Michelangelo Florio

italienischer Franziskaner, Humanist und evangelisch-reformierter Pfarrer in Soglio From Wikipedia, the free encyclopedia

Michelangelo Florio (* 1518 in Figline Valdarno, Florenz, Toskana; † 28. September 1566 in Soglio GR, Bergell, Graubünden, Alte Eidgenossenschaft) war ein Franziskaner und Humanist, der um 1548 den evangelischen Glauben annahm und von der Inquisition angeklagt wurde. Er konnte 1550 aus dem Gefängnis in Rom über Venedig nach England flüchten, wo er als Lehrer für italienische Sprache und Literatur tätig war. 1554 musste er erneut aus Glaubensgründen England verlassen und wurde 1555 reformierter Pfarrer und Notar in Soglio, im italienischsprachigen Bergell des Kantons Graubünden.

Leben

Florio wurde 1518 in der Nähe von Florenz geboren, seine Vorfahren waren höchstwahrscheinlich geflohene Juden aus Spanien, die sich nach dem Alhambra-Edikt 1492 zuerst auf Sizilien und dann in der Toskana niederliessen. Er trat schon früh in ein franziskanisches Kloster in Florenz ein. Dort studierte er Theologie und die italienische Sprache, er wurde also humanistisch gebildet. Er wandte sich wahrscheinlich bereits vor 1548 dem evangelischen Glauben zu, was ihn in Schwierigkeiten mit der katholischen Kirche brachte. Er wurde 1548 von der römischen Inquisition der Häresie beschuldigt, in Rom gefangen genommen und zum Tod verurteilt. Am 4. Mai 1550 konnte er jedoch flüchten und ging nach Venedig, wo er mit dem englischen Botschafter in Kontakt kam.[1]

So konnte er nach England weiterreisen, wo er am 1. November 1550 in London ankam. Dort wurde er Nachfolger von Bernardino Ochino als Prediger an der dortigen italienischen evangelischen Gemeinde, die damals unter der Führung des Superintendenten Johannes a Lasco stand. Er erhielt ein Haus und einen Lohn, aber seine Tätigkeit in der Gemeinde war auch von Auseinandersetzungen mit dem Katholizismus geprägt. Durch den königlichen Minister William Cecil, 1. Baron Burghley erhielt er ein jährliches Gehalt von 20 Pfund, wahrscheinlich um den Knaben Henry Herbert aus der königlichen Familie in italienischer oder lateinischer Literatur zu unterrichten. Er war auch der Tutor von Lady Jane Grey und lehrte sie Lateinisch und Italienisch. Von Cecil wurde er jedoch 1552 der Unzucht, einer unerlaubten ausserehelichen sexuellen Beziehung, beschuldigt, aber dank einflussreichen Freunden wie John Dudley und vor allem Thomas Cranmer dann doch nicht verurteilt.[2]

Florio heiratete 1553, der Name seiner italienischen Frau war Guglielma Crollalanza, und im gleichen Jahr kam ihr Sohn John Florio zur Welt. Nach dem Thronaufstieg Anfang 1554 der katholischen Maria I. Tudor, auch Bloody Mary (deutsch: blutige Marie) genannt, war die evangelische Familie Florio gezwungen, England am 4. März zu verlassen. Sie ging über Antwerpen ins deutsche Reich und kam am 6. Mai 1555 in Straßburg an. Dort lernte er Mitglieder der protestantischen adligen Familie Salis kennen. Federico von Salis lud ihn ein, Pfarrer der reformierten Kirche in Soglio im bündnerischen Bergell zu werden. Bereits am 27. Mai 1555 kam er im Dorf Soglio an und trat die Pfarrstelle in dieser Kirchgemeinde an. Das Dorf hatte sich 1552, drei Jahre zuvor, der Reformation angeschlossen.[3] Neben der Pfarrstelle war er auch als Notar tätig und unterrichtete seinen Sohn John in Lateinisch, Hebräisch und Griechisch.[4] 1566 starb er in Soglio an der Pest.[5]

Theorie über Florio als Shakespeare

Der italienische Professor Martino Iuvara der Universität Palermo hat, auch nach Forschungen zweier früherer Professoren von 1925 bis 1950, in seinem Werk Shakespeare era italiano aus dem Jahr 2002 die umstrittene Theorie aufgestellt, dass Michelangelo Florio Crollalanza, seine adlige Frau Guglielma Crollalanza aus Sizilien und ihr Sohn John Florio John Shakespeare, Mary Shakespeare und dessen Sohn und Schriftsteller William Shakespeare entsprechen würden. Der italienische Name Crollalanza entspreche zudem nicht zufälligerweise dem englischen Shakespeare. Florio sei 1564 in Messina geboren, habe im Norden Italiens gelebt und sei 1588 vor der Inquisition nach England geflohen.[6][7][8] Die meisten Historiker lehnen diese Theorie als Behauptung ohne geschichtliche Belege ab, ein wesentlicher Einfluss bezüglich italienischer Sprache, Literatur und Kultur von John Florio, dem Sohn von Michelangelo, auf Shakespeare wird dagegen bereitwillig anerkannt.[9]

Schriften (Auswahl)

  • Regole et Institutioni della Lingua Thoscana, 1553.
  • Apologia, 1557.
  • Opera di Giorgio Agricola de l’arte de metalli partita in XII. libri, 1563 (Übersetzung von Georgius Agricola: De re metallica).[10]
  • Historia de la vita e de la morte de l’Illustriss. Signora Giovanna Graia, Publikation erst 1607.

Literatur

  • John Aubrey: Brief Lives: chiefly of Contemporaries between the Years 1669 & 1696, Clarendon Press, Oxford 1898.
  • Delio Cantimori: Eretici italiani del Cinquecento, Einaudi, Torino 2002.
  • Carla Rossi: La fede di battesimo di Michelangelo Florio, nato a Firenze, addì 28 settembre 1518 a ore 12, TCLA Academic Journal, 2017.
  • John Strype: Memorials of the Most Reverend Father in God Thomas Cranmer, 1694.
  • Frances A. Yates: John Florio: The Life of an Italian in Shakespeare’s England, Cambridge University Press, 1934.

Einzelnachweise

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