Matrosenlied (Hermann Löns)
deutsche Seemannshymne
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Das Matrosenlied ist ein Gedicht von Hermann Löns, das er 1910 verfasste und 1911 in der Lyriksammlung Der kleine Rosengarten abgedruckt wurde. Es wurde mehrfach vertont und diente in beiden Weltkriegen der deutschen Propaganda.[1][2] Mit der Musik von Herms Niel wurde es als einziges von mehreren England-Liedern als Engellandlied bzw. „Wir fahren gegen Engelland“ bekannt.[3]
Vertonungen und Verwendungen
Eine Vertonung hatte schon Waldemar von Baußnern 1914 vorgenommen.[4] Das Matrosenlied von Hermann Löns ist das bekannteste Beispiel des viel zitierten Geist von Langemark, der viel mehr in der Weltfremdheit jener verträumten, verspielten romantischen Lebenseinstellung wurzelte, als in dem „aufgeblasenen Heroismus“, den man später hineingedeutet hat.[5] Leichtbeschwingt vertont im 3/4-Takt für Gesang mit Lautenbegleitung erschien es 1914 als Beilage zum Kunstwart.[5] Verglichen mit der Art, wie derselbe Text im Zweiten Weltkrieg als Marschlied „geschmettert wurde“, so ist es kaum wiederzuerkennen, obwohl die Melodie fast Note für Note übernommen wurde.[5]
Wie in seinen anderen Gedichten, bediente Löns sich volksliedhafter Motive wie Abschied von der Liebsten vor dem Auszug in den Krieg. Das Matrosenlied mit seiner Begeisterung für die kaiserliche Flotte, um eine Gleichstellung Deutschlands mit der See- und Kolonialmacht England einzufordern, kann als Zeitdokument betrachtet werden. Verglichen mit anderen Flottengedichten, zeigt es keine offene Brutalität gegen England, besitzt aber durchaus aggressives Potential, das in Rührseligkeit eingebettet ist.[1] Diese Mischung aus Sentimentalität und Aggression interessierte auch die Nationalsozialisten, appelliert das Matrosenlied doch an Gefühle, ohne die „Wehrkraft zu zersetzen“; es ruft zum Kampf auf, ohne durch martialische Parolen an Beliebtheit zu verlieren.
Sowohl in der Marine als auch in der Luftwaffe, die gegen England eingesetzt wurden, wurde dieses Löns-Lied verwendet. Der deutsche Rundfunk leitete die Versenkungsmeldungen von feindlichen Schiffen mit der Melodie ein.[1] Im Zweiten Weltkrieg war es eines der meist gesungenen Soldatenlieder.[6] Es war in der Kaiserlichen Marine und später in der Kriegsmarine der Wehrmacht populär.[7]
Hintergrund
England war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die dominierende Weltmacht, als das Deutsche Reich dieses erst kurz vor der Jahrhundertwende als Konkurrenten auf allen Weltmärkten ausmachte. Bis dahin und noch später war die öffentliche Auseinandersetzung ganz auf Frankreich ausgerichtet.[8] Überrumpelt von Englands Gegnerschaft im Ersten Weltkrieg, musste ein Feindbild nachgeliefert werden, etwa in Schulbüchern des Kaiserreichs und der Weimarer Republik, wo man gegenüber England eine zwiespältige Haltung einnahm; hier findet sich auch das später hochberühmt gemachte „Deutsche Matrosenlied“ von Hermann Löns mit dem Ressentiment „denn wir wollen es nicht länger leiden, daß der Englischmann darüber lacht.“[8]
Als 1914 massenhaft Kriegsgedichte verfasst wurden, wehrte Löns jegliches Ansinnen ab, er solle auch welche schreiben, obwohl er bereits 1910 im Matrosenlied aufgefordert hatte, gegen „Engelland“ in den Krieg zu ziehen. Er gab dann aber am 20. August 1914 die Erlaubnis, eine erste Liedfassung zu komponieren, mit der Prämisse, dass die Hälfte des Reinertrages dem Roten Kreuz zufällt. Im Krieg gab es dann noch mehr Vertonungen, die bekannteste Fassung stammt aber aus dem Zweiten Weltkrieg von Herms Niel.[9]
Liedtext
Heute wollen wir ein Liedlein singen
trinken wollen wir den kühlen Wein
und die Gläser sollen dazu klingen
denn es muß, es muß geschieden sein.
Gib’ mir deine Hand, deine weiße Hand
Leb wohl, mein Schatz, leb wohl
denn wir fahren gegen Engeland
Unsre Flagge und die wehet auf dem Maste
sie verkündet unsres Reiches Macht
denn wir wollen es nicht länger leiden
daß der Englischmann darüber lacht.
Gib’ mir deine Hand, deine weiße Hand
Leb wohl, mein Schatz, leb wohl
denn wir fahren gegen Engeland
Kommt die Kunde, daß ich bin gefallen
daß ich schlafe in der Meeresflut
Weine nicht um mich, mein Schatz, und denke
für das Vaterland, da floß sein Blut.
Gib’ mir deine Hand, deine weiße Hand
Leb wohl, mein Schatz, leb wohl
denn wir fahren gegen Engeland
Rezeption
Die Löns-Forschung wies darauf hin, dass es im Zusammenhang mit dem dörflichen Leben zu sehen sei. Löns hatte u. a. Lieder für verschiedene Waffengattungen geschrieben, in denen die jungen Männer eines Dorfes dienen mussten, was aber nichts an dem politischen Hintergrund des Liedes ändert, da Löns kein Freund Englands war und die Einstellung des kaiserlichen Deutschland vertrat. Das Lied ist also zeitgebunden, und dennoch wird oft übersehen, dass es zwar ein „Lied vom kriegerischen Gegensatz“ ist, aber kein Hassgesang.[12]
Karl Krolow betrachtete das Werk 1966 als bewusst volksliednaher Gegenentwurf zur Lyrik des Expressionismus (wie etwa von Georg Trakl oder Georg Heym), dessen bildhafte Einfachheit die Breitenwirkung in der Jugendbewegung förderte. Die Verwendung traditioneller Motive wie der ‚weißen Hand‘ markiert dabei eine bewusste Distanz zur intellektuellen Moderne und begründete die spätere Rolle des Liedes als massenwirksames Gemeinschaftsgut.[13]
Weblinks
- Matrosenlied (Wir fahren gegen Engeland) 1914-1918 auf YouTube, Melodie von Georg Göhler, 1914
- Matrosenlied auf YouTube, Melodie von Herms Niel, Aufnahme von 1940
- Deutsche Propagandapostkarte mit dem Liedtext von Hermann Löns, dhm.de