Melencolia I
Kupferstich von Albrecht Dürer, 1514
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Das Bild Melencolia I aus dem Jahre 1514 ist einer der drei Meisterstiche Albrecht Dürers. Der Kupferstich misst 24,2 cm × 19,1 cm.[1] Er gilt als eine Glanzleistung Dürers, gibt aber dem Betrachter viele Rätsel auf und zeichnet sich durch eine komplexe Ikonographie und Symbolik aus. Die Nummer nach dem Titel ist als Klassifizierung nach den Lehren von Agrippa von Nettesheim (De occulta philosophia) gedeutet worden, wonach der Planet Saturn, der den Melancholiker beeinflusst, drei Arten des Genies hervorbringt – die erste Stufe wird hier verdeutlicht.[2] Zum Thema wird dieses Motiv für den Künstler, da er sich als Genie oft in einer ähnlichen Gemütsverfassung wiederfindet wie die abgebildete Allegorie, nämlich mit dem Willen zum Schaffen, aber unfähig, etwas zu tun. Eine ganz ähnliche Darstellung und Haltung der Figur findet sich in Dürers Bild Christus als Schmerzensmann, das sich im Besitz der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe befindet.
| Melencolia I |
|---|
| Albrecht Dürer, 1514 |
| Kupferstich |
| 24,2 × 19,1 cm |
| Kunstsammlungen der Stadt Nürnberg, Gr.A. 12856 |

Bildinhalt
- Die das Bild beherrschende Figur ist eine weiblich gekleidete und engelhaft geflügelte Gestalt, die auf einer Stufe sitzt und in ihrem Schoß einen Zirkel und ein mit einer sichtbaren Schließe verschlossenes Buch hält. Am Gürtel ihres Kleides hängen ein Schlüsselbund und ein Geldbeutel. Auf einer Vorzeichnung zum Kupferstich notierte Dürer, dass Schlüssel und Geldbeutel Macht und Reichtum symbolisieren.[3][4] Zu Füßen der inaktiven Hauptfigur liegt ein ebenfalls inaktiver, in sich gerollter Hund.
- Rechts der Hauptfigur sitzt auf einem Mühlstein ein Knabe, Putto oder „genius“, dessen linker Stummelflügel den rechten Flügel der Hauptfigur berührt. Der Putto stützt sich auf ein Täfelchen (Cartolino) und hält einen Gravierstichel, dessen Ende einen Radierschaber trägt.[4]
- Auf dem Boden liegen Gegenstände verstreut herum: Hammer, Zange, Nägel, Säge, Hobel, Richtscheit. Das siebente Werkzeug ist ein Streichmaß (englisch Gauge), mit dem parallele Linien entlang einer Kante angerissen werden können. Neben dem Hund liegt eine zweiteilige Schlagschnur-Gerätschaft. Sie besteht aus einem Schlagschnur-Behälter und einem Farbbehälter.
- Zusätzlich liegen eine Kugel und ein sehr großes Polyeder auf dem Boden. Form und Bedeutung des letzteren sind erklärungsbedürftig (siehe unten).
- Hinter dem Polyeder steht ein kleines Gefäß mit brennender Kohle, darauf ein zeittypisch dreieckiger Metallschmelz-Tiegel. Daneben liegt eine große Zange zum Greifen des heißen Tiegels.[5.1]
- Am Gebäude hinter den beiden Figuren hängen eine gleicharmige Balkenwaage ohne Inhalt, eine Sanduhr, eine Sonnenuhr und eine Glocke, deren Zugseil aus dem Bild herausführt. An der Wand lehnt eine Leiter mit sieben sichtbaren Sprossen.

- Unterhalb der Glocke ist ein magisches Quadrat, das Magische Dürer-Quadrat, auf eine Metallplatte graviert, in die Wand eingelassen. Die Summe aller Reihen, Spalten, Diagonalen, Quadranten und der Ecken ergeben jeweils 34. Es enthält die Zahl 1514, das Jahr, in dem das Kunstwerk geschaffen wurde (wiederholt zusammen mit dem üblichen AD-Signet auf der Stufe am rechten Bildrand). Um die Jahreszahl 1514 befinden sich die Zahlen 4 und 1, die für Dürers Initialen nach ihrer Position im Alphabet stehen könnten.
