Erste Überlegungen zur Schaffung eines Großhubschraubers wurden im OKB-329 von Michail Mil ab Ende 1952 durchgeführt. Der offizielle Entwicklungsauftrag wurde von sowjetischen Regierungsstellen am 11.Juni 1954 vergeben. Als Erstes entstand eine Attrappe, die eine staatliche Kommission im Juni 1955 besichtigte und im Anschluss die Fortführung des Projekts bestätigte.[1] Nach dreijähriger Entwicklungsarbeit absolvierte der Prototyp am 5.Juni 1957 mit Testpilot Rafail Kapreljan seinen Erstflug. Diesem waren umfangreiche Bodentests und ein nicht als Flug gewerteter sekundenlanger Hüpfer am 3.März vorausgegangen. Die erste öffentliche Präsentation fand während der Tuschinoer Luftparade am 20.Juli 1958 statt.[2] Die Mi-6 war mit einer Gesamtlänge von beinahe 42m nicht nur über zehn Jahre der weltgrößte Hubschrauber, sondern auch der erste sowjetische turbinengetriebene Hubschrauber. Während der Erprobungsphase konnten einige Rekorde aufgestellt werden, beispielsweise wurde eine Nutzlast von 20.117 kg gehoben, eine Masse, die größer ist als die Leermasse des größten nicht-sowjetischen Hubschraubers dieser Zeit, des Sikorsky S-64 Skycrane. Insgesamt wurden mit der Mi-6 zwischen 1957 und 1964 17 Weltrekorde aufgestellt.[3]
Konstruktion
Die Mi-6 ist in Ganzmetall-Schalenbauweise ausgeführt. Charakteristisch sind, neben den außenbords angebrachten Kraftstoff-Zusatztanks, die Stummelflügel, die im Vorwärtsflug bis zu 20% zum Gesamtauftrieb beitragen. Außerdem zeigt die Mi-6 den typischen fünfblättrigen Hauptrotor, wie er von anderen Mustern des Konstruktionsbüros Mil bekannt ist.
Zwei Gasturbinentriebwerke vom Typ Solowjow D-25W erzeugen eine Gesamtleistung von 8090kW, die dem Hubschrauber eine Höchstgeschwindigkeit von 300km/h ermöglichen. Die Dienstgipfelhöhe liegt bei 4500m, bei einer typischen Zuladung von 8.000kg wird eine Reichweite von 620km angegeben. Die maximale Abflugmasse beträgt 42.500kg, die Leermasse 27.240kg. Die Länge des Hubschraubers beträgt 41,74m, seine Höhe 9,86m; der Hauptrotor hat einen Durchmesser von 35m.
Das Fahrwerk ist dreibeinig ausgeführt, wobei die doppelt bereiften Bugräder mit den Maßen 720mm × 310mm lenkbar gestaltet sind. Die Maße der Haupträder betragen 1325mm × 480mm, die Spurbreite 7,50m und der Radstand 9,10m.
Einsatz
Übersichtskarte mit den Betreiberländern der Mil Mi-6
Als militärischer Transporthubschrauber kann die Mi-6 bis zu 70 Soldaten befördern, die über einen rückseitigen, zweigeteilten Laderaumzugang die Maschine schnell verlassen können. Dadurch eignet sich die Mi-6 auch zum Transport von militärischem Großgerät oder palettierten Frachten. Im Zivileinsatz hat die Mi-6 in normaler Fluglinienbestuhlung 65 Sitzplätze, bis zu 120 Personen können transportiert werden. Die interne Nutzlast ist mit 12.000 kg angegeben. Im Ambulanzeinsatz können bis zu 41 Tragen und zwei medizinische Flugbegleiter transportiert werden. Ein Lasthaken unter dem Rumpf kann Außenlasten bis zu 9000kg tragen. Eine Einsatzrolle ist daher die des „Fliegenden Krans“ (russischЛетающий кран – Letajuschtschi Kran), wobei die Firma Mil auch die speziell für diesen Zweck ausgelegte Mi-10, basierend auf der Mi-6, entwickelt hat. Trotzdem wird die Mi-6 häufig in dieser Rolle verwendet, unter anderem zur Bergung von gelandeten Wostok-Raumkapseln.
Mil W-6 Prototyp. Gut erkennbar an dem verkleideten Fahrwerk. Die Verkleidung wurde in der Serienproduktion entfernt.W-6 – Prototyp der Mi-6
Mi-6 – Basisversion. NATO Code: Hook A
Mi6A – Verbesserte Version der Mi-6. Mit einem maximalen Abfluggewicht von 44 Tonnen. Es gab sie als Militär- und Zivilversion.
Mi-6TZ oder ATZ – Tankhubschrauber für Bodenfahrzeuge auf Basis des Transporthubschraubers Mi-6A der Ende der 1960er Jahre entwickelt wurde. Er konnte bis zu 7.400 Liter Treibstoff transportieren. Er kann auch zum Transport von Flugtreibstoff eingesetzt werden. Er wurde ab 1973 in Serie gebaut. Grundsätzlich kann jede Mi-6 auf die TZ Version umgerüstet werden. Da die zusätzliche Tankausrüstung wie die ganz normale Fracht transportiert wird.
Mi-6APS – Ein Prototyp für einen Such- und Rettungshubschrauber zur Suche und Evakuierung von Kosmonauten. Das Programm wurde im Zeitraum von 1973 bis 1977 durchgeführt. Manchmal auch als Mi6-PSA bezeichnet.
