Nie Yuanzi
chinesische Politikerin
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Nie Yuanzi (chinesisch 聶元梓, Pinyin Niè Yuánzǐ; * 5. April 1921 in Huaxian, Henan; † 28. August 2019 in Peking) war eine chinesische Parteifunktionärin der Peking-Universität und eine der bekanntesten Akteurinnen der frühen Kulturrevolution.[1][2] Sie wurde 1966 durch eine gemeinsam mit sechs weiteren Lehrkräften angebrachte Großschrift-Wandzeitung bekannt, die Mao Zedong als „erste marxistisch-leninistische Großschrift-Wandzeitung“ würdigte und die in vielen Darstellungen als ein Signal für den Beginn der Kulturrevolution gilt.[3] Nach dem Ende der Kulturrevolution wurde sie verhaftet, 1983 zu 17 Jahren Haft verurteilt und blieb bis zu ihrem Tod eine politisch heikle Figur.[4]
Leben
Nie Yuanzi wurde 1921 in Huaxian in der Provinz Henan geboren; ihr Bruder Nie Zhen gehörte zu den frühen kommunistischen Organisatoren in ihrem Heimatkreis.[3] Sie trat 1938 der Kommunistischen Partei Chinas bei und ging in den Jahren des Krieges gegen Japan nach Yan’an, dem damaligen Stützpunkt der kommunistischen Führung.[1] Nach 1949 stieg sie im Parteiapparat Nordostchinas auf und wurde 1960 an die Peking-Universität versetzt, wo sie Anfang der 1960er-Jahre zunächst in der Abteilung für Wirtschaftswissenschaften und später im philosophischen Bereich tätig war.[1] 1963 war sie in der Wirtschaftsabteilung und 1964 als Parteisekretärin der Philosophischen Fakultät tätig.[1] Aufgrund ideologischer Fragen geriet sie in einen schweren Konflikt mit dem Universitätsrektor Lu Ping, weshalb sie gemeinhin als linksradikal eingestuft wurde.[5] Am 25. Mai 1966 unterzeichnete sie mit sechs weiteren Lehrkräften die Wandzeitung 宋硕、陆平、彭珮云在文化革命中究竟干些什么? (‚Was genau haben Song Shuo, Lu Ping und Peng Peiyun während der Kulturrevolution getan?‘), die Song Shuo, Lu Ping und Peng Peiyun angriff.[3] Im Mai 1966 wurde sie von Kang Sheng und dessen Frau zum Schreiben und zur Veröffentlichung des Wandplakates angeregt oder angestiftet.[5]
Während der Kulturrevolution war Nie Vorsitzende des Kulturrevolutionskomitees an der Peking-Universität.[5] Nach ihrer kurzen Prominenz als Führungsfigur der Rebellen an der Peking-Universität verlor sie bis Ende der 1960er-Jahre an Stellung und wurde 1971 isolierter Überprüfung unterzogen sowie später Fabrikarbeit zugewiesen.[4] 1978 wurde Nie verhaftet; 1983 verurteilte ein Pekinger Gericht sie wegen konterrevolutionärer Propaganda und Verleumdung zu 17 Jahren Haft und vier Jahren Entzug politischer Rechte.[3] Nach dem Ende der Kulturrevolution setzte sich Deng Xiaoping persönlich dafür ein, dass Nie der Prozess gemacht wurde; dies wird darauf zurückgeführt, dass Deng überzeugt war, Nie sei persönlich für die Folterungen seines Sohnes Deng Pufang verantwortlich gewesen.[6] Nach ihrer vorzeitigen Entlassung lebte sie zeitweise in sehr beengten Verhältnissen und suchte in Gesprächen sowie durch Erinnerungsarbeit ihre Rolle in der Kulturrevolution neu darzustellen.[7] Ihre Erinnerungen erschienen 2005 in Hongkong, während eine offene Berichterstattung über sie in Peking nicht möglich war.[8] Nie starb am 28. August 2019 im Alter von 98 Jahren in Peking; ihr Sohn Yu Xiaodong nannte Atemversagen als Todesursache.[1]
Wirken
Nies historische Bedeutung liegt vor allem darin, dass ihre Wandzeitung den Übergang von parteiinternen Auseinandersetzungen zu einer massenpolitischen Eskalation an Universitäten sichtbar machte.[9] Nachdem Mao Zedong die Wandzeitung lobte, wurde sie am 1. Juni 1966 landesweit im Rundfunk verbreitet und am 2. Juni in der 人民日报 mit einem zustimmenden Kommentar veröffentlicht.[9] Mao griff die Wandzeitung in 炮打司令部——我的一张大字报 (‚Bombardiert das Hauptquartier – Meine Wandzeitung‘) vom 5. August 1966 erneut auf und deutete sie als Vorbild für den Angriff auf „falsche“ Führungen.[10]
Nie unterschied sich von den meisten Rotgardisten dadurch, dass sie 1966 bereits eine mittlere Parteifunktionärin und deutlich älter als die studentischen Aktivisten war.[1] Zeitweise gehörte sie zu den prominenten Pekinger Rebellenführern, trat bei Massenaufmärschen der Roten Garden hervor und hatte Zugang zu Mao sowie zu radikalen Kräften um Jiang Qing.[1] Ihre spätere Deutung schwankte zwischen Schuld, Selbstrechtfertigung und Opfererfahrung: Sie bekannte „schwere Fehler“, bestritt aber Verbrechen und beschrieb Mao als den eigentlichen „Brandstifter“.[8] Nach ihrem Tod blieb die offizielle chinesische Öffentlichkeit zurückhaltend, was auf die anhaltende politische Sensibilität der Kulturrevolution und die ungeklärte Frage nach Verantwortung verweist.[2]
Quellen
- Yan Jiaqi; Gao Gao: Turbulent Decade: A History of the Cultural Revolution. University of Hawaiʻi Press, Honolulu 1996.
- Benjamin Yang: Deng. A Political Biography. M. E. Sharpe, New York 1998, ISBN 1-56324-722-4.