Memoiren, gefunden in der Badewanne
Buch von Stanisław Lem
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Memoiren, gefunden in der Badewanne (original: „Pamiętnik znaleziony w wannie“) ist ein Science-Fiction-Roman des polnischen Schriftstellers Stanisław Lem. Er erschien 1961 in Polen sowie 1974 in Deutschland und zeigt deutliche Züge der politischen Satire. Der größte Teil des Buchs erzählt die Irrgänge des Protagonisten in einer riesigen Spionagezentrale, die meist nur „das Gebäude“ genannt wird.
Entstehung und Veröffentlichung
Der Roman entstand ab 1959, als sich Lem in angespannten finanziellen Verhältnissen befand und mit mehreren Verlagen Verträge über neu zu schreibende Bücher abgeschlossen hatte, mit deren Erfüllung er im Verzug war. Vor diesem Hintergrund entstanden in kurzer Zeit neben seinem berühmtesten Werk Solaris auch die Romane Transfer und Memoiren, gefunden in der Badewanne. Alle drei Texte wurden 1961 veröffentlicht.[1] Im Fall der Memoiren gingen der Publikation jedoch Schwierigkeiten mit der staatlichen Zensur voraus, da diese in dem Text – nicht zu Unrecht – eine kritische Auseinandersetzung mit dem sozialistischen System sah. Zwischenzeitig erwog Lem daher, das Werk stattdessen in Deutschland zu veröffentlichen, und kontaktierte dazu den Übersetzer Walter Tiel; zudem erstellte er privat Kopien des Manuskriptes und verbreitete diese unter der Hand. Als dritte Maßnahme verfasste er eine Einleitung, aus dem hervorgeht, dass die anschließende Handlung des Hauptteils in den Vereinigten Staaten spielt. Diese Einleitung stellte die Zensoren in Polen zufrieden, sodass der Roman dort erscheinen konnte und die Sondierungen in Deutschland abgebrochen wurden.[2] Eine von Walter Tiel übersetzte deutsche Fassung erschien schließlich erst 1974 im Insel-Verlag, allerdings ohne die nachträglich ergänzte Einleitung.[3] Spätere Ausgaben enthielten dann aber die Einleitung in einer Übersetzung von Klaus Staemmler.[4]
Inhalt
Die Einleitung, die dem Roman vorangestellt ist, erklärt, wie die eigentlichen „Memoiren“ entdeckt worden seien: Die „Aufzeichnungen eines Menschen des Neogen“ wurden als eines der wenigen Relikte ihrer Zeit unter zwei menschlichen Skeletten in einer Badewanne gefunden, was zu ihrer Benennung führte. Entdeckt wurden sie bei Ausgrabungen in einem verschütteten Gebäude. Die offenkundigen Anspielungen in der Einleitung haben dabei nicht etwa den Stalinismus, sondern die modernen USA zum Hintergrund: das „Gebäude“ wurde als das „dritte Pentagon“ identifiziert, in dem Priester vom „Kult der Gottheit Kap-Eh-Thaal“ den Mythos des Antigebäudes erschufen. Die geschichtliche Epoche der Memoiren wird als kaum erforscht dargestellt, da eine „Papyrolyse“ genannte Katastrophe unbekannter Ursache zur Vernichtung der meisten historischen Quellen der Epoche (und zum Zusammenbruch der Kultur) führte, indem alle aus Papier bestehenden Aufzeichnungen und Akten zerfielen.
Die eigentliche Handlung beginnt mit der Ankunft des Protagonisten im „Gebäude“, das sich über die folgenden Kapitel hinweg als eine gigantische Spionagezentrale entpuppt. Er scheitert bereits beim Auffinden eines Auftraggebers oder einer Person, die über seine Ankunft in irgendeiner Form informiert ist. Jegliche Kommunikationsversuche werden von seinen wechselnden Gegenübern als Chiffren interpretiert. Der Versuch, sich dieses Prinzip selbst zunutze zu machen und Chiffren in den eigenen Äußerungen anzudeuten, endet zunächst mit dem Selbstmord eines Gesprächspartners, der die Andeutung als Entlarvung seiner Identität missverstanden hat.
Das Verhältnis zwischen allen Akteuren und Abteilungen im Gebäude ist von massivem Misstrauen und Paranoia geprägt. Diese ergibt sich aus der permanenten gegenseitigen Überwachung, der teils ins Absurde reichenden Überinterpretation selbst kleinster Gesten und Äußerungen der Akteure untereinander sowie aus der Bedrohung durch ein „Antigebäude“, dessen tatsächliche Existenz indessen nie klar belegt wird.
