Odeon (Plattenlabel)

Deutsches Musiklabel von 1903 From Wikipedia, the free encyclopedia

Odeon ist eine 1903 ins Berliner Handelsregister eingetragene Marke der International Talking Machine Company. Das Unternehmen wurde im selben Jahr von dem US-Amerikaner Frederick M. Prescott in Weißensee gegründet und war auf die Produktion von Grammophonen und Schallplatten spezialisiert. Als Sublabel der britischen EMI erlangte Odeon in Brasilien unverhofft große Bedeutung bei der Entstehung und Verbreitung von Bossa Nova und Música Popular Brasileira.

Schnelle Fakten
Odeon
Mutterunternehmen International Talking Machine Co., Carl Lindström AG, EMI, Universal Music Group
Aktive Jahre 1903–
Gründer Frederick M. Prescott
Sitz (obsolet: Odeon-Werke
Lehderstr. 22–25
Weißensee 2)[1]
Labelcode LC 0287 / LC 00287
Sublabel(s) Fonotipia, Jumbo, Jumbola, Fábrica Odeon
Vertrieb EMI Group
Genre(s) Bossa Nova, Jazz, MPB, Schlager, Weltmusik
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Name

Der Name Odeon wurde von Prescott und seinem Prokuristen Richard Seligsohn in Anlehnung an das Odeon-Theater im Pariser Quartier Latin gewählt. Sie kamen damit ihren französischen Kapitalgebern, den Musikinstrumentenbauern Charles und Jaques Ullmann, entgegen. Charakteristisches Merkmal des je nach Preisklasse andersfarbigen Etiketts war der „Odeon-Tempel“; der an antike Vorbilder angelehnte Rundtempel diente Odeon als Logo.

Geschichte

Frederick M. Prescott siedelte seine Firma mit den zugehörigen Nigrolit-Werken (Schallplatten für die Firma) in den Ruthenbergschen Gewerbehöfen an, einem Industriegebiet zwischen dem Dorf Weißensee und der Stadt Berlin. Der Unternehmer Carl Ruthenberg hatte ab 1894 zwischen der Langhansstraße und der Berliner Stadtgrenze einen Gewerbepark mit 100.000 m² Nutzfläche errichtet, den er bis 1906 etappenweise erweiterte.[2]

Vogelschau Anfang 1920 über die „Centralfabrik und Hauptbüro der Odeonwerke Berlin-Weißensee

Das Unternehmen brachte bereits 1904 die erste zweiseitig spielbare Platte heraus, für die es vergeblich Exklusivrechte durchzusetzen suchte, und vergrößerte die Schallplatten von 18 Zentimetern auf Durchmesser von 25 und 30 Zentimetern. Dadurch wurden Spieldauern von bis zu fünfeinhalb Minuten erreicht. Odeon entwickelte sich zu einem der Hauptakteure auf dem internationalen Schallplattenmarkt und vertrieb auch Aufnahmen mit außereuropäischer Musik. Bereits im Gründungsjahr bereiste Toningenieur John Daniel Smoot Nordafrika, Griechenland und die Türkei, um dort Aufnahmen zu machen. Exkursionen nach Lateinamerika und Indien folgten. 1906 verzeichnete das Odeon-Repertoire 11.000 Titel mit „Weltmusik“.[3]

Einseitig bespielte Odeon-Platte im Phonomuseum „Alte Schule“
Werbeanzeige um 1912 für die Marken Fonotipia, Jumbo, Odeon, Jumbola sowie Sprech- und Diktierapparate

Zur International Talking Machine Company gehörten neben Odeon auch die Marken Fonotipia, Jumbo und Jumbola. Weil Produktpiraten die Platten kopierten, indem sie auf galvanischem Wege Presswerkzeuge abnahmen, schützte die International Talking Machine Company ihre Plattenmarken mit einem Kunstgriff: Etwa in der Mitte jeder Platte schnitt sie eine Rille mit größerem Abstand. So waren Odeon- und andere Platten schon äußerlich zu unterscheiden.