- Im Bildhintergrund sieht man links Meer, Land und eine Stadt. Der dunkle Himmel darüber wird von einem strahlenden Kometen (oder glühenden Meteorit) erhellt und von einem Mondregenbogen überspannt. Die Figuren im Vordergrund des Bildes werden von einer Lichtquelle beschienen, die sich rechts oben hinter dem Betrachter befindet. Das könnte ein Vollmond sei. Dieser muss – physikalisch gesehen – dort stehen, wenn ein Mondregenbogen an der Stelle entstehen soll, an der ihn Dürer platziert hat.
Deutungen
Das rätselhafte Werk verschließt sich einer vollständigen Interpretation bis heute, obwohl sie seit seinem Entstehen immer wieder versucht wurde. Eine der vorgebrachten Deutungen stammt von dem Kunsthistoriker Erwin Panofsky.[6]
Einer der Deutungsansätze besteht darin, den Kupferstich insgesamt als eine Allegorie der Melancholie, um nicht zu sagen, der Depression zu sehen. Der Stich ist im Übergang vom Mittelalter zur Deutschen Renaissance entstanden, deren Wegbereiter Albrecht Dürer war. Das herumliegende Werkzeug und der mit einem Stichel an einer Platte arbeitende Putto trägt der mittelalterlichen Verbindung von Kunst und Handwerk Rechnung, Polyeder und magisches Quadrat verweisen auf die Verbindung von Wissenschaft und Kunst in der Renaissance. Dementsprechend sah Erwin Panofsky[7] in dem Bild einen Ausdruck für die Melencolia Artificialis, eine Künstlermelancholie, die nicht depressiv, sondern genial ist, aber vom Planeten Saturn beeinflusst zur Schwermut neigt. Zugrunde liegt dieser Aussage eine Umdeutung der Melancholie durch den Florentiner Marsilio Ficino,[8] demzufolge diese als einzige der vier Temperamente zur Kreativität befähigt. Daher war dies für den Maler Dürer auch ein Thema für seine Kunst, die sich aus denselben Quellen speist. Er wusste aus eigener Erfahrung von den Gefahren, die bei einer zu großen geistigen Anspannung lauern und hat dies durch die Personifikation der Melencolia zum Ausdruck gebracht.
Möglich wäre aber auch eine andere Deutung: Dürer kannte von seinen Italienreisen die neue Kunstströmung der Renaissance, die nördlich der Alpen etwa hundert Jahre später als in Italien einsetzte. Ihr könnte die sinnende Frauengestalt entgegensehen. Das Mittelalter geht zu Ende (Stundenglas), eine neue Zeit wird bald eingeläutet (Glocke), es geht aufwärts (siebensprossige Leiter), Licht (Erkenntnis) verbreitet seine Strahlen am Himmel, überwölbt von einem Regenbogen (Segen). Das Gewohnte ist bald dahin (Abschied und Melancholie). Für die künftigen Aufschwünge (Flügel) in Wissenschaft und Kunst ist die noch reglos sitzende Frauengestalt bereits mit frischen Zweigen bekränzt. Das hässliche kleine Flugtier und Fabelwesen, das das Spruchband trägt (bei genauer Betrachtung dürfte das Spruchband aus der Innenseite der Bauchhaut des Wesens bestehen, die gleichsam am Himmel aufgespannt ist), steht für die Gefahr, im Sinnieren steckenzubleiben, sich nicht aufzuraffen, um etwas zu tun.
Dürer, der auch wissenschaftliche Werke (über Mathematik, zur Perspektive und über menschliche Körperproportionen) verfasste, scheint viel von seinem Selbstverständnis in das Bild eingearbeitet zu haben. So könnten Polyeder und Kugel (als die den Polyeder umschreibende Hilfskonstruktion) auf die von ihm erfundene zeichnerische Konstruktionsmethode von Polyedern hindeuten. Fest steht, dass die geometrischen Gegenstände auf die neuen wissenschaftlichen Hilfsmittel hinweisen, derer sich der Künstler nun auch bedienen sollte.

