Mathias Wirth

deutscher evangelischer Theologe und Philosoph (1984-) From Wikipedia, the free encyclopedia

Mathias Wirth (* 17. August 1984 in Köln) ist ein deutscher evangelischer Theologe und Philosoph. Seit 2023 ist er ausserordentlicher Professor für Systematische Theologie/Ethik und Leiter der Abteilung Ethik und Diakoniewissenschaft an der Theologischen Fakultät der Universität Bern. Seit August 2024 ist er zugleich Direktor des dortigen Instituts für Systematische Theologie.[1] Wirth ist geschäftsführender Herausgeber der Zeitschrift für Evangelische Ethik (ZEE).[2]

Leben

Ausbildung und akademischer Werdegang

Nach dem Abitur 2004 am Hansa-Gymnasium Köln studierte Wirth von 2004 bis 2009 katholische Theologie und Philosophie in Bonn und Rom. Er war Priesteramtskandidat, ehe er später zur evangelischen Kirche konvertierte.[3] Das Studium schloss er mit dem 1. Theologischen Examen ab. Von 2011 bis 2012 war er als Lehrer für Philosophie und Religionslehre (Sekundarstufe I und II) sowie als Vertrauenslehrer am Gymnasium Josephinum in Bonn tätig.[1][4]

Von 2012 bis 2017 arbeitete Wirth als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Geschichte und Ethik der Medizin des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf bei Heinz-Peter Schmiedebach. 2014 wurde er an der Philosophischen Fakultät der Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover mit einer fundamentalethischen Arbeit zur (Un)Tugend des Gehorsams bei Marco Hofheinz promoviert.[5] Die Dissertation erschien 2016 unter dem Titel Distanz des Gehorsams bei Mohr Siebeck.

2015 bewilligte die Fritz Thyssen Stiftung ein Postdoc-Forschungsprojekt mit dem Titel Krankheit im Horizont der Sinnfrage. Ein Beitrag zur medizinischen Anthropologie und Ethik. 2016 setzte Wirth dieses Projekt als Fritz Thyssen Postdoc Fellow am Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin der Charité fort.[6] Im selben Jahr war er Visiting Research Associate am Centre for Humanities and Health des King’s College London bei Brian Hurwitz. Von 2017 bis 2018 forschte er als Feodor-Lynen-Stipendiat der Alexander von Humboldt-Stiftung an der Yale Divinity School bei Jennifer A. Herdt.[1]

Zum 1. August 2018 erhielt Wirth einen Ruf als Assistenzprofessor mit Tenure Track für Systematische Theologie/Ethik an die Universität Bern, wo er zugleich die Leitung der Abteilung Ethik und Diakoniewissenschaft übernahm. 2023 habilitierte er sich im Fach Systematische Theologie. Zum 1. August 2023 wurde er als ausserordentlicher Professor auf den Lehrstuhl für Systematische Theologie/Ethik berufen und trat damit die Nachfolge von Torsten Meireis an.[7] Seit August 2024 ist er Direktor des Instituts für Systematische Theologie der Universität Bern.[1]

Einen Ruf auf eine W1-Professur für Ethik mit Schwerpunkt Technik- und Medizinethik an der Theologischen Fakultät der Universität Rostock (Listenplatz 1) lehnte Wirth ab. In einem weiteren Berufungsverfahren auf eine W1-Professur für Medizinethik und Medical Humanities an der Charité Berlin stand er auf Listenplatz 2.[1]

Kirchlicher Werdegang

Von 2014 bis 2017 absolvierte Wirth sein Vikariat in der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers in Bremerhaven und legte das 2. Theologische Examen ab. 2019 wurde er in der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn ordiniert.[1]

Forschungsschwerpunkte

Wirths Arbeitsgebiete liegen im Schnittfeld von theologischer Ethik, Medizinethik, Sexualethik und systematischer Theologie. Zu seinen Schwerpunkten gehören:[1]

Wirth tritt in seinen Veröffentlichungen wiederholt für eine kritische Bearbeitung von Gehorsams- und Autoritätsstrukturen ein, die er als Bedingungsfaktor sexualisierter Gewalt in kirchlichen Kontexten analysiert. Zusammen mit Isabelle Noth und Silvia Schroer gab er 2022 den Sammelband Sexualisierte Gewalt in kirchlichen Kontexten heraus.[8][9] Daneben hat Wirth zur theologischen Beurteilung von Triage-Entscheidungen während der COVID-19-Pandemie, zur ethischen Bewertung lebensverlängernder Verfahren im Transhumanismus sowie zur theologischen Anthropologie der Geschlechtervielfalt publiziert. In Beiträgen zur queeren Theologie hat er das Verhältnis von Althaus-Reids Befreiungstheologie und Queer Theology bearbeitet.

