Mrs. Dalloway

Roman von Virginia Woolf From Wikipedia, the free encyclopedia

Mrs Dalloway[1] ist Virginia Woolfs vierter Roman und ihr zweiter „experimenteller“, mit dem sie sich neue Darstellungsformen im Roman eroberte. Sie veröffentlichte ihr Werk 1925 in ihrem eigenen Verlag, der Hogarth Press, in London.

Titelseiter der Ausgabe Hogarth Press, London 1925

Im Jahr 2015 wählten 82 internationale Literaturkritiker und -wissenschaftler das Werk nach George Eliots Middlemarch und Virginia Woolfs Die Fahrt zum Leuchtturm zum bedeutendsten britischen Roman.[2] Das Magazin Der Spiegel zählt Mrs Dalloway zu den besten 100 auf der Welt zwischen 1925 und 2025 erschienen Romanen.[3]

Das informative Nachwort[4] des Herausgebers Klaus Reichert ergänzt den Roman mit Virginia Woolfs eigenen Kommentaren über ihr literarisches Projekt: Sie wolle „die Weltsicht des Gesunden & des Geisteskranken Seite an Seite“ darstellen, „Leben & Tod, geistige Gesundheit & Wahnsinn zum Ausdruck bringen; ich will Kritik am Gesellschaftssystem üben & es in Aktion vorführen, da wo es am intensivsten ist.“

Übersicht

Die äußere Handlung des Romans umfasst einen Tag im Juni 1923 von etwa acht Uhr morgens bis drei Uhr nachts. Clarissa Dalloway, die 52-jährige Ehefrau eines konservativen Unterhausabgeordneten, plant, am Abend in ihrem Haus in Westminster eine Gesellschaft zu geben. Dafür besorgt Mrs Dalloway morgens Blumen und bessert dann ihr Abendkleid aus, als sie Besuch von Peter Walsh erhält, der gerade aus Britisch-Indien zurückgekommen ist. Sie waren in ihrer Jugend eng befreundet, bis sie seinen Heiratsantrag ablehnte. Beide erinnern sich an glückliche Tage im Landhaus ihrer Eltern in Bourton-on-the-Water. Auch die freigeistige Sally Setton war dabei, in die Mrs. Dalloway damals kurzzeitig verliebt war.

Nach einem Gefühlsausbruch geht Walsh in den Regent’s Park und beobachtet den Streit zwischen dem psychisch kranken Weltkriegsveteranen Septimus Warren Smith und seiner Frau. Mrs Dalloways siebzehnjährige Tochter besucht mit ihrer privaten Geschichtslehrerin ein Kaufhaus, ihr Vater geht zum Lunch zu einer alten Bekannten – Mrs Dalloway ist nicht eingeladen, was sie kurzzeitig verstimmt. Septimus Warren Smith sucht mit seiner Frau den Psychiater Sir William Bradshaw auf, der Septimus stationär in einem seiner Sanatorien unterbringen will. Sie gehen nach Hause und erleben einen unbeschwerten Moment, bis Bradshaw auftaucht, um Septimus Warren Smith mitzunehmen. Der begeht Suizid, indem er sich aus dem Fenster wirft.

Peter Walsh kehrt in sein Hotel zurück, isst zu Abend, bevor er sich entschließt, an Mrs Dalloways Abendgesellschaft teilzunehmen. Diese wird ein großer Erfolg, auch Premierminister Stanley Baldwin ist unter den Gästen, ebenso wie Sally Setton, die nun Lady Rosseter heißt. Zu einem längeren Gespräch der Jugendfreunde mit Mrs Dalloway kommt es aber nicht. Da Peter Walsh den Streit Septimus Warren Smiths mit seiner Frau beobachtet und das Martinshorn der Ambulanz nach dem Fenstersturz gehört hat, wird der Todesfall Gesprächsthema auf Mrs Dalloways Abendgesellschaft. (Der der Mittelschicht angehörende Septimus Warren Smith ist persönlich nie Mrs Dalloway oder ihren Gästen begegnet.)