Im Allgemeinen sind die aufgeführten Werkzeuge neben den geometrischen Formen aber Symbole des schöpferischen Bemühens, wie sie schon Gregor Reisch in seiner Enzyklopädie Margarita philosophica (1504) in einem Holzschnitt mit dem lateinischen Titel Typus geometriae abbildete. Sie sollten als Aufforderung zum Tun verstanden werden, durch die die Welt verständiger und handhabbarer wird.
Das Gestirn im Hintergrund des Bildes hat Ursula Marvin vom Smithsonian Astrophysical Observatory als den Meteorit von Ensisheim vom 7. November 1492 gedeutet.[9] Dürer hatte sich zu der Zeit im 38 Kilometer von Ensisheim entfernten Basel aufgehalten und die Explosion des Meteoriten auf die Rückseite einer kleinen Holztafel gemalt, mit seinem Gemälde des Hieronymus als Büßer auf der Vorderseite. Der Kunsthistoriker David Carritt ordnete das Werk 1956 Dürer zu.[10]

Innerhalb des magischen Quadrats von Melencolia § I sind die zu erkennenden Kombinationen vielfältig und überraschend:[11]
„Jede Gruppe an den Ecken, gebildet aus vier Kästchen (16, 3, 5, 10 – 2, 13, 11, 8 – 9, 6, 4, 15 – 7, 12, 14, 1), hat die Summe von 34. Dieselbe Zahl erhält man durch Addition von Ziffern der Mittelgruppe (10, 11, 6, 7), aber auch der Eckkästchen (16, 13, 4, 1). Das gleiche Ergebnis erhält man, wenn man die Zahlen auf den horizontalen, vertikalen und diagonalen Linien addiert. Wir bekommen immer 34. Insgesamt kommt die Zahl sechzehnmal vor. Betrachtet man auch mögliche Rechtecke (5,8,12,9:3,2,14,15:5,3,12,14:2,8,15,9) so kommt die Zahl 34 zwanzigmal vor. Sechzehn ist die Gesamtzahl der Kästchen. Diese Eigenschaft erscheint auch in Henricus Cornelius Agrippa von Nettesheims Tabula Jovis, wurde jedoch von vielen vernachlässigt, vielleicht weil es nicht im analytischen Index seines Autors erscheint.[12] Die Eigenschaften der Summen jeder Zone sind auch in den analogen Schemas von Mescupolo und Paracelsus vorhanden.[13] Trotz der Ähnlichkeit mit diesen scheint das magische Quadrat von Melencolia § I nicht ausgewählt worden zu sein, um einer hermetischen Tradition zu folgen. Die unausgesprochene Exklusivität dieses Quadrattyps mag der Grund für die Widmung an Jupiter (privilegiert unter den Göttern und der größte der Planeten) und für Dürers Wahl sein. In Wahrheit findet sich seine zuverlässigste Quelle in der Beschreibung, die Luca Pacioli als angenehme Kuriosität vorschlägt [«ligiadro solazo» (f. 122r)], die ihren Ursprung den größten Astronomen zuschreibt, „Ptolomeo al humasar ali, al fragano, Geber und all die anderen“. Diese „haben Jupiter[14] [Planet «Giove»] die Figur gewidmet, die aus 4 Quadraten auf jeder Seite besteht, wobei die Zahlen so angeordnet sind, dass sie für jede Richtung 34, dann 16, 3, 2, 13 und in der nächsten Reihe 5 sind, 10, 11, 8, dann in Zeile dritte Zeile 9 [etc.] wie am Rand zu sehen.[15]“
Da diese versprochenen Zahlen im Manuskript nicht grafisch sichtbar sind, wurde die Komposition mit blauen Zahlen vervollständigt (siehe Bild). Das magische Quadrat von Melencolia § I stellt eine joviale Übung (lat. iovialis, von Iovis) dar, um den Einflüssen der Melancholie entgegenzuwirken. Diese These einer „jovialen Übung“ wird sogar noch übertroffen, wenn der Kunstbetrachter die Reihenfolge der Ziffern aus Dürers Magischem Quadrat auf das Koordinatensystem überträgt. Das zeichnerische Ergebnis offenbart und untermauert auf perspektivische Art den eigenen jovialen Anspruch Albrecht Dürers.[16] Unten in der Mitte zeigt die Vereinigung der Ziffern 15 und 14 ein sehr trauriges Jahr an.[17]
Insgesamt gesehen erweist sich der Spielraum für denkbare Deutungen zu "Melencolia I" als sehr groß. Die Gefahr verstiegener Phantasiedeutungen ist offenkundig.
