiefers, dem noch die Wurzel des zweiten linken Schneidezahns, die Wurzeln des rechten und zusätzlich die Krone des linken Eckzahns sowie die Kronen der beiden rechten hinteren und des linken vorletzten Prämolaren anhaften. Hinzu kommt ein weiteres linkes Unterkieferfragment mit der Zahnreihe vom Eckzahn bis zum letzten Molaren sowie zwei isolierte hintere rechte Mahlzähne. Anhand der Größe der Molaren lässt sich ein Körpergewicht von 25,7 kg annehmen mit einer Spanne von 21 bis 28 kg. Der Unterkieferkörper war kräftig gebaut mit einer Höhe von gut 3 cm unterhalb des letzten Prämolaren und einer Dicke von 1,4 cm. Zu den hinteren Zähnen verringerte sich die Höhe vermutlich. Dies wäre kongruent zu anderen Menschenartigen gleicher Zeitstellung, doch ist für eine genauere Beurteilung bei Masripithecus vollständigeres Fundmaterial nötig. Die Symphyse war leicht schräg nach oben in einem Winkel von 25° orientiert, was sich in Ekembo wiederfindet. Im Unterschied zu letzterer Gattung war das Foramen mentale bei Masripithecus größer und saß tiefer, etwa im unteren Drittel des Unterkieferkörpers.[1]
Der Eckzahn und der dritte Prämolar waren außerordentlich groß, selbst unter Berücksichtigung, dass das vorliegende Fossilmaterial einem männlichen Individuum zuzuordnen wäre. Der dritte Prämolar besaß einen eiförmig Umriss und war schräger gestellt als bei Proconsul, Ekembo oder Afropithecus, jedoch vergleichbar zu Equatorius. Die unteren Molaren zeichneten sich durch niedrige Zahnkronen und gerundete Buckel auf den Kauoberfläche aus. Letzteres verlieh den Zähnen einen bunodonten Charakter mit fehlenden Schmelzleisten zwischen den Höckern. Ähnliche Merkmale traten bei einigen eurasischen Menschenartigen auf, sind bei afro-arabischen aber seltener vertreten. Entsprechend waren die Becken zwischen den Höckern bei Masripithecus eher flach, was sich ebenfalls von zeitgleichen Menschenartigen Afrikas unterscheidet. Der zweite Molar trug ein auffallendes Metastylid (mittlerer Höcker), wie es auch bei Proconsul zu finden ist, bei Ekembo und Afropithecus aber fehlte. Auf dem hintersten Mahlzahn war das Metastylid weniger markant. Dafür bestanden hier mehrere zusätzliche Nebenhöcker, von denen der hinterste zungenseitige als Hypoconulid gedeutet wird und isoliert vom Entoconid stand. Bei Vertretern aus den Verwandtschaftsgruppen um Proconsul und Afropithecus verband hingegen eine Schmelzleiste beide Höcker. Auf den beiden hinteren Molaren begrenzte ein niedriger Zahnschmelzwulst (Cingulum), das Metaconulid, einen der zungenseitigen Haupthöcker. Beide Zähne erreichten mit Längen von 10,9 beziehungsweise 11,4 mm etwa ähnliche Größen, während der erste Mahlzahn mit 9,7 mm Länge etwas kleiner war.[1]
Fossilfunde
Die bisher bekannten Funde von Masripithecus stammen aus dem Wadi Moghra (auch Wadi Moghara) im nordöstlichen Teil der Qattara-Senke rund 60 km südlich von El-Alamein im nördlichen Ägypten. Sie wurden in der Moghra-Formation aufgedeckt, wo sie sich auf einer Fläche von lediglich 50 cm² verteilten. Die Moghra-Formation stellt eine an ihrer Typuslokalität rund 200 m mächtige Gesteinseinheit dar, bestehend aus einer Wechselfolge von Sand-, Mergel- und Kalksteinen, die sich als Ablagerungen fluviatilen und marinen Ursprungs deuten lassen. Altersdatierung mit Hilfe der Strontiummethode ergaben eine Entstehung der Ablagerungen im Unteren Miozän mit absoluten Angaben zwischen 20,5 und 17 Millionen Jahren.[2][3] Dies deckt sich mit der Biostratigraphie der reichhaltigen Fossilfunde, die neben Haien, Reptilien und Vögeln[4][5][6] mehr als zwei Dutzend Arten an Säugetieren aus rund ein Dutzend Familien umfasst. Aufgefunden wurden unter anderem Paarhufer wie Schweineartige oder die mit diesen verwandten, aber ausgestorbenen Sanitheriidae ebenso wie Anthracotheriidae.[7][8][9] Hinzu kommen verschiedenen Beutegreifer, die sich auf Raubtiere und die wiederum erloschenen Hyaenodonta verteilen.[10][11] Neben Masripithecus wurden zudem Gebissreste und ein Gliedmaßenknochen kleinerer Primaten gefunden, wobei für erstere ein Verweis zu den Gibbons möglich wäre.[12]
Paläobiologie