Erzählweise

Stadthaus von Lady Ottoline Morrell, häufige Gastgeberin der Bloomsbury Group und nach einer Notiz von Virginia Woolf Inspiration für die Figur der Mrs Dalloway (10 Gower Street, Bloomsbury/London)

Der Roman beginnt mit Clarissa Dalloways morgendlichem Blumenkauf in der Bond Street und ihren Beobachtungen, also mit äußeren Ereignissen, die den Eintritt in die verschiedenen inneren Welten der Figuren bilden. Der Blumenkauf erstreckt sich über die ersten zehn Seiten des Romans, aber nur zehn kurze verstreute Hinweise ermöglichen die räumlich-geografische Einordnung der Handlung als Spaziergang in Westminster – das Thema ist die innere, nicht die äußere Welt der Figuren:[5] „Die äußere Handlung wird fast ausschließlich durch die Reflexionen und Erinnerungen Mrs Dalloways und der übrigen Figuren perspektivisch gebrochen vermittelt.“[6] Der Roman besteht zu weiten Teilen aus den Reflexionen dieser Personen, die zum Teil nur locker miteinander verbunden sind. Auch die Unterschicht ist durch die Gedanken der Dienstboten im Hause Dalloway präsent.

Entlang der von den Glockenschlägen Big Bens geordneten Stunden[7] dieses Tages werden unter anderem Spaziergänge durch Westminster, das Flicken eines Abendkleides, der Entwurf eines Leserbriefes an die Times beim Mittagessen, eine Fahrt auf dem Oberdeck eines Busses oder die Rückkehr eines vor fünf Jahren in den indischen Kolonialdienst eingetretenen Freundes von Clarissa Dalloway und ihre abschließende Abendgesellschaft beschrieben, die auch der Premierminister besucht. Die Erzählsituation bewegt sich fließend zwischen der Wahrnehmung der äußeren Begebenheiten durch die Figuren und den sich daran anknüpfenden Assoziationen und Erinnerungen. Die äußeren Begebenheiten sind gleichsam die Orte, an denen die Perspektivenwechsel zwischen den Figuren stattfinden. In diesem Gedankenroman bleibt „von der äußeren Handlung nur mehr ein Gerüst aus alltäglichen, manchmal sogar recht banalen Vorgängen und Verrichtungen, auf dem die Bewusstseinsbilder einzelner Charaktere aufgespannt werden.“[8]

Das Besondere an diesem Werk ist die Art und Weise, wie die inneren, psychischen Prozesse aus den äußeren, sichtbaren Ereignissen herausgeschält werden: Der Erzähler tritt hinter die ihre Gedanken fortspinnenden Charaktere zurück und trotz ihrer Unterschiede auch in der Schichtzugehörigkeit sind die Bewusstseinsströme der Figuren gleich tief, komplex und sprachlich ähnlich. Durch eine Kombination von direkter, indirekter und erlebter Rede mit kurzen Passagen innerer Monologe wird eine ungewohnte Intensität der Analyse psychischer Realitäten erreicht.[9] Indem die Figuren im zeitweiligen Mittelpunkt den Staffelstab der Erzählung an die nächsten weiterreichen, entwickelt sich der Roman nicht als ein Handlungs-, sondern als ein Gedankengeflecht: Er wird an einigen Stellen so sehr zu einer Gedankenerzählung, dass die Figuren nicht erst auf äußere Handlungen reagieren, sondern schon auf die sich noch ausformenden, noch nicht ausgesprochenen Bewusstseinsinhalte ihrer Gegenüber.[10] Dieses Netz der Gedanken, dieser Bewusstseinsstrom der Figuren, den kurz vorher auch James Joyce in seinem Roman Ulysses als Erzählprinzip angewendet hatte, zieht sich durch den Roman, mit dem Virginia Woolf einen ihrer wichtigsten Beiträge zur Entwicklung des Romans im 20. Jahrhundert geleistet hat.

Motive der Vergänglichkeit

Lady Ottoline Morrell, mondän mit Calla (Zantedeschie)(Foto von Adolph de Meyer 1907)

Die Gedanken auch der Randfiguren zeichnen ein spannungsreiches Kaleidoskop der britischen Gesellschaft nach dem Ersten Weltkrieg. So alltäglich die sichtbaren äußeren Ereignisse auch sind, so grundsätzlich sind die sich hieran entzündenden Assoziationen, Fragen und Ängste, die gegenseitigen Wert- und Geringschätzungen der Figuren: Lesbische und eheliche Liebe, Karrieren und ihr Scheitern, die Emanzipation der Frauen, Wahnvorstellungen eines Heimkehrers von den Weltkriegs-Schlachtfeldern des Kontinents, Hilflosigkeit der Psychiater, Wohlstand und Armut, das Leben im Herzen und am Rande des britischen Empires, die kritischen Blicke der Dienstboten auf ihre Herrschaften, gesellschaftliche Erstarrung und Auswanderung zu einem neuen Aufbruch nach Kanada... Schon beim Blumenkauf Clarissas in der Bond Street geben die Fehlzündungen eines Autos mit offenbar hochgestellten Fahrgästen Rätsel auf wie auch das Flugzeug, das allzu langsam die Buchstaben für Toffee in den Himmel schreibt – schon einfachste Beobachtungen lösen ein Nachdenken aus.[11]