Zum "Polyeder": naturwissenschaftliche Perspektiven
Einem sehr auffälligen Aspekt in Dürers Graphik wurde in kunsthistorischen Deutungen möglicherweise zu wenig Beachtung geschenkt: der ungewöhnlichen Größe des Polyeders im Bild. Den Fragen, was eine solche Hervorhebung motiviert haben könnte und was es mit dem Polyeder genau auf sich hat, haben sich Naturwissenschaftler zugewandt.[5]
Es ist keineswegs sicher, dass Dürer beim "Polyeder" in seiner Graphik ein bloß geometrisches Gebilde (eine abstrakte Figur) darstellen wollte. Man erkennt auf einigen der Polyeder-Flächen Muster, die bei einem rein mathematischen Gebilde keinen Sinn ergeben. Geometrische Flächen sind ideal-eben. Dargestellt ist aber ein Körper mit leichten äußeren Verletzungen und Unebenheiten, d. h. ein materiell-realer Körper.[5.2] Von Mineralogen wurde schon länger darauf hingewiesen, es könne sich hier um die Darstellung eines mineralischen Objekts, d. h. eines realen, nicht bloß abstrakten Körpers handeln. Kristalle zeigen sowohl auf Wachstums- als auch auf Spaltflächen oft Oberflächenstrukturen, ebenso Scharten an Kanten, wie sie auf Dürers Bild zu erkennen sind. Kristallographen haben sich durch Analyse der Symmetrien und Winkel des Polyeders mit der Frage befasst, welches Mineral hier dargestellt sein könnte, wobei auch die Kriterien Durchsichtigkeit und Spaltbarkeit berücksichtigt wurden.[5.3] Reale natürliche Polyeder können sowohl Kristall-Wachstumsformen als auch Kristall-Spaltstücke (Spalt-Polyeder) sein. In der naturwissenschaftlichen Literatur zu Dürers "Melencolia I" erwogen wurden die Minerale Calcit, Diamant, Quarz, Turmalin und Fluorit (Flussspat).[5.3] Im letzteren Fall wird ein biographisches Detail bedeutsam: Dürer hatte bei seinem Vater die Goldschmiedekunst erlernt.[5.4] Beim Metallschmelzen kommt Flussspat traditionell als Hilfsmittel (Flussmittel) zum Einsatz ("Hüttenspat").[5.4][18] Ein Metall-Schmelztiegel mit Flammen in zeittypischer Ausführung ist direkt hinter dem "Polyeder" im Kupferstich platziert.
Grigoriev und Schafranovsky halten das Polyeder im Bild daher für die (von Dürer vermutlich mit Absicht stark vergrößerte) Darstellung eines realen Fluorit-Kristalls bzw. Fluoritkristall-Spaltstücks.[5.5] Unter dieser Annahme, d. h. verglichen mit einer Deutung, bei der das "Polyeder" als bloße abstrakt-geometrische Figur aufgefasst wird, erlangen viele Objekte im Bild eine veränderte Bedeutung. Auch die gegenseitigen Beziehungen vieler Bild-Details ordnen sich in diesem Falle neu, ebenso die Dynamik der Symbole. An Relevanz in der Gesamtdeutung von "Melencolia I" gewinnt vor allem die Kombination des so auffällig größenbetonten Polyeders mit dem direkt benachbarten Schmelztiegel.[5.6]
Natürliche Fluorit-Kristalle können sehr groß werden und in Einzelfällen über 300 kg wiegen.[5.5] Nicht allzu weit entfernt von Nürnberg, dem Wohnort Dürers, existierten Flussspat-Lagerstätten (im Raum Nabburg).[5.1]
Rezeption
