N&W-Klasse TE1

im Jahr 1954 fertiggestellter Prototyp einer Dampfturbinenlokomotive From Wikipedia, the free encyclopedia

Die Klassenbezeichnung TE1 vergab die Norfolk and Western Railway (N&W) für den Prototyp einer Dampfturbinenlokomotive mit elektrischer Leistungsübertragung mit der Achsfolge (Co’Co’)(Co’Co’) für den schweren Güterzugdienst, auch unter den Namen Big Jawn und Jawn Henry bekannt, der 1954 von der Baldwin-Lima-Hamilton Corporation (BLH) unter der Herstellerbezeichnung 6-6-6-6-4500/1-TE zu Versuchszwecken gebaut wurde. Bereits 1957 wurde das Fahrzeug mit der Betriebsnummer 2300 ausgemustert und 1958 verschrottet.

Schnelle Fakten N&W-Klasse TE1 Baldwin 6-6-6-6-4500/1-TE ...
N&W-Klasse TE1
Baldwin 6-6-6-6-4500/1-TE
N&W Nr. 2300 (1955)
N&W Nr. 2300 (1955)
N&W Nr. 2300 (1955)
Nummerierung: 2300
Anzahl: 1
Hersteller: Baldwin-Lima-Hamilton
Baujahr(e): 1954
Ausmusterung: 1957
Achsfolge: (Co’Co’)(Co’Co’)
Spurweite: 1435 mm (Normalspur)
Länge: 34020 mm
Länge über Kupplung: 49110 mm
Höhe: 4840 mm
Drehzapfenabstand: 19850 mm
Drehgestellachsstand: 3960 mm
Gesamtachsstand: 29400 mm
Achsstand mit Tender: 44890 mm
Treibraddurchmesser: 1067 mm
Dienstmasse: 371,0 t
Dienstmasse mit Tender: 536,2 t
Reibungsmasse: 371,0 t
Radsatzfahrmasse: 30,9 t
Höchstgeschwindigkeit: 96 km/h
Installierte Leistung: 3360 kW (Turbine)
Traktionsleistung: 2980 kW
Leistungskennziffer: 9,0 kW/t
6,3 kW/t (mit Tender)
Anfahrzugkraft: 780 kN
Dauerzugkraft: 640 kN bei 14 km/h
Kesselüberdruck: 41,4 bar
Rostfläche: 6,83 m²
Verdampfungsheizfläche: 412 m²
Überhitzerfläche: 142 m²
Nenndrehzahl: 8000 min−1 (Turbine)
Leistungsübertragung: elektrisch
Fahrmotoren: 12
Antrieb: Tatzlager
Lokomotivbremse: Druckluft, Widerstandsbremse, Handbremse
Zugbremse: Druckluft
Kupplungstyp: Janney
Tenderbauart: 3’3’
Dienstmasse des Tenders: 165,2 t
Wasservorrat: 83,3 m³
Brennstoffvorrat: 18,1 t Steinkohle
Quellen:[1][2][3]
Schließen

Geschichte

Die Einführung betriebstauglicher Streckendiesellokomotiven in den Vereinigten Staaten ab den 1930er Jahren bewegte Bahngesellschaften und Lokomotivhersteller dazu, nach alternativen, effizienteren Antriebskonzepten zu suchen, die die herkömmliche Kolbendampflokomotive ersetzen konnten.[2] Eine Möglichkeit zur weiteren Nutzung kostengünstiger Brennstoffe wie Steinkohle und Schweröl boten Dampfturbinenlokomotiven.[2] General Electric (GE) baute 1938 erstmals zwei Prototypen für die Union Pacific Railroad (UP). Die Baldwin Locomotive Works (BLW) lieferten 1944 ein Fahrzeug der Klasse S2 an die Pennsylvania Railroad (PRR) sowie in den Jahren 1947 und 1948 drei der Klasse M-1 an die Chesapeake and Ohio Railway (C&O).[2][3]

Im Frühjahr 1948 wandten sich die Unternehmen Babcock & Wilcox (B&W), BLW und Westinghouse Electric Corporation gemeinsam an die Norfolk and Western Railway (N&W) und vereinbarten den Bau einer weiteren Versuchslokomotive.[1] Diese wurde am 19.Mai1954 von der Baldwin-Lima-Hamilton Corporation (BLH) unter der Typenbezeichnung 6-6-6-6-4500/1-TE mit der Fabriknummer 75911 abgeliefert.[1][2] Bei der N&W erhielt sie die Betriebsnummer 2300 und die Klassenbezeichnung TE1.[2] Schon bald trug das Einzelstück die Spitznamen Big Jawn und Jawn Henry in Erinnerung an den berühmten Afroamerikaner John Henry.[1][2]

