Michaelskirche (Entringen)

Evangelische Kirche in Ammerbuch-Entringen, Landkreis Tübingen, Baden-Württemberg From Wikipedia, the free encyclopedia

Die evangelische Michaelskirche steht in Entringen, einem Ortsteil von Ammerbuch im Landkreis Tübingen in Baden-Württemberg. Das Bauwerk ist beim Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg als Baudenkmal eingetragen. Der wehrhafte, 56 Meter hohe Turm aus massiven Quadern aus Stubensandstein ist weithin sichtbar und dient als markante Landmarke. Die Kirche gehört zum Kirchenbezirk Herrenberg der Evangelischen Landeskirche in Württemberg.

Michaelskirche Entringen

Geschichte

Die Anfänge der Michaelskirche reichen bis ins frühe Mittelalter zurück. Bereits im 7. und 8. Jahrhundert soll ein erster Kirchenbau aus Holz in Entringen bestanden haben.[1] Im 9. Jahrhundert wurde eine Saalkirche mit Apsis und Annexbau errichtet, im 11. und 12. Jahrhundert eine Kirche mit kreuzförmigem Grundriss. Die Pfarrei Entringen wird 1275 erstmals urkundlich erwähnt und gehörte zum Bistum Konstanz.[2] 1296 übertrug Friedrich VI. von Zollern das Patronatsrecht dem Kloster Bebenhausen; im Jahr 1328 erfolgte mit päpstlicher Genehmigung die Inkorporation.

Der heutige Bau geht im Wesentlichen auf das frühe 15. Jahrhundert zurück. Um 1410 wurde der Turm und der Chorraum errichtet. Im Chor und außen am Turm sind noch romanische Teile erhalten.[3] Der untere Bereich des Turmes diente ursprünglich als Kapelle mit Kreuzrippengewölbe. Die am Chor und Turm erkennbaren Steinmetzzeichen lassen auf Verbindungen zur Bauhütte des Georg von Salem im Kloster Bebenhausen schließen.[4]

In den Schlusssteinen des Chorgewölbes sind das Lamm Gottes, eine Marienrose und der auferstandene Christus dargestellt.[2]

Sonnenuhr
Langhaus

Das Langhaus der gotischen Pfarrkirche wurde 1452 erbaut, das Dach wurde 1454 vollendet.[4] Die für ein Dorf ungewöhnliche Größe des Kirchenraums steht mit den damals einflussreichen Bewohnern der Burg Hohenentringen in unmittelbarem Zusammenhang.[5] Die an der südlichen Ecke des Langhauses unterhalb der Sonnenuhr angebrachte Inschrift: „anno dni 1452 incepta est hec eccia“ gibt wahrscheinlich das Erbauungsjahr an.

1534 wurde die Kirche mit der Reformation evangelisch. 1580 stürzte ein Teil des Chorgewölbes ein.[1]

1722 wurde die Kirche renoviert und blau ausgemalt.[1]

Im 19. und 20. Jahrhundert kam es zu mehreren Renovierungen und technischen Erneuerungen. 1907/08 wurde eine umfassende Renovierung mit Anbau von Saaleingang und Sakristei vorgenommen. Zwischen 1967 und 1969 erfolgte eine Renovierung mit Rückführung zur gotischen Gestalt, verbunden mit einer archäologischen Notgrabung und dem Einbau einer Ölheizung. Dabei wurde auch der vorher neugotische Altar durch einen schlichten Altartisch aus Gauinger Travertin ersetzt.

2004 wurde aus einem Säulenstummel aus Eichenholz von 1556 ein Lesepult gestaltet.

Jeweils zur Sonnenwende im Frühjahr und im Herbst scheint die Sonne durch den Haupteingang der Entringer Michaelskirche genau auf den Altar – das sogenannte Lichtwunder.[6]

Schiefer Turm

Ein leicht nach rechte geneigter Kirchturm der zwischen geraden Häusern hervorschaut
Schiefer Kirchturm

Der heutige Bau der Entringer Kirche entstand zu Beginn des 15. Jahrhunderts und wurde auf gipshaltigem Untergrund errichtet. Gesteine dieser Art können durch im Untergrund zirkulierendes Wasser allmählich ausgelaugt werden, wodurch sich Hohlräume bilden. Untersuchungen zeigen, dass der Untergrund unter der Kirche in einer Tiefe von etwa 10 bis 18 Metern von zahlreichen solchen Hohlräumen durchzogen ist, in denen Wasser hangabwärts fließt.

