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Muhō Nölke

deutscher Zenmeister, Autor und Übersetzer From Wikipedia, the free encyclopedia

Muhō (jap. (ネルケ)無方, Neruke Muhō, eigentlich Olaf Nölke; * 1. März 1968 in West-Berlin) ist ein deutscher Zen-Meister, Autor und Übersetzer. Er stand zwischen 2002 und 2020 dem japanischen Kloster Antaiji in der Präfektur Hyōgo als neunter Abt vor.[1][2] Er war damit der erste deutsche Abt in Japan. Bekannt ist er auch durch seine Übersetzungen der Werke Sawaki Kōdōs, dessen Traditionslinie er in Japan vertritt. Er ist in den traditionellen Medien und im Internet präsent.

Muhō im Seminarhaus Kô Getsu An, Hennef (2023)
Muhō Nölke als Abt im japanischen Kloster Antai-ji (2009)

Leben

Jugend

Muhō wurde als Olaf Nölke in Berlin geboren, wuchs aber in Braunschweig und Tübingen auf. Im Alter von sieben Jahren verlor er seine Mutter, ein zutiefst einschneidendes Ereignis, das seine spätere Lebensbahn entscheidend prägte. Er stellte sich früh die Frage nach dem Sinn des Lebens.[3] Weder sein Vater noch seine Lehrer konnten ihm diese existentielle Frage beantworten, so dass ihn während seiner Pubertät Depressionen bis hin zur Frage nach dem Freitod begleiteten.[4] Ab seinem 16. Lebensjahr kam er als Gymnasiast in einem Braunschweiger Internat mit Zen in Kontakt.[5] Zum ersten Mal wurde Muhō beim Zazen im Gymnasium bewusst, dass er einen Körper hatte und dass Körper und Geist eine Einheit sind, dass auch diese Haltung Einheit und die Wahrnehmung der Welt bestimmen: „... da wusste ich, dass es das ist, was ich mein Leben lang machen möchte“.[3] Für die nächsten drei Jahre praktizierte er täglich Zazen und ihm wurde bald bewusst, dass er diesen Weg sein Leben lang fortsetzen wollte. Am Ende seiner Gymnasialzeit leitete er zum ersten Mal seine ursprüngliche Meditationsgruppe.[4]

Ausbildung (1987–1999)

Während des Studiums (1987–1993) der Japanologie, Philosophie und Physik an der Freien Universität Berlin praktizierte er von 1987 bis 1990 Zen bei Ludger Tenryu Tenbreul, einem langjährigen Schüler von Taisen Deshimaru, und verbrachte anschließend das Jahr 1990 in Japan. Sechs Monate davon wohnte er im Sōtō-Zen Tempel Antai-ji, wo er später auch zum Zenmeister ausgebildet wurde. Nach dem Abschluss des Magisterstudiums ordinierte er ebendort und erhielt den buddhistischen Namen „Muhō“. Der Name bedeutet „offen für alle Richtungen sein“ bzw. „nach allen Seiten offen“. Dies spiegelt die Haltung im Zen wider: Nicht an festen Ansichten festhalten, sondern sich der Vielschichtigkeit und Offenheit des Lebens zuwenden. Unter der Leitung von Keidō Fukushima (1933-2011), einem japanischen Rinzai-Zenmeister, der dem Tōfuku-ji in Kyōto als Abt vorstand, praktizierte er dort von Oktober 1995 bis August 1996.

Am Anfang seiner Ausbildung im Antai-ji sagte sein Meister: „Du erschaffst Antai-ji. Was du hier sehen und erfahren kannst, liegt an dir. Du musst Buddha werden. Wenn du in Antai-ji nicht zum Buddha wirst, gibt es Buddha nirgendwo. In gewisser Weise geht es nur um dich.“ Nachdem er einige Fehler als Tenzo (Koch) machte, sagte sein Meister das Gegenteil: „Es geht hier nicht um dich!“ Durch diesen Widerspruch wurde ihm bewusst, dass Zen-Praxis auch bedeutet, von sich selbst abzusehen, um sich in jeder kleinen Erfahrung wiederzufinden.[6] Nach Abschluss seiner Ausbildung im Antai-ji erhielt Muhō 1999 die Übertragung des Dharma (Shihō) von seinem Meister Shinyū Miyaura, dem 8. Abt des Antai-ji. Er wurde damit als eigenständiger Meister der Sōtō-Schule anerkannt.[7]

