Oberer Torturm

Torturm der spätmittelalterlichen Stadtbefestigung, Sandsteinquader, 1425–1438, mit Zwiebelhaube, 18. Jahrhundert From Wikipedia, the free encyclopedia

Der Obere Torturm in Zeil am Main, auch einfach „Stadtturm“ oder seit 2011 „Hexenturm“ genannt, ist ein mittelalterlicher Torturm aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Er ist das bedeutendste erhaltene Bauwerk der ehemaligen Stadtbefestigung und prägt bis heute das Stadtbild.[1.1]

Oberer Torturm („Hexenturm“)

Baugeschichte

Der Turm entstand im Zuge der Errichtung der Stadtmauer und war Teil des Oberen Tores mit Zugbrücke über einen breiten Graben. Während das Tor später abgebrochen wurde, blieb der Turm als Wahrzeichen erhalten. Der quadratische Baukörper besteht aus regelmäßig gesetzten Sandsteinquadern und erreicht eine Höhe von rund 30 Metern. Auf halber Höhe der Südwestseite ragt ein kleiner Wehrvorbau aus dem Mauerwerk hervor. Von dort aus konnten Verteidiger Angreifer direkt unter dem Turm mit herabfallenden Gegenständen oder Flüssigkeiten in Schach halten.

Ursprünglich besaß der Turm ein spitzes Dach mit vier Ecktürmchen, das an einen Kirchturm erinnerte. 1725 erhielt er die heutige barocke Zwiebelhaube mit achteckiger Laterne. Für die Schieferdeckung sollen etwa 24.000 Nägel verwendet worden sein, was die aufwendige handwerkliche Ausführung verdeutlicht.[1.2]

Stadtbefestigung

Der Stadtturm war Teil der mittelalterlichen Befestigungsanlage, die Zeil im 14. und 15. Jahrhundert umgab. Diese bestand aus einer Ringmauer mit mehreren Toren und Türmen sowie einem vorgelagerten Graben. Das Obere Tor bildete den Zugang von Norden und war durch eine Zugbrücke gesichert. Mit dem Abbruch des Tores im 19. Jahrhundert blieb der Turm als einziges größeres Bauwerk der Anlage erhalten.[1.2]

Nutzung

Eingang in den Turm mit dem Dokumentationszentrum

Über Jahrhunderte diente der Turm als Wachturm.[1.1] Der Türmer hatte tagsüber bei Gefahr mit einem Horn zu warnen und mit einem weißen Tuch die Richtung der Bedrohung anzuzeigen. Nachtwächter und Türmer waren verpflichtet, auf Feuer und ungewöhnliche Himmelserscheinungen zu achten. Eine Ordnung von 1878 regelte das Stundenblasen: im Winter ab 9 Uhr, im Sommer ab 10 Uhr, nach Mitternacht zu jeder Stunde. Diese Signale sollten weniger die Uhrzeit anzeigen als die Wachsamkeit des Türmers belegen.

Das Türmerzimmer, erreichbar über 132 Stufen, war bis ins späte 19. Jahrhundert bewohnt. Der letzte Türmer hielt dort sogar eine Ziege. Mit dem Ende des Türmerdienstes wurde der Turm zunehmend als historisches Bauwerk wahrgenommen.[1.2]

Hexenverfolgungen

Während der Hexenprozesse im 17. Jahrhundert diente der Stadtturm zeitweise als Kerker. Baureste dieser Nutzung sind erhalten und heute zugänglich. In unmittelbarer Nähe befand sich die Fronveste, das städtische Gefängnis.[1.3]

Zeil am Main war im Hochstift Bamberg ein Zentrum der Hexenverfolgungen und fungierte als bedeutende Richtstätte. Nach heutigen Erkenntnissen wurden dort im Verlauf der Prozesse über 400 Menschen als vermeintliche Hexen hingerichtet. Die Ereignisse sind durch Ratsprotokolle, Prozessakten sowie persönliche Aufzeichnungen dokumentiert, darunter das Tagebuch des Zeiler Bürgers Johann Langhans, der selbst Opfer der Verfolgungen wurde.[2]

Restaurierungen

Der Turm wurde im Laufe der Jahrhunderte mehrfach instand gesetzt. Neben Reparaturen an der Haube und der Sandsteinmauer erfolgte im 20. Jahrhundert eine umfassende Sanierung, bei der auch der Wehrgang der Stadtmauer wiederhergestellt wurde. Die jüngste Restaurierung fand im Zusammenhang mit der Einrichtung des Dokumentationszentrums statt.[1.3]

Dokumentationszentrum

Die ehemalige Fronveste neben dem Stadtturm

Im Jahr 2011 wurde am Stadtturm ein Dokumentations- und Informationszentrum eingerichtet, das sich mit den Hexenverfolgungen des 17. Jahrhunderts im Hochstift Bamberg befasst. Es umfasst neben dem Turm auch die angrenzende ehemalige Fronveste sowie ein Nebengebäude, das ursprünglich als Scheune diente.

Die Fronveste entstand in den 1750er Jahren als Gefängnisbau und wurde später mehrfach umgestaltet. Der zweigeschossige Walmdachbau mit verputztem Mauerwerk und Eckpilastern diente im 19. und 20. Jahrhundert zeitweise als Wohn- und Handwerksgebäude. Die benachbarte Scheune erhielt im Obergeschoss ein Fachwerk und wurde im Zuge späterer Umbauten mit größeren Fensteröffnungen versehen. Beide Gebäude wurden für die Nutzung als Ausstellungs- und Veranstaltungsräume saniert und mit dem Turm baulich verbunden.

Das Zentrum dokumentiert anhand von Tagebüchern, Briefen und Prozessakten die lokalen Hexenprozesse und erinnert an die Opfer, darunter den Zeiler Bürger Johann Langhans. Es verweist zudem auf historische Orte der Hinrichtungen, die sich im Umfeld der Stadt befanden. Ziel der Einrichtung ist es, die Geschichte der Verfolgungen sichtbar zu machen und zugleich für die Gefahren von Ausgrenzung und kollektiver Gewalt zu sensibilisieren.[3]

Commons: Oberes Tor in Zeil am Main – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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