Mi-6VKP – Luftgestützter Kommandoposten zur Kampfführung von Truppen der kombinierten oder Luftstreitkräfte. Der erste Prototyp wurde 1975 durch Kräfte des 535. ARZ (aviaremontyy zavod, deutsch Flugzeugreparaturwerk) in Konotop umgerüstet. Aufgrund der guten Testergebnisse wurden weitere 36 Hubschrauber umgerüstet. Eine Besonderheit dieses Luftkommandopostens bestand darin, dass für die vollständige Inbetriebnahme des Kommandopostens eine Landung des Hubschraubers erforderlich war. Intern wurde sie als Mi-6AYa (Yakhont) bezeichnet.
Mi-6M – Ein Projekt für die U-Boot-Abwehr. Die Arbeiten an dem Projekt begannen 1958. Zwei Maschinen wurden umgerüstet(1963 und 1965). Eine für die Ortung und Bekämpfung von U-Booten, die zweite wurde mit einem absenkbaren Landungssystem erprobt. Das Projekt wurde nicht weiterverfolgt.
Mi-6M – Ein zweites Projekt unter derselben Bezeichnung. Die Entwicklung erfolgte gemäß einem Regierungsbeschluss vom 28. November 1967. Im Rahmen der Entwicklung des superschweren Hubschraubers W-12 wurden unter anderem die Solowjow D-25WF Turbinen getestet.
Mi-6P – Eine Passagierversion der Mi-6. Sie war für 70 bis 80 Passagiere ausgelegt. Die Maschine (CCCP-58647) wurde 1965 als Einzelstück gebaut. Sie wurde auf der Luftfahrtmesse in Paris (1967) vorgestellt. Eine Serienproduktion blieb aus. Die Maschine wurde später zurück gebaut und ging and die Luftstreitkräfte der UdSSR.
Mi-6PZh- Die Lösch-/Brandbekämpfungsversion (pozharnyy, deutsch Feuerwehr oder Feuer) mit einer Ladekapazität von 12 Tonnen Wasser. Ein Hubschrauber (CCCP-06174) wurde 1967 entsprechend umgerüstet. Er wurde in Le Bourget vorgeführt. Am 6. August 1967 verunglückte die Maschine bei einem Löscheinsatz bei Le Rove in Südfrankreich. Sie war zu der Zeit vom französischen Zivilschutz angemietet. Alle 9 Besatzungsmitglieder kamen ums Leben. An der Absturzstelle befindet sich eine Gedenkstätte.[4]
Mi-6PZh-2 – Die zweite Variante des Löschhubschraubers von ihm wurden mehrere Exemplare gebaut. Mit einem schwenkbaren Wasserwerfer in der Nase. Im Jahr 1972 war er bei der Bekämpfung von Waldbränden in der Region Moskau im Einsatz. Heute steht eine der Maschinen die „41“ im Zentrales Museum der Luftstreitkräfte der Russischen Föderation in Monino.
Mi-6PP – Mehrere Prototypen. 1962 zum Einsatz in der elektronischen Aufklärung. In den 1980er Jahren wurde das Konzept nochmal auf gegriffen. Dieses Mal AEW&C mit ELINT und ECM Fähigkeit. Keiner der beiden Versionen wurde in Serie hergestellt. (PP – postanovshchik pomekh)
Mi-6PRTBV – Maschine zum Transport von Gefechtsteilen und Vorbereitung auf den Einsatz der Raketensysteme 8K11 und 8K14. Der Hubschrauber wurde gemäß dem Regierungsbeschluss Nr. 722-344 vom 5. Juli 1958 entwickelt. Ab 1960 wurden die Hubschrauber beim 340. eigenständigen Hubschraubergeschwader in Dienst gestellt.[5]
Mi-6PS – Such- und Rettungshubschrauber zur Suche und Evakuierung von Raumschiffbesatzungen. Diese Version wurde 1966 entwickelt und im Januar 1969 wurde eine Maschine vom 535. ARZ umgerüstet.
Mi-6RVK – Transport des speziell entwickelten Raketenkomplexes 9K53 Luna-MW mit einem Hubschrauber. In den Jahren 1963–65 wurde er im Versuchsbetrieb genutzt. Die Serienproduktion wurde nicht aufgenommen da das System zu ineffizient war.
Mi-6VR – Prototyp zum testen von Wassersprühsystemen und Enteisungsanlagen.
Mi-6TZ-SV – Tankhubschrauber für das Heer und die Luftwaffe. (SV für sookhoptnyye voyska – Landstreitkräfte)
Mi-22oder Mi-6VzPU – (Typ „50AJA“) Ist ein Luftkommandoposten, der sowohl vom Boden aus als auch während des Fluges eingesetzt werden konnte. An Bord befanden sich das Funkkommunikationssystem „Yakhont“, Geräte zur Kanalkomprimierung P-303 und P-317, Langwellen-Funkgeräte R-111, R-847 mit dem Empfänger R-876, R-130 und R-140 sowie Geräte für den Dezimeter- und Meterbereich R-831M1, R-802VYA sowie die VHF-Funkrelaisstation R-409. Später wurde der Hubschrauber zum Mi-22A modernisiert und in Rostow am Don serienmäßig produziert.
Mi-22A – Modernisierte Version der Mi-22.
Rekorde
Mit der Mi-6 konnten von 1957 bis 1962 die im Folgenden aufgelisteten Rekorde erflogen werden.[6]
Nikolai Jakubowitsch:Flugzeugreport: Mil Mi-6. Sowjetische Herkulesaufgabe. In: Klassiker der Luftfahrt. Nr.3/2017. Motor Presse, Stuttgart 2017, S.29.