Olga Ravn
dänische Schriftstellerin, Lyrikerin, Übersetzerin und Literaturkritikerin
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Olga Sofia Ravn (geb. 27. September 1986 in Kopenhagen) ist eine dänische Schriftstellerin, Lyrikerin, Übersetzerin und Literaturkritikerin. Sie zählt zu den bedeutendsten zeitgenössischen Autorinnen Dänemarks. Internationale Bekanntheit erlangte sie insbesondere mit ihrem Roman De ansatte (Die Angestellten), der 2021 für den International Booker Prize nominiert wurde.
Leben und Ausbildung
Olga Ravn wurde als Tochter der Sängerin Anne Dorte Michelsen und des Künstlers Peter Ravn in Kopenhagen geboren. Sie studierte an der renommierten Forfatterskolen, der dänischen Autorenschule, und schloss ihr Studium 2010 ab. Ravn lebt und arbeitet in Kopenhagen.[1]
Werk und literarisches Schaffen
Olga Ravn gilt als eine der wichtigsten Stimmen der dänischen Gegenwartsliteratur. Ihre Werke zeichnen sich durch eine experimentelle Form, poetische Sprache und die Reflexion gesellschaftlicher Themen wie Arbeit, Mutterschaft, Identität und das Verhältnis von Mensch und Technik aus Sie verbindet feministische Perspektiven mit literarischer Innovation und genießt breite internationale Anerkennung.[2] Neben ihrer Prosa entwickelte Ravn interdisziplinäre Arbeiten, in denen Musik, Performance, Bildkunst und Lyrik zu rituellen Formen verschmelzen.[3] In der großformatigen Konzertperformance The Goddess Was a Shapeless Mass mit Copenhagen Phil im Konservatoriets Koncertsal verband sie eine projizierte 3D-Skannung des sogenannten schwarzen Aphrodite-Steins von Paphos mit Gesang, Cello-Uraufführung und kultischen Choreografien, um den Konzertsaal als Ort des Göttlichen zu erleben.[3]
Im Kontext der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie beschreibt Ravn die Figur der „Autorin als Bild“ als Folge zweier Entwicklungen: sinkender Buchverkäufe, die Autorinnen zur stärkeren Eigenvermarktung drängen, und einer autofiktionalen Welle, die die Persona der Schreibenden ins Zentrum rückt.[4] Ihre eigene Präsenz auf Instagram und einem englischsprachigen Substack versteht sie als Presse- und Vermittlungsarbeit; das eigentliche Schreiben hält sie bewusst außerhalb sozialer Medien und teilt keine laufenden Projekte.[4] Zugleich äußert sie eine grundsätzliche Ambivalenz gegenüber Plattformlogiken, die sie als „senkapitalistische Dopaminfabrik“ kritisiert, ohne deren Reichweite für Lesungen und Projekte zu negieren.[4] Vor diesem Hintergrund erwartet sie eine Gegenbewegung in Form schwer verständlicher, sich selbst befragender Kunst als möglicher Haltung in der Gegenwart.[4]
Lyrik
Ravn begann ihre literarische Karriere mit Gedichten, die ab 2008 in dänischen Literaturzeitschriften erschienen Ihr Debütband Jeg æder mig selv som lyng (Ich verschlinge mich selbst wie Heidekraut, 2012) befasst sich mit dem weiblichen Körper, Freundschaft, Liebe und Sexualität und wurde von der Kritik als "rhythmisch, spielerisch, sinnlich und bildreich" gelobt. Es folgten weitere Lyrikbände wie Den hvide rose (2016), den Ravn selbst als "Trauerbuch über totale und herzzerreißende Einsamkeit" beschreibt. In späteren Bühnenarbeiten wurden Ravns Gedichte zudem live in den Aufführungsraum projiziert und als Teil eines synästhetischen Konzepts eingesetzt.[3]
Romane
Ihr erster Roman Celestine erschien 2015 und erzählt die Geschichte einer Lehrerin, die von einem Geistermädchen besessen wird. Das Buch wurde für seine dichte Bildsprache und psychologische Tiefe gelobt. Mit De ansatte (Die Angestellten, 2018; engl. 2020) gelang Ravn der internationale Durchbruch. Der Roman spielt auf einem Raumschiff, dessen Crew sowohl aus Menschen als auch aus Humanoiden besteht. Die Ankunft mysteriöser Objekte löst bei allen Besatzungsmitgliedern existenzielle Fragen über Arbeit, Identität und Menschsein aus. Das Werk wurde als postmoderner Arbeitsroman und als Reflexion über das Menschliche im Zeitalter von Technik und künstlicher Intelligenz rezipiert.
Es wurde für zahlreiche internationale Preise nominiert und in über 25 Sprachen übersetzt.