Schon 1420 wurde in der Baustelle bei einer damaligen Turmhöhe von 18 m eine Schieflage des Turms festgestellt, wobei man damals Gipsauswaschungen als Ursache noch nicht kannte. Das verbleibende Turmwerk wurde dann durch eine Ausgleichsschicht aus zugehauenen Steinen im Lot weitergebaut.

Bei früheren Bauarbeiten in der unmittelbaren Umgebung wurden derartige Hohlräume durch das Einbringen von Beton verfüllt. In einzelnen Fällen führte dies dazu, dass bei der Herstellung von Pfählen ein Mehrfaches der ursprünglich kalkulierten Menge an Beton benötigt wurde.[7]

Umbau 1907

1907/08 wurde wegen Einsturzgefahr eine Verkürzung des Turmhelms vorgenommen, sodass der Kirchturm von ehemals fast 70 Meter Höhe auf 56 Meter schrumpfte.

Stabilisierung 1966

Im Jahr 1966 wurde das Kirchengebäude aufgrund von Setzungsschäden instand gesetzt. Dabei erfolgte eine Unterfangung des Chorraums sowie der Einbau einer Unterkellerung für die Heizung der Kirche. Die hölzerne Empore wurde durch eine Betonkonstruktion ersetzt, wodurch der Westgiebel zusätzlich stabilisiert wurde. Trotz der Maßnahmen traten bereits nach einigen Jahren erneut Rissbildungen auf.[7]

Sanierung 1996/97

In den Jahren 1996/97 wurde das Turmfundament rund zwei Meter tief freigelegt und verstärkt, nachdem sich gezeigt hatte, dass es nur unter den Mauern gegründet war. Der Innenbereich wurde ausgehoben, bewehrt und betoniert. Außen erfolgte eine Abgrabung bis zum tragfähigen Gipsgestein, das Fundament wurde mit Beton ergänzt und durch eine umlaufende Bodenplatte erweitert.

Durch Spannanker wurde das neue Fundament mit dem historischen Mauerwerk verbunden, sodass eine Fundamentplatte von etwa 11 × 11 Metern entstand und sich die Aufstandsfläche mehr als verdoppelte. Ziel war es, auf eine Pfahlgründung zu verzichten. Trotz zusätzlicher Verankerungen im Kirchenschiff traten nach einigen Jahren erneut Risse auf, weshalb schließlich eine Pfahlgründung beschlossen wurde.[7]

Pfahlgründung 2022

Im Zuge der vorerst letzten Sanierung 2022 wurden an drei Seiten des Turms Bohrpfähle mit Durchmessern von etwa 0,90 bis 1,20 Metern bis in rund 22 Meter Tiefe hergestellt und im tragfähigen Lettenkeuper verankert. Über den ausgehärteten Pfählen wurden Fundamentträger eingebaut, die unter den bestehenden Fundamentkranz von 1997 griffen.

Auf diesen Trägern installierte Kapselpressen hoben den Turm kontrolliert an, wodurch die Lasten auf die Pfähle übertragen wurden. Der Vorgang wurde vermessungstechnisch überwacht; nach Erreichen der Endlage wurden die entstandenen Hohlräume verpresst. Dabei verschob sich die Turmspitze um etwa 6,5 cm nach Süden und 2,5 cm nach Osten.[7]

Ausstattung

Taufstein

Zur bedeutenden Ausstattung zählt der spätgotische Taufstein aus dem 15. Jahrhundert mit reichem Maßwerk, der bis heute für Taufen genutzt wird.

Spätgotisches Chorgestühl

Das ebenfalls spätgotische Chorgestühl aus dem späten 15. Jahrhundert ist mit aufwändigen Flachschnitzereien versehen und zählt zu den kunstvollsten seiner Art im oberen Neckarraum. Der Kanzelkorb aus der Reformationszeit ist mit Holzintarsien geschmückt. Das Altarkruzifix stammt aus dem 16. Jahrhundert.

Herrschaftsstuhl von 1627

Auf der Empore befindet sich ein bemalter Herrschaftsstuhl von 1627.

Die Emporenbilder mit Darstellungen aus dem Leben Jesu stammen aus dem 17. Jahrhundert. Zahlreiche Grabsteine und Gedächtnisbilder aus dem 16. bis 19. Jahrhundert sind an den Innenwänden eingelassen. Über dem Westportal an der westlichen Giebelseite befinden sich die Wappen der Stifterfamilien von Hailfingen und von Ehingen.

