Öl! (Roman)
Buch von Upton Sinclair
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Öl! ist ein Roman von Upton Sinclair, der zuerst zwischen Juni 1926 und März 1927 im Daily Worker, der Zeitung der kommunistischen Partei der USA, erschienen ist und die Umwandlung der amerikanischen Gesellschaft am Beginn des 20. Jahrhunderts beschreibt. Die forcierte Transformation auf der Grundlage der sich schnell entfaltenden Ölindustrie in Kalifornien wird als Entwicklungsroman einer Hauptfigur und als ein Ineinander von technischen, sozialen und politischen Veränderungen erzählt: „Eigentlich ist es die Geschichte einer völlig neuen, ölbasierten Gesellschaft, die am Anfang des 20. Jahrhunderts entsteht.“[1]
Trotz dieser „Modernität von Sinclairs Kalifornien“ bleibt sein Fokus das Öl, das diese gesellschaftlichen Entwicklungen vorantreibt und beides symbolisiert, jene großen Möglichkeiten der Ölindustrie und zugleich die Gier, mit der Individuen und Unternehmen nun um Einfluss und Profite wetteifern.[2] Sinclair beschreibt auch heute noch wichtige Trends der amerikanischen Gesellschaft mit der Entstehung der Konsumwelt des 20. Jahrhunderts, der Entwicklung der Filmproduktion inHollywood, der Jugendkultur an High-Schools und Universitäten, mit dem massenhaften Betrug kleiner Investoren und der Verarmung der unteren Schichten: „Alles in allem ist das von Sinclair gezeichnete Bild Amerikas der 1920er Jahre nicht weit entfernt vom Amerika von heute.“[3]
Zugleich ist es „der Morgen einer neuen Welt“[4] und Sinclairs Beschreibung auch eine Kulturgeschichte,[5] die die Moral nicht nur der Mittel- und Oberschicht-Jugend als sexuell freizügig und Missbrauch erleichternd darstellt. Diese Mischung aus politischen Skandalgeschichten, ethischem Nonkonformismus und moralischen Grenzüberschreitungen war wegen der Länge des Romans und der politischen Position des Autors kein Rezept für einen Bestseller, aber nach einer Bemerkung Sinclairs in einem Brief von 1925 doch das Beste, was er je geschrieben habe.[6]
Übersicht

Die Erzählung beginnt 1912 mit einer langen Autofahrt der Protagonisten James Arnold Ross, des neunundfünfzigjährigen Dad, und seines Sohnes Bunny, der anfangs dreizehnjährigen Hauptperson, die zu einem geschäftlichen Treffen in Süd-Kaliforniens in der Nähe von Los Angeles unterwegs sind. Dad, der als Maultiertreiber begonnen hat, ist inzwischen sehr erfolgreich im Ölgeschäft. Er lässt sich oft von seinem Sohn bei seinen Unternehmungen begleiten, um seinen Erben von klein auf mit dem Geschäft vertraut zu machen.
Auf einem Jagdausflug stoßen sie in den Bergen auf Oberflächenöl und Dad kauft die Farm der Familie Watkins und große umliegende Gebiete: „Entweder sitzen wir in der ersten Reihe im Ölgeschäft oder wir werden die Ziegen- und Schafkönige Kaliforniens!“[7] Aber sie haben Glück und während Bunny High-School, College und Universität durchläuft, kann Dad sein Ölgeschäft umsichtig vergrößern und leitet bald das größte unabhängige Unternehmen der Region.[8] Da sich Bunnys Vater mit dem wachsenden Geschäft an seine Grenzen stößt, nimmt er den ebenfalls unabhängigen Ölunternehmer Vernon Roscoe als Teilhaber auf.[9]
Bei einem Streik der Ölarbeiter erlebt Bunny zum ersten Mal den Gegensatz der Interessen von Kapital und Arbeit mit großen Sympathien für die Forderungen der Arbeiter: Es geht ihnen um eine Verkürzung der 12-Stunden-Schichten auf acht Stunden und um höhere Löhne. Erst durch den Eintritt der USA in den Krieg und die Notwendigkeit, kriegswichtige Branchen ungestört produzieren zu lassen, erzwingt die US-Regierung eine Einigung auf den 8-Stunden-Tag und höhere Löhne.[10]

In seiner Sorge um den in Sibirien nach dem Ende des Ersten Weltkriegs als Soldat gegen die Bolschewiki kämpfenden Paul Watkins, den mit ihm befreundeten Farmersohn,[11] sucht Bunny, der „Ölprinz“, nach Erklärungen und erzählt den Jugendlichen in seiner Oberklassen-Umgebung treuherzig von seinen regierungskritischen Informationen: Den westlichen Regierungen ging es allein um die Rückzahlung der Kredite durch das Zarenreich, was die Bolschewiki abgelehnt hätten, sodass die Banken der Alliierten eine andere Regierung installieren wollten.[12] Das führt dazu, dass Bunny mit gerade 20 Jahren schon Thema einer Geheimdienstakte wird und seine Schwester ihm wiederholt vorwirft, er würde ihre gesellschaftliche Karriere stören.[13] Die Repression der Universität gegen die kleine linke Studentengruppe, die Horrorberichte der lokalen Zeitungen, und die Polizeiaktionen gegen streikende Arbeiter werden zu weiteren Lernschritten Bunnys weg von seiner Naivität. Pauls Bericht über den amerikanischen Truppeneinsatz in Sibirien im Krieg der „Weißen“ gegen die „Roten“ und seine Hintergründe, die von den Zeitungen verschwiegen werden, verwandeln seine Einstellung zum amerikanischen Kapitalismus und entfernen ihn von seinem politisch toleranten Vater.