Zu den bekanntesten Künstlern, die das auch Odéon-Grammophon-Gesellschaft genannte Unternehmen[4][5] unter Vertrag nahm, zählt der Tenor Richard Tauber, die Sopranistin Amalia Carneri, Zarah Leander und Leo Fuld, der Kaiser von das Jiddischer Lied. Die Comedian Harmonists brachten ihre ersten Platten bei Odeon heraus (z. B. Ich küsse Ihre Hand, Madame; 1928), bevor sie mit der Electrola einen Exklusivvertrag schlossen. Auch Claire Waldoff veröffentlichte auf Odeon. 1911 wurde das Unternehmen eine Tochtergesellschaft der Carl Lindström AG, die ihrerseits schließlich im EMI-Konzern aufging. Odeon blieb jedoch als eigene Marke bis zum Ende der Schallplatte als Massentonträger erhalten. Auch die Beatles erschienen in Deutschland zeitweilig auf dem Odeon-Label.

Im Oktober 2018 wurde das Label mit dem Album-Release Randale & Hurra der Band Querbeat wieder neu belebt[6].

Odeon Swing Music Series

Das Musiklabel Odeon veröffentlichte im Jahre 1938 eine Jazz-Anthologie, die amerikanische Hot- und Sweetaufnahmen der Label Okeh und Parlophone aus den Jahren 1927 bis 1935 umfasste. Einzige Ausnahme waren zwei Titel (Blue Strings / Keep Goin’) des Orchesters Bert Firmin in einer zeitgenössischen britischen Aufnahme. All der „Unerwünschtheit des Swing und der nichtarischen Musik“ zum Trotz startete die Lindström-Gesellschaft in dieser Zeit ihre Reihe, die 91 Platten (bzw. 182 Titel) umfasste.[7] Lindström hatte bereits in den 1920er Jahren mit seiner legendären American Record-Serie amerikanische Jazzmusik veröffentlicht.[8]

Ursprünglich nur für den Export bestimmt, lagen in den führenden Schallplattengeschäften bald Verzeichnisse in Handmatrizenabzug aus, die es interessierten Kunden ermöglichten eine Bestellung aufzunehmen. Allerdings durften die Platten in der Öffentlichkeit, also auch schon beim Kauf im Laden, nicht angehört werden.[9] Die Odeon Swing Music Series war deckungsgleich mit Teilen der britischen Parlophone First New Rhythm Style Series und einzelnen Aufnahmen der Parlophone Second New Rhythym Style Series, teilweise auch der Parlophone 1934 Rhythm Style Series.

Nach Ansicht des Jazzhistorikers Horst Heinz Lange war die Odeon Swing Music Series „die wohl vollendetste reine Jazzaufnahmen-Serie, die in Deutschland jemals auf ‚78er‘-Schellackplatten herausgegeben wurde.“[10] Die Serie wurde 1937 ins Leben gerufen und war – obwohl zum größten Teil für den Export gepresst – auch in den großen deutschen Schallplattengeschäften erhältlich. Man konnte diese Platten ohne Schwierigkeiten bis zum Kriegsanfang teilweise auch noch später – in den Läden bestellen, die den für die damalige Zeit typischen Aufdruck trugen:

„Da es sich bei der Swing-Musik um eine außerdeutsche Art der Tanzmusik handelt, haben wir diese Serie nicht in unser deutsches Repertoire aufgenommen. Wir wollen nicht verfehlen, interessierten Kreisen unserer Kundschaft diese Platten zugänglich zu machen. Hierbei sind wir von dem Gedanken ausgegangen, daß der Begriff ‚Swing Music‘ in vielen Kreisen nicht richtig ausgelegt wird und ein Richtigstellen nur an Hand von typischen Plattenbeispielen möglich ist, dafür geben diese Nummern aus dem amerikanischen Repertoire beste Gelegenheit.“[10]

Die Schallplatten wurden in einer Spezialhülle in typisch dunkelrotviolett koloriertem Druck verkauft. Der Entwurf des Berliner Künstlers Kruse (alias Robinson) zeigte eine Wolkenkratzer-Straßenansicht, die eine Assoziation von Swingmusik und modernem Großstadtleben herstellen sollte. Einige Hüllen waren nicht mit dem Aufdruck Swing Music versehen. Die anderen zeigen es in der sogenannten „Deutschen Handschrift“.

