Nikolaus von Lyra
mittelalterlicher Theologe
From Wikipedia, the free encyclopedia
Leben
Nikolaus trat um 1300 in den Franziskanerorden ein. Er studierte Theologie an der Universität von Paris, wo er in einer Urkunde von 1307 als Bakkalaureus bezeugt ist.[1] 1319 wurde er Ordensprovinzial von Frankreich und 1326 von Burgund. Er starb am 23. Oktober 1349 im Franziskanerkonvent in Paris.
Wegen seiner hebräischen und rabbinischen Kenntnisse glaubte man, Nikolaus sei jüdischer Herkunft gewesen. Er schrieb seinen fortlaufenden Kommentar zur Bibel Postillae perpetuae zwischen 1322 und 1331.[2] Mehr als dies sonst im Mittelalter der Fall war, ging es Nikolaus in seinem Kommentar um den Wortsinn (sensus litteralis).[3] Dabei ging er insbesondere auf jüdische exegetische Traditionen ein, unter anderem auf Raschi.[4]
„[S]ein Werk spiegelt in ähnlicher Weise wie Anselms Gedankenübungen wider, wie die akademische Auseinandersetzung mit jüdischen Gelehrten als echte intellektuelle Herausforderung wahrgenommen wurde. Wenigstens in sprachlicher Hinsicht mussten die christlichen Autoren zugestehen, dass die jüdischen einen Vorsprung hatten. Das bedeutete für Lyra freilich keineswegs, ihnen in ihrer Deutung Recht zu geben. Der recht verstandene hebräische Text sprach eigentlich, so seine Annahme, die er nun mit aller Macht zu beweisen suchte, von Jesus Christus.“
Im Druck erschien sein Bibelkommentar erstmals in fünf Bänden 1471 in Rom, dies war der erste gedruckte Bibelkommentar überhaupt. Zahlreiche weitere Ausgaben folgten. Auch Martin Luther benutzte Nikolaus von Lyras Bibelkommentar, siehe das schon zu seinen Lebzeiten verbreitete geflügelte Wort: „Si Lyra non lyrasset, Lutherus non saltasset“ („Hätte Lyra nicht gespielt, so hätte Luther nicht getanzt“).[6]
Werke
Der Postillae perpetuae wurde ab dem 15. Jahrhundert mit einer Übersetzung der Bibel in mehrbändigen Werksammlungen gedruckt. In aller Regel finden sich auch Ergänzungen anderer Autoren in den Druckausgaben der Postilla; auch das hier angeführte Beispiel enthält die Additiones des Konvertiten Paulus von Burgos.[5]
- Biblia. Cum postillis Nicolai de Lyra et expositionibus Guillelmi Britonis in omnes prologos S. Hieronymi et additionibus Pauli Burgensis replicisque Matthiae Doering. Anton Koberger, Nürnberg 1485. Digitalisierte Ausgabe der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf
- Seite aus der Biblia cum postillis Nicolai de Lyra, gedruckt in Straßburg 1492.
- Nikolaus von Lyra, Postilla super Pentateuchum. Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. 1518, fol. 1r. Die Handschrift wurde im Jahr 1430 geschrieben.
Literatur
in der Reihenfolge des Erscheinens
- Henri Labrosse: Sources de la biographie de Nicolas de Lyre. In: Études franciscaines, Jg. 16 (1906), S. 383–404.
- Klaus Reinhardt: Das Werk des Nikolaus von Lyra im mittelalterlichen Spanien. In: Traditio, Jg. 43 (1987), S. 321–358.
- Kurt Ruh: Art. Nikolaus von Lyra. In: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon, 2. Aufl., Bd. 6: Marienberger Osterspiel – Oberdeutsche Bibeldrucke. de Gruyter, Berlin 1987, ISBN 978-3-11-007264-8, Sp. 1117–1122.
- Klaus Reinhardt: Nikolaus von Lyra. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 6, Bautz, Herzberg 1993, ISBN 3-88309-044-1, Sp. 910–915.
- Martin Anton Schmidt: Art. Nikolaus von Lyra. In: Theologische Realenzyklopädie (TRE), Bd. 24: Napoleonische Epoche – Obrigkeit, 1994, S. 564–566.
- Philippe Bobichon: Nicolas de Lyre dans la littérature hébraïque et juive. XIVe-XVIIe siècles. In: Gilbert Dahan (Hrsg.): Nicolas de Lyre, franciscain du XIVe siècle exégète et théologien (= Collection des études Augustiniennes. Série Moyen Âge et Temps modernes, Bd. 48). Institut d’Études Augustiniennes, Paris 2011, S. 281–312 (online).
Weblinks
- Werke von und über Nikolaus von Lyra in der Deutschen Digitalen Bibliothek
- Literatur von und über Nikolaus von Lyra im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Digitalisate der Postilla super totam bibliam der Ausgaben Venedig 1488 und Straßburg 1492
- Digitalisate im zvdd
- Digitalisat der Bibel mit Glossen der Werksammlung von Lyon 1545
