Meine Großmutter Millard
Kurzgeschichte von William Faulkner
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Meine Großmutter Millard (Originaltitel: My grandmother Millard and General Bedford Forrest and the Battle of Harrykin Creek, deutschsprachige Übersetzung teilweise unter dem Titel Meine Großmutter Millard und die Schlacht am Harrykin-Bach) ist eine Kurzgeschichte des US-Schriftstellers und späteren Literaturnobelpreisträgers William Faulkner, die erstmals im März/April 1943 in Story veröffentlicht und später in den Collected Stories abgedruckt wurde.[1] Die deutsche Übersetzung von Elisabeth Schnack erschien erstmals bei Fretz & Wasmuth.[2]
Kurzbeschreibung
Der Ich-Erzähler Bayard Sartoris schildert die Taten seiner Großmutter Rosa Millard auf dem Südstaaten-Familiengut während des Sezessionskriegs, wo neben Bayard und einigen Bediensteten auch seine aus Memphis geflohene Cousine Melisandre lebt. Großmutter Millard drillt alle Bewohner im schnellen Vergraben der Familienwertsachen, doch als tatsächlich Nordstaatler-Soldaten heranrücken, bleibt keine Zeit für den trainierten Ablauf. Stattdessen zwängen die bangen Zivilisten die Wertsachen und die verängstigte Melisandre in ein Klo-Häuschen (englisch: backhouse), das kurze Zeit später von sechs Nordstaatlern gestürmt wird. Ein Südstaatler-Leutnant namens Backhouse vertreibt die Angreifer in waghalsiger Aktion und verliebt sich sofort in Melisandre, die jedoch bei der Nennung seines Namens in Panik verfällt. Großmutter Millard muss daraufhin Backhouses Vorgesetzten mobilisieren, um durch Identitäts- und Geschichtsverfälschung das Paar doch noch zusammenzubringen.
Inhalt
Während ringsherum der Sezessionskrieg tobt, liegt das Gut des meist abwesenden Südstaatler-Offiziers John Sartoris ruhig da. Es wird unter anderem bewohnt von Sartoris‘ aus Memphis geflohener Nichte Melisandre, die ihren Mitbewohnern immer vorlesen will, und „was sie uns durchaus vorlesen wollte, war nicht so übel, selbst wenn’s meistens nur von Damen handelte, die aus dem Fenster schauten und irgendwas spielten (vielleicht waren’s Zimbeln), während jemand anders fort war, irgendwo, und kämpfte.“[3] Hausherrin während John Sartoris‘ Abwesenheit ist seine resolute Schwiegermutter Rosa Millard, für die es einiges zu tun gibt, denn angesichts des Kriegsverlaufs drillt Großmutter Millard unter den Augen des jungen Ich-Erzählers Bayard Sartoris die freien und versklavten Hausbewohner, die Wertsachen im Fall der Fälle rasch vor heranrückenden Nordstaatlern retten zu können: Anfangs trainiert man es täglich, später, „als wir es immer besser und immer schneller konnten, war Omi mit einmal die Woche zufrieden“, noch später reicht es einmal im Monat oder noch seltener.[4] Jede Trainings-Einheit besteht darin, dass man die Wertsachen – bis auf eine Uhr, mit der die Zeit genommen wird – in einen Koffer packt, anschließend „ließ Omi uns den Koffer in die Grube senken und die Erde drüber schaufeln und glätten und Buschwerk und Gras draufpacken und dann den Koffer wieder ausgraben und ins Haus zurücktragen.“[5] Eines Tages jedoch bleibt trotz all der Übungen im Ernstfall „keine Zeit. Wir wußten nicht mal, daß Yankees […] innerhalb einer Meile vom Sartoris-Gut waren.“[6] Als John Sartoris‘ Pferde-Hauptmann die Hausbewohner warnt, sieht man schon sechs blau uniformierte Nordstaatler heranreiten, „als ob sie nicht nur zu Gespannen aneinandergekoppelt, sondern an eine einzige Wagendeichsel geschirrt wären“,[7] ein Eindruck, der durch einen zwischen die Pferde gespannten Rammpfahl entsteht. Die Koffer-Rettung bleibt auf der Strecke in dem Sinne, dass man nur noch dazu kommt, den Koffer in das enge Klo-Häuschen im Hof zu zwängen und sicherheitshalber ebenfalls die schöne Melisandre in ihrem „Ballongeflatter von […] Reifröcken“.