2020 veröffentlichte Ravn den Roman Mit arbejde (Meine Arbeit), der sich mit Mutterschaft, Arbeit und Identität auseinandersetzt. Die fragmentarische Form verbindet Prosa, Lyrik, Tagebucheinträge und Briefe und wurde als radikale Weiterentwicklung feministischer Literatur gewürdigt. Der Roman speist sich aus Ravns Erfahrungen mit Schwangerschaft, Geburt und einer postpartalen Depression und wurde in Dänemark zum Auslöser einer breiten Diskussion über frühe Entlassungen, Nachsorge und die fehlende Kontinuität in der Betreuung Gebärender.[5] Ravn formulierte ihre Kritik zugleich in Debattenbeiträgen, in denen sie eine stärkere Nachsorge und ein kontinuierliches Betreuungsmodell forderte.[5] Für Mit arbejde erhielt sie 2020 Politikens Litteraturpris, wobei sie in ihrer Dankesrede die Idee eines angeborenen Mutterinstinkts in Frage stellte und für eine „Zeit größerer Fürsorge“ jenseits der engen Logik der Kernfamilie plädierte.[6]
Im Jahr 2023 erschien Voksbarnet (Das Wachskind), ein Roman, der auf Hexenprozessen des 17. Jahrhunderts basiert.[7][8] Erzählt wird aus der Perspektive einer kleinen Wachsfigur, die die Ereignisse in eine poetisch-düstere Mythologie überführt.[3]
Weitere literarische Aktivitäten
Olga Ravn arbeitet als Literaturkritikerin, unter anderem für die Zeitung Politiken, und unterrichtet kreatives Schreiben Sie war zudem Herausgeberin einer Auswahl vergessener Texte von Tove Ditlevsen, die eine Wiederentdeckung der Autorin anstieß. Zusammen mit Johanne Lykke Holm leitete sie von 2015 bis 2019 die feministische Schreibschule und Performancegruppe Hekseskolen, die u. a. mit magischen Ritualen arbeitete.[3] De ansatte entstand im Dialog mit Skulpturen der Künstlerin Lea Guldditte Hestelund, die Ravn in der Ausstellung Consumed Future Spewed Up As Present im Ausstellungsraum Overgaden sah.[3] 2022 verantwortete sie am KØS Museum für Kunst im öffentlichen Raum die Ausstellung Et henført år über Pflanzenleben und die Hexenprozesse von Køge.[3] 2023 schrieb sie das Manuskript zur Inszenierung Hex am Det Kongelige Teater in Zusammenarbeit mit Liv Helm.[3] 2024 folgte die rituelle Performance Stavbærerne am Nationalmuseum in Kopenhagen.[3] Darüber hinaus wurden von ihr jährlich Midsommerrituale mit einem Kollektiv aus Künstlerinnen, Autorinnen und „heksede“ Typen initiiert.[3] Angekündigt wurde zudem die Produktion The Cult of the Daughter an der Volksbühne Berlin auf Grundlage von Tove Ditlevsens Kopenhagener Trilogie.[3]
Ravn berichtet, dass sie Lesungen und Auftritte im Netz deutlich erfolgreicher bewerbe als über klassische Medienformate und dass Vortragshonorare für sie nahezu die Größenordnung eines Buchvorschusses erreichen können.[4] Zugleich betont sie die historische Kontinuität der Autorenpersona und verweist darauf, dass die Inszenierung der Schriftstellerin als öffentliche Figur kein neues Phänomen ist.[4] Ihre Präsenz im Netz trennt sie strikt vom Schreibprozess und beschreibt die sozialen Medien als professionell kuratierte Identität, während das literarische Arbeiten selbst offline bleibt.[4] Ihren englischsprachigen Substack eröffnete sie im Zuge einer Veröffentlichung im Vereinigten Königreich; die laufenden Einnahmen daraus bezifferte sie mit rund 2.000 DKK pro Monat (vor Steuern).[4] Mit Blick auf Überwachungs- und Aufmerksamkeitsökonomien sowie postfaktische Tendenzen äußert sie zugleich Sorge um Konzentrationsverlust und die Auswirkungen permanenter Nutzung des Internets auf künstlerische Arbeit.[4]
Auszeichnungen (Auswahl)
- 2019: Beatrice-Preis
- 2020: Politikens Litteraturpris für Mit arbejde[6]
- 2021: Shortlist International Booker Prize für The Employees
- 2022: Longlist National Book Award
- 2022: Shortlist Ursula K. Le Guin Prize
Werke (Auswahl)
| Jahr | Titel (dänisch) | Titel (deutsch/englisch) | Gattung |
|---|---|---|---|
| 2012 | Jeg æder mig selv som lyng | Ich verschlinge mich selbst wie Heidekraut / I Devour Myself Like Heather | Lyrik |
| 2015 | Celestine | Celestine | Roman |
| 2016 | Den hvide rose | Die weiße Rose | Lyrik |
| 2018 | De ansatte | Die Angestellten / The Employees | Roman |
| 2020 | Mit arbejde | Meine Arbeit / My Work | Roman |
| 2023 | Voksbarnet | Das Wachskind / The Wax Child | Roman |
Deutschsprachige Hörspielbearbeitung
- 2025: Die Angestellten – Übersetzung: Alexander Sitzmann; Bearbeitung (Wort): Raha Emami Khansari, Henri Hüster; Regie: Henri Hüster (Deutschlandfunk Kultur (Deutschlandradio))[9]
Weblinks
- Über die Autorin (dänisch)
- Über die Autorin (englisch)