Ein Nebeneffekt der ungeheuren finanziellen Möglichkeiten der Industrie ist die Bestechung auch der Gewerkschaftsfunktionäre, die aus Angst vor dem Verlust ihrer Privilegien die Sozialisten und Kommunisten unter den Arbeitern an die Unternehmer verraten und zu schnellen Kompromissen bei Lohn und Arbeitszeiten bereit sind.[14] Auch die Auseinandersetzungen innerhalb und zwischen den linken Bewegungen über die Vorgänge in Russland und die besten Mittel im Kampf gegen den Kapitalismus erschüttern Bunnys Annahmen über den Lauf der Welt ebenso wie die Abwehrmaßnahmen der Ölbosse mit Schlägern, Spionen und Provokateuren. Immer wieder hilft Bunny seinen Freunden, indem er sie aus den Gefängnissen freikauft – und damit auch sein Gewissen erleichtert.[15] Er setzt sich für seine linken Kommilitonen an der Universität ein und muss dabei erleben, dass ironischerweise die Aufhebung einer ungesetzlichen Verhaftung bei einem Streik nur durch eine sonst ihm verhasste Bestechung möglich wird.[16] Als Dad ihm ein festes Monatseinkommen von 1000 Dollar anbietet, plant Bunny damit sofort die Finanzierung einer kleinen sozialistischen Postille. Seine linke jüdische frühere Kommilitonin Rachel Menzies wird seine Chefredakteurin.[17]
Auf dem Landsitz von Roscoe in Kalifornien lernt Bunny einen Film-Star kennen und lieben, die lebenskluge Viola Tracy, die mit 15 begonnen hatte, sich für ihren Einstieg ins Filmgeschäft mit Männern in Hollywoods Betten zu legen.[18] Ihre Ansichten über Gesellschaft und Politik trennen sie mehr von Bunny, als dass der Sex sie verbindet. Erst mit dem Ende ihrer dreijährigen Beziehung endet für Bunny die ambivalente Teilhabe an den Kulturen von Kapital und Arbeit, von Luxus und Armut: „Damit endete ein Kapitel in Bunnys Leben.“[19]

Bunnys Vater und sein Compagnon Vernon Roscoe planen nun eine weit in die Politik hinauf reichende Korruption, zu der sie sich durch ihre größeren Rivalen genötigt sehen: „Wir werden dieses Land nach unseren Geschäftsinteressen führen“. Aber die Korruption der Regierung in Washington ist schwieriger als gedacht, ihre Gegner streuen Gerüchte über den Umfang eines präsidentiellen Netzwerks, eine offizielle Untersuchung beginnt und Dad und Verne fliehen nach Europa.[20] Roscoe nutzt seine neue europäische Übersicht pragmatisch, fokussiert die Geschäftsinteressen nun auf das Öl im Vorderen Orient und überzeugt das US-Außenministerium, den Briten dort nicht das Feld zu überlassen – für die dankbaren Spitzenbeamten spielen Dad und Vernon bald keine Rolle mehr in der Korruptionsaffäre, die sich in den USA mehr und mehr auf ihre Handlanger in den Behörden konzentriert.[21]
Nach etwa einem Jahr in Europa stirbt Dad an einer Lungenentzündung. Er war frisch verheiratet mit einer obskuren, spiritistischen Person – unter seinen Papieren wird das Bunny angekündigte Testament nicht mehr gefunden. Bunny reist in die USA zurück und er und seine Schwester bekommen nur noch die Überreste von Dads einst florierendem Unternehmen, dessen größere Anteile sich Roscoe und Dads Witwe unter zweifelhaften Umständen aneignen. Mit seinem Erbe plant Bunny den Aufbau einer sozialistischen Arbeiter-Akademie, bei deren Leitung er sich auf die Jüdin Rachel Menzies stützen kann, die seinen sie überraschenden Heiratsantrag annimmt.[22] Bei einem der nicht seltenen Angriffe eines organisierten Mobs auf eine linke Versammlung wird PaulWatkins so schwer verletzt, dass er wenig später stirbt.[23]
Erzählweise
Der Roman ist in 21 Kapitel von regelmäßig zwischen 20 und 30 Seiten und meistens 7-11 nummerierten Unterabschnitten gegliedert. Die Abschnitte widmen sich jeweils einem der für den Fortgang der Handlung relevanten Thema aus dem Kaleidoskop der Bezüge, was den Eindruck eines disziplinierten, methodischen und „bemühten“ Vorgehens nach einem Masterplan vermittelt.[24] Die Ereignisverbindungen sind weder additiv im Sinne einer Nummernrevue noch zufällig, sondern kausal und entfalten in der Textur der technischen, unternehmerischen, sozialen und politischen Beschreibungen das sozialgeschichtliche Panorama. Dessen Grundlagen werden vom Autor bis etwa zur Mitte des Romans, bis zum elften (Der Rebell) oder zwölften Kapitel (Die Sirenen) entwickelt, von der an die Dynamik sich logisch entfalten kann.