Für die heutige Qattara-Senke lässt sich anhand der paläontologischen und geologischen Daten für das Untere Miozän ein Flussdelta in einem Küstengebiet rekonstruieren, das unter dem Einfluss der Gezeiten stand. Palynologischen Untersuchungen zufolge bestand eine Mosaiklandschaft mit tropischen bis subtropischen Klimaverhältnissen, was den primären Lebensraum von Masripithecus bildete. Es dominierten Stillgewässer und Sumpfgebiete, in denen Farne und Palmen wuchsen. Begleitet wurden diese von tropischen Regenwäldern, die weiter zum Binnenland in offenere Savannenlandschaften übergingen.[1]
Die Gebissstruktur mit den buckeligen Kauoberflächen der Mahlzähne weist für Masripithecus eine überwiegende Ernährung von Früchten aus, die mit härteren Komponenten wie Nüssen kombiniert wurden. Auf letzteren Umstand lässt der recht robuste Unterkiefer mit der tiefen Symphyse und dem nach vorn verbreiterten Knochenkörper schließen. Die Zahnschmelzdicke ist wie bei heutigen Schimpansen eher intermediär. Ähnliche Bedingungen finden sich aber auch bei Proconsul und Oreopithecus. Die generalisierte fruchtbasierte Nahrung ermöglichte es Masripithecus vermutlich, eine größere Vielzahl an Pflanzen zu konsumieren und dadurch die verschiedenen Landschaftsräume des damaligen Lebensraums mit Wäldern und offenen Grasgebieten zu erschließen.[1]
Systematik
Mögliches Verwandtschaftsverhältnis von Masripithecus innerhalb der Menschenartigen nach Al-Ashqar et al. 2026[1]
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Masripithecus ist eine ausgestorbene Gattung aus der Gruppe der Menschenartigen (Hominoidea) innerhalb der Ordnung der Primaten (Primates). Die Menschenartigen schließen die heutigen Gibbons (Hylobatidae) und die Menschenaffen (Hominidae) inklusive des Menschen ein. Sie verfügen über einen reichhaltigen Fossilbericht verteilt über Afrika und Eurasien. Der genaue Ursprungsort der Gruppe ist allerdings unbekannt, doch gehören die ersten fossilen Nachweise dem Übergang vom Oligozän zum Miozän vor rund 25 Millionen Jahren an. Als problematisch hierbei erweist sich, dass das Fossilmaterial aus der frühen Phase der Entwicklung eher spärlich ist und sich weitgehend auf Gebissreste reduziert. Die Menschenartigen haben jedoch weitgehend die primitive Gebissstruktur der Altweltaffen (Catarrhini) als übergeordnete Gruppe beibehalten, wodurch sich Unterschiede zumeist in subtilen Zahnmerkmalen aufzeigen. Hinzukommend wird die genaue Herleitung durch geographisch-geologische Gegebenheiten und forschungsgeschichtliche Tradition erschwert, wonach sich die Fossilfunde regional weitgehend auf den östlichen Teil Afrikas beschränken, weitere Funde wurden aus Anatolien berichtet. Aus beiden Region liegen zudem ebenfalls sehr frühe Fossilien der Menschenaffen vor, deren Alter in das Mittlere Miozän fällt. Phylogenetischen Analysen zufolge ordnet sich Masripithecus zwischen den moderneren Vertretern der Menschenartigen und der Stammgruppe der Menschenaffen ein, stünde somit an der Basis der Entwicklung letzterer. Je nach Wichtung der hierfür verwendeten Merkmale wäre sowohl eine engere Positionierung zu den ausgestorbenen Afropithecidae als auch zu den Gibbons oder zu den Menschenaffen möglich. Diese enge Verwandtschaft von Masripithecus zur Stammgruppe der Menschenaffen könnte indizieren, dass deren Evolution eher im nördlichen Afrika stattfand, von wo aus sie dann die weiteren Bereiche des Kontinents sowie Eurasien erreichten.[13][1]
Die wissenschaftliche Erstbeschreibung von Masripithecus erfolgte im Jahr 2026, wofür ein Forscherteam um Shorouq F. Al-Ashqar verantwortlich zeichnete und dem unter anderem auch Erik R. Seiffert angehörte. Die Arbeitsgruppe bestimmte das Symphysenfragment sowie zwei isolierte Molaren aus dem Wadi Moghra in Ägypten als Holotyp (Exemplarnummer MUVP 830), während ein Unterkieferfragment der gleichen Fundstelle als Paratyp (Exemplarnummer MUVP 831) fungiert. Der Gattungsname setzt sich aus dem arabischen Wort مصر (masr) für „Ägypten“ und dem griechischen Wort Wort πίθηκος (píthēkos) für „Affe“ zusammen. Gemeinsam mit der Gattung etablierten die Wissenschaftler die Art M. moghraensis. Das Artepitheton ist hierbei eine Referenz auf die Fundregion. Deren Lage im nördlichen Afrika bildet ein Bindeglied zwischen ähnlich alten Fundstellen weiter südlich auf dem Kontinent und Eurasien.[1]
Literatur
- Shorouq F. Al-Ashqar, Erik R. Seiffert, Sanaa El-Sayed, Belal S. Salem, Abdullah S. Gohar, Hossam El-Saka, Mohamed Amin und Hesham M. Sallam: An Early Miocene ape from the biogeographic crossroads of African and Eurasian Hominoidea. Science 391 (6792), 2026, S. 1383–1386, doi:10.1126/science.adz4102