Otto Stritzel

deutscher Unternehmer für Schafzucht und Wollverarbeitung From Wikipedia, the free encyclopedia

Otto Stritzel (* 10. April 1905 in Hattenhofen bei Göppingen; † nach 1972) war ein deutscher Unternehmer für Schafzucht und Wollverarbeitung. Er war erst Pächter, dann Eigentümer des Ritterguts Bug. Für die Deutsche Versuchsanstalt für Ernährung und Verpflegung (DVA) mit Sitz im „Kräutergarten“ des KZ Dachau, die dem SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt unter SS-Obergruppenführer Oswald Pohl angehörte, fungierte Stritzel als „Referent für Schafzucht und Wollverarbeitung“ und erreichte 1943 den Rang eines SS-Obersturmführers.

Leben

Stritzel war laut Angaben seiner SS-Akte in seinem ersten Beruf „Bankbeamter“ und arbeitete dann 1932 als „Exportleiter“ bei der Firma Zöppritz in Mergelstetten. Er erlernte als Autodidakt die Tätigkeit des Schafzüchters und Tuchmachers. 1934 machte er sich mit der Firma „Otto Stritzel Schafzucht und Wollwerkstatt“ im fränkischen Hof selbständig. Mit der Anthroposophie war er schon 1927 in Berührung gekommen, danach Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft geworden und gehörte ab 1936 auch dem Reichsverband für biologisch-dynamische Wirtschaftsweise an. Deren Vorstandsmitglieder Franz Dreidax und Carl Grund sowie Alwin Seifert, mit denen er in engem Kontakt stand, schätzten vor allem seine Verbindung von biologisch-dynamischer Landwirtschaft und Handwerk.

Trotz damals strenger Aufnahmesperre wurde Stritzel zum 1. Mai 1935 Mitglied der NSDAP. In die SS trat er am 16. Dezember 1937 ein.[1]

Handweberei- und Schafzuchtbetrieb auf Rittergut Bug

Mit seiner Firma in Hof, einem Handwebereibetrieb, in dem er aus der Wolle, die er von umliegenden Schäfereien bezog, mit Hilfe ansässiger Hausweber Stoffe produzieren ließ, erhielt Stritzel als Partei- und SS-Mitglied 1938 von der Deutschen Arbeitsfront das „Gaudiplom“ u. a. mit der Begründung, er habe ihn innerhalb weniger Jahre auf eine „Gefolgschaftsstärke von 52 Mann“ vergrößert.[2]

Wegen mangelnder Wollqualität der in Deutschland gezüchteten Schafrassen begann er mit der „Rückzüchtung“ einer vom Aussterben bedrohten deutschen Landschafrasse, den „Coburger Füchsen“. Dafür pachtete er das Rittergut Bug im Fichtelgebirge und entwickelte dort mit erheblicher finanzieller Unterstützung der SS ein Unternehmen, das sich zu einem der Vorzeigebetriebe der DVA mit zeitweilig bis zu 300 Beschäftigten entwickelte. Nachdem er 1943 Gretl Pixis, die aus dem Münchner Großbürgertum stammte, geheiratet hatte, führten beide den Betrieb gemeinsam weiter.[3] Das Rittergut mit Stritzels Vorzeigebetrieb wurde zum Treffpunkt von „Politiker[n] und Funktionäre[n], Vertreter[n] von Ministerien und Verbänden“.[4]

Referent für Schafzucht und Wollverarbeitung der DVA Dachau

Hauptgebäude der Deutschen Versuchsanstalt für Ernährung und Verpflegung (DVA), Am Kräutergarten 4, Dachau
Der „Kräutergarten“ befand sich östlich des KZ Dachau.

