Mulready-Ganzsache

erste Ganzsache, 1. Mai 1840 From Wikipedia, the free encyclopedia

Mulready-Ganzsache bezeichnet eine mit einem allegorischen Bild bedruckte Brief-Ganzsache aus dem Vereinigten Königreich Großbritannien und Irland. Sie wurde nach ihrem Entwerfer, dem Künstler William Mulready (1786–1863), benannt. Die britische Post gab sie 1840 in zwei Formen heraus: als Faltbriefbogen und als Briefumschlag, jeweils in den Wertstufen 1 Penny und 2 Pence.

Schnelle Fakten Ausgabe, Gestaltung ...
Mulready-Ganzsache
1-Penny-Mulready-Umschlag von 1840; das abgebildete Exemplar wurde nachträglich handkoloriert und trägt einen roten Malteserkreuzstempel
2-Pence-Mulready-Ganzsache von 1840
Ausgabe
Land Vereinigtes Königreich
Nominalwert 1 Penny bzw. 2 Pence
Ersttag1. Mai 1840; gültig ab 6. Mai 1840
Gestaltung
Bildmotiv allegorische Darstellung der Britannia und der weltweiten Postbeförderung
Farbe schwarz bzw. blau
Entwurf William Mulready
Stich John Thompson
Druckart Stichtiefdruck
Besonderheiten frühe amtliche Ganzsache; Ausgabe parallel zur One Penny Black und Two Penny Blue
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Die Mulready-Ganzsachen gehören zu den bedeutenden Ausgaben der britischen Postgeschichte, weil sie zusammen mit den ersten aufklebbaren Briefmarken eingeführt wurden. Sie wurden ab dem 1. Mai 1840 verkauft und waren ab dem 6. Mai 1840 gültig; am selben Tag begann auch die Gültigkeit der One Penny Black und kurz darauf der Two Penny Blue.[1] Die 1-Penny-Werte wurden wie die One Penny Black schwarz, die 2-Pence-Werte wie die Two Penny Blue blau gedruckt.[1]

Hintergrund

Die Mulready-Ganzsachen entstanden im Zusammenhang mit der britischen Postreform von 1840. Vor dieser Reform war der Versand von Briefen im Vereinigten Königreich kompliziert und teuer. Die Kosten richteten sich unter anderem nach Entfernung und Zahl der beschriebenen Blätter; Umschläge wurden selten verwendet, weil sie als zusätzliches Blatt gelten und damit das Porto erhöhen konnten.[2]

Mit der Uniform Penny Post wurde ein einheitliches und vorausbezahltes Porto eingeführt. Dafür wurden zwei Formen von Postwertzeichen vorbereitet: aufklebbare Briefmarken und vorausbezahlte Ganzsachen mit eingedrucktem Wertvermerk. Aus heutiger Sicht setzte sich vor allem die Briefmarke durch; 1840 wurde jedoch auch erwartet, dass die bereits bedruckten Umschläge und Faltbriefbögen im Alltag besonders bequem sein würden.[1]

Entwurf und Herstellung

Henry Cole, ein Mitarbeiter von Rowland Hill, zog William Mulready zur Gestaltung der neuen Ganzsachen heran. Mulready entwarf eine großflächige allegorische Darstellung, die die Vorteile der preiswerteren und vorausbezahlten Post veranschaulichen sollte. Im Zentrum steht Britannia mit Schild und Löwe; um sie herum sind Szenen angeordnet, die das Lesen, Schreiben und Befördern von Briefen in verschiedenen Teilen der Welt zeigen.[3]

Der Stich wurde von John Thompson ausgeführt. Nach zeitgenössischen Vorarbeiten wurden die Platten bei William Clowes für den Druck vorbereitet; die fertigen Umschläge und Faltbriefbögen kamen am 1. Mai 1840 in den Verkauf und wurden am 6. Mai 1840 für den Postverkehr gültig.[4] Mulready erhielt für seinen Entwurf ein Honorar von 200 Pfund Sterling, eine für die Zeit erhebliche Summe.[5]