Abt (2002–2020)

Nach Miyauras Tod 2002 wurde er selbst zum Abt ernannt. Im Antai-ji lebte er mit einer wechselnden Gruppe von Praktizierenden, aber auch mit seiner Frau und drei Kindern.[3] Seither ist er in Japan, Deutschland und der Schweiz als Zenlehrer aktiv.[5] Seit 2016 unterrichtet er auch im Priesterseminar des Chigen-ji in der Präfektur Kyoto.[8]

2020 gab er sein Amt als Abt an seine japanische Schülerin Eko Nakamura weiter und zog mit seiner Familie wieder nach Osaka.[6] Dort leitet er eine Zen- und Studiengruppe und ist weiterhin als Autor und spiritueller Lehrer aktiv. Zudem ist er weiterhin in den sozialen Medien und auf YouTube präsent.

Medien

Muhō ist Autor von rund zwanzig Büchern in Deutsch und Japanisch, übersetzte Bücher des japanischen Zen-Meisters Kodo Sawaki und des Philosophen Hitoshi Nagai ins Deutsche und ist im Radio und Fernsehen sowie im Internet präsent (in Blogs, auf YouTube und auf X).[9] Er war Thema des ARD-Dokumentarfilms Der Abt von Antaiji (2005) und spielte sich selbst in Zen for Nothing (2016) von Werner Penzel.

Im Jahr 2020 sah Muho aufgrund der damals herrschenden Covid 19-Pandemie sich dazu veranlasst, eine dreiwöchige Vortragsreise nach Deutschland abzusagen. Um denjenigen, die nicht persönlich anwesend sein konnten, die Möglichkeit zu geben, dennoch am Programm teilzunehmen, hat er über einen Zeitraum von drei Wochen täglich ein Video aufgezeichnet. Dazu nahm er in seiner japanischen Wohnküche Platz und fertigte mit einer kleinen Kamera zwölfminütige Videos an. Muhō hat sich anschließend auch digital als sogenannter „Zenfluencer“ etabliert und nutzt das Internet, vor allem YouTube, um seine Botschaften zu verbreiten. Er betreibt einen YouTube-Kanal mit mehr als 18.000 Abonnenten, in dem er Zen-Buddhismus und lebensnahe Themen anspricht. Er geht offen auf Kritik und kontroverse Fragen ein und scheut auch provozierende Gespräche nicht. Er betrachtet das Internet, insbesondere Plattformen wie YouTube, als ein ideales Medium für seine Tätigkeit, da es ihm trotz seiner introvertierten Natur die Möglichkeit bietet, sich einem breiteren Publikum zu präsentieren.[10]

In seinen Medienbeiträgen widmet er sich den alltäglichen Fragen von Glück und Gelassenheit sowie von Tod und Leben. Er vermittelt dabei einen verständlichen Einblick in den Zen-Buddhismus und zeigt auf, wo sich dieser in weltlichen und christlichen Werten wiederfinden lässt. Das Leben im Augenblick und die Kunst des Loslassens (Ariyasaavaka), zentrale Aspekte des Zen-Buddhismus, werden dabei erklärt, und es wird aufgezeigt, wie sie gelebt werden können.[11][9]