Mit seinem Geschäftsmodell erregte Stritzel das Interesse des Reichsführers der SS, Heinrich Himmler. Stritzel wurde Anfang 1942 „Referent für Schafzucht und Wollverarbeitung“ der DVA Dachau. Dort plädierte er in einem Vortrag vom Januar 1942 zum Thema „Gedanken zur Schafzucht und handwerklichen Wollverarbeitung“ für Wollstoffe in „handwerklicher Wertarbeit“, die dem „deutschen Wesen“ weit mehr entsprechen würden als Kunstfasern. Er betrieb nun offiziell auf seinem Gut für die DVA eine „Versuchsanlage für sachgemäße Behandlung der anfallenden Stoffe“. Stritzel hielt sich nun oft bei der DVA im KZ Dachau auf und im Gegenzug besuchten Mitarbeiter der DVA seinen Betrieb auf dem Rittergut Bug.[5]

Gemäß dem Forschungsprogramm der DVA sollte Stritzel für seine handwerkliche Produktion die materialschonendste und effizienteste Arbeitsweise herausfinden, die kostengünstig möglichst nahe an die Ergebnisse industrieller Produktion herankommen sollte. Stritzels zentraler Auftrag der DVA beinhaltete die „Erarbeitung einer wirtschaftsmäßigen, bäuerlichen und handwerklichen Wollverarbeitung“, um „den Bauern und Siedlern im Osten zu helfen“. Seine Thesen von genügsamem Schafen, die auch auf den kargen Böden des Fichtelgebirges noch ausreichend Nahrung fanden und der Handweberei, die der armen Bevölkerung in Oberfranken in der Vergangenheit gute Dienste erwiesen hätte, überzeugten Himmler, der ihn beauftragte in der deutsch besetzten Ukraine die Handweberei einzuführen.[6] Dies sollte auf dem Hintergrund einer Verbindung von Himmlers eher an „Wehrbauerntum“ und stark in der Vergangenheit verhafteten gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Vorstellungen und der realen Situation einer unterentwickelten ukrainischen Infrastruktur, in der elektrischer Strom nicht immer, überall oder ausreichend zur Verfügung stand, eine Alternative zur industriellen Bedarfsdeckung in diesem Bereich sein.[7]

So sollten Stritzels Entwicklungen von einfachen Webstühlen und Handspinnrädern auf Anweisung Himmlers in der deutsch besetzten Ukraine zum Einsatz kommen. Am 27. Oktober 1942 bestimmte Himmler in einem Schreiben an alle seine Höheren SS- und Polizeiführer Ukraine: „Ich ordne an, dass […] an alle volksdeutschen Frauen in den Siedlungsgebieten Spinnräder ausgegeben werden und im Winter fleißig gesponnen wird. Ebenso sind Handwebestühle, die selbst leicht zu verfertigen sind herzustellen und die Handweberei in Gang zu bringen. Der Mitarbeiter von SS-Obergruppenführer Pohl für Handweberei, Herr Stri[t]zel, soll einmal hierherkommen und die Einrichtung solcher Webstühle anleiten.“[8] Auch im KZ Ravensbrück wurden auf Himmlers Wunsch Handwebstühle erprobt. 1943 setzte man dort 96 Handwebstühle, legitimiert als Bestandteil von Stritzels Versuchsprogramm, gegenüber nur 44 mechanischen Stühlen ein, obwohl Erstere ineffektiv waren.[9]

Stritzel, der seit dem ersten Kriegsjahr „unabkömmlich“ gestellt war, kaufte im August 1943 das zuvor von ihm gepachtete Rittergut Bug seinem Eigentümer Leopold von Schönburg-Waldenburg ab. Im November 1943 besuchte SS-Obergruppenführer Pohl, der Leiter des SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamtes (WVHA), Stritzel auf seinem Hof und genehmigte die Zahlung von 80.000 Reichsmark als Förderbetrag der DVA. Zeitgleich wurde er zum SS-Obersturmführer (Fachführer) ernannt. Im Mai 1944 begutachtete Stritzel auf Vorschlag Alwin Seiferts in Kooperation mit Franz Lippert, Heinrich Vogel, Martha Künzel und Albert Riesterer biologisch-dynamische Versuche in dem sog. Kräutergarten Dachau, der als landwirtschaftliche Versuchsanstalt der DVA dem KZ Dachau angegliedert war. Ende 1944 wurde Stritzel mit dem Kriegsverdienstkreuz ausgezeichnet.[10]