Wertstufen und Formen

Die Mulready-Ganzsachen erschienen in zwei Wertstufen. Der 1-Penny-Wert war für Briefe bis zu einem Gewicht von einer halben Unze bestimmt, der 2-Pence-Wert für Briefe bis zu einer Unze. Zusätzliches Porto konnte durch aufgeklebte Briefmarken entrichtet werden.[4]

Beide Wertstufen wurden sowohl als Faltbriefbogen als auch als Umschlag ausgegeben. Die Faltbriefbögen konnten beschrieben, zusammengefaltet und ohne zusätzlichen Umschlag versendet werden. Die Umschläge bestanden aus einem entsprechend zugeschnittenen Bogen, dessen Laschen zusammengefaltet und verschlossen wurden. Die Mulready-Ganzsachen waren nicht gummiert; sie mussten mit Siegellack oder einem Verschlussblättchen verschlossen werden.[1]

Der eigentliche Wertzeicheneindruck ist ungewöhnlich schlicht. Er besteht aus der Inschrift POSTAGE ONE PENNY beziehungsweise POSTAGE TWO PENCE am unteren Rand der Bilddarstellung. Damit unterschied sich die Mulready-Ganzsache deutlich von späteren Ganzsachen, bei denen der Wertstempel meist kleiner und eigenständiger gestaltet wurde.

Ausgabe und Ablösung

Die Mulready-Ganzsachen waren zum offiziellen Beginn der neuen Vorauszahlungsmittel am 6. Mai 1840 vielerorts leichter erhältlich als die aufklebbaren Briefmarken. Nach Angaben des British Philatelic Bulletin waren die Umschläge und Faltbriefbögen in großer Zahl an den Postämtern vorhanden, während am ersten Gültigkeitstag nur begrenzte Mengen der One Penny Black und zunächst keine Two Penny Blue verfügbar waren.[1]

Die öffentliche Akzeptanz blieb dennoch gering. Viele Nutzer bevorzugten bald gewöhnliches Papier mit einer aufgeklebten Briefmarke. Bereits innerhalb weniger Wochen nach Verkaufsbeginn war für Rowland Hill erkennbar, dass für die vorausbezahlten Umschläge ein einfacherer Ersatz benötigt wurde.[1] Anfang 1841 erschienen neue, wesentlich schlichtere Ganzsachen-Umschläge mit einem geprägten Wertstempel nach einem Entwurf von William Wyon. Die 1-Penny-Umschläge wurden in Rosa, die 2-Pence-Umschläge in Blau ausgegeben.[6]

Kritik und Karikaturen

Hodgson's Rejected Design for an Envelope, 1840, handkolorierte Lithografie und Parodie auf den Mulready-Entwurf

Die Gestaltung wurde schon kurz nach der Einführung kritisiert. Der umfangreiche allegorische Bildschmuck erschien vielen Zeitgenossen überladen und pathetisch. Rowland Hill notierte bereits am 12. Mai 1840, das von Mulready entworfene „stamp“ werde von allen Seiten angegriffen und verspottet.[7]

Aus der Kritik entwickelte sich rasch ein eigener Markt für satirische Umschläge. Manche Benutzer versahen echte Mulready-Ganzsachen mit handgezeichneten komischen Ergänzungen; daneben veröffentlichten Zeichner, Lithografen und Schreibwarenhändler eigene Parodien auf das amtliche Bildprogramm.[8] Besonders London und Edinburgh wurden zu Zentren dieser Mulready-Karikaturen. In London gehörten Fores, Southgate und Spooner zu den wichtigen Herausgebern; in Edinburgh erschienen unter anderem Karikaturen von Robert W. Hume und Menzies.[9]

Die Karikaturen bilden heute ein eigenes Forschungs- und Sammelgebiet. Die 2024 erschienene Monografie The Mulready Caricature von Robin Cassell und Richard Hobbs verzeichnet 941 bekannte Exemplare in 207 Zuständen und enthält 2392 farbige Abbildungen. Die Autoren werteten dafür nach eigenen Angaben mehr als 22.500 historische Auktionskataloge aus.[8]

Philatelistische Betrachtung

In der Philatelie werden Mulready-Ganzsachen nach Wertstufe, Form, Druckform, Stereotyp, Verwendungsdatum, Aufgabeort, Entwertung und Erhaltung unterschieden. Besonders gesucht sind frühe Verwendungen aus dem Mai 1840, Verwendungen vom ersten Gültigkeitstag, Zusatzfrankaturen mit One Penny Black oder Two Penny Blue sowie Stücke mit klaren oder seltenen Entwertungen, insbesondere mit Malteserkreuzstempeln.

