Maxime
oberste persönliche Lebensregel
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Die Maxime (französisch maxime Leitspruch, von lateinisch maxima (ergänze: propositio) „die größte oder oberste (Aussage)“) bezeichnet nach heutigem Verständnis die „oberste persönliche Lebensregel“ bzw. einen persönlichen Grundsatz des Wollens und Handelns (La Rochefoucauld, Goethe). Der Begriff stammt ursprünglich aus der Logik und ging im Französischen in die Moralistik ein. Bei den französischen Moralisten Luc de Clapiers, Marquis de Vauvenargues (1715–1747) und François de La Rochefoucauld (1613–1680) wurde die Maxime zu einer hohen Form der philosophischen Aussage. Goethes Aphorismensammlung Maximen und Reflexionen wurde erstmals 1833 veröffentlicht.
Wortgeschichte
Das Substantiv „Maxime“ geht auf den von Boethius, der die Topik von Aristoteles übersetzt hatte, verwendeten Ausdruck maximae et principales propositiones (dt. „die obersten und allgemeinsten Aussagen“) zurück.[1] Boethius bezog sich dabei auf die Syllogistik der antiken Logik. Im Sinne von Boethius hielt sich die Bedeutung des Begriffs bis in die frühe Neuzeit. Bei Albert von Rickmersdorf besitzt der Begriff noch die logische Bedeutung (locorum alius dicitur locus maximus; dt. „Ein anderer Topos wird als ‚oberster Topos‘ bezeichnet.“).
Im Französischen entwickelt sich im 17. Jahrhundert daraus die ethisch-praktische Bedeutung von les maximes als Grundregel für das gute Verhalten. Besonders stark wirkten hierfür de La Rochefoucaulds Réflexions ou sentences et maximes morales (1665) nach. Doch findet sich der ursprüngliche Wortgebrauch auch später noch, so z. B. bei D’Argens († 1771):
« Propositions évidentes et générales, telles que sont elles qu’on appelle maximes ou axiomes […] On appelle ces premiers principes des maximes ou des axiomes, parce que ce sont des propositions, dont il suffit de concevoir le sens, pour être convaincu de leur certitude. »
„Sich von selbst verstehende und allgemeine Aussagen nennt man Maximen oder Axiome. […] Man nennt diese ersten Prinzipien Maximen oder Axiome, weil es Aussagen sind, deren Sinn man nur begreifen muß, um von ihrer Richtigkeit überzeugt zu sein.“[2]
Bei Jean-Jacques Rousseau heißt es 1755 im Diskurs über die Ungleichheit: „Anstelle jener erhabenen Maxime der durch Vernunft erschlossenen Gerechtigkeit: Tue anderen, wie du willst, dass man dir tue gibt das Mitleid allen Menschen diese andere Maxime der natürlichen Güte ein, die viel weniger vollkommen, aber vielleicht nützlicher ist als die vorhergehende: Sorge für dein Wohl mit dem geringstmöglichen Schaden für andere.“[3]
Maxime in der deutschen Aufklärung
Seit den französischen Moralphilosophen hat sich auch in Deutschland der Begriff der Maxime immer mehr in einen Begriff einer subjektiven moralisch konnotierten Lebensregel gewandelt.