Schon der erste Satz der Erzählung fügt die Ereignisse in ein orts- und zeitgebundenes Kontinuum fest ein: „Die Straße streckte sich [...] das graue Betonband [...] Der Boden in langen Wellen [...] Der kalte Morgenwind [...].“[25] Der weitgehend auktoriale Er-Erzähler präsentiert das Geschehen im Leser-Dialog als implizite, nicht explizit eingeführte Instanz mit personalen Kommentaren wie aus eigenem Erleben: Der Wagen stieg den Hügel hinauf, „aber du hattest keine Angst, weil du wusstest, da war das magische Band auch auf der anderen Seite. [...] All die goldenen Versprechungen, die man uns gemacht hatte, die glitzernden Hoffnungen, die wir so schätzten!“[26] Auch die Modulation der Zeit orientiert sich an diesem Realismus, der in kurzen Episoden eines linearen Ablaufs weitgehend ohne Rückblenden „nach vorn“ schaut und dadurch mit großem Tempo erzählt.[27]
Diese ausführliche Beschreibung der Anfahrt von Vater und Sohn zu den Ölfeldern ist wie ein Protokoll der Vorbereitung auf die Initiation des aufmerksamen Dreizehnjährigen zum Novizen, zum jungen Geschäftsmann, der einmal seinen Vater beerben soll. Vom Anfang bis zum Ende des Romans ist dieses Lernen, die Aneignung von Möglichkeiten der Beeinflussung der Welt, das eigentliche Thema.[28] Dazu gehört, dass der Erzähler immer wieder in die Gedanken und Gefühlslagen der handelnden Personen eintaucht, nach ihren Motiven forscht und die Veränderungen ihrer Charaktere beschreibt, was nicht nur für die Protagonisten, sondern auch für Randfiguren wie Vee Tracy, später die Geliebte Bunnys, zutrifft.[29] Öl! lässt sich daher als ein ereignisorientierter und teils dramatischer Entwicklungs- oder Bildungsroman bezeichnen: Die Hauptperson, Bunny, erwirbt in einer Reihe von Lernschritten nach und nach ihre sexuellen, sozialen und politischen Erfahrungen und entwickelt sich schließlich zu einem sozialistischen Aktivisten. Das letzte Kapitel ist mit „Dedication“, mit „Hingabe“ überschrieben – Bunnys Persönlichkeitsentwicklung hat eine letzte Stufe erreicht.[30]
Da Vater Ross seinen Sohn auch zu manchen seiner Besprechungen mitnimmt, in denen er „die Gleitkufen schmiert“, bekommt Bunny seine Lektionen vom Ölgeschäft im Modus der Anschauung – erst mit dieser Figur des Lehrlings und dem Ziel seiner Ausbildung wird die investigative Genauigkeit der Schilderung krimineller Praxis auch für den Leser ein nachvollziehbares Element der Erzählung.[31] Als Erbe in spe ist Bunny sowohl familiär mit der Unternehmerseite als auch seinem Traum von sozialer Gerechtigkeit mit den Arbeitern verbunden.[32] Als dieser Teilhaber zweier Kulturen legitimiert er die ausführliche Darstellung der Standpunkte der sozialen Kräfte und Kulturen, nur diese Doppelfigur ermöglicht die anschauliche Darstellung auch der Gerüchte über Schrullen der Superreichen.[33] Mehrere Kritiker meinen, dass Öl! wegen eines Mangels an Übertreibungen vielleicht keine Satire, aber immer noch sehr witzig und unterhaltsam sei.[34]
