Nicolaus Delsor

katholischer Geistlicher, französischer Senator und Politiker, MdR From Wikipedia, the free encyclopedia

Nicolaus Delsor, französisch: Nicolas Delsor, (* 5. Oktober 1847 in Straßburg; † 20. Dezember 1927 ebenda) war katholischer Geistlicher, französischer Senator und Mitglied des Deutschen Reichstags sowie des elsass-lothringischen Landtags für die Elsaß-Lothringische Zentrumspartei.

Nicolaus Delsor, 1911

Leben

Delsor wurde in Straßburg als Sohn von Joseph Delsor, einem Regenschirmhändler, und Madeleine Buchert geboren. Von 1854 bis 1858 besuchte er die Schule der Marienbrüder und von 1858 bis 1865 das Große Seminar in Straßburg. 1865 bis 1869 studierte er am Priesterseminar in Straßburg und wurde am 24. Juli 1870 zum Priester geweiht.[1]

Tätigkeit als katholischer Geistlicher und Lehrer

Von 1869 bis zur Schließung des Knabenseminars durch die deutsche Verwaltung im Jahr 1874 im Rahmen des Kulturkampfs lehrte er dort. Der Kulturkampf bestärkte seinen Ultramontanismus und seine tief französisch geprägte Gesinnung. Im Februar/März 1874 gehörte er zu den Initiatoren des Protests des elsässischen Klerus gegen die umstrittene Erklärung des Straßburger Bischofs, Andreas Räß, vom Rednerpult des Reichstags, in der dieser den Anschluss Elsaß-Lothringens an das neu gegründete Deutsche Kaiserreich anerkannt hatte. Nach 1874 war er als Hauslehrer in Nantes tätig. Er wirkte nacheinander als Vikar in Colmar (1877–1879), Pfarrer in Wahlenheim (1879–1888), Nordheim (1888–1901) und Marlenheim (1901–1919). 1920 wurde er Ehrenkanoniker des Straßburger Münsters, 1927 Titularkanoniker.[1][2]

Publizistische Tätigkeit

Delsor wurde neben seinen kirchlichen Aufgaben auch journalistisch tätig, wo er für seinen Witz und seine satirische Ader bekannt wurde. Von 1880 bis 1884 schrieb er für die zweisprachige katholische Tageszeitung Union von Elsass-Lothringen/Union d’Alsace-Lorraine. Dort veröffentlichte er insbesondere die Kolumne „Der Schwätzer des alten Gastwirts“ im Straßburger Dialekt, die er später im Elsässer Volksboten, den er zusammen mit dem Zentrumspolitiker und Regisseur Karl Hauss 1899 gegründet hatte,[3] unter dem Titel „Causerie üs d’r Taverne“ (Schnäppchen aus der Taverne) nachdruckte. Darin teilte er humorvoll gegen die deutsche Verwaltung aus. Den „Elsässer Volksboten“ hatte Delsor auch gegründet, weil er mit dem zunehmend deutschfreundlicher werdenden katholischen Publikationsorgan Der Elsässer nicht konform ging. Ab 1882 tat sich Delsor vor allem als Herausgeber und Gründer der neuen Revue catholique d’Alsace („Elsässische Katholische Zeitschrift“) hervor,[3] die er zu einem Sprachrohr für den elsässischen Klerus ausbaute, insbesondere in der Debatte um das Verhältnis der Katholiken zur Demokratie und die politische Organisation der elsässischen Katholiken. Delsor galt auch als exzellenter Redner und tat sich auf den Versammlungen des Volksvereins für das katholische Deutschland hervor.[1]