Nach der Vorstellung des Prototyps auf der Southern Appalachian Industrial Exhibit begannen am 1.Juni1954 die Probefahrten.[1] Dabei stellte sich heraus, dass die Dampfturbinenlokomotive bei niedrigen Geschwindigkeiten mit einer Zugkraft von bis zu 780kN den Gelenklokomotiven der Klassen A, Y5 und Y6 überlegen war und mit dem modernen Wasserrohrkessel eine Brennstoffeinsparung von mehr als 20% erreicht werden konnte.[2][3] Nachteilig war hingegen die geringe Traktionsleistung von nur 2980kW gegenüber den konventionellen Dampflokomotiven mit Zughakenleistungen oberhalb 4000kW.[2]

Ausfälle der Fahrmotoren aufgrund des Eindringens von Kohlenstaub, Flugasche und Wasserdampf sowie Probleme mit dem Speisewasservorwärmer und der Kesselregelung führten dazu, dass die 2300 am 1.März1955 mit einer Laufleistung von rund 45000km aus dem regulären Güterzugeinsatz auf der Strecke RoanokeBluefield ausschied und seitdem in den Blue Ridge Mountains als Schiebelokomotive diente.[1][2] Im Schiebedienst bemerkte man, dass die Dampfturbine anfällig für starke Erschütterungen war, welche unter anderem beim Ansetzen an den Zug auftreten können.[2][4] Am 31.Dezember1957 wurde das ungewöhnliche Triebfahrzeug ausgemustert und 1958 verschrottet.[1][4]

Technik

Auf dem geschweißten Brückenrahmen waren, ähnlich wie bei der C&O-Klasse M-1, von vorn nach hinten der 18,1t Steinkohle fassende Brennstoffbehälter, der Führerstand, der Dampfkessel sowie der Maschinenraum mit Dampfturbine und Hauptgenerator angeordnet.[2][4] An beiden Fahrzeugenden befand sich ein Raum mit elektrischer Ausrüstung.[4] Durch einen Dachaufsatz über dem Kohlenkasten konnte der Brennstoffvorrat und damit die Reichweite vergrößert werden.

Das Laufwerk bestand aus vier dreiachsigen, schraubengefederten Schwanenhals-Drehgestellen mit asymmetrischem Achsstand, welche durch die Verwendung von Zwischenbrücken in zwei Gruppen zusammengefasst waren. Die Zwischenbrücken nahmen außerdem die Janney-Kupplungen auf und übertrugen somit die gesamten Zug- und Stoßkräfte zwischen Kupplung und Hauptrahmen. Laufradsätze waren nicht vorhanden, sodass die Reibungsmasse der Dienstmasse von 371,0t entsprach.[3]

Ein turboelektrischer Antrieb wurde gewählt, um die Leistung ohne aufwendige mechanische Übertragungselemente auf die zwölf Treibradsätze zu verteilen. Der von B&W gelieferte Wasserrohrkessel mit Stoker und Wanderrostfeuerung verfügte über eine halbautomatische Kesselregelung und lieferte bis zu 23,3t Dampf pro Stunde bei einem Kesseldruck von 41,4bar.[1][3] Mit dem am Ausgang des Überhitzers etwa 480°C heißen Frischdampf speiste er die von der Westinghouse Electric Corporation hergestellte Dampfturbine, deren Abdampf ohne weitere Nutzung durch einen Schornstein in die Umgebung geleitet wurde.[3] Die Turbine leistete bei einer Drehzahl von 8000min−1 3360kW und war über ein Reduktionsgetriebe mit dem Gleichstrom-Hauptgenerator verbunden, welcher die 12 Tatzlager-Gleichstrom-Fahrmotoren des Herstellers GE versorgte.[1][3][4] Neben der indirekt wirkenden Druckluftbremse als Zugbremse und der direkt wirkenden Druckluftbremse als Lokomotivbremse war eine Widerstandsbremse vorhanden, den benötigten Erregerstrom lieferte ein zusätzlicher Turbogenerator.[1] Die Bremswiderstände waren an den Fahrzeugenden unter dem Dach angeordnet.

Der sechsachsige Drehgestell-Schlepptender mit einem Wasservorrat von 83,3m³ war richtungsunabhängig konstruiert, sodass er für das Wenden der 34020mm langen Lokomotive auf der Drehscheibe ab- und anschließend wieder angekuppelt werden konnte, ohne selbst gedreht zu werden.[1][2] Mit einer Gesamtlänge von 49110mm gilt die 2300 der N&W als längste gebaute Lokomotive der Welt.[2]

Einzelnachweise

Related Articles

Wikiwand AI