In der Minderheit ist Edmund Gordon mit seiner Meinung, die Sprache Sinclairs sei in ihrer journalistischen Nüchternheit und Metaphernarmut zu sehr an Zola und Dickens orientiert, „ohne eine Spur von Humor“ und bediene sich einer „Vorschlaghammer-Ironie“:[35] Allerdings wird selbst ein von Seehunden umgebener skurriler Landsitz mit rheinländischer Lorelei-Schloss-Anmutung und mindestens 32 Gartenstatuen nackter Frauen an der kalifornischen Küste nicht mit uneigentlichen, sondern nur mit weltlichen Assoziationen beschrieben.[36] Eine der wenigen typisch „realistischen“ rhetorischen Figuren Sinclairs sind Aufzählungsreihen oder Ding-Kaskaden, in denen dem Leser die Genauigkeit oder Breite seiner Recherchen vorgeführt wird.[37] Auch die meist luxuriösen Automobile, die Wälder der Bohrtürme oder den Gegensatz von unverbrauchter und geschändeter Landschaft sind wiederkehrende Allegorien, die Sinclair in der Unterordnung des Plots unter das didaktische Ziel der Beschreibung technischer und sozialer Umwälzungen verwendet.[38] Michael Tondre betont, dass Sinclairs Öl! mit seiner Wichtigkeit der individuellen Fortbewegung und der auf ihr basierenden Konsumwelt die Bedingungen der modernen Literatur verändert habe: „Streng genommen sind alle modernen Romane Ölromane“, die ohne die ölgetriebenen oder -produzierten Requisiten hätten anders geschrieben werden müssen. Als Beispiele nennt Tondre Scott Fitzgeralds Der große Gatsby und Virginia Woolfs Mrs. Dalloway.[39]

Titel
Der Roman wurde zuerst nur unter dem Titel Öl veröffentlicht und erst später um das Ausrufezeichen ergänzt, das die immer wieder aufbrechenden Öl-Fontänen über den frischen Bohrlöchern in ein Schriftbild übersetzt.[40] Aber der neue Öl! -Titel sei auch ein Ausruf der Überraschung der Zeitgenossen gewesen, der ihre Assoziationen, die Hoffnungen und Warnungen spiegelte. Öl war eben nicht einfach ein Rohstoff, sondern ein Medium gesellschaftlicher Transformation, das unmittelbar nach seiner Entdeckung ein dominierendes Thema der privaten und öffentlichen Debatten nicht nur in Kalifornien wurde – so ist der neue Titel auch ein Weckruf.[41]
Produktive Korruption
Die asphaltierten magic ribbons, die Städte und Bundesstaaten verbinden, sind wirtschaftsgeschichtlich ein Symbol der mit der Fließbandfertigung des Ford-T-Modells 1908 beginnenden Zweiten Industriellen Revolution in den USA. Die Straßen und die Automobile erklären den ungeheuren Bedarf des Kontinents an Öl, an Gas, an Kraft- und Schmierstoffen für alle motorgetriebenen Maschinen zu Land, zu Wasser und in der Luft. Öl wird der wichtigste Rohstoff für unzählige Konsumartikel aus Gummi und Plastik. Nicht nur die ausführlichen Beschreibungen der Technik des Bohrens, der Planung von Öltanks für die Zwischenlagerung, der großräumigen und „wundervollen Anlagen einer Raffinerie“,[42] sondern auch die explizite Begeisterung des Erzählers unterstreicht seine Arbeits- und Technikaffinität: „Sie hatten eine geniale Methode und es war faszinierend, sie dabei zu beobachten. [...] Was könnte spannender sein als die Überwindung natürlicher Hindernisse [...] In dieser Branche kann man unmittelbar erleben, wie sich die Anforderung an das Management und an die Entdeckung neuer Methoden entwickelt“.[43] Das schließt den Respekt des Erzählers für eine kompetente und weitsichtige Unternehmerpersönlichkeit wie James Arnold Ross mit ein,[44] der möglichst große zusammenhängende Flächen erwirbt.

