Michael Vassiliadis

deutscher Gewerkschaftsfunktionär der IG BCE From Wikipedia, the free encyclopedia

Michael Zissis Vassiliadis (* 13. März 1964 in Essen) ist Vorsitzender der Gewerkschaft IGBCE und Präsident des europäischen Verbunds der Industriegewerkschaften IndustriAll Europe.[1]

Michael Vassiliadis

Werdegang

Vassiliadis ist Sohn einer deutschen Mutter und eines griechischen Vaters.[2] In den Jahren 1980 bis 1983 absolvierte er bei der Bayer AG in Dormagen die Ausbildung zum Chemielaboranten und war nach Abschluss seiner Ausbildung bis 1986 in diesem Beruf tätig.[3]

Im Jahr 1980 wurde er Mitglied bei der IG Chemie-Papier-Keramik (IG CPK) und ist seit 1981 Mitglied der SPD. Seit seiner Mitgliedschaft in der IG CPK nahm Michael Vassiliadis laut eigenen Angaben zahlreiche ehrenamtliche Funktionen auf Orts-, Landes- und Bundesebene wahr. Er war Referent in der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit, Vorsitzender der Jugendvertretung und Mitglied der Gesamtjugendvertretung der Bayer AG, Mitglied des Beirats und diverser Tarifkommissionen sowie Delegierter zu den Gewerkschaftstagen.

Seit 1986 war er hauptamtlich gewerkschaftlich tätig.[3] Zunächst als Sekretär der IG Chemie-Papier-Keramik in der Verwaltungsstelle Leverkusen, ab 1990 im Bezirk Nordrhein-Westfalen und in den Jahren 1994 bis 1997 als Geschäftsführer der Verwaltungsstelle in Leverkusen. 1997 wurde Vassiliadis Vorstandssekretär der Gewerkschaft IG Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) und leitete in der Hauptverwaltung in Hannover die Abteilung Vorsitzender/Personal. Von März 2004 bis Oktober 2009 war er Mitglied des geschäftsführenden Hauptvorstandes der IGBCE und in dieser Zeit für die Bereiche Betriebsräte, Bildung, Jugend sowie Vertrauensleute/Ortsgruppen zuständig.

Vassiliadis wurde im Jahr 2009 als Nachfolger von Hubertus Schmoldt in das Amt des Vorsitzenden der IG BCE gewählt.[4] In dieser Funktion wurde er auf den Kongressen der IG BCE in den Jahren 2013, 2017, 2021 sowie 2025 wiedergewählt.[5]

Seit dem Jahr 2012 ist Vassiliadis Präsident von IndustriAll Europe, der europäischen Dachorganisation der Industriegewerkschaften in Europa. Von Juni 2007 bis November 2016 war Michael Vassiliadis Mitglied des Rates für Nachhaltige Entwicklung der Bundesregierung. Von März 2011 bis Mai 2011 war er Mitglied der Ethikkommission für sichere Energieversorgung.[6] Von Juni 2018 bis Februar 2019 war er Mitglied der Kommission „Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung“ der Bundesregierung.[7] Seit Juni 2020 ist er Mitglied im Nationalen Wasserstoffrat.[8] Er war 2023 einer der drei Co-Vorsitzenden der „ExpertInnenkommission Gas und Wärme“ der Bundesregierung, die das Konzept für die Gas- und Strompreisbremse entwickelte.[9]

Vassiliadis ist Mitglied im Kuratorium der Hilfsorganisation CARE Deutschland.[10]

Er ist seit Mai 2014 stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der RAG AG[11], Mitglied des Aufsichtsrats der Steag[12] (Essen), seit Mai 2018 bei Henkel[13] (Düsseldorf) und seit August 2004 bei BASF (Ludwigshafen).[3] Er ist stellvertretender Vorsitzender des Kuratoriums der RAG-Stiftung.[14] Außerdem ist er Vorstandsvorsitzender der Stiftung Arbeit und Umwelt der IGBCE, Senator der Deutschen Nationalstiftung[15] sowie Beiratsmitglied der Deutsch-Türkischen Gesellschaft.[16] und der Vereinigung der Deutsch-Griechischen Gesellschaften.[16]

Vassiliadis ist dienstältester Gewerkschaftsvorsitzender im DGB.[17]

Persönliches

Vassiliadis ist mit der Gewerkschafterin und Politikerin Yasmin Fahimi verheiratet. Aus erster Ehe hat er zwei Söhne.

Politische Positionen

Gewerkschaftspolitik und Unternehmensmitbestimmung

Vassiliadis sieht Streiks als letztes Mittel bei Verhandlungen mit Arbeitgebern. Den letzten Streik in der Chemiebranche gab es 1971.[18] Ausgelöst durch einen Konflikt beim Automobilzulieferer Continental startete Vassiliadis im Herbst 2020 eine Initiative zur Reform der Unternehmensmitbestimmung mit dem Ziel, das Doppelstimmrecht des Aufsichtsratsvorsitzenden abzuschaffen.[19]

Transformation

Im Januar 2021 stellte Vassiliadis das Modell eines kreditfinanzierten Transformationsfonds im Gesamtvolumen von zunächst 120 Milliarden Euro vor, mit dem sich der Bund an klimafreundlichen Projekten und an von der Transformation besonders betroffenen Unternehmen beteiligt sowie Start-Ups und Forschung und Entwicklung fördert. So ließen sich betriebswirtschaftlich unrentable, aber klimagerechte Großinvestitionen anstoßen. Um den Ausstoß von klimaschädlichen Schadstoffen bis zum Jahr 2050 wie geplant zu verringern, seien gewaltige Investitionen nötig, sagte Vassiliadis.[20]