Nach 1945

Nach Kriegsende wurde Stritzel am 4. Juni 1945 im US-amerikanischen Internierungslager Moosburg inhaftiert und nach seiner Entlassung 1947 im Entnazifizierungsverfahren als „Mitläufer“ eingestuft. Die Spruchkammer Münchberg, zuständige Spruchkammer des Arbeits- und Internierungslagers Moosburg, folgte Stritzels Begründung, dass die von ihm erprobte biologisch-dynamische Wirtschaftsweise „im Gegensatz zum Nationalsozialismus“ gestanden habe.[11] Keine Rolle spielte bei der Entscheidung der Spruchkammer die Einschätzung des Liaison and Security Officer der US-Armee im Landkreis Münchberg, Alvin Stanchos, der zu Protokoll gab: „Stritzel was a fanatical Nazi, in close connection with high Nazi officials including Heinrich Himmler, gained materially through party connections and maltreated foreign workers“.[12]

Stritzel hatte die Haft genutzt, um seiner Frau Gretl ein Werk über seine Arbeit in der Schafzucht und Landschaftspflege mit dem Titel „Das Wesen des Schafes, die Schäferin und das Gesetz der Bescheidenheit“ zu widmen. Es wurde Ende der 1950er Jahre in einer überarbeiten Fassung unter dem Titel „Schafe und Hecken“ von der naturwissenschaftlichen Gesellschaft Bayreuth als Sonderdruck herausgegeben. Er verschweigt darin seine Zusammenarbeit mit der SS, schreibt aber in typischem NS-Jargon: „Bei der Rückzüchtung zur reinen Rasse […] vertrauten wir auf den großen Einfluss, den die Heimatscholle auf die Erhaltung und Zucht der heimatlichen Rasse ausübt. […] Auf fremde Scholle versetzt, verlieren die Tiere schnell ihre besten Rassenmerkmale.“[13]

Nach seiner Entlassung aus amerikanischer Internierung konnte Stritzel sein Unternehmen zunächst erfolgreich weiterführen, geriet aber zunehmend in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Seine Zucht alter Schafrassen wurde in Kooperation mit der Tierzuchtabteilung des Bayerischen Landwirtschaftsministeriums und des Tierzuchtamts Bamberg weitergeführt. Bis 1964 stand er noch in Briefkontakt mit Alwin Seifert, den er bei der Zucht von Coburger Fuchsschafen bzw. dem Aufbau einer entsprechenden Schafherde in der italienischen Apenninregion beriet. 1966 wurde das Coburger Fuchsschaf von der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft als Landschafrasse anerkannt. Gegen Ende der 1960er Jahre gab Stritzel seine Tuchmacherei in Bug auf und zog mit seiner Schafherde nach Baden-Baden. 1972 schloss der komplette Betrieb in Bug. Stritzels Todesjahr ist nicht bekannt. Die Historikerin Anne Sudrow weist darauf hin, dass Stritzel bis heute von der „Arbeitsgemeinschaft deutscher Fuchsschafzüchter“ als „Urvater“ der Coburger Fuchsschafe geehrt wird.[14]

Literatur

  • Jens Ebert, Tanja Kinzel, Meggi Pieschel, Kristin Witte: Die Versuchsanstalt. Landwirtschaftliche Forschung und Praxis der SS in Konzentrationslagern und eroberten Gebieten. Metropol Verlag, Berlin 2021, ISBN 978-3-86331-597-9.
  • Anne Sudrow: Heil Kräuter Kulturen. Die SS, die ökologische Landwirtschaft und die Naturheilkunde im KZ Dachau. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2025, ISBN 978-3-525-31169-1.

Einzelnachweise

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