Dem Kapitalismus, so Michael Tondre, sei es gelungen, die Kohle-Gesellschaft des 19. Jahrhunderts durch eine moderne Gesellschaft des 20. Jahrhunderts zu ersetzen, deren Öl-Basis durch Gewöhnung und Ideologie nahezu unsichtbar wurde.[46] Dazu habe auch Sinclairs Bewunderung der Technik und der – allerdings auf die weißen Arbeiter reduzierten – Teamarbeit in der Ölförderung beigetragen.[47] Dieser Verhüllungslogik des Systems folgte nach Tondre auch die von Sinclair beschriebene Filmproduktion in Hollywood, die realistische und konflikterzählende Filme allmählich durch Melodramen ersetzte.[48]
Auch die „außertechnischen“ Aufgaben des Ölgeschäfts werden detailliert beschrieben: Sein ganzer Rahmen erfordere möglichst stille und dadurch günstige Landkäufe, einen für die An- und Abtransporte passenden Straßenbau sowie auch die Erfindung der Aktien ohne Stimmrechte und anderer raffinierter Konstruktionen.[49] Ohne eine „Pflege der politischen Landschaft“ durch „Entschädigungen“ von Einzelpersonen und Parteien für zügige und nachhaltige Aktivitäten mit Geldzahlungen oder Gewinnbeteiligungen war das nicht sicherzustellen.[50] Dads Korruption Dritter wird mit der Unfähigkeit der politischen Elite erklärt und mit der dann größeren Passgenauigkeit und Geschwindigkeit staatlicher Aktionen gerechtfertigt. Damit stellt Sinclair das notwendig-langsame System der bürokratisierten Demokratie in Frage: „Wollten sie nun auf der Watkins-Ranch bohren oder nicht und zehn Jahre warten? Oder sollte der Beamte für Schnelligkeit und Nutzeffekt sorgen, die die Geschäftsleute brauchten und die das amerikanische System nicht liefern konnte?“[51] Mit wachsendem Geschäft wächst für Vater Ross und seinen Compagnon Roscoe auch der Umfang der Korruption, um sich gegen die Konkurrenz durchzusetzen: nur „aus Selbstschutz“ finanzieren sie daher den Aufstieg von Senator Harding aus Ohio zum 29. Präsidenten der USA.[52]
Kampf dem Elend
Zwischen diesen Ölgeschäften, angetrieben von ungeheuren neuen Kräften motorisierter Technik, den Gewinnen und der die Schicht der Armen vertretenden Familie Watkins,[53] entsteht das ethische Bewusstsein Bunnys: Von Anfang an belastet ihn ein Verhalten unter falschen Vorwänden und expliziten Lügen – und damit mehr und mehr auch das Verhalten seines Vaters und die mit dem Geschäft verbundene Korruption.[54] Er reagiert schon als Jugendlicher betroffen auf ein totes Eichhörnchen auf der Straße, kann „sein Leben lang nicht verstehen, wie Menschen nicht an anderen Menschen interessiert sein konnten“ und fühlt körperlichen Schmerz, wenn er seine Freunde im Gefängnis hinter Gittern sieht.[55] Sinclair zeichnet seine Hauptfigur aber auch als beschränkt durch seinen formalen Gerechtigkeitssinn, der ihn dazu bringt, den Feinden der Familie einen zweifelhaften finanziellen Anspruch zu erfüllen.[56]

Das sozialistische und das fundamental-christliche Engagement für eine Besserung der Zustände werden in ihrer Entstehung mit Paul und Eli Watkins als Brüder im Geiste und scharfe Konkurrenten personalisiert erzählt.[57] In der Entwicklung von Eli Watkins zum Priester einer Erweckungskirche schildert der Autor eine zweite, für die US-Gesellschaft wichtige Interpretation des Elends und der Erlösung, die in der Erzählung mit der Unterstützung von Vater Ross für Ruth gegen ihren prügelnden Vater Abe Watkins beginnt: „Was hätten sie gefühlt, wenn sie die Folgen ihres Scherzes [über ihre angebliche Religiosität] hätten voraussehen können – die Erweckungsbewegung, die noch ganz Kalifornien erschüttern sollte“, eine Umlenkung der Hoffnung auf göttliche Hilfe, was ganz im Interesse der Erdölbosse ist.[58] Mit Elis Sinn fürs Theater, mit seiner ungewöhnlichen Stimme und mit der Erfindung des Radios wird die Kirche der Dritten Offenbarung „eine der bekanntesten Attraktionen Südkaliforniens“, zu deren satirischer Beschreibung Sinclair vermutlich durch die Priester-Prophetin Aimee Semple McPherson und ihren Angelus Tempel (siehe Postkarte) in Los Angeles inspiriert worden ist.[59]
Als ein Schwerpunkt der Erzählung beginnt mit dem ersten Streik der Erdölarbeiter die dreifache Darstellung der auf soziale Konflikte reagierenden Argumentationen: Die Sichtweisen der Arbeiter und Sozialisten,[60] der Unternehmer[61] und der von Eli Watkins geführten Kirche der Dritten Offenbarung[62]werden ausführlich im Sinne der von Bunny vertretenen „open mind“ einander gegenübergestellt.[63] Der Roman ist daher politisch bzw. ideengeschichtlich ungewöhnlich informativ.[64] Paul Watkins, Elis Bruder, wird Bunnys wichtigster Gesprächspartner bei sozialen Themen und bis zum Ende des Romans führen sie und ihre linken Freunde Diskussionen über Demokratie und Bolschewismus, über sozialistische Reform und anarchistische Aktion.[65] Während Paul sich den Kommunisten angeschlossen hat und mit Bezug auf Russland auch einen gewaltsamen Klassenkampf nicht ausschließt, wäre die Proklamation von Gewalt aus Rachel Menzies Sicht nur ein wunderbarer Vorwand, Bunnys und ihre kleine Zeitung zu zerschlagen: Sollte der Kapitalismus durch Wahlen oder Waffen beendet werden? Erst mit der Heirat Rachel Menzies` kann sich Bunny gegen die Waffen entscheiden.[66]
Völlig ungewöhnlich für einen Bildungsroman sind die nicht nur inselhaften historischen Ausführungen über den Einsatz amerikanischer Soldaten im Ersten Weltkrieg, die Friedensverhandlungen in Versailles und den Einsatz europäischer und amerikanischer Truppen in Sibirien nach dem Ersten Weltkrieg im russischen Bürgerkrieg sowie über die Klassenkämpfe in Süd-Kalifornien. Diese Ereignisse und Entwicklungen werden in Sinclairs sozialistischer Perspektive kommentiert und fungieren als Bausteine für Bunnys politische Überzeugungen. Erst in diesem gründlich recherchierten historischen Rahmen wird die sich schärfende Kontur von Bunnys sozialer Ethik und damit seine schrittweise Charakterentwicklung nachvollziehbar.
