Männer aus dem Meer
steinzeitliche menschliche Unterkiefer, die an den Spülsäumen der ostfriesischen Inseln Spiekeroog und Baltrum gefunden wurden
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Die Männer aus dem Meer, auch Meermänner genannt[1] sind zwei steinzeitliche menschliche Unterkiefer, die an den Spülsäumen der ostfriesischen Inseln Spiekeroog und Baltrum gefunden wurden. Die Funde und ihre wissenschaftliche Auswertung im Rahmen einer internationalen Studie lieferten überraschende Erkenntnisse zur Bevölkerungsgeschichte des nordwesteuropäischen Küstenraums in der Steinzeit. Sie zeigen, dass die Küstenbewohner etwa 3000 Jahre länger Jäger und Sammler blieben als der Rest der Bevölkerung Europas, wo sich Nachkommen westanatolischer Bauern zwischen 6500 und 4000 v. Chr. mit lokalen Jägern und Sammlern vermischten.
Entdeckung und Erstuntersuchung
Spaziergänger entdeckten die beiden menschlichen Unterkiefer in den Jahren 2016 und 2018 an den Spülsäumen von Spiekeroog und Baltrum.[1] Erste Untersuchungen ergaben, dass beide Knochen von erwachsenen Männern stammten. Der ältere Knochen wird in die Mittelsteinzeit (Mesolithikum) um ca. 5500 v. Chr. und der jüngere in die Jungsteinzeit (Neolithikum) um ca. 3500 v. Chr. datiert.[2] Die Funde wurden zusammenfassend als „Männer aus dem Meer“ oder „Meermänner“[1] bezeichnet, da sie aus dem Meer beziehungsweise vom Meeresboden stammten.[3]
Da keinerlei Begleitfunde vorhanden waren, konnten über die Lebensräume und die Todesumstände der beiden Männer zunächst nur Vermutungen angestellt werden.[3]
Wissenschaftliche Studie
Im Rahmen einer internationalen Studie analysierte ein Wissenschaftlerteam unter Beteiligung von Jan F. Kegler, dem Leiter des Archäologischen Forschungsinstituts der Ostfriesischen Landschaft, die beiden Unterkiefer umfassend und verglich die Ergebnisse mit anderen Knochenfunden aus Feucht-, Fluss- und Küstengebieten der heutigen Niederlande, Belgiens und Westdeutschlands.[4]
Die Studie wurde im Februar 2026 unter dem Titel Lasting Lower Rhine–Meuse forager ancestry shaped Bell Beaker expansion im Fachmagazin Nature veröffentlicht. Sie wurde geleitet von Iñigo Olalde und von einem Team von über 40 internationalen Forschern erstellt. Insgesamt wertete das Team dafür Genomdaten von 112 Individuen aus dem Zeitraum zwischen 8500 und 1700 v. Chr. aus.[5]
Ergebnisse
DNA-Analyse und Bevölkerungsgeschichte
Die aDNA-Analysen ergaben, dass sich ein großer Teil der Bevölkerung in den Feucht-, Fluss- und Küstengebieten der Niederlande, Belgiens und Westdeutschlands vom Rest der Bevölkerung Europas deutlich unterschied. Nachdem sich in großen Teilen des Kontinents Nachkommen westanatolischer Bauern zwischen 6500 und 4000 v. Chr. mit lokalen Jägern und Sammlern vermischten, führte dies in den meisten Teilen Europas zu einem 70- bis 100-prozentigen Austausch der Abstammung der nacheiszeitlichen Urbevölkerung, die als Westeuropäische Jäger und Sammler bezeichnet werden.[2]
Im Gegensatz dazu blieb in der Bevölkerung der Feucht-, Fluss- und Küstengebiete entlang des Niederrheins und der Maas einschließlich der ostfriesischen Küste der Anteil der Jäger-und-Sammler-Abstammung noch rund 3.000 Jahre länger als im übrigen Europa bei etwa 50 Prozent erhalten. Die Population zeigte eine deutliche genetische Eigenständigkeit, die bis in die Zeit der Glockenbecherkultur um 2500 v. Chr. nachweisbar ist.[2]
Nach Auffassung von Kegler könnte die längere Eigenständigkeit von Jäger- und Sammlerkulturen mit der Nähe zu Gewässern und den damit verbundenen reichen Fischbeständen zusammenhängen, die eine auskömmliche Lebensweise ermöglichten. Als weiterer Faktor werden die nährstoffarmen Sandböden der Küstengebiete genannt, die den ertragreichen Anbau von Getreide über lange Zeit erschwerten. Erst mit dem Anbau von Gerste und der Züchtung angepasster Kulturpflanzen konnte die Löss-Sand-Grenze für den Ackerbau überschritten werden. Auch Veränderungen in der Viehzucht könnten eine Rolle gespielt haben. Kegler zufolge könnte letztlich eine Kombination dieser und weiterer Faktoren ausschlaggebend gewesen sein.[2]
Isotopen-Analysen und Ernährung
Isotopen-Analysen der beiden Unterkiefer ergaben, dass die Küstenbewohner eine überwiegend fischreiche Ernährung hatten. Die stark abgemahlenen Backenzähne weisen zusätzlich auf pflanzliche Nahrungsbestandteile wie Weizen hin, was auf einen losen Kontakt mit ackerbauenden Kulturen hindeutet.[2]
Erhaltungsbedingungen und Fundkontext
In Ostfriesland sind Knochenfunde aufgrund der sauren und gut durchlüfteten Sandböden generell selten. Im Meerwasser und auf dem Meeresboden sind die Erhaltungsbedingungen für organisches Material hingegen deutlich günstiger.[2]
Zur Zeit des älteren Fundes war der Meeresspiegel noch sechs bis zehn Meter niedriger als heute. Beim jüngeren Fund betrug der Unterschied noch etwa zwei Meter. Die heute im Meer liegenden Siedlungsgebiete waren demnach in der Steinzeit bewohntes Festland beziehungsweise Küstenzone.[2]
Literatur
- Iñigo Olalde u. a.: Lasting Lower Rhine–Meuse forager ancestry shaped Bell Beaker expansion. In: Nature. 2026. doi:10.1038/s41586-026-10111-8
- J. F. Kegler/S. Grefen-Peters, Meermänner. Menschliche Knochenfunde aus den Spülsäumen von Spiekeroog und Baltrum. In: Archäologie in Niedersachsen 22, 2019, 110–114.