Molawa VIII

Häuptling der San From Wikipedia, the free encyclopedia

Molawa VIII, bekannt unter dem Namen Neger von Banyoles (katalanisch El Negre de Banyoles; spanisch El Negro de Banyoles), war ein Häuptling der San (nach anderen Quellen der Tswana), dessen Taxidermie lange Zeit eine Hauptattraktion im Museu Darder in Banyoles (Katalonien, Spanien) darstellte.[1] Im Jahr 2000 wurden seine sterblichen Überreste nach Botswana zur Bestattung überführt.[2]

Der „Neger von Banyoles“

Geschichte

Im Jahr 1830 präparierten die Brüder Verreaux den Leichnam eines Angehörigen der San.[1] Eine Analyse der Zähne ergab, dass der Mann etwa 27 Jahre alt war und typische Merkmale eines San aufwies.[1] Die Brüder stellten den ausgestopften Leichnam 1831 in Paris als „Betjouana“ unter den tierischen Jagdtrophäen ihrer Reisen aus. 1888 war er als Exponat im „Gran Museo de Historia Natural“ des Veterinärs Francesc Darder i Llimona in Barcelona zu sehen. Dieser stiftete seine Sammlung der Stadt Banyoles, mit dieser kam es dort in das 1916 eröffnete Museu Darder.

Der Körper blieb bis zum 29. Oktober 1991 ohne Kontroversen im Museum ausgestellt. An diesem Tag schrieb Alphonse Arcelin, ein Arzt haitianischer Herkunft,[3] der in Cambrils lebte und dort Stadtrat der Partit dels Socialistes de Catalunya war,[4] einen Brief an den Bürgermeister von Banyoles, Joan Solana, mit der Bitte, die Ausstellung der sterblichen Überreste zu beenden. Diese Forderung erregte die Aufmerksamkeit der Presse, die den Fall breit veröffentlichte.[2]

Der erste Schritt zur Rückführung des Körpers nach Botswana erfolgte 1991, als der damalige UNESCO-Generalsekretär Federico Mayor Zaragoza ein Treffen mit Solana abhielt. Später, unter Kofi Annan als Generalsekretär der Vereinten Nationen, wurde das Thema erneut aufgegriffen.[2] Zu dieser Zeit war der „negre de Banyoles“ bereits so berüchtigt, dass in diplomatischen Mitteilungen häufig auf die Ausstellung Bezug genommen wurde. Die Tatsache, dass Banyoles Austragungsort einiger Wettbewerbe der Olympischen Sommerspiele 1992 war, verlieh der Angelegenheit internationale Aufmerksamkeit.[5]

Mehrere afrikanische Regierungen unterstützten Arcelin, der zahlreiche Briefe an die Presse und Regierungschefs geschickt hatte. Das Thema beunruhigte viele internationale Museumsverbände, da sie befürchteten, menschliche Überreste in Museen könnten künftig an ihre Herkunftsländer zurückgegeben werden müssen.[2] 1997 wurde die Angelegenheit sowohl von den Vereinten Nationen als auch von der Organisation für Afrikanische Einheit wiederholt diskutiert.[2] Im März desselben Jahres wurde der Körper aus der Ausstellung des Museo Darder entfernt.[6] In El Mundo wurde er als Relikt des Kolonialismus bezeichnet.[7] Viele Einwohner von Banyoles und der Umgebung waren über die Entfernung unzufrieden, da der San als „Mitglied der Gemeinschaft“ angesehen wurde.[8]

Rückkehr nach Botswana

Die Regierung von Botswana bot an, die Organisation für Afrikanische Einheit bei der Bestattung zu unterstützen, sobald alle Überreste zurückgeführt seien.[2] Im Jahr 2000, nachdem Lendenschurz, Federkopfschmuck und Speer entfernt worden waren, wurde der Körper zunächst ins Nationalmuseum für Anthropologie in Madrid gebracht, wo künstliche Teile wie eine Holz-Wirbelsäule, Augen, Haare und Genitalien entfernt wurden. Schädel und Knochen wurden anschließend in einer Kiste nach Botswana geschickt[9] und trafen dort am 4. Oktober ein. Am 5. Oktober[2] wurde er im Tsholofelo-Park in Gaborone beigesetzt; seine Grabstätte wurde zum Nationaldenkmal erklärt.[10]

Vermächtnis

Arcelin wurde als Folge seines Einsatzes geächtet, sein Gehalt vom spanischen Staat zeitweise zurückgehalten.[11] Das Museo Darder vermeidet heute jegliche Bezugnahme auf die Kontroverse um den negre de Banyoles. Die einzige Erinnerung an den San ist ein stummes Schwarz-Weiß-Video auf einem kleinen Bildschirm, das zeigt, wie er bis zu seiner Entfernung ausgestellt war.[6] Mehrere Bücher haben sich mit der Kontroverse um den negre de Banyoles beschäftigt, darunter besonders El Negro en ik (El Negro und ich) von Frank Westerman, das belegt, dass der Leichnam dem Naturforscher Georges Cuvier 1830 zum Kauf angeboten worden war.[1] Nach Westerman und der Dokumentation El negre té nom („Der Neger hat einen Namen“) handelte es sich um Häuptling Molawa VIII, geboren zwischen 1800 und 1805, gestorben mit etwa 27 Jahren und von den Verreaux exhumiert und aus Litakou (heute Dithakong in Südafrika) gestohlen.[5]

Literatur

  • Joan Solana i Figueras: El negre de Banyoles. La història d'una polèmica internacional. Editorial Planeta, Barcelona 2001, ISBN 978-849708076-7.
  • Caitlin Davies: The Return of El Negro. Penguin Books, Johannesburg 2003, ISBN 0-670-04793-7.
  • Neil Parsons, Alinah Kelo Segobye: Missing persons and stolen bodies: the repatriation of ‘El Negro’ to Botswana. In: Cressida Fforde, Jane Hubert, Paul Turnbull (Hrsg.): The Dead and Their Possessions: Repatriation in principle, policy and practice. Routledge, New York / London 2004, ISBN 0-415-34449-2, S. 245–255.
  • Frank Westermann: El Negro en ik. Atlas, Amsterdam 2004, ISBN 90-450-0858-0.
    • Deutsch: El Negro. Eine verstörende Begegnung. Ch. Links Verlag, Berlin 2005, ISBN 3-86153-368-5.
  • Stefanie Fock: ›Un individu de raça negroide‹ – El Negro und die Wunderkammern des Rassismus. In: Wulf D. Hund (Hrsg.): Entfremdete Körper. Rassismus als Leichenschändung (= Postcolonial studies. Band 4). transcript, Bielefeld 2009, ISBN 978-3-8376-1151-9, S. 165–204 (transcript-open.de [PDF]).

Einzelnachweise

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