Kritik der „Nestbeschmutzer“
Wie den auktorialen Erzähler die neuen Methoden der Naturbeherrschung und des Managements in der Ölindustrie faszinierten,[67] so galten die neuen technischen und organisatorischen Methoden auch anderen kritischen Zeitgenossen als ein zivilisatorischer Schritt in die Zukunft. Trotz aller Kritik war beispielsweise selbst für Ida M. Tarbell Rockefellers Standard Oil eines der professionellsten Unternehmen der Welt: „[Die Standard Oil Company] ist der am perfektesten entwickelte Trust, der überhaupt existiert; das heißt, sie kommt dem Idealbild eines Trusts überaus nahe, die von ihm bedienten Geschäftsfelder vollständig zu kontrollieren.“[68] J. M. Allison, Korrespondent des New York Sun, schrieb 1915, es gebe nur drei vollkommene Organisationen: „die katholische Kirche, die Standard Oil Company und die deutsche Armee.“[69]
John D. Rockefeller war wegen seiner schrittweisen Monopolbildung in der Vermarktung von Öl schon seit den 1870er Jahren im Visier amerikanischer Gerichte. Ein zusätzlicher Anstoß der Kritik an der Ölindustrie war 1904 die Veröffentlichung von The History of the Standard Oil Company von Ida M. Tarbell, die die unternehmerische Gier und die Monopolstrategie John D. Rockefellers so anschaulich darstellte, dass der US-Kongress 1911 beschloss, Standard Oil wegen Verletzung der Sherman Antitrust-Gesetze in 34 regionale Unternehmen zu zerschlagen.[70] Da aber Absprachen zwischen den nun formal selbständigen Unternehmen nicht verboten wurden, war die Marktmacht Rockefellers nicht gebrochen.
Der unmittelbare historische Hintergrund des Romans ist der die USA erschütternde Teapot Dome Scandal Mitte der 1920er Jahre, der größte öffentliche Skandal bis Watergate (zwischen 1972 und 1974), der die Korruption bis in das Kabinett von Präsident Warren G. Harding offenlegte. Die Erzählung steht damit in der Tradition der Muckraker, der „Mistkratzer“ und „Nestbeschmutzer“ am Beginn des 20. Jahrhunderts, die als Journalisten und Schriftsteller Methoden des investigativen Journalismus anwendeten, um Korruption und Wirtschaftskriminalität offenzulegen. Von der Öffentlichkeit wurden diese Darstellungen wohlwollend als public service journalism gewertet. Offenbar sind die detaillierten Beschreibungen Sinclairs auch in Öl! von seinen gründlichen ökonomischen und politischen Recherchen geprägt. Wie aus der eigenen Praxis erzählt er beispielsweise im Roman, wie in den von Banken abhängigen Zeitungen Erkenntnisse aus Recherchen über Streiks und Skandale nicht erscheinen durften, aber von kritischen Journalisten dann unabhängigeren Redaktionen und den Muckrakern zugesteckt wurden.[71] Auch die Beschreibung der Winkelzüge Vernon Roscoes nach dem Tod von Bunnys Vater zur Aneignung der Ross-Unternehmungen setzt gründliche Kenntnisse des Aktienrechts voraus.[72]
In seinem kurzen Vorwort bekennt der Autor sich zur Schilderung wahrer Um- und Zustände, warnt aber zugleich seine Leser, hinter den handelnden Figuren reale Personen zu suchen – aus Selbstschutz wollte er sich nicht zu nah an einzelne Personen heranschreiben.[73] Die Erzählung ist dennoch weitgehend an der Karriere des Ölunternehmers Edward L. Doheny orientiert, der schon 1892 als erster in Los Angeles nach Öl gebohrt hatte. Später bestach er den ihm seit langer Zeit verbundenen Innenminister der Harding-Regierung, Bacon Fall, der deswegen ins Gefängnis musste, während Doheny freigesprochen wurde. Zwischen der Beschreibung der Schauplätze im Roman und der Topografie Südkaliforniens bestehen viele Parallelen, vor allem mit dem südöstlich von Los Angeles gelegenen Huntington Beach, das früher Pacific City hieß. „Beach City“, der Wohnort der Familie Ross, ist eine Kombination beider Namen und manche der dort erwähnten Straßennamen finden sich auf den Karten von 1920.[74]
