Mentalität

vorherrschende psychische Persönlichkeitseigenschaft From Wikipedia, the free encyclopedia

Mentalität (von lateinisch mens, den Geist betreffend) bezeichnet eine vorherrschende psychische Persönlichkeitseigenschaft (Prädisposition) im Sinne eines Denk- und Verhaltensmusters einer Person oder sozialen Gruppe (z. B. einer Bevölkerungs- oder Berufsgruppe) und wird auch auf gesamte Nationen bezogen. Kulturwissenschaftler versuchen die Mentalität durch sogenannte „Kulturstandards“ beschreibbar zu machen. Deren Seriosität ist jedoch umstritten, da sie zu Stereotypen führen können.

Wissenschaftlich wird der Begriff vor allem in der Soziologie und in der Mentalitätsgeschichte verwendet.

Mentalitäten in der Soziologie

Theodor Geiger bezeichnet Mentalität als „subjektive Ideologie“. Er nimmt an, dass die Menschen auf Grund ihrer Schichtzugehörigkeit und den damit verbundenen Lebensverhältnissen eine bestimmte Mentalität entwickeln. Schicht ist für Geiger die Verknüpfung einer sozialen Lage mit einer spezifischen Mentalität, welche sich in der Lebensführung (Lebensduktus) widerspiegelt. Aber nicht alle Menschen einer Schicht entwickeln dieselbe Mentalität.[1]

Die Annahme von kollektiven Dispositionen, die das Verhalten und Denken von Personen bestimmen, stößt auch auf Kritik. Für den Historiker Stefan Haas ist Mentalität ein „schillernder Begriff“, der zur Bezeichnung kollektiver Bewusstseinszustände verwendet wird.[2] Mentalitäten sind formloser als z. B. politische Ideologien und daher schwer zu bestimmen und abzugrenzen.

Der Begriff der Mentalität kann negativ konnotiert sein im Sinne von Klischee, Vorurteil oder Stereotyp. Andererseits kann eine Mentalität als Grundlage für Verhaltensnormen in einer gesellschaftlichen Gruppierung bewusst akzeptiert werden.

Mentalität in der Psychologie

Carol Dweck, eine führende Psychologin in der Mentalitäts- und Verhaltensforschung, geht auf zwei verschiedene Arten der Mentalität ein und beschreibt zwei gegensätzliche Haltungen bezüglich des eigenen Selbstbildes: Wachstumsdenken (= dynamisches Selbstbild) und statisches Denken (= starres Selbstbild).[3] In einem Interview von 2012 erklärt sie, wie diese beiden Arten funktionieren:

„Beim statischen Denken glauben Schüler, dass ihre Grundfähigkeiten, Intelligenz und Talente vorher festgelegte Eigenschaften sind. Sie haben eine gewisse Menge davon und das war's dann auch schon, und dann wird es ihr Ziel, immer klug und nie dumm zu wirken. Beim Wachstumsdenken verstehen Schüler, dass ihre Talente und Fähigkeiten durch Anstrengung, guten Unterricht und Beharrlichkeit entwickelt werden können. Sie glauben nicht unbedingt, dass alle gleich sind oder jeder ein Einstein sein kann, aber sie sind der Überzeugung, dass jeder klüger werden kann, wenn er daran arbeitet.“[4]

Kurz gesagt, Personen mit starrem Selbstbild (Fixed Mindset) glauben, dass Fähigkeiten meist angeboren sind und interpretieren Versagen als das Fehlen notwendiger Grundfähigkeiten, während diejenigen mit einer Wachstumshaltung (Growth Mindset) denken, dass sie jede beliebige Fähigkeit erwerben können, sofern sie sich bemühen oder studieren.[5]

Menschen mit fixed mindset agieren eher aus Furcht vor Misserfolg, Personen mit growth mindset aus der Hoffnung auf Erfolg heraus, was die Weiterentwicklung von Fähigkeiten erleichtert, da mehr Versuche unternommen werden, Situationen zu verbessern. Durch Erziehung kann man laut Dweck das growth mindset fördern, wenn die Erziehenden die unternommenen Anstrengungen statt der vorhandenen Fähigkeiten loben.[6]

Historische Mentalitätsforschung

Der Historiker Peter Dinzelbacher definiert eine historische Mentalität als das „Ensemble der Weisen und Inhalte des Denkens und Empfindens, das für ein bestimmtes Kollektiv in einer bestimmten Zeit prägend ist. Mentalität manifestiert sich in Handlungen“.[7] Die Mentalität prägt in dieser Sichtweise die Weltanschauung einer Gruppe von Menschen einer historischen Epoche (z. B. der frühaufklärerische Rationalismus großer Teile der westeuropäischen Eliten). Sie ist Bestandteil der jeweiligen Kultur. Während die meisten Historiker den Mentalitätsbegriff zur Umschreibung langreichweitiger und nur sehr langsam veränderlicher mentaler Dispositionen großer Gruppen über längere Zeiträume anwenden, gibt es vereinzelt auch Versuche, ihn auf sehr viel schneller veränderliche Umbruchsituationen wie etwa die Zeit der Französischen Revolution[8] oder die Phase alliierter Besatzung in Deutschland anzuwenden.[9]

Die historische Mentalitätsforschung setzte in Deutschland anders als in Frankreich (wo die Vertreter der Annales-Schule die Mentalitätsgeschichte bereits vor dem Zweiten Weltkrieg begründeten und später zur Blüte brachten[10]) oder in England erst in den 1980er-Jahren ein, sieht man von einflussreichen Vorläufern im langen 19. Jahrhundert, wie Karl Lamprecht, ab.[11]

Literatur

  • M. Blank, M. Held, M. Nicklich, S. Pfeiffer, S. Sauer, A. Tihlarik: Mindset – Begriffskarriere zwischen Management-Talk, Wissenschaft und Ideologie. Eine explorative Annäherung. In: Labouratory Working Paper #01-2020. 2020 (labouratory.de [PDF]).
  • André Burguière (Hrsg.): Mentalitäten-Geschichte. Zur historischen Rekonstruktion geistiger Prozesse (= Wagenbachs Taschenbücherei. Band 152). Hrsg. Ulrich Raulff. Wagenbach, Berlin 1987, ISBN 3-8031-2152-3.
  • Peter Dinzelbacher (Hrsg.): Europäische Mentalitätsgeschichte. Hauptthemen in Einzeldarstellungen (= Kröners Taschenausgabe. Band 469). 2., durchgesehene und ergänzte Auflage. Kröner, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-520-46902-1.
  • Carol Dweck: Mindset-updated edition: Changing the way you think to fulfil your potential. Hachette (UK) 2017.
  • František Graus: Mentalität – Versuch einer Begriffsbestimmung und Methoden der Untersuchung. In: Mentalitäten im Mittelalter, hrsg. v. ders., Thorbecke, Sigmaringen 1987, S. 9–48.
  • Volker Sellin: Mentalität und Mentalitätsgeschichte. In: Historische Zeitschrift, 241 (3), 1985, S. 555–598.
  • Hasso Spode: Was ist Mentalitätsgeschichte? Struktur und Entwicklung einer Forschungstradion. In: Kulturunterschiede, hrsg. v. Heinz Hahn, IKO, Frankfurt a.M. 1999, S. 9–62.
  • Rolf Sprandel: Mentalitäten und Systeme. Neue Zugänge zur mittelalterlichen Geschichte. Stuttgart 1972.
Wiktionary: Mentalität – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

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