Mitgliedschaften und Funktionen

  • Geschäftsführender Herausgeber der Zeitschrift für Evangelische Ethik (ZEE)
  • Mitglied der Spezialisierten Ethikkommission des Bundesgesundheitsministeriums (Berlin)
  • Mitglied im Beirat der Zeitschrift Ethik in der Medizin
  • Mitglied der Ethikkommission der Universität Bern sowie der Kommissionen für Qualität und Nachhaltigkeit
  • Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Interdisziplinären Zentrums für Geschlechterforschung (IZFG) der Universität Bern
  • Mitglied der Fokusgruppe «Artificial Intelligence» der Universität Bern
  • Mitglied der Jury des Berner Umweltpreises
  • Mitglied der Promotionskommission der Theologischen Fakultät Bern
  • Qualitätsbeauftragter und Fakultätsbeauftragter für Nachhaltigkeit der Theologischen Fakultät Bern
  • Mitglied im Team „Interreligiöse Studien“ der Universität Bern
  • Mitglied im Ausbildungsrat der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn
  • Mitglied der Arbeitsgruppen «Theologische Reflexion zur sexualisierten Gewalt» und «Transgeschlechtlichkeit» der EKD
  • Mitglied der Akademie für Ethik in der Medizin
  • Mitglied der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Theologie
  • Mitglied der Deutschen Gesellschaft zur Prävention und Intervention bei Kindesmisshandlung, -vernachlässigung und sexualisierter Gewalt[1]

Auszeichnungen

  • 2014: Wissenschaftspreis Hannover der Leibniz Universitätsgesellschaft e.V.[5]
  • 2017: Ernst-Wolf-Preis der Gesellschaft für Evangelische Theologie (Kategorie A: Dissertationen/Habilitationen)[10]

Schriften (Auswahl)

Monographie

  • Distanz des Gehorsams. Theorie, Ethik und Kritik einer Tugend (= Religion in Philosophy and Theology. Band 87). Mohr Siebeck, Tübingen 2016, ISBN 978-3-16-154515-3.

Herausgeberschaften

  • mit Claus Beisbart, Silvia Berger Ziauddin und Sara Kviat Bloch (Hrsg.): Das Ende denken. Vom menschlichen Umgang mit Schlusspunkten. Frankfurt am Main 2024.
  • mit Reiner Anselm und Traugott Jähnichen (Hrsg.): Profile evangelischer Ethik. 30 Konzepte aus 100 Jahren. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2024.
  • mit Isabelle Noth, Franziskus Knoll und Mathias Mütel (Hrsg.): Seelsorge und Diakonie. Ethische und praktisch-theologische Perspektiven. Kohlhammer, Stuttgart 2024.
  • mit Isabelle Noth und Silvia Schroer (Hrsg.): Sexualisierte Gewalt in kirchlichen Kontexten. Neue interdisziplinäre Perspektiven. De Gruyter, Berlin/Boston 2022, ISBN 978-3-11-069920-3.

Aufsätze (Auswahl)