[7] Gleichzeitig mit dem Südstaatler-Leutnant Philip Backhouse, der ihnen nachsetzt, stürmen die Nordstaatler den Hof, „bis die Pfahlspitze gegen die Türe des Häuschens stieß. Es kippte nicht einfach um: es explodierte. In der einen Sekunde stand es noch da, hoch und schmal und dünnwandig, und in der nächsten Sekunde war es verschwunden, und stattdessen war‘s ein Gebrodel von brüllenden Männern in Blau“, die dem säbelschwingenden Backhouse ausweichen, der sie schließlich vertreibt, „und mitten drin saß Base Melisandre neben dem Koffer, umrahmt von ihren Reifröcken, mit geschlossenen Augen und weit offenem Mund, und schrie“.[8] Nachdem die Nordstaatler unter Schusswechseln über einen Bach namens Harrykin Creek vertrieben sind und Melisandre ins Haus gebracht wurde, schwärmt Backhouse mehrfach „Das schöne Mädchen“, fordert erst Kamm,[8] später weitere Utensilien, um sich schön zu machen und von Melisandre und Großmutter Millard im Salon empfangen zu werden. Der Ich-Erzähler kündigt ihn namentlich an, und die Namensgleichheit von Leutnant und Ort von Melisandres Klohäuschen-Trauma kommt bei Melisandre nicht gut an: „Sie saß kerzengerade auf dem Stuhl, genauso wie sie am Morgen in den Trümmern aus Brettern und Schindeln auf dem Hinterhof gesessen hatte, mit geschlossenen Augen und weit offenem Mund – und schrie.“[9] Sie wird auf ihr Zimmer gebracht, kann auch nicht zum Abendessen erscheinen, während dessen der Ich-Erzähler keck vorschlägt, der verliebte Leutnant könne doch seinen re-traumatisierenden Namen ändern lassen, was Großmutter Millard sehr vernünftig findet, Leutnant Backhouse jedoch ausschließt: Sein Großvater hätte unter diesem guten Namen an der Seite von General Marion gekämpft, sein Vater wäre unter diesem Namen in der Schlacht von Chapultepec gefallen, und so gehöre dieser gute Name nicht ihm allein, außer, er verlöre ihn „in der Schlacht“, was Großmutter Millard so kommentiert: „Das können Sie nicht gut tun, solange sie hiersitzen“; Leutnant Backhouse springt daher auf und geht wieder in den Dienst.[10] Großmutter Millard lädt dessen Vorgesetzten General Forrest, einen Ex-Geschäftspartner ihres Mannes, auf das Gut ein, um die Liebesangelegenheit zu regeln.[11] Nachdem Forrest die alte Dame zunächst vertröstet,[12] erscheint er schließlich doch, weil Backhouse als Soldat leicht unbrauchbar geworden ist: Mal taucht Backhouse einerseits mit rund 50 zweckentfremdeten Südstaatler-Soldaten beim Gut auf, um Melisandre vergeblich die Aufwartung zu machen,[13] mal schüchtert er andererseits auf eigene Faust die vierfach überlegenen[14] Nordstaatler-Truppen von General Smith „so ein, daß der seine ganze Kavallerie aufstellte und sich in ihrem Schutz davonmachte“ – eine Tollkühnheit und Todesverachtung Backhouses, die Backhouse selbst so kommentiert, es sei ihm „ziemlich einerlei, so oder so“, ob er stürbe oder nicht; eine Auffassung, die der General nicht teilt, da das weitere Soldaten in den Tod risse.[15] Zu beiderlei Vorteil beschließen die Großmutter und der General, Leutnant Backhouse offiziell zum in einer fingierten Schlacht am Harrykin Creek heldenhaft Gefallenen zu erklären und an seiner Stelle einen Philip St. Just Backus zum Leutnant zu machen: Auf diese Weise bleibt der Name Backhouse heroisch, und der Liebesnarr kann ohne re-traumatisierenden Namen die schöne Melisandre heiraten.[16]
Textanalyse
Bei Meine Großmutter Millard handelt es sich um eine in Ich-Form erzählte „Sittenkomödie“[17] nach Art einer „Fantasie, so unwahrscheinlich in einer alltäglichen Welt wie eine Szene aus einer Scott-Romanze“.[18] Ort der Handlung ist ein Landgut im fiktiven Yoknapatawpha County. Die Haupthandlung findet am 28. April 1862[19] und dessen Vortag statt, die vorangeschaltete Handlung reicht acht Monate zurück.[20]
Themen