Politische Aktivitäten

Von 1898 bis 1918 war Delsor Mitglied des Deutschen Reichstags als Abgeordneter des Elsass-Lothringischen Zentrums (ELZ) für den Wahlkreis Erstein-Molsheim.[4] Delsor war in seiner Abgeordnetentätigkeit bemüht, sich auf Distanz von der reichsdeutschen Zentrumspartei zu halten. 1906 verhinderte er einen Versuch, das ELZ an die Zentrumspartei anzuschließen. An den Reichstagsdebatten beteiligte er sich nur wenig. Eine gewisse Ernüchterung bedeuteten für ihn die antiklerikalen Maßnahmen der französischen Regierung, in deren Rahmen er zu Weihnachten 1903 eine Ausweisung aus Lunéville erlebte, und die in der Verabschiedung des Gesetzes zur Trennung von Kirche und Staat in Frankreich 1905 kulminierten. Danach nahm Delsor eine versöhnlichere Haltung gegenüber den deutschen Autoritäten ein.[1]

Bei der Debatte um die Einführung einer Verfassung für das Reichsland Elsass-Lothringen stimmte Delsor 1911 im Reichstag gegen den Verfassungsentwurf, ließ sich aber als Kandidat im Wahlkreis Molsheim-Wasselnheim für die Landtagswahl 1911 aufstellen und wurde in den Landtag gewählt. Er zögerte, dem im Juni 1911 von den profranzösischen Autonomisten Emile Wetterlé, Daniel Blumenthal und Jacques Preiß gegründeten Nationalbund beizutreten. Als Landtagsabgeordneter setzte er sich vor allem für die Freiheit der Kirche, die Unabhängigkeit des Klerus, eine konfessionelle Bildung und die Beschränkung staatlicher Vorrechte ein.[1] 1914 trat er vorübergehend aus der Reichstagsfraktion des Elsass-Lothringischen Zentrums aus, um damit gegen Eugen Ricklins Teilnahme an der deutsch-französischen Interparlamentarischen Konferenz in Basel im Mai 1914 zu protestieren. Nach einer loyalistischen Rede Ricklins verließ er die Fraktion im Juni 1917 endgültig. Im November 1918 nahm Delsor an den Sitzungen des Nationalrats von Elsass-Lothringen teil und wurde am 28. November 1918 zu dessen Präsidenten gewählt. Er lehnte eine von Ricklin vorgeschlagene Erklärung ab, die als Bedingung für eine Rückgabe Elsass-Lothringens an Frankreich die Achtung der religiösen, pädagogischen und administrativen Traditionen und Institutionen Elsass-Lothringens forderte. Er lehnte auch die Abhaltung eines Referendum in Elsass-Lothringen über dessen staatliche Zugehörigkeit ab.[1]

Die beiden Senatoren des Départements Bas-Rhin (1920): Nicolas Delsor und Lazare Weiller

Nach der Angliederung Elsass-Lothringens an Frankreich spielte Delsor eine wichtige Rolle bei der Neuformierung des Elsass-Lothringischen Zentrums in Form der Union populaire républicaine (UPR). Er war bis 1922 deren erster Vizepräsident und Präsident der Départementskommission von Bas-Rhin. 1920 wurde er auf einer Liste der Union Nationale zum Senator von Bas-Rhin gewählt und schloss sich der Gruppe der Republikanischen Linken (Gauche républicaine) an. In den Jahren 1924–1925 verurteilte er die elsässisch-lothringische Politik der Regierung Édouard Herriot aufs Schärfste. 1927 schloss ihn die UPR aufgrund seiner Disziplinlosigkeit und seines „Chauvinismus“ von der Kandidatur für die Senatswahlen aus.[1]

Delsors Grabstätte befindet sich auf dem Cimetière Saint-Gall in Strasbourg-Koenigshoffen (Sektion 4A-9-4).[5]

Auszeichnungen

  • Médaille de la Guerre 1870
  • Ritter der Ehrenlegion.

Literatur

  • Regierung und Landtag von Elsaß-Lothringen 1911–1916. Biographisch-statistisches Handbuch. Mühlhausen 1911, Seite 196

Einzelnachweise

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