Me (Mythologie)

göttliche Erlasse oder göttliche Anleitungen in der sumerischen Mythologie From Wikipedia, the free encyclopedia

Unter Me (Keilschrift: 𒈨, ME, zu lesen: me, Aussprache: me, Akkadisch: parṣu[1]) wird eine Reihe von sumerischen Ritualen verstanden, die als Eigentum von Göttern aufgefasst wurden. Während der Durchführung eines Me verkörpert sich die jeweilige Gottheit in der Person, die das Ritual durchführt. Me hatten in der sumerischen Religion und Kultur eine zentrale Bedeutung.

Begriffsklärung

Für die sumerische Religion und Kultur sind die Me von zentraler Bedeutung, obgleich lange Zeit die exakte Übersetzung dieses Begriffs unklar war. In der Forschung wurden die Me u. a. als (numinose bzw. göttliche) Mächte bzw. Kräfte,[2] Funktionen, Aufgaben oder Pflichten,[3] Ämter und Institutionen,[4] Insignien und weitere konkrete Symbole,[5] Konzepte, Prinzipien, Universalien oder Archetypen[6] aber auch als Kultordnungen[7] oder Ritualhandlungen[8] verstanden. Jüngste Studien von Annette Zgoll machen deutlich, dass es sich bei den Me konkret um Rituale handelt, die im antiken Mesopotamien als Eigentum von Göttern aufgefasst wurden.[9] Dasselbe Konzept gilt für den akkadischen Äquivalenzbegriff parṣu in der assyrisch-babylonischen Kultur.

Die Schwierigkeiten der Begriffsbestimmung von Me liegen im hermetischen Stil der sumerischen religiösen Texte begründet.[10] In abkürzender Schreibweise können Rituale somit durch rituelle Gegenstände bezeichnet werden, wie zum Beispiel Thron oder Zepter für Inthronisationsrituale stehen können. Hingegen können durch ein Tuch oder ein Kraut Rituale bezeichnet werden, die Fruchtbarkeit bewirken. Heilige Texte, die von Göttern erschaffen wurden, tragen zudem den Vermerk "Wortlaut der (göttlichen) Worte" (ka enim-ma). Die rituelle Verortung der Me ist nicht zuletzt daran ersichtlich, dass der Begriff in sumerischen Texten häufig zusammen mit vielen weiteren rituellen Termini wie Ritus (garza), Ritualspruch (ka enim-ma) oder Ritual-Niederschrift (geš-hur) erscheint.[11]

Durchführung von Ritualen

Aus mesopotamischer Perspektive obliegt die Durchführung von Ritualen originär den Göttern, denen bestimmte Rituale gehören.[12] Wenn Menschen, speziell Herrscher oder verschiedene Priester und Ritualexperten, solche Rituale durchführen, verkörpert sich die jeweilige Gottheit während der Durchführung in der durchführenden Person.[13]

Die Rituale im Preislied Innana und Enki

In diesem Text gelingt es der Göttin Inanna durch einen klugen Plan, Rituale von dem Ritual- und Weisheitsgott Enki zu erhalten.[14] Im betrunkenen Zustand verspricht dieser der Göttin die Me des unterirdischen Süßwasserozeans Abzu. Innana belädt ihr Schiff damit und bringt sie trotz Verfolgung durch Enkis Boten am nächsten Tag in die Stadt Unug (Uruk),[15] deren Stadtgöttin sie ist.

Die Me werden im Mythos von Innana und Enki viermal listenartig aufgezählt. Die genaue Zahl der Einträge ist unklar (64[16] bzw. 94[17] bzw. bis zu 110).[18] Auch hier bewährt sich die Deutung von Me als Rituale: Lange Zeit wurde angenommen, dass jeder Eintrag in Innana und Enki ein Me sei. Eine neue Deutung, die von A. Zgoll erarbeitet worden ist, zeigt nun, dass häufig mehrere Einträge eine Gruppe bilden, die ein bestimmtes Ritual bezeichnen.[14]

In der Populärkultur

  • Im Roman The Moon's Fire-Eating Daughter von John Myers Myers stiehlt der Protagonist in einer Umdichtung des Mythos von Inanna und Enki zusammen mit Inanna die Me, insbesondere das Me der Schreibkunst, um selbst Dichter werden zu können.
  • Im Science-Fiction-Roman Snow Crash von Neal Stephenson spielen die Me die Rolle einer Art sprachlicher Software, die von den Priestern an die Bevölkerung ausgeteilt wird; in der sumerischen Ursprache werden durch das Anhören Hirnfunktionen umprogrammiert.
  • In Computerspielen wie Civilization (Sid Meier 1991) oder dem Brettspiel Civilization (Francis G. Tresham 1980) wird die Entwicklung früher Kulturen mit einem Technologiebaum nachvollzogen, dessen Elemente ähnliche kulturelle Errungenschaft wie die Me darstellen.

Siehe auch

Literatur

  • Jeremy Black, Anthony Green: Gods, Demons and Symbols of Ancient Mesopotamia. London 1992.
  • Gertrud Farber-Flügge: Der Mythos "Inanna und Enki" unter besonderer Berücksichtigung der Liste der me. Biblical Institute Press. Vol. 10 of Studia Pohl, Dissertationes scientificae de rebus orientis antiqui. Rome 1973.
  • Samuel Noah Kramer: The Sumerians: Their History, Culture, and Character. The University of Chicago Press, Chicago 1963. ISBN 0-226-45238-7
  • Samuel Noah Kramer und John Maier: Myths of Enki, the Crafty God. Oxford University Press, New York 1989.
  • Brigitte Groneberg: Die Götter des Zweistromlandes – Kulte, Mythen, Epen. Stuttgart 2004.
  • Willem H. Ph. Römer: Mythen und Epen in sumerischer Sprache. In: Willem H. Ph. Römer, Dietz Otto Edzard (Hrsg.): Texte aus der Umwelt des Alten Testaments. Band 3, Lieferung III. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1993, ISBN 3-579-00074-8.
  • Annette Zgoll: Rituale: Schlüssel zur Welt hinter der Keilschrift, Göttinger Beiträge zum Alten Orient 6, Universitätsverlag Göttingen, Göttingen 2025, ISBN 978-3-86395-671-4.
Commons: Me – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary: Me – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
  • Inana and Enki Englische Übersetzung der Keilschrift-Quellen am ETCSL (The Electronic Text Corpus of Sumerian Literature, University of Oxford, England)

Einzelnachweise

Related Articles

Wikiwand AI