Nuevas Poblaciones de Sierra Morena y Andalucía

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Nuevas Poblaciones de Sierra Morena y Andalucía (deutsch: Neue Siedlungen in der Sierra Morena und Andalusien) waren ein im 18. Jahrhundert unter König Karl III. begonnenes spanisches Binnenkolonisationsprojekt in der Sierra Morena und in Teilen Andalusiens. Ziel war es, dünn besiedelte und wirtschaftlich wenig erschlossene Gebiete im Süden Spaniens mit Kolonisten aus Mitteleuropa und später auch aus anderen spanischen Regionen zu besiedeln, die Landwirtschaft zu fördern, den Verkehr auf den königlichen Straßen zu sichern und ein modellhaftes Gemeinwesen im Sinne des aufgeklärten Absolutismus zu schaffen.[1][2] Zu den aus dem Projekt hervorgegangenen Orten zählen unter anderem La Carolina, Guarromán, Santa Elena, Aldeaquemada, La Carlota, Fuente Palmera, San Sebastián de los Ballesteros, La Luisiana und Cañada Rosal, die bis 1835 als halbeigenständige Intendencia verwaltet wurden.[2]

Gebiet der Intendencia de Nuevas Poblaciones um 1800

Hintergrund

Das Projekt stand im Zusammenhang mit den Reformen unter Karl III. Die spanische Agrarordnung war im 18. Jahrhundert in vielen Regionen durch Großgrundbesitz, geringe bäuerliche Eigentumsbildung und eine starke Stellung von Krone, Kirche und Adel geprägt. In Andalusien bestanden große Latifundien, während Teile der ländlichen Bevölkerung kaum über eigenes Land verfügten und von Pachtverhältnissen, Gemeindeland oder Arbeit auf herrschaftlichen Gütern abhängig waren. Besonders die Sierra Morena galt als dünn besiedelte und wirtschaftlich rückständige Region. Zugleich war die Verbindung zwischen Madrid und Andalusien über die königlichen Straßen von strategischer Bedeutung, wurde jedoch in schlecht besiedelten Gebieten durch Unsicherheit und Banditentum erschwert.[2][1]

Die spanischen Reformer verbanden mit der Binnenkolonisation mehrere Ziele. Zum einen sollten ungenutzte oder nur extensiv bewirtschaftete Landstriche erschlossen und in eine produktive Agrarlandschaft umgewandelt werden. Zum anderen sollte die Ansiedlung entlang oder nahe der Caminos Reales den Verkehr sichern und die wirtschaftliche Verflechtung zwischen Zentralspanien und Andalusien verbessern.[1] Darüber hinaus besaß das Vorhaben einen modellhaften Anspruch: In den neu angelegten Siedlungen sollten Besitzverhältnisse, Verwaltung, Landwirtschaft und die soziale Ordnung nach den Vorstellungen der Reformbeamten gestaltet werden.[2]

Die rechtliche Grundlage bildete die Real Cédula mit dem Fuero de Población vom 5. Juli 1767. Dieses Sonderrecht regelte die Organisation der Kolonien, die Ausstattung der Siedler, die Verwaltung und die wirtschaftlichen Verpflichtungen. Die Durchführung lag wesentlich bei Pablo de Olavide als Superintendanten der Nuevas Poblaciones, einem der bedeutenden spanischen Reformbeamten der Regierungszeit Karls III.; an der politischen Vorbereitung waren unter anderem Pedro Rodríguez de Campomanes und Miguel de Múzquiz beteiligt.[2]

Ansiedlung

Johann Kaspar Thürriegel

Für die Ansiedlung wurden Kolonisten aus Mitteleuropa angeworben. Eine zentrale Rolle spielte der bayerische Werber Johann Kaspar von Thürriegel, der im Auftrag der spanischen Krone in deutschen, schweizerischen und anderen mitteleuropäischen Gebieten für die Auswanderung nach Spanien warb. Die spanischen Kolonien zogen in den Jahren 1767 bis 1769 rund 8.000 Deutsche, Schweizer, Niederländer, Österreicher, Italiener und Franzosen an; bis zum Ende der Werbung im Juli 1769 wurden 7.321 Auswanderer von den Kolonialbehörden aufgenommen. Eine Reihe von Unternehmern übernahm im Auftrag von Thürriegel Anwerbung, Unterhalt und Transport der Siedler. Aufgenommen wurden nur Bauern und Handwerker sowie keine Protestanten.[1]

Flugblätter und Anwerber versprach den Auswanderern mit blumiger Sprache („Glückshafen“) wirtschaftliche Sicherheit, Land, Vieh, ein eigenes Haus und bessere Lebensbedingungen. Besonders angesprochen wurden Bauern, die in ihren Herkunftsregionen unter Armut und Hunger litten. Die Herkunftsgebiete lagen vor allem in Südwestdeutschland, im Elsass, in der Schweiz und in angrenzenden Territorien. In der Kurpfalz und anderen deutschen Gebieten stieß die spanische Werbung teils auf Widerstand der lokalen Obrigkeiten, da diese den Verlust von Untertanen verhindern wollten.[1]