Lehre

Einfluss

Muho steht in der Traditionslinie von Kodo Sawaki, einem bedeutenden Zen-Meister des 20. Jahrhunderts. Muho Nölke ist für seine Übersetzungen der Werke von Kodo Sawaki bekannt und vertritt dessen Tradition in Japan. Er hat mehrere Bücher aus dem Japanischen ins Deutsche übersetzt und gibt damit auch den Geist und die Haltung Sawakis weiter. Muho betrachtet Sawaki Kodo als bedeutenden Lehrer, der die Praxis des Zazen (Sitzmeditation) sowohl für Laien als auch für Nonnen und Mönche neu belebt hat. Sawakis Betonung auf das „nur Sitzen“ (Shikantaza), sein undogmatischer, robuster Zugang zum Zen und seine Ehrlichkeit bezüglich der Fallstricke von Spiritualität waren relevant für Muhos eigenes Verständnis und seine Lehre des Zen. Es waren nicht zuletzt die markigen Sprüche von Kodo Sawaki, die ihn als Student in seinem Entschluss bestärkten, nach Japan zu gehen und sein Leben dem Zen zu widmen.[12][13][14] Muho Nölke betrachtet die Zen-Form als ein Gefäß, das dazu dient, die Essenz des Lebens zu erfahren. Die Form ist dabei nicht das Ziel, sondern ein Rahmen, um Gegenwart und Loslassen zu erfahren.

Form

Für Muho ist die Form (Shiki) das Mittel, um das Leben im jeweiligen Augenblick direkt zu erleben. Dazu zählen Zazen, Gehmeditation (Kinhin), die meditative Arbeit für die Gemeinschaft (Samu) und die ritualisierte Form des Essens (Ōryōki). Er betont, dass das zielorientierte Streben nach Glück, Sinn oder Erleuchtung (Satori) uns von der konkreten bewussten Erfahrung entfernt. Für ihn ist die Frage nach der "Form" vor allem eine Frage nach dem Zweck. Es kommt nicht auf die Form an sich an, sondern auf die durch sie ermöglichte Hingabe an das Leben. Die Zen-Form ist eine Methode, die hilft, den aktuellen Moment anzunehmen, zuzulassen und auch loszulassen, was belastend ist.

Loslassen

Nach Auffassung von Muho ist der Begriff "Loslassen" im Zen-Kontext nicht mit dem Abschalten oder Löschen von Gedanken gleichzusetzen. Stattdessen betont er die Bedeutung, Gedanken bewusst zuzulassen. Der Versuch, Gedanken zu unterdrücken, kann dazu führen, dass sie sich verstärken. Loslassen impliziert die Fähigkeit, auch Unangenehmes wahrzunehmen und anzunehmen, vergleichbar mit dem Öffnen des Deckels eines Topfes, um den entstehenden Geruch zu zulassen. Dabei ist es wichtig, sich nicht von den Gedanken mitreißen zu lassen. Es geht darum, sie wie Wolken am Himmel kommen und gehen zu sehen, ohne selbst Teil davon zu sein. Wenn man während des Zazen merkt, dass man in Gedanken versunken war, ist dieses Erkennen selbst ein Moment der Bewusstheit.[15]

Japanischer und westlicher Zen

Nölke bedient sich einer prägnanten Metapher, um die Unterschiede zwischen westlichen und japanischen Zen-Schülern zu beschreiben. Der ideale Schüler wird metaphorisch als eine "Gurke" beschrieben, die von selbst an einem Faden hochwächst. Japanische Schüler werden von ihm mit "Tomaten" verglichen, die, so seine Überlegung, viel Zuwendung und ein stabiles Gerüst benötigen. Schüler aus dem Westen werden metaphorisch als "Kürbisse" beschrieben, die zwar gut allein zurechtkommen, jedoch einen übermäßigen Platzbedarf aufweisen.[16]

Diese Analogie dient als Diagnose des westlichen spirituellen Egos: Es ist stark, unabhängig, aber auch selbstbezogen. Die Fragestellung, welche Vorteile sich aus der Praxis ergeben, sowie die Fokussierung auf das individuelle Selbst stellen ein Hindernis für die vollständige Hingabe dar, die für die Zen-Praxis essenziell ist. Muhos humorvolle, schonungslose Darstellung verdeutlicht, dass das signifikanteste Hindernis nicht die Praxis des Sitzens an sich, sondern das westliche, auf das Selbst fokussierte Denkweise.[17]

Veröffentlichungen

Auf Deutsch

Bücher

Andere Beiträge

Auf Englisch

  • Zazen, and the Path to Happiness. English Edition translated by Iwona Luszowicz, House of Vendetta, 2025, ISBN 979-8-232-34531-0.

Auf Japanisch

Übersetzungen

Siehe auch

Einzelnachweise

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