  • Jürgen Habermas im Kontext von Biokonservativismus und Stammzellethik. In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie. Band 72, Nr. 6, 2024, S. 788–809.
  • Die notorische Identifikation jüdischer Personen mit dem Sterben als Normbruch. Über den affektiven Ausdruck von Antisemitismus nach dem 7. Oktober und Einflüsse des Christentums. In: Zeitschrift für Evangelische Ethik. Band 68, 2024, S. 3–9.
  • Entspricht das Vorrangsprinzip dem Diskriminierungsverbot? Ethik in theologischer Perspektive und triagierte Affenpockenimpfungen. In: Zeitschrift für Evangelische Ethik. Band 68, 2024, S. 20–34.
  • Kreationismus und Anti-Gender. Über Schöpfungstheologie und moralisches Unbehagen. In: Zeitschrift für Theologie und Kirche. Band 120, 2023, S. 216–233.
  • Die Verwicklung von Recht, Ethik und Subjekt. Über Probleme in der aktuellen „Aufarbeitung“ sexualisierter Gewalt in den Kirchen. In: Zeitschrift für Evangelische Ethik. Band 67, 2023, S. 141–147.
  • mit Isabelle Noth und Silvia Schroer: Sexualisierte Gewalt und das Problem kirchlicher Separatwelten. In: dies. (Hrsg.): Sexualisierte Gewalt in kirchlichen Kontexten. De Gruyter, Berlin/Boston 2022, S. 1–25.
  • Die Banalisierung sexualisierter Gewalt im Modus ihrer Entschuldigung. In: Sexualisierte Gewalt in kirchlichen Kontexten. De Gruyter, Berlin/Boston 2022, S. 335–377.
  • Der Krieg und das Böse. Anmerkungen zur Verflechtung mit «Erosionsagenten» im Kontext des Kriegs gegen die Ukraine. In: Zeitschrift für Evangelische Ethik. Band 66, 2022, S. 164–167.
  • Queer Families: Effect and Effectivity of a Reformed Theology. In: Theology Today. Band 78, 2021, S. 123–139.
  • Der Rigor der Gerechtigkeit. Eine an der Triage in der COVID-19-Pandemie orientierte theologische Analyse. In: Zeitschrift für Evangelische Ethik. Band 65, 2021, S. 202–214.
  • Korridorizität. Über eine Metapher und Denkform in der theologischen Ethik. In: Zeitschrift für Theologie und Kirche. Band 117, 2020, S. 347–375.
  • mit Laurèl Rauschenbach, Brian Hurwitz, Heinz-Peter Schmiedebach und Jennifer A. Herdt: The Meaning of Care and Ethics to Mitigate the Harshness of Triage in Second-Wave Scenario Planning During the COVID-19 Pandemic. In: American Journal of Bioethics. 2020, doi:10.1080/15265161.2020.1777355.
  • Demand for Space: Elderly Transgender and Gender Nonconforming People, Healthcare, and Theological Ethics. In: Journal of Religion and Health. 2020, doi:10.1007/s10943-020-01101-9.
  • Trans-Körper. Theologie im Gespräch mit Transsexualität und Transhumanismus. In: Zeitschrift für Evangelische Ethik. Band 62, 2018, S. 10–30.
  • Trost für Untröstliche? Friedrich Rückerts Kindertotengedichte in eschatologischer Perspektive. In: Zeitschrift für Theologie und Kirche. Band 115, 2018, S. 98–123.
  • Phenomenology and its Relevance to Medical Humanities: The Example of Hermann Schmitz’ Theory of Feelings as Half-Things. In: Medical Humanities. Band 44, 2018, S. 1–7.
  • Doketisch, pelagianisch, sarkisch? Transhumanismus und technologische Modifikationen des Körpers in einer theologischen Perspektive. In: Neue Zeitschrift für Systematische Theologie und Religionsphilosophie. Band 60, 2018, S. 142–167.
  • mit Heinz-Peter Schmiedebach: Sexualisierte Gewalt gegen Minderjährige im klinischen Kontext und das Problem von Paternalismus und Täuschung. In: Ethik in der Medizin. Band 31, 2019, S. 7–22.
  • «Living in a Shell of Something I’m Not»: Transsexuality, Medical Ethics, and the Judeo-Christian Culture. In: Journal of Religion and Health. Band 54, 2015, S. 1584–1597.

Mediale Rezeption

Wirth tritt regelmässig als Sachverständiger und Kommentator in deutschsprachigen Medien zu Fragen der Medizinethik, der Aufarbeitung sexualisierter Gewalt sowie zu kirchen- und religionsethischen Themen in Erscheinung. Im Schweizer Fernsehen war er im März 2022 Gast der Sendung Sternstunde Religion zum Thema Machtmissbrauch in den Kirchen.[11] In der ARD-Tagesschau wurde er zur kirchlichen Beteiligung an der Hochzeit eines Bundesministers zitiert.[12] Beiträge und Interviews erschienen u. a. im WDR, in der Frankfurter Rundschau, im Kölner Stadt-Anzeiger, in der Berner Zeitung, im Bund und auf watson.ch.

Einzelnachweise

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