Neben der „komödiantischen Liebesaffäre zwischen Mondschein und Magnolien“[21] und dem duellartigen „Geschlechterkrieg zwischen der alten Dame und dem General“[22] ist das Hauptthema der Kurzgeschichte das Thema Freiheit: „Die einzige ernste Note der Geschichte ist eine ironische Betrachtung des Wortes ‚Freiheit‘ und seiner unterschiedlichen Bedeutungen für die Familiensklaven und für die weißen Südstaatler“.[23] Die Familiensklaven sehen zumindest teilweise die Freiheit von ihrer Sklaverei im Vordergrund und werden von Großmutter Millard deswegen geneckt, die sechs Nordstaatler „heute früh mußten sich, scheint’s, zu sehr anstrengen, um sich die Freiheit zu bewahren, als daß sie auch noch lange drüber reden konnte, nicht wahr?“[11] Großmutter Millard sieht sich als eine der durch die zu tragende Verantwortung weißen „Unfreien“[20] und folgt damit dem Sklavenhalter-Narrativ, „dass die weißen Sklavenhalter die Verantwortung für das Wohlergehen der Großfamilie tragen“ einschließlich der Sklaven.[24] Der weitgehend abwesende Hausherr John Sartoris dagegen sieht Freiheit nicht nur als Freiheit zu etwas (nämlich zur Sklavenhalterschaft), sondern gleichzeitig auch als Freiheit von etwas, nämlich von der drohenden Herrschaft der Nordstaaten. John Sartoris findet, „so ginge es eben immer, wenn eine heterogene Gruppe von Menschen, die einfach in einem unkomplizierten Freiheitsdrang übereinstimmten, sich mit einer tyrannischen Maschinerie einließen. Er sagte, die ersten Schlachten würden sie stets verlieren, und wenn der Gegner ihnen an Zahl und Stärke überlegen wäre, könnte ein Außenstehender wohl annehmen, daß sie sie alle verlieren würden. Aber das würden sie nicht. Sie könnten nicht besiegt werden; wenn sie die Freiheit nur glühend genug und so rückhaltlos begehrten, um alles andre dafür zu opfern – Wohlbehagen und Bequemlichkeit und ein sattes Gemüt und dergleichen, bis das, was ihnen verblieb, ausreichte, einerlei, wie wenig es war –, dann würde die Freiheit selbst schließlich die Maschinerie besiegen, gleich wie eine passive Gewalt, etwa Dürre oder Wassersnot, sie abdrosseln könnte.“[25] Faulkner macht somit in einer scheinbar leichten Komödie deutlich, wie wenig ein scheinbarer Wert wie Freiheit, wie viel die dahinter tatsächlich steckenden konkreten Interessen betrachtet werden müssen.
Figuren (Auswahl)
- Rosa Millard: Die brillentragende Titelfigur wird als ältere Dame mit straffer Haltung beschrieben, in deren Gegenwart es verboten ist zu fluchen.[26] Hinsichtlich der Kriegs- und Eheanbahnungs-Situation zeichnet sie sich durch einen unverbrüchlichen Pragmatismus und eine militärische Disziplin aus, in dem „Duell“ mit General Forrest[22] als eine „versierte Strategin“.[27]
- Leutnant Philip St. Just Backhouse: Dieser 22-jährige[14] Offizier hat einen „feinen weichen Flaum aus den goldenen Stoppeln in seinem Gesicht“, das später vor Liebe „hager […] und abgezehrt“ ist.[13] Dank einer Identitäts- und Geschichtsverfälschung kann er die geliebte Melisandre doch noch heiraten, unter dem veränderten, doch ähnlich klingenden Nachnamen Backus, der „den Leser auch an Bacchus und Bacchanalien, Sexualität und Lüsternheit erinnern kann.“[28]
- Melisandre: Diese Nichte von Großmutter Millard „ist eine komische Südstaatenschönheits-Karikatur, die fröhlich im Reifrock daherkommt, lächerlich theatralisch ist und scheinbar für nichts anderes taugt als für eine Rolle in einem der schlechten Liebesromane, die sie liest.“[29]
- General Nathan Bedford Forrest: In der fiktiven Darstellung der Kurzgeschichte ist Forrest „ein großer, staubiger Mann mit einem Bart, der war so schwarz, daß er fast blau aussah, und Augen wie eine schläfrige Eule.“[30]
- Oberst John Sartoris: Der im Hintergrund bleibende Hausherr des Landguts und Schwiegersohn von Rosa Millard „reorganisiert eine Kavallerieeinheit, um unter dem Kommando von Nathan Bedford Forrest zu dienen“.[31] Die Figur des Oberst wird auch in den Faulkner-Werken Sartoris, Die Unbesiegten und Licht im August mehrfach erwähnt.
