Nasta Rojc

jugoslawische bzw. kroatische Malerin From Wikipedia, the free encyclopedia

Jerka Hermina Ljubica „Nasta“ Rojc (* 6. November 1883 in Bjelovar Königreich Kroatien und Slawonien; † 6. November 1964 in Zagreb, Sozialistische Republik Kroatien) war eine kroatische Malerin. Sie gilt als eine der bedeutendsten Künstlerinnen Kroatiens.

Nasta Rojc (1926). Zeichnung von Ludwig Grillich

Biographie

Jugend und Ausbildung

Nasta Rojc wurde als Tochter von Slava Božić und des Politikers und Anwalts Milan Rojc in eine wohlhabende Familie geboren. Als Kind war sie kränklich, galt als Außenseiterin und zeigte auch kein Interesse für die Schule. Nachdem ihr Vater zum Minister ernannt worden war, zog die Familie nach Zagreb, Nasta und ihre Schwester Vjera blieben jedoch auf dem Familiengut in Gudovac. Sie liebte die Jagd und das Reiten und wurde dafür von den Dorfbewohnern als „Hexe“ beschimpft:[1] „Ihre Neigung zu diesem Sport war wahrscheinlich Ausdruck ihres Wunsches, sich von patriarchalen Strukturen zu lösen.“.[1] Nachdem sie sich in ihrer Jugend zum Atheismus bekannt hatte, schickte ihr Vater sie auf die Klosterschule Sacré Coeur Graz,[2] wo sie im Schlafsaal das über ihrem Bett hängende Bild Marias durch ein Gewehr ersetzte, wie sie in ihrem Tagebuch niederschrieb. Depressiv geworden, wurde sie mit 15 Jahren in die Küstenstadt Kraljevica geschickt, wo sie den Maler Branko Šenoa, Sohn des Schriftstellers August Šenoa, kennenlernte, der sie motivierte, Künstlerin zu werden. Ihr Vater war dagegen, erlaubte ihr aber nach vielen Auseinandersetzung im Gegenzug für ihre Zusage, Kochen zu lernen, den Besuch einer Kunstschule.[3] Als ihr Vater auf einer Heirat bestand, ging die lesbische Rojc eine Scheinehe mit Šenoa ein, nachdem ihr Vater ihr zugesagt hatte, ihr beim Erwerb eines Ateliers zu helfen und ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.[1]

Ihren ersten Malunterricht erhielt Rojc am Gymnasium in Bjelovar bei Josip Hohnjec und an der Privatschule von Oton Iveković in Zagreb, wo sie mit der sogenannten „Zagreber Farbigen Schule“ in Kontakt kam. Von 1902 bis 1904 studierte sie Malerei an der Kunstschule für Frauen und Mädchen in Wien bei Ludwig Michalek und Hans Tichy. Tina Blau lehrte sie die Freilichtmalerei von Stillleben und Landschaften. 1907 setzte sie ihr Studium in München an der Kunstakademie für Frauen bei Heinrich Knirr und Angelo Janko sowie an der Privatschule von Moritz Heymann fort, wo sie Kontakte zum Münchner Künstlerkreis, insbesondere zu Miroslav Kraljević, knüpfte. Nach ihrer Rückkehr nach Wien studierte sie von 1908 bis 1910 Bildhauerei an der Kunsthochschule.[2][3][4]

Erster Weltkrieg und Leben mit Alexandrina Onslow

Ab 1909 stellte Rocj mit der Kroatischen Kunstgesellschaft in Zagreb aus und war die erste Frau, die eine Einzelausstellung im Salon Ullrich hatte. Ihr Werk bestand aus Landschaftsmotiven, ländlichen Szenen und Stadtpanoramen, Porträts und Selbstporträts, Akten und Genreszenen sowie auf Tier- und Blumenmotiven.[2] Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs nahm sie an zahlreichen Ausstellungen in den Hauptstädten Osteuropas teil. Während des Krieges schuf sie Porträts im Auftrag und arbeitete an ihrer Autobiografie.[3] Sich selbst malte sie häufig als Kämpferin mit einem Gewehr über der Schulter, die den Betrachter in männlicher Pose offen, ja „trotzig“ anschaut.[5][2] Kurz nach Kriegsende lernte Rojc die Britin Alexandrina Onslow (1868–1950) kennen, eine Offizierin in der britischen Armee während des Ersten Weltkriegs und Mitglied der jugoslawischen Partisanen, die für ihre Verdienste mehrfach ausgezeichnet worden war.[6] Sie wurde Rojcs Lebensgefährtin.[3]

Rocj in ihrem Atelier (ca. 1925)
Gedenktafel für Rojc in ihrem Geburtsort Bjelovar (2023)

