Mensch von Orce

fossiles Schädelfragment From Wikipedia, the free encyclopedia

Mensch von Orce (auch: Mann von Orce) ist die Bezeichnung für das ungefähr handtellergroße Fragment aus dem Bereich des Übergangs von Scheitelbein zu Hinterhauptbein eines fossilen Schädels, das 1982 in der Fundstätte Venta Micena nahe der Gemeinde Orce (Provinz Granada, Südspanien) in einer rund 1,65 Millionen Jahre alten Fundschicht entdeckt wurde.[1] 1983 wurde das Fossil (Archivnummer VM-0) als hominin interpretiert und einer nicht näher bezeichneten Art der Gattung Homo zugeschrieben, weswegen es als damals ältester Beleg für die Anwesenheit der Gattung in Europa angesehen wurde.[2] Nach der vollständigen Reinigung des Fragments wurde diese Interpretation jedoch 1987 von zwei der drei Co-Autoren der Erstbeschreibung aus dem Jahr 1983 widerrufen,[3] während der dritte Co-Autor, Josep Gibert, bis zu seinem Tod im Jahr 2007 die Einordnung als hominin vertrat.[4] Giberts Interpretation wurde jedoch auch von zahlreichen anderen Wissenschaftlern abgelehnt,[5] da auf der Innenseite des Fossils Merkmale – insbesondere eine anfangs nicht erkennbar gewesene leistenförmige Struktur – entdeckt wurden, die auf einen großen Wiederkäuer oder auf ein fossiles Pferdefohlen (Gattung Equus)[6][7] verweisen.

Das Hinterhaupt-Fragment VM-0, angeordnet über einem Schädel von Homo erectus (Replikate im Museo Municipal de Prehistoria y Paleontología in Orce)

Im Jahr 2011 wurde in der von Bernard Wood herausgegebenen Wiley-Blackwell Encyclopedia of Human Evolution für die Fundstelle Venta Micena zusammenfassend notiert: Keine bestätigten homininen Fossilien („No confirmed hominin fossils“).[8] Gleichwohl wurde der Fund auch im Jahr 2024 noch touristisch vermarktet als „der Schädel eines Kindes, der wahrscheinlich etwa anderthalb Millionen Jahre alt ist, und damit der älteste Fund unter allen in Europa gefundenen menschlichen Überresten ist.“[9]

Zahnfunde

Die fossile Milchzahn-Krone
BL02-J54-100 (Replikat)

Im Jahr 2013 wurde berichtet, bereits 2002 sei an gleicher Region wie das Fossil VM-0 die Krone eines unteren linken Backenzahns () aus dem Milchgebiss eines Kindes entdeckt worden (Archivnummer BL02-J54-100), der per Elektronenspinresonanz auf ein Alter zwischen 1,02 und 1,73 Millionen Jahre datiert wurde; paläomagnetische und biochronologische Daten (vergl. Leitfossilien) sollen auf ein Alter von nahezu 1,4 Millionen Jahre hindeuten.[10] Laut dieser Studie bestehen jedoch die größten Ähnlichkeiten des Fundes mit den deutlich jüngeren Fossilien ATD6-94 von Homo antecessor aus der Fundstelle Gran Dolina (ca. 800.000 Jahre alt), Arago 66 von Homo heidelbergensis aus der Höhle von Arago (ca. 450.000 Jahre alt) und einem Neandertaler-Kind aus der Teschik-Tasch-Höhle in Usbekistan (ca. 70.000 Jahre alt).

Bereits 1999 war über den Fund eines ähnlich alten Zahn-Fragmentes aus der Barranco León site 5 bei Orce berichtet worden (BL5-0),[11] dessen Interpretation allerdings umstritten blieb.[12][13] Auch wurde die 2013 publizierte Datierung des fossilen Zahns BL02-J54-100 angezweifelt.[14]

Trotz dieser Unsicherheiten warb das Archäologische Museum von Orce in der Tourismus-Werbung noch 2022 damit, das „Kind von Orce“ sei der älteste Menschenfund in Europa.[15] 2024 wurde das Museum von der Gemeinde Orce zwar noch als Museo Primeros Pobladores de Europa („Museum der ersten Siedler Europas“) beworben, jedoch ohne Bezug auf die umstrittenen Funde, sondern auf jüngere Exponate, „die die Anwesenheit von Menschen vor etwa einer Million Jahre bis vor vierhunderttausend Jahren bezeugen.“[16]

Literatur

  • Luis Gibert, Gary Scott, Alan Deino und Robert Martin: Magnetostratigraphic dating of earliest hominin sites in Europe. In: Earth-Science Reviews. Online-Vorabveröffentlichung vom 2. Juli 2024, 104855, doi:10.1016/j.earscirev.2024.104855.
  • David M. Alba: A fistful of fossils: The rise and fall of the Orce Man and the politics of paleoanthropological science. In: Journal of Human Evolution. Band 165, 2022, 103166, doi:10.1016/j.jhevol.2022.103166.
  • Miquel Carandell Baruzzi: The Orce Man. Controversy, Media and Politics in Human Origins Research. Brill, Leiden 2020, ISBN 978-90-04-43149-2.
  • Paul Palmqvist: A critical re-evaluation of the evidence for the presence of hominids in Lower Pleistocene times at Venta Micena, Southern Spain. In: Journal of Human Evolution. Band 33, Nr. 1, 1997, S. 83–89, doi: 10.1006/jhev.1997.0120, Volltext.

Belege

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