Samuel von Pufendorf etwa schrieb 1683: „Es führete die kluge Königin Elisabeth diese Maximen, daß sie sich der grossen Macht der Spanier mit Ernst widersetzte und ihnen zur See allen möglichen Schaden zufügete“[4]
Der Kameralist und Schriftsteller Julius Bernhard von Rohr verfasste 1718 eine Schrift über die Staats-Klugheit: „Es ist zwar nicht wohl möglich, daß man bey der allgemeinen Staats-Klugheit solche Regeln finden kan, die sich alle zusammen, auf alle Oerter, ohne einige Veränderung damit vorzunehmen, schicken solten, indem die Umstände der Oerter gar zu sehr discrepant, iedennoch lassen sich ihrer viel auch davon gar wohl gebrauchen, weil manche Objecta und Negotia in unterschiedenen Ländern dennoch einander gantz conform sind, und wer solche allgemeine Regeln der Politique im Kopffe hat, kan eher geschickt seyn bey besondern Fällen ein gewiß Tempe ament zu finden, oder worinnen diese und jene Maxime wegen der besondern Umstände einige Exception, Erweiterung oder Einschrenckung bedürffe, als wer derselben gäntzlich unerfahren.“[5]
Bei Johann Christoph Gottsched heißt es 1730: „Er zeiget überall eine philosophische Stärcke der Vernunft, einen grossen Eifer vor alles Gute, ein gesetztes männliches Hertz, so die Eitelkeiten der menschlichen Dinge verachtet, und den hohen Adel der Weisheit und Tugend allein hochschätzet. Sonderlich wären sein Vielgut, Zlatna und die vier Bücher der Trost-Gedichte werth, daß sie der Jugend beyzeiten in die Hände gegeben, erkläret, und von derselben von Wort zu Wort auswendig gelernet würden. Dieſes würde derselben mehr edle Maximen und Sitten-Lehren geben, als die lateinischen Sprüch elchen, so sie mehrentheils ohne Verstand herbeten lernt und länger nicht bewahrt, als bis der kluge Sohn nach Papageyen Art, Sie zu der Eltern Trost dem Lehrer nachgesprochen.“[6]
Christian Wolff, ein bedeutender deutscher Aufklärer, hat im Begriff der Maxime die logische und die moralphilosophische Bedeutung miteinander verknüpft. In einem Praktischen Syllogismus gibt die Maxime den Obersatz: „Nemlich der Venunftstümmelte Schluss ist dieser: Diese Sache oder Begebenheit ist so und so beschaffen. Derowegen ist sie gut (oder böse). Der Fördersatz so dazu gefunden wird ist dieser: Eine Sache oder Begebenheit die so und so beschaffen, ist gut (oder böse). Und hierdurch zeigt sich die Maxime, nach welcher der Mensch urtheilt, ob etwas gut oder böse sei: welche wir zu wissen verlangten.“[7]
Im Zedler, dem maßgeblichen Universallexikon des 18. Jahrhunderts, heißt es: „Maxime, lat. Axioma, heisset eine allegemeine oder Grund-Regel, darnach man etwas beurtheilet. Betreffen solche Regeln ins besondere den Staat, so heissen solche Regeln Staats-Maximen. Lat. Rationes Politica. Überhaupt hat ein jeder Mensch gewisse Maximen oder allgemeine Regel, darnach er sein Thun und Lassen einrichtet. Denn es ist ja bekannt, daß der Mensch weder etwas wolle, noch nicht wolle, und also auch weder etwas thun noch lassen kan, ohne einen Bewegungs-Grund. Da nun der Bewegungs-Grund sowohl des Willens als der sinnlichen Begierde die Vorstellung des Guten ist, hingegen des Nicht-Wollens und des sinnlichen Abscheues die Vorstellung des Bösen; darzu aber, daß wir urtheilen, ob etwas gut oder böse sei, eine Maxime erfordert wird; so muß auch, wie gedacht, der Mensch gewisse Maximen oder allgemeine Regeln haben, darnach er sein Thun und Lassen einrichtet. Inzwischen ist es wahr, daß der Mensch selbst solche Maximen, indem er nach selbigen handelt, nicht deutlich erkennet. Wie man die Maximen entdecken könne, nach welchen einer gewohnet ist das Gute und Böse zu beurtheilen, zeiget Christian Wolff in dem 190 und ff.s.s. seiner Gedancken von der Menschen Thun und Lassen.“[8]
Entsprechend schrieb Johann Ernst Philippi im Jahr 1743 eine vergnügliche Sammlung von Maximen, z. B. „Wer hingegen die Maxime im Kopfe hat, alles zu verwerfen, was er nicht deutlich einsiehet, der hat einen sehr verderbten Geschmack, und ist ein ohnfehlbarer Narr.“[9]
„Maxime“ im Sinne Kants
Immanuel Kant, der einerseits in der Wolff’schen Schule ausgebildet war und andererseits ein großer Anhänger Rousseaus war, machte den Begriff der Maxime zu einem Kernbegriff seiner Moralphilosophie.