Die Mulready-Faltbriefbögen und -Umschläge werden in Katalogen getrennt geführt. Im Michel-Katalog erscheinen die Faltbriefbögen als F1 und F2, die Umschläge als U1 und U2. Neben den amtlichen Ausgaben sind auch ungebrauchte Exemplare, Probedrucke, Anzeigen- und Firmenverwendungen sowie die zeitgenössischen Karikaturen von Bedeutung. Die Faltbriefbögen konnten mit gedruckten Anzeigen oder Mitteilungen versehen sein; die Umschläge selbst blieben dagegen ohne solche Anzeigen.[4]

2-Pence-Mulready-Umschlag im Bath Postal Museum

Eine besondere Rolle spielen Verwendungen vom 6. Mai 1840, dem ersten offiziellen Gültigkeitstag. Das Bath Postal Museum besitzt einen an Isabella Tudor in Kelston Knole gerichteten 2-Pence-Mulready-Umschlag aus dem Umfeld des Bath-Postmeisters Thomas Moore Musgrave. Er wird als eines von nur drei bekannten 2-Pence-Mulready-Umschlägen bezeichnet, die am ersten offiziellen Gültigkeitstag verwendet wurden.[10]

Sammlermarkt

Frühe Mulready-Verwendungen gehören zu den hochpreisigen Gebieten der klassischen britischen Philatelie. Ein am 2. Mai 1840 verwendeter 1-Penny-Mulready-Faltbriefbogen mit aufgeklebter One Penny Black wurde 2024 bei Sotheby’s mit einem Schätzwert von 1,5 bis 2,5 Millionen US-Dollar angeboten.[11] Auch reguläre Ersttagsverwendungen erzielen hohe Preise: Bei einer Auktion von Shreves Philatelic Galleries wurden mehrere Mulready-Verwendungen vom 6. Mai 1840 für vier- bis fünfstellige US-Dollar-Beträge zugeschlagen.[12]

Literatur

  • Colin Baker: Great Britain: The Mulready Postal Stationery. Postal Stationery Society, Warminster 2000.
  • Robin Cassell, Richard Hobbs: The Mulready Caricature. The Philatelic Caricatures of the Envelope and Letter Sheet Design of Sir William Mulready RA. 2 Bände. Royal Philatelic Society London, London 2024, ISBN 978-1-913015-31-2.
  • Edward B. Evans: A Description of the Mulready Envelope and of Various Imitations and Caricatures of Its Design: with an account of other illustrated envelopes of 1840 and following years. S. R. Publishers / Stanley Gibbons, Wakefield 1970, ISBN 0-85409-507-1.
  • Karl v. Gündel: Die Mulready-Couverte, ihre Karikaturen usw. In: Illustriertes Briefmarken-Journal, Nr. 1/1889, Nr. 23/1889 und Nr. 2/1890.
  • Alan Huggins, Alan Holyoake: The Mulready Postal Stationery. Its Genesis, Production and Usage. Great Britain Philatelic Publications / Postal Stationery Society, Sutton Coldfield 2015, ISBN 978-0-907630-29-6.
  • Karl-Albert Louis: Mulready-Karikaturen und illustrierte Briefumschläge: Humor und Kunst im 19. Jahrhundert. In: philatelie, Nr. 336, Juni 2005.
  • Wolfgang Maassen: Eine Idee und ihr Welterfolg (3): Die erste weltweit gültige Ganzsache der „Mulready-Umschlag“. In: philatelie – Das Sammlermagazin des Bundes Deutscher Philatelisten, Nr. 398, August 2010, S. 54 ff.
  • Wolfgang Maassen: Philatelie und Vereine im 19. Jahrhundert. Phil*Creativ, Schwalmtal 2006, ISBN 978-3-932198-69-4, S. 106–109.
Commons: Mulready-Ganzsachen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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