- Bayard Satoris: Dieser Sohn von John Satoris ist Ich-Erzähler der Geschichte, in der er nur eine Nebenrolle spielt. Seine Figur taucht auch in den Faulkner-Werken Sartoris, Die Unbesiegten und Der Bär auf.
Rezeption und Adaption
Die im Jahre 1976 durch den US-Autor Evans Harrington (1925–1997) für ein Musical adaptierte[32][33] Erzählung Meine Großmutter Millard „ist zugegebenermaßen oberflächlich betrachtet leichte Kost, und dies erklärt wahrscheinlich, wie wenig kritische Aufmerksamkeit sie nach Faulkner’schen Maßstäben erhalten hat“, so Andrew B. Leiter (Lycoming College Williamsport), der feststellt, das Werk sei aufgrund seines Erscheinungsjahrs 1943 „als ein Beispiel für Mut und Einheit bezeichnet“ worden, „das den Kriegskontext widerspiegelte, in dem es veröffentlicht wurde.“[34] Der Faulkner-Experte Hans H. Skei (Universität Oslo) spekulierte 1985, dass Faulkner Meine Großmutter Millard möglicherweise nur des Geldes wegen verfasste, und kommt zu dem Schluss, dass die Erzählung „keine tiefere Bedeutung hat; es ist eine sehr einfache Geschichte, in ihren Umrissen grob, basiert auf ungeheuerlichen Ereignissen und soll bewusst Gelächter hervorrufen“,[35] eine Einschätzung, die hinsichtlich des Humors weithin geteilt, jedoch im 21. Jahrhundert positiver bewertet wurde: Paul Ashdown und Edward Caudill (beide University of Tennessee) konstatierten im Jahr 2006, dass der Text die Romantik verulke, „die dem Selbstbild und Mythos der Südstaaten so am Herzen liegt“,[36] die französische Anglistin Françoise Buisson (Universität Pau) entdeckte 2016 in dem Text verspotteten Heroismus,[37] die US-Philologen Theresa M. Towner (University of Texas at Dallas) und James B. Carothers (University of Kansas) 2006 „eine romantische Kostüm-Farce“,[38] und das Nachschlagewerk Critical companion to William Faulkner nannte im Jahr 2008 Meine Großmutter Millard „maßlos komisch und sogar leicht derb“.[39]
Deutschsprachige Textausgaben
- Meine Großmutter Millard. In: Sieg im Gebirge (=Gesammelte Erzählungen, Band 4.) Diogenes, Zürich 1978. ISBN 3-257-20043-9. S. 155–192.
- Meine Großmutter Millard. In: Erzählungen, Band 3. Goverts, Stuttgart 1967. S. 165–204.
- Meine Großmutter Millard und die Schlacht am Harrykin-Bach. In: William Faulkner: Meine Großmutter Millard und die Schlacht am Harrykin-Bach. Schwarzer Harlekin. (=Reclams Universal-Bibliothek, Band 8221.) Reclam, Stuttgart 1958. S. 5–48.
Literatur
- Françoise Buisson: William Faulkner's „My Grandmother Millard“ (1943) and Caroline Gordon's „The Forest of the South“ (1944). Comic and tragic versions of the Southern Belle myth. In: Journal of the Short Story in English, Nr. 67 (Autumn), 2016, ISSN 0294-0442, S. 111–124 (htm).
- A. Nicholas Fargnoli, Michael Golay, Robert W. Hamblin: My grandmother Millard and General Bedford Forrest and the Battle of Harrykin Creek. In: A. Nicholas Fargnoli, Michael Golay, Robert W. Hamblin: Critical companion to William Faulkner. A literary reference to his life and work. Facts on file, New York NY 2008. ISBN 0-8160-6432-6. S. 202–203.
- M. E. Bradford: A coda to Sartoris. Faulkner’s „My grandmother Millard and General Bedford Forrest and the Battle of Harrykin Creek“. In: Arthur F. Kinney (Hrsg.): Critical Essays on William Faulkner. The Sartoris Family. Hall, Boston MA 1985. ISBN 0-8161-8690-1. S. 318–323.
- Robert W. Kirk: My grandmother Millard and General Bedford Forrest and the Battle of Harrykin Creek. In: Robert W. Kirk: Faulkner's People. A complete guide and index to the characters in the fiction of William Faulkner. Reprint. University of California Press, Berkeley CA 2018. ISBN 978-0-520-30311-9. S. 284–286.
- Veronica Makowsky: My grandmother Millard and General Bedford Forrest and the Battle of Harrykin Creek. In: Robert W. Hamblin (Hrsg.): A William Faulkner encyclopedia. Greenwood Press, Westport CT 1999. ISBN 0-313-29851-3. S. 262.