Auch die Erinnerungen Clarissa Dalloways, die stets um ihre Abendgesellschaften kreisen, stoßen auf ihren mäandernden Wegen auf den frühen tödlichen Unfall ihrer Schwester, auf ihre eigene Oberflächlichkeit, ihre Krankheiten und auf ihren möglichen gesellschaftlichen Tod:[12] Mit den warnenden, dann „unwiderruflichen“ Glockenschlägen Big Bens – der Roman sollte ursprünglich The Hours heißen – hat auch „die Furcht vor der Vergänglichkeit (…), ebenso wie die Hingabe an den Augenblick (…) leitmotivische Funktion.“[13] Auf den letzten Seiten des Romans wird Clarissa während ihrer Abendgesellschaft durch die Nachricht vom Selbstmord des jungen Kriegsheimkehrers erschüttert: „Sie war davongekommen. Aber dieser junge Mann hatte sich umgebracht.[14] Die beiden bisher verschachtelt erzählten und chronologisch parallel verlaufenden Erzählstränge berühren sich im Ende, werden Schicksalsmöglichkeiten: dicht neben dem eigenen Leben verläuft eine andere Schicksalsspur, in die hineinzurutschen und das Leben zu verschwenden oder zu verlieren nicht undenkbar ist. Die von der Autorin versammelten Charaktere spüren eine neue Verletzlichkeit und Unsicherheit – England ist im Wandel: Aber war das Lady Bruton? (die sie doch gekannt hatte). War das Peter Walsh, grau geworden? fragte sich Lady Rosseter (die einmal Sally Seton gewesen war).[15]

Wie der Kriegsveteran Septimus Warren Smith sowohl die Konflikte in Europa als auch die sozialen Verwerfungen der englischen Gesellschaft anklingen lässt, so erweitert die Figur Peter Walshs das Themenspektrum in eine andere Richtung: Walsh, der frühere Sozialist und Kritiker der Londoner Oberschicht, der vor dreißig Jahren fast Clarissa geheiratet hätte, kommt nach einem fünfjährigen Kolonialdienst überraschend zu den Dalloways, nicht nur um Clarissa wiederzusehen, sondern auch, um ihren Gatten nach den Plänen der Regierung für Indien zu fragen,[16] wo der englische Kolonialismus es mit einem seit 1918 allmählich selbstbewussteren Indischen Nationalkongress zu tun hatte.[17] Neben der titelgebenden Clarissa Dalloway und dem Kriegsveteran Septimus Warren Smith gehört damit auch Peter Walsh, er buchstäblich von der ersten bis zur letzten Seite, zum Dreigestirn der Protagonisten. Das mit diesen drei Figuren von Woolf aufgespannte sozial-politische Panorama ergänzt die kritische Sicht der Autorin auf ihre Herkunftsschicht um die wichtigsten politischen Fragen ihrer Zeit. Zu diesen gehört nach dem Ersten Weltkrieg das revolutionäre Ende der Monarchien in Russland und Deutschland, die sich verschärfenden Klassenkämpfe in England mit massiven Streiks der Bergarbeiter, Eisenbahner und Hafenarbeiter, die Unruhen der demobilisierten und nun arbeitslosen Soldaten und die Einführung des Wahlrechts für Frauen, sodass 1924, während der Niederschrift von Mrs Dalloway, die Labour Party mit Ramsay MacDonald erstmals in ihrer Geschichte einen Labour-Ministerpräsidenten stellte. Die Unsicherheit Clarissa Dalloways über ihre Zukunft spiegelt die Sorgen der englischen Oberschicht über die Zukunft ihrer Klasse.