Die Reise erfolgte überwiegend über Frankreich und das Mittelmeer. Viele Auswanderer sammelten sich in Schlettstadt im Elsass und gelangten über Sète oder Marseille nach Spanien. Knapp 90 Prozent der Kolonisten reisten per Schiff weiter; in den Häfen und an den Sammelpunkten kam es jedoch zu organisatorischen Problemen, Überfüllung und Klagen über unzureichende Betreuung. Nach ihrer Ankunft wurden die Kolonisten geprüft, registriert und in die vorgesehenen Siedlungsgebiete weitergeleitet. Die ersten Kolonisten erhielten am 10. Oktober 1767 in La Carolina ihre Grundstücke; zu den frühen Siedlungen gehörten außerdem Santa Elena und Guarromán.[1]

Die Ansiedlung traf auf erhebliche praktische Schwierigkeiten. Die Behörden waren auf die frühe Ankunft der Kolonisten nur unzureichend vorbereitet. Die Siedler fanden häufig ungerodetes Land, fehlende Unterkünfte und schwierige klimatische sowie hygienische Bedingungen vor. Sie mussten nicht nur Häuser errichten, sondern auch Land urbar machen, Straßen befestigen und die Wasserversorgung aufbauen. Provisorische Barackenlager begünstigten Krankheiten; in den ersten Jahren fielen zahlreiche Kolonisten Epidemien zum Opfer. Als der Platz in den Kolonien der Sierra Morena knapp wurde, wurden später eintreffende Siedler in weitere Kolonisationsgebiete in Andalusien geschickt, darunter die Gegend von La Parrilla, aus der La Carlota hervorging.[1]

Das Projekt dehnte sich damit von den ursprünglichen Neugründungen in der Sierra Morena auf weitere Gebiete zwischen Córdoba und Sevilla aus. Die Nuevas Poblaciones erhielten eine besondere Verwaltungsstellung, die sich von den umliegenden traditionellen Verwaltungseinheiten unterschied. Im Zuge des Projekts entstand eine eigene Intendanz, deren Sonderstellung bis in das 19. Jahrhundert fortwirkte. Die entstandene Gemeinde erhielt einen Pfarrer, einen Bürgermeister und einen Gemeinderat, der gewählt wurde, wobei zahlreiche Gemeinden noch heute bestehen.[2][1]

Resultate

Pablo de Olavide kniet vor Karl III., Denkmal in La Carlota

Die Bewertung der Nuevas Poblaciones fällt im Rückblick ambivalent aus. Kurzfristig litt das Projekt unter schlechter Vorbereitung, Krankheiten, mangelnder Infrastruktur. Der ursprüngliche Plan, eine vorbildhafte ausländische bäuerliche Kolonistengesellschaft zu schaffen, konnte deshalb nur eingeschränkt verwirklicht werden. 1770 kamen verstärkt spanische Siedler um verstorbene zu ersetzten, was jedoch zu Spannungen zwischen Mitteleuropäern und Spaniern führte. Auch die Verfolgung von Pablo de Olavide durch die Inquisition Mitte der 1770er Jahre beeinflusste das Projekt negativ. Trotz progressiver Ansätze (z. B. Schulpflicht für Siedlerkinder) scheiterten die Kolonien als Modell an Rückwanderung, Pandemien und sozialen Konflikten.[1]

Langfristig war das Projekt jedoch nicht wirkungslos. Die Kolonien entwickelten sich zu dauerhaften Ortschaften, von denen mehrere bis heute als Gemeinden bestehen. Die Ansiedlungen veränderten die Infrastruktur, die landwirtschaftliche Nutzung und die Verwaltung der betroffenen Gebiete.[2] Die Sonderrechte der Kolonien bestanden mit Unterbrechungen bis 1835, als die Siedlungen ihre koloniale Sonderstellung verloren und in die allgemeine spanische Verwaltungsordnung eingegliedert wurden.[1]

Ein wesentliches Ergebnis war die rasche kulturelle Integration der mitteleuropäischen Siedler. Anders als ursprünglich erwartet entstanden keine dauerhaft geschlossenen deutschen oder mitteleuropäischen Sprachinseln, auch da Spanier rasch die Mehrheit bildeten und nach wenigen Jahren spanischsprachige Pfarrer eingesetzt wurden. Die Kolonisten und ihre Nachkommen gingen innerhalb weniger Jahrzehnte weitgehend in der spanischen Mehrheitsbevölkerung auf; ausländische Sprachen und Bräuche verschwanden fast vollständig. Spuren der Ansiedlung blieben vor allem in Ortsgeschichten, Familiennamen und einzelnen Bräuchen (z. B. dem Bemalen von Ostereiern) erhalten.[1]

Einzelnachweise

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