Weihwasserbecken

An der Außenwand neben dem Portal ist ein Weihwasserbecken aus vorreformatorischer Zeit angebracht, das mindestens seit 1452 dort angebracht ist.[3]

Im Chor hängt ein Triptychon von Manfred Luz aus dem Jahr 2002, das den Erzengel Michael mit dem Gefallenen Engel darstellt.

Orgel

Orgel im historischen Orgelgehäuse von 1764/1784

Bereits 1684 gab es eine erste Orgel mit 6 Registern auf einer Empore im Chor. Die heute noch vorhandenen Bilder aus dem Leben Jesu waren an der Brüstung dieser Empore angebracht.

1761 begann Christian Gotthilf Haußdörffer, eine neue Orgel zu errichten. Da er aber vor der Fertigstellung verstarb, vollendete sein Geselle Johann Christian Hagemann 1764 die neue Orgel mit 12 Registern auf einem Manual und Pedal. 1784 bemalte Johann Georg Stügelmayer aus Haslach das Gehäuse. 1866 wurde die Orgel durch Wilhelm Blessing generalüberholt und auf 16 Register auf 2 Manualen und Pedal erweitert. 1908 wurde die Orgel von der Orgelbaufirma Walcker umgebaut.[8]

1972 baute der Orgelbauer Kurt Oesterle eine neue Orgel mit 25 Registern in das historische Gehäuse ein. 1999 fand eine Orgelsanierung durch Wolfgang Braun statt, bei der ein Zimbelstern sowie historische Register von Wilhelm Blessing ergänzt wurden. Die Orgel hat heute 28 klingende Register auf 2 Manualen und Pedal und insgesamt 1854 Pfeifen.[9]

Truhenorgel von Anton Škrabl

1994 wurde noch eine Kleinorgel des slowenischen Orgelbauers Anton Škrabl angeschafft.

Glocken

Die Glocken stammen aus der Zeit vom 14. Jahrhundert bis ins 21. Jahrhundert. Das Geläut hängt in einem gotischen Holzglockenstuhl aus Eichenholz von 1494.

Die Osanna-Glocke war früher im Rathaus aufgehängt. Nach einer Beschädigung 1945 im Krieg wurde sie auf dem Dachboden eingelagert, 1997 repariert und in das Geläut der Michaelskirche integriert.[5]

Die ursprüngliche Dominica-Glocke mit Schlagton f' und einem Gewicht von 1520 kg wurde 1494 von Pantlion Sidler gegossen, ist jedoch abgenutzt und durch Risse beschädigt. Sie ging 2017 als Dauerleihgabe an das Glockenmuseum in Herrenberg. Zum Reformationstag am 31. Oktober 2017 wurde die alte Dominica ausgetauscht gegen eine gestiftete neu gegossene Glocke in gleicher Tonhöhe (f'), die jetzige Große Betglocke, und eine neue Dominicaglocke mit tieferem Schlagton (d'). Eine dritte zusätzliche Glocke, die Michaelsglocke, wurde in diesem Zusammenhang ebenfalls gestiftet und ergänzt das Geläut auf nun neun Glocken.[10]

Weitere Informationen Name, Gussjahr ...
Name Gussjahr Glockengießer Schlagton Gewicht Durchmesser
Christusglocke (Dominika) 2017 Bachert, Karlsruhe d’ 1830 kg 1425 mm
Große Betglocke 2017 Bachert, Karlsruhe f 1099 kg 1195 mm
Ave Maria (Kleine Betglocke) vermutlich 1327 unbekannt g’ 690 kg 1030 mm
Kreuzglocke 1955 Kurtz, Stuttgart a’ 545 kg 950 mm
Zeichenglocke 1955 Kurtz, Stuttgart c’’ 322 kg 790 mm
Schiedglocke 1997 Bachert, Heilbronn d’’ 251 kg 710 mm
Taufglocke 1997 Bachert, Heilbronn f’’ 150 kg 600 mm
Osanna 1498 Pantlion Sidler, Esslingen b’’ 45 kg 430 mm
Michaelsglocke 2017 Bachert, Karlsruhe g’’ 100 kg 520 mm
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Der Turm beherbergt zudem das historische Uhrwerk mit den zugehörigen Gewichten. In den Sommermonaten dient der Dachraum als Wochenstube für mehrere hundert Große Mausohren. Außerdem befinden sich Nistkästen für Turmfalken und Mauersegler am Gebäude.

Einzelnachweise

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