„Lady Ottoline Morrell 1873–1938 literarische Gastgeberin und Förderin der Künste lebte hier“ (Plakette an ihrem Haus in Bloomsbury)

Inspiration

Im Sommer 1909 machte Virginia Woolf die Bekanntschaft von Lady Ottoline Morrell, einer Aristokratin und Kunstmäzenin. Diese schloss sich dem Bloomsbury-Kreis an und faszinierte durch ihre extravagante Erscheinung. Ihr exotischer Lebensstil beeinflusste die Gruppe, sodass die Mitglieder gern der Einladung folgten, donnerstags um zehn Uhr in ihr Haus am Bedford Square zu kommen, wo sich Besucher wie D. H. Lawrence und Winston Churchill, T.S. Eliot, Henry Green, Stephen Spender, Bertrand Russell, Leonard Woolf und Virginia Woolf im Salon einfanden. Später wurde auch ihr Haus Garsington Manor bei Oxford zum Treffpunkt der „Bloomsberries“. Die Autorin setzte Ottoline Morrell in ihrem Roman Mrs Dalloway, den sie als „Garsington novel“ bezeichnete, ein literarisches Denkmal.[18]

Für Michael Maar gibt es Hinweise darauf, dass Woolfe mit Clarissa Dalloway und Septimus Warren Smith identisch sei.[19]

Ausgaben

  • Virginia Woolf: Mrs Dalloway, London, Hogarth Press, 1925.
  • Virginia Woolf: Eine Frau von fünfzig Jahren, übers. von Theresia Mutzenbecher, Leipzig, Insel Verlag, 1928.
  • Virginia Woolf: Mrs Dalloway, übers. von Herberth E. Herlitschka und Marlys Herlitschka, Frankfurt/M., S. Fischer Verlag, 1955.
  • Virginia Woolf: Mrs Dalloway, übers. von Walter Boehlich, Frankfurt/M., S. Fischer, 2003. ISBN 3-596-14002-1.
  • Virginia Woolf: Mrs Dalloway, übers. und mit einem Nachwort von Hans-Christian Oeser, Stuttgart, Reclam-Verlag, 2012. ISBN 978-3-15-018886-6.
  • Virginia Woolf: Mrs Dalloway, übers. von Hannelore Eisenhofer, Hamburg, Nikol, 2012. ISBN 978-3-86820-145-1.
  • Virginia Woolf: Mrs Dalloway, zweisprachige Ausgabe englisch-deutsch, übers. von Kai Kilian, Köln, Anaconda Verlag, 2013. ISBN 978-3-7306-0059-7.
  • Virginia Woolf: Mrs Dalloway, übers. von Melanie Waltz, mit einem Nachwort von Vea Kaiser, Köln, Manesse Verlag, 2022. ISBN 978-3-7175-2556-1.

Sekundärliteratur

  • Willi Erzgräber: Virginia Woolf: Mrs. Dalloway. In: Horst Oppel (Hrsg.): Der moderne englische Roman – Interpretationen. Erich Schmidt Verlag, 2. überarbeitete Auflage, Berlin 1971, S. 160–200.
  • Kindlers neues Literatur-Lexikon, hrsg. von Walter Jens, Studienausgabe, München: Kindler 1996, Band 17. Vb–Zz, ISBN 3-463-43200-5
  • Hermione Lee: Virginia Woolf. Ein Leben. Frankfurt am Main: Fischer, 2005.
  • Mark Hussey: Virginia Woolf A to Z, New York 1995.
  • Peter von Matt: Das verborgene Juwel – Virginia Woolf. In: Peter von Matt: Sieben Küsse. Glück und Unglück in der Literatur. Hanser, München 2017, ISBN 978-3-446-25462-6, S. 25–52.

Adaptionen

1997 wurde der Roman von der niederländischen Oscar-Preisträgerin Marleen Gorris unter dem Titel Mrs. Dalloway verfilmt.

Außerdem bildete er die Grundlage für den Roman The Hours (deutsch Die Stunden) von Michael Cunningham, der 1999 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde. Virginia Woolfs Tagebuchaufzeichnungen ist zu entnehmen, dass sie ursprünglich daran gedacht hatte, den Roman Die Stunden zu nennen. Der Roman von Cunningham wurde wiederum von Stephen Daldry unter dem Titel The Hours – Von Ewigkeit zu Ewigkeit mit Nicole Kidman als Virginia Woolf verfilmt, die für diese Rolle den Oscar erhielt.

Commons: Mrs. Dalloway – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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