Weitere Versuche, den Inhalt seiner eigenen Mission in Erfahrung zu bringen, die Schichten von Intrigen, Codes und Chiffren zu durchdringen oder überhaupt einen Sinn in den Handlungen des „Gebäude“-Personals zu finden, schlagen fehl. Unklar bleibt bis zum Ende auch die Existenz des „Anti-Gebäudes“ und selbst die einer Außenwelt jenseits des „Gebäudes“. Die Memoiren enden mit dem möglicherweise angedeuteten Selbstmord des Protagonisten: in einer Badewanne findet er die Leiche eines Selbstmörders, der er ein Rasiermesser zu entreißen versucht.[5]
Thema und Bedeutung
Lem sah den Ursprung seines Buches „… in einer Version des Staates, die der Stalinismus als wohl historisch einmaligen Formationstyp geschaffen hat“,[6] vertrat aber die Ansicht, dass das Buch „… über die Zeitgebundenheit der politischen Satire hinausgeht. Wir finden hier die Totalisierung des Begriffs der Intentionalität. Das wird mit spürbarer, ja geradezu gespenstischer Konsequenz durchgeführt und ergibt überraschende Effekte.“[7]
Die Elemente des „Gebäudes“ erinnern sowohl an George Orwells Roman 1984 als auch die bürokratischen Albträume Franz Kafkas (siehe kafkaesk). Lem selbst verwehrte sich gegen beide Parallelen. Er verwies darauf, dass in den Memoiren eben kein perfekter, konsequenter Totalitarismus beschrieben würde, sondern eine Wirklichkeit, die zwar „bedeutungslos und voller Schlamperei“ ist, deren chaotische Beliebigkeit aber als Perfektion und Zeichen der Allwissenheit des Apparats gedeutet wird, die indessen nicht zu begreifen sei.[6] Dennoch sehen Interpreten wie Bernd Flessner in diversen Werken Lems literarische Reflexionen über die Grenzen menschlichen Verstehens, wie sie auch für Kafkas Werke charakteristisch sind. Dieses für Lems Protagonisten typische „epistemische Scheitern“ sei, so Flessner, in den Memoiren, gefunden in der Badewanne besonders kafkaesk ausgearbeitet. Das darin beschriebene strenge, unpersönliche, aber gleichzeitig labyrinthische und letztendlich nicht verstehbare System aus Agenten-, Gegenagenten- und Doppelagententum ähnele insbesondere den Erlebnissen des Josef K. aus Kafkas Werk Der Process, in dem sich der Protagonist in einem „aussichtslosen Kampf […] mit kuriosen Instanzen, deren ausufernder Bürokratie und widersprüchlichen Direktiven“ verliert.[8] Alfred Gall beschreibt als charakteristisches Merkmal der Memoiren die gewaltige Masse an Informationen, die im „Gebäude“ zirkulieren und die durch ihre Mehrdeutigkeit eine unüberschaubare Menge an Sinn und Bedeutung umfassen. Dadurch entziehen sie sich nicht nur jeder menschlichen Verstehbarkeit, sondern entgleiten in die Beliebigkeit, in ein unstrukturiertes Chaos, aus dem „jede nur beliebige Information hervorgeht, aber keine Verständigung oder Beglaubigung von Sinn mehr erfolgen kann“. Als denkbare Parallelen zu dieser Dystopie erwähnt Gall neben Werken Kafkas (Der Process, aber auch Das Schloss) auch Jorge Luis Borges (Die Bibliothek von Babel) und Witold Gombrowicz (Kosmos).[9]
Lem selbst verarbeitete das Thema der Informationsflut später noch in weiteren Werken, beispielsweise dem Roman Lokaltermin (1982) und dem Essayband Die Megabit-Bombe (1999).[10]
Verfilmungspläne
Der Plan, den Roman auf Basis eines von Stanisław Lem und Jan Józef Szczepański gemeinsam zu schreibenden Drehbuchs zu verfilmen, konnte nicht umgesetzt werden.[11]
Ausgaben
- Erstausgabe: Memoiren, gefunden in der Badewanne. Übersetzt von Walter Tiel. Insel Verlag, Frankfurt am Main 1974, ISBN 3-458-05891-5.
- Neuauflage: Memoiren, gefunden in der Badewanne. Übersetzt von Walter Tiel. Einleitung übersetzt von Frank Staemmler. Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1979, ISBN 978-3-518-37008-7.