Protagonisten
Bunny Ross, J. Arnold Ross Junior, ist die Hauptperson und reagiert schon sehr früh moralisch sensibel.[75] Anfangs ist er an Mittel- und Oberschicht-Schüler-Ritualen interessiert, dann aber gelangweilt von dieser „fashionable world“.[76] Mit 18 wird er als ein ernster, ambivalenter junger Mann auf dem Doppelweg zum Unternehmer und sozialen Reformer gezeichnet.[77]
Bunnys politische Entwicklung beginnt auf dem Niveau der Naivität seiner Gleichaltrigen des „smart set“.[78] Anfangs ohne die kleinste Spur von Fragen an der ihm vermittelten Erklärung der Welt, wachsen allmählich seine Zweifel.[79] Dennoch nutzt Bunny sein Leben lang die Vorteile seiner Herkunft, obwohl er zugleich seine sozialistische Perspektive entwickelt. Diese in narrativer Logik notwendige Doppelnatur und Mehrdeutigkeit stößt manchen Kritikern negativ auf als „Unentschiedenheit“, womit sie das narrative Basiskonzept Sinclairs ablehnen.[80] Aber gerade die Naivität Bunnys, seine kritischen Fragen und seine Empörung spiegeln die Machenschaften der Ölbosse dem Leser vergrößernd zurück.[81] Gleichwohl bekennt der Erzähler die Konstruiertheit dieser Doppelnatur, indem er Bunnys Anhänglickeit an Paul Watkins als „etwas unnatürlich“ bezeichnet.[82]
James Arnold Ross, manchmal vertraulich auch „unser Dad“,[83] hat als Maultiertreiber angefangen,[84] spricht ein „besonders krudes Englisch“ und gibt sich damit herkunftsbewusst-jovial,[85] ist am Wohlergehen seiner Ölarbeiter interessiert und kann auch die Forderungen seiner Arbeiter nach Erhöhung der Löhne und Verbesserung der Arbeitsbedingungen verstehen.[86] Als Unternehmer ist er vorsichtig und erfolgreich[87] und bei Bunnys Skrupeln vor der Nutzung der Watkins-Ranch für Ölbohrungen so rücksichtsvoll, seine Pläne erst nach dem Auftreten von Konkurrenten in der Nähe zu konkretisieren. Auch nimmt er Rücksicht auf Bunnys Verwirrung in dessen erster Liebe.[88] Dads Arbeitswut, seine Fokussierung und geschäftliche Härte wird mit der gescheiterten Liebe zu seiner ersten Frau erklärt, der Mutter Bunnys, die ihn wegen einem damals erfolgreicheren Handelsvertreter verlassen hatte.[89] Insgesamt zeichnet Sinclair den Vater trotz seiner Verwicklung in Korruption als einen respektablen, da auch in Grenzen sozial denkenden Kapitalisten, der sich in höherem Alter bei angegriffener Gesundheit in Sorge um ein vielleicht ewiges Lebens mit einer Spiritistin ehelich verbindet.[90]
Paul Watkins ist der bildungshungrige Sohn von Abel, Bruder von Eli und Ruth Watkins. Er wird als von strikter Ethik und Stolz bestimmt gezeichnet, unterstützt die Ölarbeiter-Gewerkschaft und wird einer ihrer Aktivisten. 1917 wird er für die Intervention Amerikas in den Ersten Weltkrieg eingezogen und nach Kriegsende bis 1920 in Sibirien gegen die Bolschewiki eingesetzt. Seine Berichte über die Vorgänge in Russland treiben die Politisierung Bunnys voran. Nach seiner Rückkehr aus dem Krieg erhält er eine Anstellung bei der Gewerkschaft der Ölarbeiter und später in der Kommunistischen Partei, für die er zur Schulung für einige Zeit in die junge Sowjetunion geschickt wird.[91]
Eli Watkins fühlt sich vom Heiligen Geist zum Propheten der Kirche der Dritten Offenbarung berufen und wird angetrieben von der Suche nach Aufmerksamkeit, Einkommen und Macht. In der Verführung junger Frauen und großer Massen sowie bei der Inszenierung seiner Auferstehung erweist er sich als ein Künstler von „Big Magic“.[92]
