NATO-Nordflanke

Nordeuropäische Länder der NATO, welche von Russland bedroht werden From Wikipedia, the free encyclopedia

Als NATO-Nordflanke oder nur Nordflanke werden die nordeuropäischen Länder der NATO bezeichnet, welche von Russland bedroht werden. Zurzeit werden dazu Norwegen, Schweden, Finnland[1] und im weiteren Sinne Island und Grönland (als autonomer Teil Dänemarks) gezählt.

Geschichte

NATO-Nordflanke zur Zeit des Kalten Krieges (englisch, 1989)

Während des Kalten Krieges war die Nordflanke das Gebiet, welches mit der norwegischen Grenze in der Finnmark begann, weiter über Dänemark ging und in Westdeutschland in Schleswig-Holstein endete. Darüber hinaus waren die Norwegische See, die Nordsee, der Ostseezugang, aber auch die Ostsee selber Teil dieser Flanke. Wegen der Abgelegenheit von Nordnorwegen wurde befürchtet, dass die Sowjetunion schnell die Finnmark sowie Troms einnehmen könnte. Damit hätte die Sowjetunion eine größere Pufferzone zur damaligen sowjetischen Oblast Murmansk mit zahlreichen militärischen Einrichtungen geschaffen. Auch wurde befürchtet, dass bei der Einnahme von Südnorwegen die Versorgung von Dänemark, Westdeutschland, den Niederlanden und Belgien beeinträchtigt sein könnte oder diese Länder gar isoliert wären. Dies hätte auch Auswirkungen auf die Zentrale Front der NATO gehabt, welche dann eine Beeinträchtigung des Nachschubs erlitten hätte.[2] Zur Verteidigung stehen der NATO jedoch keine Truppen in Norwegen oder Dänemark vor Ort zur Verfügung, weil beide Länder einer Stationierung ausländischer Truppen und Atomwaffen nur in Kriegszeiten zustimmten.[3]

Mit den Beitritten Finnlands und Schwedens zur NATO 2023 bzw. 2024 vergrößerte sich die Nordflanke auf dem Landweg (Finnland) und indirekt auf dem Seeweg (Schweden) deutlich.

Aktuelle Lage

Kernräume der Nordflanke sind der Nordatlantik und die GIUK-Lücke als maritimes Nadelöhr zwischen europäischen und nordamerikanischen Seewegen sowie Zugängen russischer Seestreitkräfte aus dem Hohen Norden. Die militärische Relevanz dieser Linie ist seit dem Kalten Krieg prägend und beeinflusst heute die Verstärkungs- und Versorgungslinien über den Atlantik.[4] Die Arktis/der Hohe Norden gewinnt sicherheitspolitisch an Gewicht (u. a. Klima- und Rohstoffdynamik, kürzere Seewege, Nähe zur Kola-Halbinsel). NATO-Planungen und Großübungen verlagerten seit 2018 sichtbar Aufmerksamkeit in diese Region.

Für Atlantik/Hoher Norden wurde 2019/2020 Joint Force Command Norfolk (JFC Norfolk) etabliert, um Seewege und die GIUK-Lücke zu sichern; es ist das erste dedizierte NATO-Atlantik-Hauptquartier seit 2003. Der maritime Kern liegt bei MARCOM (Northwood), ergänzt seit 2023/2024 durch ein Maritime Centre for the Security of Critical Undersea Infrastructure zur Koordinierung des Schutzes von Pipelines und Datenkabeln.[5] Mit der nordischen Erweiterung bindet die Allianz Hoher Norden, Nordatlantik und Ostsee enger zusammen. Schweden und Finnland erhöhen Reichweite, Übungsräume und logistische Anbindung im Arktisraum; nationale Regierungen betonen den Zugewinn an operativer Tiefe. Im Landbereich entsteht in Nordfinnland eine neue NATO Forward Land Forces (FLF)-Präsenz mit einem schwedischen Rahmenauftrag und Beiträgen u. a. von UK, Frankreich, Norwegen, Dänemark und Island; erste Stationierungsorte sind Rovaniemi und Sodankylä (oberhalb des Polarkreises).[6]

Zur maritimen und Ostsee-Lage verstärkte Schweden nach dem Beitritt u. a. mit bis zu drei Kriegsschiffen und einem ASC 890-Aufklärungsflugzeug die Präsenz; parallel traf ein schwedisches mechanisiertes Bataillon in Lettland zur Verstärkung der eFP/Brigade ein.[7]

Übungen

Die Nordflanke ist Schwerpunkt groß angelegter NATO-Manöver. Steadfast Defender 2024 (≈ 90 000 Soldaten) bildete den übergreifenden Rahmen für zahlreiche Teilübungen. Darin eingebettet war Nordic Response 2024 (3.–14. März 2024) in Nordnorwegen/Finnland/Schweden mit über 20 000 Soldaten aus 13 Nationen – als Nachfolger der norwegischen Kaltwetterübung "Cold Response".[8]

Nach Vorfällen im Ostseeraum rückten Pipelines und Seekabel in den Fokus. Die NATO richtete 2023/2024 eine ständige Koordinierungszelle sowie ein Maritimes Zentrum zum Schutz kritischer Unterwasser-Infrastruktur ein; Aufgaben sind u. a. Lagebilder, Abschreckung und Reaktionskoordination.[9]

Literatur

  • Lon Strauss, Njord Wegge (Hrsg.): Defending NATO’s Northern Flank – Power Projection and Military Operations. Routledge, New York 2024, ISBN 978-1-00-334390-5 (englisch).

Einzelnachweise

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