Die Reihe begann mit dem West End Blues von Louis Armstrongs Hot Five von 1928, gekoppelt mit Freeze an’ Melt vom Eddie Lang Orchester. Es folgten Aufnahmen von Jimmy und Tommy Dorsey, Earl Hines, der Chocolate Dandies, Duke Ellington, Joe Venuti, Frankie Trumbauer, McKenzies and Condons Chicagoans, Miff Mole, Jack Purvis, Seger Ellis, Luis Russell, Cornell Smelser, The Harlem Footwarmers, O.K. Rhythm Kings, des Pianisten Jimmy Johnson, Jess Stacy, Jimmie Lunceford, Mildred Bailey, Gene Krupa, Emmett Miller and His Georgia Crackers, Garland Wilson, Bert Firman’s Quintuplets of Swing, Bix Beiderbecke und das Coleman Hawkins Quartett (mit Lady Be Good 1934).

Die Odeon Swing Music Series veröffentlichte im November 1939 ihren letzten Katalog für Europa. Die fortlaufende A 286.000-Serie der deutschen Odeon endete mit der Bestellnummer A 286.092, mit Since My Best Girl Turned Me Down von Bix Beiderbecke, gekoppelt mit Jubilee von Frankie Trumbauer and His Orchestra. Die Reihe wurde danach nicht fortgesetzt, doch alle Aufnahmen erschienen in späteren Editionen und wurden bis Kriegsende verkauft.

Auf Langspielplatte erschien die Odeon Swing Music Series, auf EMI-Electrola in den 1970er Jahren (Vol. 1–13).

Fábrica Odeon

Odeon-Tango von Ernesto Nazareth (Odeon Record, 1913)

Im Jahr 1913 gründete der örtliche Odeon-Vertreter Fred Figner, Inhaber eines Schallplattengeschäfts in Rio de Janeiro, die erste brasilianische Schallplattenfabrik. Fábrica Odeon war ein Gemeinschaftsprojekt mit der Carl Lindström AG. Bis 1919 bestand das Sortiment aus Lizenzplatten der deutschen International Talking Machine Company. Während ihres Bestehens produzierte Fábrica Odeon jährlich über 1,5 Millionen Schallplatten, auch für andere lateinamerikanische Länder und brasilianische Labels, die nicht zu Odeon gehörten.[11]

Ab 1928 gehörte Fábrica Odeon zur Transoceanic Trading Company und ab 1931 zur britischen EMI Ltd. Am 1. Juli 1942 gründete EMI in Rio de Janeiro die Indústrias Elétricas e Musicais Fábrica Odeon SA, kurz IEM Fábrica Odeon. Im Jahr 1949 wechselte das Unternehmen von Rio de Janeiro nach São Paulo. Fábrica Odeon presste auch Schallplatten für Label wie Capitol Records, Parlophone, Decca und London Records, Polydor (bis 1960), Columbia (bis 1962), A&M Records (1968–1979) und 20th Century Fox Records (ab 1963).[12]

Ab Beginn der 1950er Jahre arbeitete der Pianist Antônio Carlos Jobim als musikalischer Leiter für die brasilianische Odeon und arrangierte bei Studioaufnahmen die Lieder anderer Musiker.[13] Jobim nahm aber auch selbstkomponierte Songs auf. So veröffentlichte Odeon 1956 sein Album Orfeu da Conceição, mit Texten von Vinicius de Moraes. Ab 1958 veröffentlichte der Gitarrist João Gilberto auf Odeon Songs, die Jobim komponiert und arrangiert hatte, darunter Chega de Saudade, Desafinado, Corcovado, Samba de uma nota só und Insensatez. Durch seine Interpretationen machte Gilberto die Bossa Nova über Brasilien hinaus bekannt. Auch andere Musiker der Bossa Nova und der Música Popular Brasileira veröffentlichten auf Odeon, zum Beispiel der Gitarrist Luiz Bonfá, die Sängerin Elza Soares, der Organist Walter Wanderley, Marcos Valle, Eumir Deodato, Milton Nascimento, João Donato und Edu Lobo.

Galerie

Veröffentlichungen (Auswahl)

Zeitgenössische Reklame für Schellackplatten von Parlophon und Odeon

Literatur

  • Alfred Gutmann (Hrsg.): 25 Jahre Lindström 1904–1929. Lindström, Berlin 1929
  • Horst Wahl: ODEON, die Geschichte einer Schallplatten-Firma. Sieben, Düsseldorf 1986
  • Hans Peter Woessner und Frank Erzinger: Das Schallplattenunternehmen ODEON in der Schweiz (1904–1928). Zürich 1993
Commons: Odeon – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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