In der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (GMS) führt Kant den Begriff der Maxime im Rahmen der Herleitung des Kategorischen Imperativs wie folgt ein:
- „Nun soll eine Handlung aus Pflicht den Einfluß der Neigung und mit ihr jeden Gegenstand des Willens ganz absondern, also bleibt nichts für den Willen übrig, was ihn bestimmen könne, als objectiv das Gesetz und subjectiv reine Achtung für dieses praktische Gesetz, mithin die Maxime*, einem solchen Gesetze selbst mit Abbruch aller meiner Neigungen Folge zu leisten.“ (GMS AA 4:400-401)
- „* Maxime ist das subjective Princip des Wollens; das objective Princip (d. i. dasjenige, was allen vernünftigen Wesen auch subjectiv zum praktischen Princip dienen würde, wenn Vernunft volle Gewalt über das Begehrungsvermögen hätte) ist das praktische Gesetz.“ (GMS AA 4: 400 FN)
Kant definiert hier eine Maxime als subjektives praktisches Prinzip. Dieses wird zum objektiven Prinzip, wenn es allein aus Vernunft hergeleitet wird und Neigungen des Menschen keine Rolle spielen. Wenn eine solche Maxime verallgemeinert werden kann, wird sie zu einem praktischen Gesetz. Kant nimmt an, dass jeder Handlung eine Maxime zugrunde liegt, sei sie bewusst oder unbewusst. Jeder Mensch hat Neigungen, die ihn verführen können, von dem abzuweichen, was er als moralisch gut erkannt hat. Aus Achtung für das praktische moralische Gesetz ist es aber seine Pflicht, in einem solchen Fall das moralisch Richtige zu tun und nicht seinen Neigungen zu folgen.
Der kategorische Imperativ verlangt die strikte Verallgemeinerbarkeit der Maximen:
„Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie allgemeines Gesetz werde.“
„Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“
Maximen sind bei Kant Ausdruck des Vernunftstrebens nach Einheit und Verallgemeinerung; sie sind subjektiv, insofern sie nicht vom Objekt der Vernunft hergenommen werden, sondern Ausdruck des Vernunftinteresses sind:
„Ich nenne alle subjektiven Grundsätze, die nicht von der Beschaffenheit des Objekts, sondern dem Interesse der Vernunft, in Ansehung einer gewissen möglichen Vollkommenheit der Erkenntnis des Objekts, hergenommen sind, Maximen der Vernunft.Immanuel Kant: AA III, 440[12]“
In der kantischen Ethik, wie Kant sie u. a. in der Kritik der praktischen Vernunft verhandelt, erlangt „Maxime“ als „subjektives Gesetz, nach dem man wirklich handelt“, als „subjektives Prinzip des Wollens“ große Bedeutung. Beliebige praktische Grundsätze sind Maximen, wenn sie zugleich subjektive Gründe der Handlungen, subjektive Grundsätze, werden.
Der moralische Wert einer Handlung ist gegeben, wenn sich der Mensch seine Maximen durch Vernunfterwägungen widerspruchslos als praktische allgemeine Gesetze denken kann, d. h., wenn er wollen kann, dass die Maximen seiner Handlung zugleich zu einer allgemeinen Gesetzgebung werden.
In der Rezeption wird Kants Ethik auch als Maximenethik bezeichnet.
In Anlehnung an Kant hat Charles S. Peirce die für seinen Pragmatismus grundlegende Regel zur Klärung unserer Gedanken als Pragmatische Maxime bezeichnet.
Literatur
- Rüdiger Bubner, Ulrich Dierse: Maxime, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, hrsg. von Joachim Ritter, Karlfried Gründer und Gottfried Gabriel, Band 5, Schwabe, Basel-Stuttgart 1980, Sp. 941–944
- Henri-François de La Rochefoucauld: Maximen und Reflexionen, Reclam, Stuttgart 1986, ISBN 978-3-15000678-8
- Daniel Leite Cabrera Pereira da Rosa: Kants Philosophie der Maximen. Eine Untersuchung über das Subjektivitätsmoment des Maximenbegriffs und das Verhältnis von Maximen zu praktischen Gesetzen, Diss. Siegen 2021 (online)
- Maria Schwartz: Der Begriff der Maxime bei Kant. Eine Untersuchung des Maximenbegriffs in Kants praktischer Philosophie. Lit Verlag, Münster/Berlin 2006, ISBN 3-8258-9422-3.
- Urs Thurnherr: Die Ästhetik der Existenz. Über den Begriff der Maxime und die Bildung von Maximen bei Kant, Francke, Tübingen und Basel 1994