Nikiszowiec
ehemalige Arbeitersiedlung in Kattowitz
From Wikipedia, the free encyclopedia
Nikiszowiec (deutsch Nickischschacht) ist eine ehemalige Arbeitersiedlung, die heute im Stadtteil Janów-Nikiszowiec im Osten der oberschlesischen Stadt Kattowitz in Polen liegt. Die Siedlung wurde für die Bergarbeiter der Bergwerksgesellschaft „Georg von Giesches Erben“ von 1909 bis 1918 nach Plänen der Architekten Emil und Georg Zillmann aus Berlin gebaut.[1]

Beschreibung
Die Siedlung liegt in der Nähe der Grube Carmerschacht. Sie besteht aus neun Blöcken verschiedener Gestalt, die begrünte Innenhöfe enthalten und durch breite Durchfahrten von der Straße zugänglich sind. Im Zentrum befindet sich der Kirchplatz mit Kirche, Ladenzeile und Gasthaus, sowie zwei Schulen. Im größten Innenhof befand sich das Kesselhaus sowie das gemeinschaftliche Bade- und Waschhaus. Dieser Block enthielt auch die Verwaltung von Siedlung und Zeche sowie ein Schlafhaus für alleinstehende Arbeiter. Zu der Siedlung gehören zudem Spiel- und Bolzplätze.[1]
Die Wohnungen waren bei Erbauung 63 Quadratmeter (zwei Zimmer mit Küche) oder 53 Quadratmeter (Zimmer, Kammer, Küche) groß. Dazu gehörten ein Keller- und Dachraum sowie ein Kleintierstall im Innenhof. Zwei Wohnungen teilten sich einen Abort.[1]
Geschichte


Die Gesellschaft „Georg von Giersches Erben“ hatte unter ihrem Generaldirektor Anton Uthemann bereits 1906 bis 1910, möglicherweise angeregt durch Hans Poelzigs Konzept des Heimatstils, eine Arbeitersiedlung in Gieschewald errichten lassen. Bereits dort waren die Vettern Emil und Georg Zillmann als Architekten tätig und entwickelten Typen von Doppel- und Reihenhäusern, die auf Bauernhäusern aus Schlesien und Kleinpolen basierten.[1]
Die Arbeitersiedlung in Nickischschacht ist im Gegensatz zu Gieschewald nicht mehr aus Einfamilienhäusern, sondern aus Mehrfamilienhäusern aufgebaut. Auf einer Fläche von 0,2 Quadratkilometern, die vorher „grüne Wiese“ waren, entstand eine städtisch verdichtete Siedlung für etwa 1.200 Familien. Die Siedlung wurde vermutlich ab Ende 1907 geplant und im Laufe des Jahres 1908 geplant. Die Bauarbeiten begannen 1909, der erste Block wurde im Herbst 1911 bezogen und der letzte 1918 fertiggestellt. Die Kirche wurde ab Juni 1914 bis 1927 erbaut, verzögert durch den Ersten Weltkrieg und die Inflation.[1]
Architektur
Die Siedlung orientierte sich an Berliner Wöhnhöfen, die sich ab Alfred Messels Wohnanlage an der Sickingenstraße (1893–94) entwickelten und besonders durch Albert Gessner popularisiert wurden. Die kleinteilige Gestaltung der Bauten Gessners wurde bei nachfolgenden vergleichbaren Projekten anderer Architekten ab etwa 1907/09 durch eine zunehmende Zusammenfassung der Baukörper abgewandelt. Zu dieser Tendenz gehört die Siedlung Nickischschacht, ebenso wie auch Hans Poelzigs Mietwohnhäuser an der Hohenzollernstraße (ul. Sudecka) in Breslau (1907–12), Theodor Fischers Wohnanlagen in München-Laim (1909–11) und Paul Mebes Anlage für den Berliner Beamtenwohnungsverein an der Grabbeallee in Berlin-Pankow (1908–09). Während für Gessner eher ländliche Architektur als Vorbild diente, wurde diese von barocken und klassizistischen Wohnhäusern als Anregung abgelöst, wie sie Paul Mebes in seinem Buch „Um 1800“ verbreitete.[1]
Bei der Siedlung Nickischschacht dienten weniger ländliche Bauten als Vorbilder, sondern die Arbeiterwohnhäuser des 19. Jahrhunderts, sogenannte „Familoki“. Deren schlichte Gestalt ist allerdings in Nickischschacht durch verschiedene Gliederungselemente wesentlich erweitert.[1]
Die Siedlung Nickischschacht fand schnell Nachfolger in schlesischen Industriestädten, wie in der Arbeiterkolonie der Maxgrube in Michalkowitz (ab 1911) oder Bruno Tauts Siedlung für die Oheimgrube in Kattowitz (1915/16), beide von der Hohenlohe-Werke AG.[1]
Literatur
- Beate Störtkuhl: Moderne Architektur in Schlesien 1900 bis 1939. Baukultur und Politik. München 2013, S. 51 ff., besonders ab S. 61.
Verarbeitung in der Belletristik
- Malgorzata Szejnert: Der Schwarze Garten (Dokuroman über die Siedlungen Gieszowiec und Nikiszowiec) ISBN 978-3-936168-66-2