Die narrativen Gegenfiguren sind eine weitere Facette von Sinclairs Wertschätzung produktiver Arbeit: Bunnys Großmutter, seine Tante Emma, seine Mutter und seine Schwester Bertie werden als mehr oder weniger rassistisch, snobbisch bzw. „klassistisch“[93] und konsumorientiert gezeichnet. Vor allem seine Schwester, aber auch Bunnys erste große Liebe Eunice Hoyt sind sehr an Äußerlichkeiten und Moden interessierte fashionable junge Frauen, die sich vergeblich bemühen, Bunny „das Öl unter den Fingernägeln abzukratzen“, um ihn in ihre Welt der reichen Kids einzuführen.[94] Die Kultur auf den Mittel- und Oberschichtschulen wird als auf sportliche Ereignisse, Äußerlichkeiten, Luxus und als strikt gegen die Forderungen der Arbeiter eingestellt sowie als besonders patriotisch geschildert.[95] Immerhin sind Bertie und ihre Freundinnen in sexuellen Fragen sehr modern und tauschen sich aufgeklärt über Fragen von Petting im Auto, Verhütung und die häufigen Abtreibungen aus.[96] Auch die Schauspielerin Vee Tracy, zeitweilig Bunnys Geliebte, die das Bücherlesen als ein zu billiges Jedermannsvergnügen ablehnt, gehört zu diesem luxusorientierten Set.[97]
Rezeption

- Wegen seiner freizügigen Schilderung der Sexualität junger und älterer Erwachsener wurde das Buch in Boston zunächst verboten. Daraufhin ließ Sinclair ohne die als anstößig empfundenen neun Seiten 150 Exemplare drucken, die infolge dieser Auseinandersetzung schnell vergriffen waren.[98]
- Öl! wird in einer ausführlichen Buchbesprechung als Untersuchung der Einwirkung des industriellen Kapitalismus auf die amerikanische Gesellschaft und ihre moralische Entwicklung verstanden. Am Beispiel der Ölindustrie werde das Zusammenspiel von Macht, Gier, Korruption und der Kampf um Gerechtigkeit dargestellt. Der Roman sei dammit ein wichtiger Beitrag zum Thema sozialer Transformation und sozialer Verantwortung, der auch deutlich mache, dass es keine Garantie für einen Erfolg sozialer Reformen gebe.[99]
- Einer weiteren Buchbesprechung gilt der Roman zwar als Plattform von Sinclairs politischen Ansichten, aber dennoch sei seine Lektüre gute Unterhaltung, die auch heute wenig von ihrem Informationswert verloren habe.[100]
- Paul Hormick ist ebenfalls davon überzeugt, dass der Roman auch heute sehr wichtig sei, da er darauf anspiele, mit welcher Begeisterung wir immer noch die trügerischen Früchte des Öl-Booms genießen.[101]
- Michael Tondre sieht in Öl! eine der wichtigsten Kritiken der Kultur fossiler Ausbeutung der Natur und den Umriss eines Plans für den Übergang zu einer gerechteren Gesellschaft. Sinclair habe zwar nie das Ende der Erdölförderung an sich befürwortet, aber seine Kernfrage sei bis heute ungelöst: Wie kann der Menschheit der Übergang in eine Nach-Karbon-Ära gelingen?[102]
- Gegen Tondre bezweifelt Edmund Gordon, dass Sinclair sich jemals diese Frage gestellt und an eine ökologische Alternative zur ölbasierten Gesellschaft gedacht habe. Wenn Sinclair an eine Alternative zur amerikanischen Ölindustrie skizziert habe, dann eher in Richtung des relativ positiv dargestellten System Russlands um 1920, mehr als zehn Jahre vor der Entfaltung des Stalinismus.[103]
Adaption
Paul Thomas Anderson hat sich in dem 2007 veröffentlichten Film Es wird Blut fließen (There Will Be Blood) vom ersten Drittel von Öl! inspirieren lassen. Anders als Sinclairs Erzählung fokussiert der Film auf die Figur des Vaters und erzählt eine weitgehend andere Geschichte.[104]
Literatur
- Upton Sinclair: Oil! A Novel, New York: Penguin Books 2007, ISBN 978-0-14-311226-6
Weblinks
- Bookssobrief
- Edmund Gordon: How to Hate Oil, in: London Review of Books, 4. January 2024
- Getabstract
- Paul Hormick: Upton Sinclair's Oil! A book review, in: Green Dispatch, 24. August 2024
- Inverarity Livejournal, 20. Dezember 2010
- Penguin Books Readers Guide
- Michael Tondre: Oil!: On the Petro-Novel, The Paris Review, 1. März 2023