1532 zitiert Lucas Cranach der Ältere in einem von mehreren Tafelbildern mit dem Titel „Die Melancholie“ die auffälligsten Objekte in Dürers Kupferstich. Es geschieht auf ironische Weise, denn in Cranachs Setting wird aus dem Engel eine engelsgleiche adelige Dame, die in der Burgstube gelangweilt an einem Stock für das Spiel Reifdrehen schnitzt, während sich draußen schon Kriegsgefahr ankündigt. An der Stelle des Magischen Quadrats bei Dürer klafft bei Cranach bedeutungsschwer eine Leerstelle in der Mauer. Dürers tierisches Wesen mit dem Spruchband in Melencolia I wird in Cranachs Tafelbild „Die Melancholie“ zum Signet an der Tischkante. Da sich dieser Lindwurm, den Dürer als Träger seiner Schriftrolle ins Bild setzt, als Cranachs künstlerisches Markenzeichen entpuppt, stellt sich die Frage, ob Lucas Cranach nicht bereits zuvor von Albrecht Dürer karikiert worden sein könnte, etwa im Hinblick auf seine Darstellung von Lichtverhältnissen, beeinflusst von der Wiener Donauschule. Beide scheinen zumindest ein wenig gegeneinander gestichelt zu haben. Cranachs Tafelbildversion hängt heute im Musée Unterlinden in Colmar.[19]
Gottfried Keller wurde von Dürers Blatt 1848 zu dem Gedicht Melancholie angeregt. In einer letzten, erst 1882 entstandenen Strophe kam Keller zum Schluss, Dürer habe im Blick der Engelsgestalt den Moment der Erleuchtung festgehalten, welcher die depressiv-leidende Phase der Melancholie beendet und zum kreativen Handeln überleitet: Sie sinnt – der Dämon muß entweichen / Vor des Gelingens reifem Plan.
Edvard Munch stellt sich mit seinen in den 1890er Jahren entstandenen Gemälden Melancholie in die Tradition des Bildes.
Der ursprüngliche Titel von Jean-Paul Sartres Roman Der Ekel (1938) sollte, nach Dürers Kupferstich, Melancholia sein. Der endgültige Titel (französisch La nausée), wurde erst von Sartres Verleger gegeben.[20]
Thomas Mann beschreibt das „magische Quadrat“ und dessen „fatale Stimmigkeit“ in seinem Roman Doktor Faustus (1943) in Kapitel 12. Eine Reproduktion des Dürerstichs hängt „an prominentem Platz“ über dem Pianino des Komponisten Adrian Leverkühn in seiner Studentenwohnung in Halle. Sie könnte für ein zentrales Motiv dieses Romans stehen, für die stimmige Bezogenheit der Motive untereinander im Roman als Kunstgattung („Beziehung ist alles. Und willst du sie näher bei Namen nennen, so ist ihr Name «Zweideutigkeit»“, 7. Kapitel) und in der Musik (strenger Satz). Eine andere Interpretation liefert Ehrhard Bahr. Als in den USA die Nachrichten von den deutschen Shoa-Verbrechen bekannt wurden, habe Mann in der Melancholie die erforderliche Trauerarbeit eines jeden Deutschen gesehen, den notwendigen Abschied von der deutschen Innerlichkeit, von der Romantik, die von 1933 bis 1945 ins Teuflische umgeschlagen war.[21]
In Günter Grass’ Aus dem Tagebuch einer Schnecke ist die Melencolia das einzige Bild, das der vor den Nationalsozialisten fliehende Lehrer Zweifel mitnimmt.
In der Ästhetik des Widerstands (1981) von Peter Weiss erfährt das Bild eine ausführliche Interpretation im Hinblick auf das Verstummen zweier weiblicher Protagonisten des Romans, die die Gräuel im Dritten Reich erleben und hinterfragen, sie aber nicht mehr artikulieren können.[22]
Auch in dem Roman Das verlorene Symbol (2009) (Originaltitel: The Lost Symbol) von Dan Brown wird auf das magische Quadrat in Melencolia I von Dürer Bezug genommen. Es dient dort zur Entschlüsselung einer geheimen Botschaft, genau wie im sieben Jahre zuvor veröffentlichten Roman Das Jesusfragment von Henri Loevenbruck.