Energiepolitik

Vassiliadis fordert eine Reform der EEG-Gesetzgebung. Die Kosten der Energiewende müssten komplett aus dem Bundeshaushalt finanziert werden. Die Streichung der EEG-Umlage „hätte eine weitaus sozialere Wirkung als etwa eine Steuerentlastung“.[21] Außerdem brauche die Industrie eine Preisgarantie für grünen Strom, damit die Unternehmen international wettbewerbsfähig blieben und keine Kapazitäten verlagerten.[22]

Klimapolitik

In der Klimadiskussion plädierte Vassiliadis im August 2019 in einem Gastbeitrag für die „WELT“ für eine Klimapolitik mit kühlem Kopf. Politik, Unternehmen, Gewerkschaften und Umweltverbände müssten die klimagerechte Transformation des Industriestandorts als das größte und teuerste Unterfangen seit Bestehen der Bundesrepublik begreifen.[23]

Kohleausstieg

Als Mitglied der Kommission „Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung“ der Bundesregierung verhandelte Vassiliadis den Ausstieg aus der Kohleverstromung mit. Der Ausstieg wurde später am 3. Juli 2020 sowohl vom Deutschen Bundestag[24] als auch vom Bundesrat mehrheitlich beschlossen. Den Grund für den langen Ausstiegspfad sah Vassiliadis in Versäumnissen beim Ausbau erneuerbarer Energien, der deutlich hinter den Planungen liege. Er forderte eine stärkere Harmonisierung der Ausstiegs- und Ausbaupfade.[25]

Elektromobilität

Vassiliadis kritisierte im Juli 2020 eine aus seiner Sicht zu unspezifische Ausrichtung der SPD im Verhältnis von Arbeit und Umwelt mit Blick auf die Transformation der Autoindustrie. Die Kapazitäten der E-Autoproduktion reichten längst nicht, die Beschäftigungsprobleme zu lösen. Er forderte deshalb eine direkte Förderung von Staat und Autobauern, insbesondere für die Zulieferindustrie.[26]

Coronakrise

In der Coronakrise forderte Vassiliadis im April 2020, dass sich die Arbeitgeber an der geplanten Erhöhung des Kurzarbeitergeldes durch die Bundesagentur für Arbeit beteiligen sollen.[27]

Nachdem in der Pandemie zunächst Probleme in der Arzneimittel-, später mit der Impfstoffversorgung auftraten, setzte sich Vassiliadis für einen europäischen Pharma-Pakt ein, bei dem alle relevanten Player der Gesundheitswirtschaft, Politik und Sozialpartner an einen Tisch kommen und konkrete Konzepte für die Stärkung des Wirtschaftszweiges vereinbaren.[28]

Die massive Ausweitung von Homeoffice in der Coronakrise sieht Vassiliadis als Herausforderung für Mitbestimmung und innerbetriebliche Demokratie. Das gewerkschaftliche Zugangsrecht zum Betrieb und seinen Beschäftigten werde mitunter ausgehebelt, weil Unternehmen den Gewerkschaften den digitalen Zugang versperrten.[29]

Managergehälter

Ende März 2017 widersprach Vassiliadis dem SPD-Parteivorsitzenden Martin Schulz im Hinblick auf die Begrenzung von Managergehältern. Gegenüber der Nachrichtenagentur dpa bezeichnete er eines der zentralen SPD-Wahlkampfthemen für die Bundestagswahl 2017 als abwegig. Vassiliadis distanzierte sich somit als erster Gewerkschaftsvorsitzender von der SPD, welche die Deckelung von Spitzengehältern im Management durch die Hauptversammlung fordert.[30]

Laut Vassiliadis solle die Regierungskommission Deutscher Corporate Governance Kodex „festlegen, wie hoch das Gehalt eines Vorstandsmitglieds im Vergleich zum durchschnittlichen Verdienst eines Mitarbeiters im gleichen Unternehmen sein soll“.[31]

Auszeichnungen

Im Jahr 2018 erhielt Vassiliadis den Preis Soziale Marktwirtschaft der Fasel-Stiftung.[32] Zur Begründung nannte die Stiftung „den gelungenen Strukturwandel mit dem Prozess des sozial verträglichen Ausstiegs aus dem Steinkohlenbergbau“. 2022 wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse ausgezeichnet.[33] Das Bistum Essen verlieh ihm ebenfalls 2022 den Heinrich-Brauns-Preis.[34] Er wurde 2023 in die Hall of Fame der deutschen Wirtschaftszeitschrift Manager Magazin aufgenommen.[35]

Schriften

  • Christian Kullmann, Gunda Röstel, Michael Vassiliadis (Hrsg.): 1,5 Grad. Gemeinsam. Nachhaltig. Handeln. Hamburg 2022, Murmann Verlag, ISBN 978-3-86774-742-4
  • Michael Vassiliadis: Für den Fortschritt: Industriepolitik für das 21. Jahrhundert (Deutsch), Berlin 2010, Berliner Vorwärts Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3-86602-891-3
  • Klaus Engel, Michael Vassiliadis (Hrsg.): Werte Wissen Wachstum: Was Deutschland tun muss, 2010, Hoffmann und Campe, ISBN 978-3-455-50171-1
  • Michael Vassiliadis, Kajsa Borgnäs (Hrsg.): Nachhaltige Industriepolitik: Strategien für Deutschland und Europa, Frankfurt 2020, Campus Verlag, ISBN 978-3-593-51260-0

Einzelnachweise und Anmerkungen

Related Articles

Wikiwand AI