Onslow spielte nach dem Krieg eine entscheidende Rolle bei der humanitären Hilfe für die serbische Stadt Bajina Bašta. Rojc war dort ebenfalls vor Ort, dokumentierte die Ereignisse fotografisch und lernte andere Mitglieder des Scottish Women’s Hospitals for Foreign Service kennen, von denen viele ebenfalls lesbisch waren: „Die etablierte Gemeinschaft gleichgesinnter Frauen, in der sie nun lebte, sowie ihr wirkungsvolles Engagement im Dienst an anderen während des Krieges legten unbewusst den Grundstein für Rojcs produktivste Schaffensperiode in den 1920er Jahren.“[1]

Ab 1923 wohnten die beiden Frauen offen als Paar in einem von Rojc entworfenen Haus in Zagreb, das sie mit Rojcs Ehemann – die Ehe wurde nie geschieden – bis zu dessen Tod im Jahre 1939 teilten. 1924 reisten Rojc und Onslow mit Vera Holme durch Schottland und England,[4] nachdem sie zuvor eine Segeltour in der Adria mit Oskar Kokoschka gemacht hatten.[7] In London hatte Rojc eine erfolgreiche Ausstellung in der Gieves Art Gallery. In Großbritannien schuf sie das erste Gemälde eines kroatischen Künstlers, auf dem ein Auto zu sehen ist.[7] Bis 1929 stellte sie mit dem Women’s International Art Club in London aus und gründete gemeinsam mit Lina Crnčić-Virant den Klub likovnih umjetnica (Künstlerinnenclub), um die Werke von Künstlerinnen zu fördern. Anlass war, dass der Erfolg ihrer Ausstellung in London in Kroatien „mit Verachtung“ aufgenommen worden war, weil sie eine Frau war.[7] Die Gruppe veranstaltete zwischen 1928 und 1940 elf Ausstellungen, in denen Rojc auch ihre Werke präsentierte.[1]

Zweiter Weltkrieg und danach

Bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs unterstützen Nasta Rojc und Alexandrina Onslow die Widerstandsbewegung der Volksbefreiungsarmee. Sie wurden bei der faschistischen Ustascha denunziert, verhaftet und im Juli 1943 trotz Krankheit für mehrere Monate inhaftiert, aber mangels Beweisen wieder freigelassen; Rocj war zu diesem Zeitpunkt 50 und Onslow 75 Jahre alt. Ihr Haus und Atelier wurden beschlagnahmt. Nasta verewigte diese dramatische Erfahrung im Gefängnis, indem sie elf Bleistiftskizzen auf eingeschmuggeltem Toilettenpapier anfertigte.[2] Erst nach Kriegsende erhielten die Frauen ihr Eigentum zurück. Rojc starb am 6. November 1964 an ihrem 81. Geburtstag vergessen und verarmt in Zagreb, 14 Jahre nach Onslow, neben der sie auf dem Mirogoj-Friedhof bestattet wurde.[3]

Nasta Rojc und ihr Werk gerieten bis zum Zerfall Jugoslawiens weitgehend in Vergessenheit. Nach der Unabhängigkeit Kroatiens wurde eine Retrospektive ihres Schaffens präsentiert, und Wissenschaftler begannen, Rojcs zwei Autobiografien, ihre Korrespondenz innerhalb ihres internationalen lesbischen Netzwerks und ihr Fotoarchiv zu erforschen. Ihre Gemälde befinden sich in zahlreichen öffentlichen und privaten Sammlungen, darunter die Galerie Moderna Zagreb, das Stadtmuseum Bjelovar, in dem eine Galerie ihren Namen trägt,[5] die Josip-Kovačić-Sammlung der Stadt Zagreb sowie das Kroatische Nationaltheater. 2006 wurde Rojcs Porträt auf einer Briefmarke abgebildet. Im Jahr 2017 wurden 53 ihrer Gemälde im Palais Porcia in Wien ausgestellt.[1][8]

Rojc gilt eine der bedeutendsten kroatischen Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts und wirkte an der Entstehung der modernen Kultur zwischen den beiden Weltkriegen mit.[4] Das kroatische Nationalmuseum für moderne Kunst (Nacionalni muzej moderne umjetnosti) schreibt über sie: „In ihrem Werk verband Nasta Rojc oft einen realistischen Ansatz mit starker Symbolik. Ihre Porträts und Selbstporträts, insbesondere von Frauen, vermitteln ein klares Verlangen nach Selbstbestimmung, Gleichberechtigung und innerer Stärke. Sie malte im Geiste des Postimpressionismus und Symbolismus, mit besonderem Fokus auf die psychologische Tiefe ihrer Sujets und die Atmosphäre ihrer Bilder.“[9]

Commons: Nasta Rojc – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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