Jean Firges verwendet Melencolia I als Coverbild seines Buchs über die psychische Entwicklung Paul Celans, hin zur Krankheit und zum Suizid.[23]
Lars von Trier nimmt in seinem Spielfilm „Melancholia“ aus dem Jahr 2011 das Motiv des niederstürzenden Himmelskörpers auf. Die Vergeblichkeit menschlichen Handelns wird angesichts eines gleichgültigen Universums offenbar, wenn ein auf Kollisionskurs geratener Exoplanet auf die Erde zurast und den Planeten auslöscht.
Literatur
- Paul Weber: Beiträge zu Dürers Weltanschauung: eine Studie über die drei Stiche Ritter Tod und Teufel, Melancholie und Hieronymus im Gehäuse (= Studien zur deutschen Kunstgeschichte 23), Heitz, Straßburg 1900, (Digitalisat).
- Karl Giehlow: Dürers Stich Melencolia I und der maximilianische Humanistenkreis. In: Mitteilungen der Gesellschaft für vervielfältigende Kunst. Bd. 26, 1903, Nr. 2, S. 29–41; 27 (1904), Nr. 3, S. 6–18, Nr. 4, S. 57–78.
- Walter Benjamin: Ursprung des deutschen Trauerspiels (1928). In: ders.: Gesammelte Schriften. Band I.1. Frankfurt am Main 1991, S. 203–430 (zu den Sinnbildern Hund, Kugel und Stein und zu Dürer S. 326 ff.).
- Hartmut Böhme: Zur literarischen Wirkungsgeschichte von Dürers Kupferstich „Melencolia I“. In: Jörg Schönert, Harro Segeberg (Hrsg.): Polyperspektivik in der literarischen Moderne. Studien zur Theorie, Geschichte und Wirkung der Literatur. Festschrift Karl Robert Mandelkow. Frankfurt am Main 1988, S. 0–123 (hu-berlin.de; PDF; 261 kB).
- Hartmut Böhme: Albrecht Dürer, Melencolia I. Im Labyrinth der Deutung. Fischer, 1989, ISBN 3-596-23958-3.
- Raymond Klibansky, Erwin Panofsky, Fritz Saxl: Saturn und Melancholie. Studien zur Geschichte der Naturphilosophie und Medizin, der Religion und der Kunst. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1990, ISBN 3-518-57981-9.
- Peter-Klaus Schuster: Melencolia I: Dürers Denkbild. 2 Bände, Berlin 1991, ISBN 3-7861-1188-X.
- Ewald Lassnig: Dürers „Melencolia-I“ und die Erkenntnistheorie bei Ulrich Pinder. In: Wiener Jahrbuch für Kunstgeschichte. Band 57, 2008, ISBN 978-3-205-78288-9, ISSN 0083-9981, S. 51–95, doi:10.7767/wjk.2008.57.1.51 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
- Martin Büchsel: Albrecht Dürers Stich Melencolia, I. Zeichen und Emotion. Die Logik einer kunsthistorischen Debatte. Paderborn 2010, ISBN 3-7705-4962-7.
- Rainer Hoffmann: Im Zwielicht. Zu Albrecht Dürers Meisterstich Melencolia I. Böhlau, Wien Köln Weimar 2014, ISBN 978-3-412-22433-2 (books.google.de Vorschau).
- Frank Keim: Venus, Jupiter und Co. – Die großen Astronomen der Renaissance. Hamburg 2018, ISBN 978-3-339-10220-1 (verlagdrkovac.de).
Weblinks
- Virtuelles Forschungsnetzwerk Albrecht Dürer, Heidelberg: arthistoricum.net, 2020 ff. doi:10.11588/duerer.online.687dcec1a08a2
- Melencolia I. 1514. Abbildung und Deutung. In: National Gallery of Art, Washington, D.C. Abgerufen am 16. Juli 2018 (englisch).
- Melencolia I. Abbildung und Deutung. In: Metropolitan Museum of Art, New York. Abgerufen am 2. März 2021 (englisch).
- László F. Földényi: Albrecht Dürer und Giorgione in Venedig – Imagination einer Begegnung. In: Neue Zürcher Zeitung, 10. Januar 2016, abgerufen am 7. Juni 2017.